Generationenschiff (19)


Die Abenteuer unserer furchtlosen Raumfahrenden gehen weiter!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in  der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Was heute geschieht

26.21.149
„Wir wollen die Hälfte.“
Kentub dachte eine halbe Sekunde darüber nach, sich zusammenzureißen, aber dann entschied er sich dafür, sich eine kleine Entgleisung zu gönnen.
Er stöhnte, verdrehte die Augen und zog die Lippen zu einem frustrierten Halbgrinsen in die Länge.
Er wäre gerne aufgestanden, um sich frei bewegen zu können, oder zumindest ein bisschen freier zu gestikulieren, aber sie verhandelten in einer der Rettungskapseln, in Ermangelung anderer geeigneter verschlossener Räume, und so saßen sie sich einigermaßen unbeeindruckend gegenüber.
„Ist dir klar, dass ihr nichts in der Hand habt?“, fragte er. „Ihr bietet nichts. Ihr könnt uns nicht drohen. Wir haben Jeanne, die euch zur Not alle einzeln in Stücke reißt, wenn es nötig werden sollte, und so ungern ich dich daran erinnere, weise ich darauf hin, dass das keine protzige Übertreibung ist.“
Nimue gönnte sich ihrerseits, ihn für ein paar Sekunden anzusehen wie etwas, das sie sich aus den Ohren gepuhlt hatte, bevor sie antwortete:
„Ist dir klar, dass genau das der Grund ist, warum wir dieses Gespräch überhaupt führen müssen?“
„Punkt für dich“, gestand er nach kurzem Zögern ein. „Ich meinte das mehr für den Fall, dass ihr euch gewaltsam nehmen wollt, was-“
„Ja wenn du schon voraussetzt, dass die Ausrüstung euch zusteht, sind wir natürlich diejenigen, die sie sich gewaltsam nehmen, und deine Drohung ist reiner Selbstschutz. Muss ich meine Frage wiederholen, oder weißt du, worauf ich hinaus will?“
Er zog die Nase kraus.
„Ich mag nicht, wie überheblich du Recht hast.“
Das funktionierte. Sie lächelte, wenn auch widerwillig.
„Das höre ich öfter“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Übertreibs nicht.“
Er nickte und setzte eine so ernste und konstruktive Miene auf, wie er noch konnte.
„Aber ich hab auch nicht ganz Unrecht.“
„Doch.“
„Muss das sein?“
„Ja.“
Er wiegte den Kopf von links nach rechts und beschloss, nicht diesen Hügel zu wählen für die finale Schlacht.
Er ließ sich ein bisschen zusammensinken und rutschte in dem Sessel etwas weiter nach vorne. Wegen der anatomischen Form, die für den Schutz des zerbrechlichen menschlichen Körpers bei einer Bruchlandung aus vielen Kilometern Höhe gestaltet war, stellte sich das als schwieriger heraus als erwartet. Er hätte das kommen sehen müssen. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.
„Ihr seid nicht mal halb so viele wie wir“, sagte er, so sachlich und freundlich er konnte.
„Umso dringender brauchen wir Ressourcen. Ihr habt Jeanne, du hast es selbst schon gesagt. Wir haben nur unsere eigene Kraft, und weniger davon als ihr.“
„Dann bleibt doch einfach bei uns!“
Sie biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf.
„Ihr könnt ein Viertel haben“, schlug er vor.
„Die Hälfte.“
„Warum?“
