Generationenschiff (7)


Was Manufactum-Kunden längst wissen, könnt nun auch ihr hier selbst erleben: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Wie unseren Fortsetzungsroman.

Viel Spaß!

Was bisher geschah:

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Was heute geschieht:

94.37.97

Piedra kam sich sehr kindisch vor, mit um die Knie geschlungenen Armen auf ihrem Bett zu sitzen, während sie mit Jeanne sprach, aber der riesige insektenhafte Körper der Maschine füllte den freien Raum in ihrer kleinen Kabine zum großen Teil aus, und sie empfand einen nicht ganz rationalen Widerwillen dagegen, sie zu berühren. Piedra wusste zudem wie jedes andere Besatzungsmitglied, dass die KI sich nicht durch oberflächliche Eindrücke beirren ließ.

„Ich weiß halt einfach, dass mit ihm was nicht stimmt!“

„Woher stammt Ihre Kenntnis?“

„Es ist doch offensichtlich! Hast du gefragt, wo seine Vorräte an Medikamenten sind, und sie mit den gespeicherten Daten abgeglichen? Er hatte nicht genug Schmerzmittel, und das kann einfach nicht sein, wenn er es nicht irgendwie verschwendet, weil es in letzter Zeit keine Vorfälle gab, die Schmerzmittel erfordern würden!“

„Woher stammt Ihr Einblick in Bestand, Verbrauch und Erzeugung der an Bord eingesetzten Medikamente?“

Piedra sah Jeanne unsicher an. Die Maschine verfügte über keinerlei Gesichtsausdrücke, deswegen fühlte es sich für sie extrem irritierend an, mit ihr zu reden, ohne jede Möglichkeit, Intention und Emotion hinter den Worten zu erraten.

„Ich … hab keinen detaillierten Einblick, aber … ich hätts doch mitgekriegt, wenn sich so viele Leute verletzt hätten, und … Du kannst das doch bestimmt einfach nachprüfen, oder? Wenn ich mich irre, dann will ich ja auch zufrieden sein, aber ich glaub nicht, dass ich mich irre. Irre ich mich?“

„Warum haben Sie Psmith körperlich angegriffen?“

Piedra zögerte.

Sie schwang ihre Beine über den Rand des Bettes, touchierte dabei mit den Zehen eines von Jeannes Beinen, zuckte zurück und blieb schließlich doch noch sitzen.

Die Maschine reagiert mit keiner Bewegung.

„Ich … Er …“ Sie seufzte und senkte ihren Kopf. „Das war natürlich idiotisch, das seh ich ein. Er hat einfach nur … Es hat mich so wütend gemacht, wie der den Eindruck erweckt hat, ich wäre ein völlig irrationales Nervenbündel, das ihn nur behelligt, weil es nach seiner Dosis Drogen giert! Mir ist völlig egal, ob ich Schmerzmittel kriege oder nicht, ich komm zurecht, aber es kann einfach grundsätzlich nicht sein, dass die alle sind, und keiner weiß, wieso!“

Jeanne zögerte keinen Herzschlag lang, bevor sie antwortete:

„Gewalt gegen andere Besatzungsmitglieder ist inakzeptabel, unabhängig von der Provokation.“

„Ich weiß das! Ich sehe das ein. Ich war einfach so wütend! Ich machs bestimmt nicht wieder?“

Sie biss sich auf die Zunge und schämte sich dafür, wie kindisch sie klang.

„Aber das ändert nichts dran, dass ich Recht hatte!“ Oh ja, gleich viel besser.

Sie sprang jetzt doch auf. Sie wollte auf und ab laufen, aber das ging natürlich nicht. Sie stand zwischen Jeannes vorderem Torso und dem kleinen Waschtisch am Ende der Kabine und hatte kaum genug Platz zu gestikulieren.

Trotzdem versuchte sie es, so gut sie konnte.

„Ich meine … Ich weiß ja nicht, ob du das sowieso vorhattest, aber du solltest wirklich prüfen, was er mit seinen Medikamenten macht! Irgendwas stimmt da nicht. Er benimmt sich auch insgesamt merkwürdig. Es ist ja nicht nur, dass weniger Schmerzmittel da ist, als da sein sollte. Es sind ja auch viele andere kleine Details, die einfach komisch sind, oder? Du beobachtest uns doch alle! Du müsstest das doch viel besser wissen als … als …“

Piedra stockte.

„Oder … weißt du es etwa schon die ganze Zeit? Du musst es doch eigentlich wissen, oder? Wenn du immer …“

Die Tür zu Piedras Kabine öffnete sich, und sie sah verwirrt blinzelnd zu, wie Jeannes insektenhafte Stahlbeine sich in Bewegung setzten.

Was war denn nun los? Warum ging Jeanne?

„Die Kapitänin und ich werden darüber befinden, wie wir mit Ihnen verfahren werden, und was die Konsequenzen Ihres Fehlers sind. Sie werden sich solange in dieser Kabine aufhalten und sie nicht verlassen. Sie werden keinen Besuch empfangen.“

„Aber … Warte! Wir waren doch noch gar nicht fertig! Wo willst du denn plötzlich hin?“

Piedra war unsicher, ob sie dieses Gespräch zu Ende führen wollte. Zumindest bevor sie all die verstörenden Gedanken sortiert hatte, die sich ihr gerade aufdrängten. Fühlte Jeanne sich etwa ertappt? Das konnte nicht sein. Aber warum wollte sie dann jetzt plötzlich so schnell verschwinden?

Die Maschine trat hinaus in den Korridor und ließ Piedra zurück.

„Sie werden nicht ohne unsere ausdrückliche Einwilligung diese Kabine verlassen.“

Piedra nickte.

„Ist gut.“

Aber die Tür hatte sich bereits wieder geschlossen. Sie saß auf ihrem Bett, starrte auf die verschlossene Tür und fragte sich, was sie gerade falsch gemacht hatte, und was richtig, und