In dem Wissen, dass es ein sehr schwieriges Gespräch werden würde, hatte er er sich von Jeanne Literatur zum Thema Verhandlungen empfehlen lassen, und auch selbst noch ein bisschen unabhängig von ihr recherchiert, um sich nicht komplett von ihr lenken zu lassen, und eines, das ihm besonders sinnvoll in Erinnerung geblieben war, hatte empfohlen, vom üblichen Feilschen hin zu Diskussionen über Prinzipien, Maßstäbe und Regeln zu gehen, über die man einen Konsens erzielen konnte, um dann aus ihnen die Verteilung abzuleiten.
Er hatte so einen Verdacht, dass es trotzdem nicht so toll laufen würde wie in den Beispielen der Autoren, aber es schien ihm trotzdem einen Versuch wert.
Sie sah ihn an und zog die Nase kraus.
„Weil wir zwei Gruppen sind.“
„Und wenn eine von euch sich abspalten will, dann gebt ihr der wiederum die Hälfte von allem, was ihr habt?“
„Du bist schlagfertiger als ich, Kentub, das weiß ich schon. Es wird dir nichts bringen, es mir in diesem Gespräch noch mal beweisen zu wollen.“
Hm. Immerhin hatte er Recht gehabt. Es klappte tatsächlich nicht so gut wie in dem Buch.
Beruhigend.
„Wir zählen, wie viele ihr seid, und bestimmen danach, wie viel ihr bekommt. Fair nach Anteil an der gesamten Besatzung. Was hältst du davon?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Die Hälfte.“
Er seufzte, und breitete fragend die Arme aus. Fast vermutete er, dass sie auch Ratgeber gelesen hatte.
„Viele werden erst entscheiden, ob sie mit uns kommen, wenn wir die Konditionen festgelegt haben. Wenn wir schlechter abschneiden, werden natürlich weniger das Risiko eingehen wollen.“
„Du hast völlig Recht, ich lass euch einfach mitnehmen, was immer ihr wollt, alles andere wäre massiv unfair.“
„Hast du schon mal versucht, ein paar Minuten lang auszuhalten, ohne irgendwas Cleveres zu sagen, Captain?“
„Nein, wie fühlt sich das an?“
Sie schnitt eine Grimasse.
„Die Hälfte.“
Er schnitt eine eigene.
Kurz dachte er darüber nach, ihr anzubieten, dass sie erst die Hälfte zugesagt bekommen würden, und dann hinterher anteilig zurückgeben, was sie nicht brauchten. Aber das wäre eine Katastrophe, das würde so aussehen, als würden sie die Sezessionist*innen bestehlen.
„Pass auf, Nimue“, sagte er, „Wir haben alle keine Zeit. Wir sitzen alle auf diesem Eisplaneten, und wir haben alle keine andere Hoffnung, als das hier zum Laufen zu kriegen. Ich weiß das. Du weißt das. Jeanne weiß es auch. Und in Gottes Namen, wenn ihr euer eigenes Ding versuchen wollt, wer weiß, vielleicht ist das gar nicht so schlecht? Umso mehr Chancen hat die Menschheit, es zu schaffen? Wir können verschiedene Wege ausprobieren, sehen, was besser funktioniert, und voneinander lernen. Ich find das gut. Aber ich lass mich nicht von dir verschaukeln, und sogar wenn ich harmoniebedürftig genug wäre, dir die Hälfte zuzusagen, lässt Jeanne mir das nicht durchgehen. Ihr könnt einen Anteil entsprechend der Größe eurer Gruppe haben, von dem, was sich halt aufteilen lässt, und der Rest bleibt bei uns, und solange ihr friedlich bleibt, lassen wir euch vielleicht auch dran teilhaben. Das ist das Beste, was ich für dich tun kann. Nimms, oder streite mit Jeanne, wenn dir das lieber ist. Ich muss nicht sagen, was ich dir empfehlen würde, oder?“
Sie zeigte ihm eine eher unanständige Geste, aber er hatte trotzdem das Gefühl, das Gespräch einigermaßen erfolgreich geführt zu haben.

39.21.149
„Hätte schlimmer kommen können, oder?“, fragte Kentub.
„Gibt es irgendeine Situation, in der man das nicht sagen kann?“, fragte Jole zurück.
„Können wir uns nicht auch mal kurz freuen?“
„Doch. Sag einfach, wenns genug ist.“
„Jeanne“, stöhnte er. „Mach doch mal was.“
Sie befanden sich nicht in einer der Rettungskapseln. Jeanne hatte die Möglichkeit, sich so zusammenzulegen, dass sie in eine passte, aber es war ein umständlicher Prozess, den sie nicht ohne Notwendigkeit auf sich nahm. Kentub vermutete, dass das nicht nur mit dem unnötigen Aufwand zu tun hatte, sondern auch mit der nahezu wehrlosen Position, in die sie sich dafür begeben musste.
Sie besprachen sich deshalb in einem der aufblasbaren zeltartigen Unterkünfte, in denen die Besatzung der Humanity bis zum Aufbau einer dauerhafteren Siedlung leben würden. Die Schall- und sonstige Isolation war nicht ganz so gut wie in den Kapseln, aber dafür war Jeanne da, um sie zu warnen, wenn sie zu laut sprachen, oder wenn sie draußen eine lauschende Person wahrnahm.
„Ich schlage vor, dass wir nun unsere Ressourcen darauf verwenden, möglichst schnell die Infrastruktur für eine Siedlung zu errichten. Die Missionsparameter sehen vor, dass die dafür nötigen Entscheidungen maßgeblich von Ihnen getroffen werden sollten, da meine Fähigkeit, die Bedürfnisse und Vorlieben von Menschen einzuschätzen, begrenzt sind.“
„Schon wieder gute Nachrichten“, sagte Kentub, „Aber hätte das Argument nicht genau so gut schon während der Reise gepasst?“
Das Gute an dem Zelt als Ort für ein Gespräch war, dass er hier stehen konnte, und er begann, auf und ab zu tigern.
„Ich habe versucht, Zeit zu sparen, indem ich die Begründung zusammengefasst habe. Ich kann sie ausführlich darlegen.“
„Bitte nicht. Du lässt uns also freie Hand, ja?“
„Im Rahmen der Missionsparameter treffen Sie die Entscheidungen, Kapitän. Wie auch während der Reise.“
„Ihr seid alle sehr gemein, finde ich.“
„Ich kann aber Empfehlungen geben und verfüge natürliche über ein detailliertes Verzeichnis unserer Lagerbestände und der sonstigen verfügbaren Ressourcen.“
„Es wird immer besser. Was sieht denn die Planung vor? Zuerst verwenden wir noch die Rettungskapseln als Unterkünfte und errichten ein Zentralgebäude, in dem wir Nahrung zubereiten, uns versammeln, die verschiedenen Werkstätten einrichten. Die Lebensmittel sollten noch für eine Weile reichen, der Anbau ist also keine extreme Priorität, aber da wir von Last Hope in der Hinsicht nicht viel erwarten können, würde ich es schneller anfangen, als eigentlich vorgesehen, um Puffer für Missgeschickte zu haben. Jeanne, fehlt uns irgendetwas Wichtiges?“
„Ein Großteil der Schmiede wurde beim Absturz von Kapsel B-443 beschädigt und wird voraussichtlich schwer reparabel sein. Ich schätze, dass eine Schmiede frühestens in zwei Monaten zur Verfügung stehen kann. Weiterhin befanden sich in der Kapsel auch einige Lebensmittel sowie ein Fahrzeug, das uns aber unter den hier herrschenden klimatischen Bedingungen wahrscheinlich nicht viel genützt hätte.“
„Okay.“ Kentub dachte kurz nach. „Dann müssen wir erst einmal mit den Metallwerkzeugen auskommen, die wir haben. Wir brauchen eine Übersicht der Expertinnen, die noch in unserer Siedlung verblieben sind, um zu wissen, was wir selbst sicherstellen können, und um zu planen, worauf wir verzichten und was wir womöglich sogar zukaufen müssen.“
„Zukaufen?“, fragte Jole. „Du glaubst, Nimues Leute wollen mit uns handeln?“
„Werden sie müssen, oder? Ihnen fehlen auch Kenntnisse, Werkzeuge, Einrichtungen. Wer weiß. Vielleicht erweist es sich am Ende wirklich als Vorteil, dass wir uns aufgeteilt haben.“
„Ich weiß wirklich nicht mal mehr, ob ich deinen Optimismus haben will. Ist dir klar, wie viel Reibungsverluste wir haben werden, besonders wegen der angespannten Lage zwischen den Gruppen? Wir werden die Hälfte unserer Zeit mit Streitereien und Feilschen verbringen!“
„Ich hoffe, dass es nicht so schlimm wird. Nimue machte einen ganz vernünftigen Eindruck. Außerdem haben wir Jeanne.“
„Sogar wenn Nimue vernünftig ist, sie trifft ja nicht alleine die Entscheidungen. Sie führt eine Gruppe von Leuten an, die sich von uns segregiert haben, weil sie keine Führung akzeptieren.“
Kentub seufzte, und lehnte sich an die Wand, erleichtert, dass das tatsächlich möglich war, ohne dass das ganze Zelt zusammenstürzte.
„Du hast sicher Recht. Mit allem. Aber was soll ich denn machen? Mir gefällt das hier auch alles nicht, ich wär auch lieber im Sonnenschein auf fruchtbaren Wiesen und Wäldern voller niedlicher, köstlicher Tiere. Aber wir müssen trotzdem damit umgehen. Und darum gehen wir jetzt da raus und machen eine Aufnahme unserer Ressourcen.“
„Ich denk, Jeanne hat detaillierte Verzeichnisse?“
„Mag ja sein. Aber erstens kann sie noch nicht genau wissen, was vielleicht beschädigt wurde, was auf dem Schiff geblieben ist, was vielleicht jemand unterschlagen oder sonstwie für sich selbst verwendet hat. Und sie kann auch nicht wissen, wie es unseren Leuten geht. Man muss als Anführer auch mal den Palast verlassen und sich unters Volk mischen!“
Sie schnaubte. „Ja, Palast…“

81.39.97
Banja hatte sich das alles anders vorgestellt. Er hatte sich vorgestellt, dass er ein Held sein konnte. Ein tragischer, aber doch ein Held. Er hätte das nicht so gesagt, aber immerhin hatte er sich entschieden, sein Leben zu riskieren und der erste Mensch zu sein, der sich einer fremden Zivilisation anschloss. Der erste Mensch, der außerirdisches Leben fand und mit ihm interagierte. Das erste Besatzungsmitglied der Humanity, das sich der Tyrannei der Toten widersetzte und aufbegehrte und die heilige Mission zurück ließ, um seine eigenen Abenteuer zu erleben.
Und nun hockte er hier in seinem Zimmer und pinkelte in eine Schüssel, um Flüssigkeit zu sparen und ein bisschen länger am Leben zu bleiben.
Vielleicht nicht einmal lang genug. Vielleicht würde er trotzdem sterben, bevor die Fremden die Humanity erreicht hatten. Vielleicht würden die Fremden rechtzeitig kommen, aber sie würden trotzdem alle sterben, weil die Außerirdischen ihnen nicht helfen wollten, oder es womöglich auch gar nicht konnten. Vielleicht war ihr Stoffwechsel so anders, dass sie gar nicht verstanden, wie wichtig Wasser für Menschen war.
Banja stand wieder auf und zog seine Hose hoch.
Naja.
Vielleicht war es ja sogar ein bisschen heldenhaft, auch wenn es nicht so aussah. Und nicht so roch.
Er hatte dieses Video gesehen, über einen Menschen, der tagelang irgendwo in der s Wildnis gefangen gewesen war, eingeklemmt oder so, und der mit viel Einfallsreichtum, Ausdauer und Willenskraft trotz allem überlebt hatte. Er hatte sich irgendein Körperteil abschneiden müssen, aber er hatte überlebt.
Kein Held wie in den alten Sagen vielleicht, sondern ein gebrochener Held, der nicht gesiegt hatte, sondern nur überlebt.
Vielleicht konnte Banja so ein Held sein.
Hatte Hercules je seinen eigenen Urin getrunken?
Hatte Superman je in eine Schüssel gepinkelt?
Bestimmt nicht.
Banja schon. Er nickte zufrieden.
Das war doch immerhin schon mal was.
„Besatzung der Humanity“, kam Jeannes Stimme aus dem Lautsprechersystem des Schiffes. „Begeben Sie sich umgehend in das Arboretum. Diese Anweisung hat Vorrang vor allen nicht essentiellen Aufgaben. Sollten Sie eine essentielle Aufgabe durchführen, teilen Sie mir eine Schätzung über die voraussichtlich verbleibende Dauer mit.“

14. August 2053
erreichten uns zuletzt unabhängig voneinander immer mehr Berichte anonymer Quellen, die uns dazu brachten, die Gerüchte ernst zu nehmen und weitere Nachforschungen anzustellen. Das Bild, das ihre Aussagen und unsere Recherchen zeichnen, hat uns überrascht: Tatsächlich hat die Regierung unter Präsidentin Sima in den vergangenen Jahren hohe Summen aus dem Verteidigungs-, Katastrophenschutz-, Heimatschutz-, Straßenverkehrs-, Reaktorsicherheit und mutmaßlich diversen anderen Budgets abgezweigt, um ein Projekt zu finanzieren, zu dem uns verschiedene Codenamen genannt wurden. Gemini, Humanity, Early Bird oder Mankind soll das Vorhaben heißen, dass den US-amerikanischen Steuerzahler seit seinem Beginn deutlich über eine Billion Doller gekostet haben dürfte, und manche Indizien weisen sogar darauf hin, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist, denn das Projekt läuft unter internationaler Beteiligung. So sollen unter anderem die Regierungen Chinas, Großbritanniens, des Zentraleuropäischen Bündnisses, Ghanas und der Kongolesischen Föderation mit einbezogen sein.
Unsere Quellen konnten kein konsistentes Bild des Großen Ganzen zeichnen, doch klar ist, dass Gemini ein Raumfahrtprojekt bisher ungekannter Größenordnung zu sein scheint, und dass es unter großen Zeitdruck stattfindet. Eine Führungskraft aus der Industrie ließ uns wissen, dass hohe Summen gezahlt wurden, um Fertigungszeiten, die sonst Jahre betrugen, auf wenige Monate zu reduzieren. Fest steht ebenfalls, dass die Geheimhaltung an oberster Stelle steht. Die Vertragsstrafen für jegliche Indiskretion sollen enorm sein, wie eine anonyme Quelle einer beteiligten Anwaltskanzlei dieser Zeitung gegenüber aussagte, und alle unsere Quellen betonten, dass sie um jeden Preis anonym bleiben müssten, um schwere persönliche Konsequenzen zu vermeiden.
Unsere Anfragen bei Senatorinnen, in Ministerien, im Weißen Haus und auch in den Behörden der Bundesstaaten wurden ausnahmslos abschlägig beschieden. Sogar Abgeordnete der Opposition verweigerten jegliche Stellungnahme auf unsere Fragen.
Dennoch ist überraschend, dass eine Unternehmung dieser Größenordnung so lange unbemerkt bleiben konnte.
Das Recherchenetzwerk Enterprise Papers hat beeindruckende 17 TB an Daten zusammengetragen, die wir auf einer eigens eingerichteten Plattform für Sie aufbereitet haben: htgip://w5p.Enterprise.pap
Präsidentin Sima war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

78.23.149
„Piri! Das ist kein Spaß! Wenn wir uns verlieren, kannst du hier sterben. Und ich auch. Beeil dich bitte!“
Piri fand es gar nicht so leicht, mit Nimue Schritt zu halten, und das lag nur nachrangig daran, dass er kleiner war als sie und sich deshalb schwerer getan hätte, sich durch den Schnee zu schieben, der an dieser Stelle nicht so hart und tragfähig war wie am Ort ihrer Landung. Tatsächlich hatte er es leichter, weil er hinter ihr her lief.
Aber Piri hatte noch nie Schnee gesehen, und obwohl er versuchte, sich zusammenzureißen, musste er feststellen, dass er schlicht unfähig war, einfach nur weiterzulaufen, ohne alle paar Schritte stehen zu bleiben und das fremdartige Material mit seinen dicken Handschuhen aufzunehmen und knirschend zusammenzupressen, oder es aus der Faust rieseln zu lassen. Am Anfang hatte er sogar hin und wieder einen Handschuh ausgezogen, um den Schnee fühlen zu können, aber er hatte schnell gelernt, dass das kurze interessante Gefühl den Schmerz nicht wert war, und das Risiko, einen oder mehrere Finger and die grausame Kälte zu verlieren.
Natürlich kannte er Schnee aus der Medienbibliothek der Humanity, aber das machte es nicht leichter. Im Gegenteil. Er brannte darauf, eine Figur daraus bauen zu können, wie er es auf Bildern und in Videos gesehen hatte. Und in ein paar Liedern kam es auch vor, die er nie ganz verstanden hatte, weil er es sich nicht hatte vorstellen können.
Er war nun viel näher daran, aber er wusste immer noch nicht, wie es sein sollte, aus dieser pulverigen Masse eine Figur zu formen.
Piri fragte sich, ob –
„Piri! Nicht so weit zurückbleiben, hast du nicht gehört?“
„Ich komm ja schon!“
Piri beugte sich noch einmal nach unten, griff hastig eine Handvoll Schnee, und lief Nimue nach, um zu ihr aufzuschließen. Er versuchte, seine Hand möglichst fest zu einer Faust zu schließen, aber durch die Erschütterungen seiner Schritte rieselte der Schnee doch allmählich heraus. Er legte eine zweite Hand um die erste und sah zufrieden, dass das Rieseln erheblich nachgelassen hatte.
„Ich komm ja schon war- Umpf!“
Nimue stöhnte.
„Wenn du dir nicht angewöhnst, die Augen aufzuhalten, muss ich dich anbinden!“
Er öffnete den Mund, um zu sagen, dass er doch bloß den Schnee festhalten wollte, doch dann sah er, warum Nimue stehen geblieben war.
Vor ihnen, keine fünf Meter entfernt, stand ein Monster im Schnee. Ein riesiges weißes Spinnenmonster mit viel zu vielen Beinen und riesigen … Kieferdingern ums Maul herum. Und es hielt so einen komischen grünen Klumpen zwischen zwei seiner … Beine?
„Woah Frex was ist das denn??“
„Nicht schreien“, ermahnte Nimue ihn. „Auch nicht weglaufen. Mach keine hastigen Bewegungen. Bleib am besten einfach stehen und …“
Das Ding kam auf sie zu. Nicht sehr schnell, aber es war trotzdem kein schöner Anblick. Piri biss die Zähne zusammen, weil es sich anfühlte, als würden sie sonst wortwörtlich klappern, und für einen Moment vergaß er seine Schließmuskeln, aber sie fielen ihm gerade noch rechtzeitig wieder ein, um zwar zu erkennen, dass gewisse körperliche Anzeichen von Furcht nicht nur literarische Übertreibungen waren, es aber immerhin nicht gleich selbst zu erleben.
„Bleib stehen“, wiederholte Nimue, „Nicht weglaufen.“
Sie fischte mit ihrer Hand nach seiner, aber weil sie dabei ihre Augen nicht von dem bleichen Monster ließ, und er genauso wenig griff sie ins Leere.
„Nicht weglaufen!“
„Schon gut!“, stieß er hervor. Sein Hals war wie zugeschnürt, aber er schaffte es irgendwie, die Worte herauszupressen.
Sehr knapp vor Nimue blieb das Monster stehen – und legte den grünlichen Klumpen vor ihr ab. Und trat wieder ein paar Schritte zurück.

 

Lesegruppenfragen

  1. Findet ihr Kentubs Angebot an Nimue fair?
  2. Hättet ihr an Nimues Stelle anders verhandelt? Wie?
  3. Findet ihr, dass Banja 1 Held ist?
  4. Baut ihr gerne Sachen aus Schnee?
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Ein Kommentar zu “Generationenschiff (19)

  1. 1+2 Ich habe den ganzen Dialog über mit beiden mitgefiebert und mitgegrübelt, was ich denn angemessen fände.
    Ich glaube, ich find es fair, hätte auch nicht mehr rausholen können an ihrer Stelle, bin aber sehr froh, dass ich nicht an ihrer Stelle bin.
    3 Also zumindest nicht weniger als viele andere Helden, glaub ich, merke aber dabei, dass ich eigentlich keine eigene klare Definition
    für den Begriff Held habe.
    4 Ich hab immer Lust darauf, finde es dann aber anstrengender, kälter, und vor allem nasser als ich es mir vorgestellt hatte und bin dann froh, wenn ich wieder rein darf.

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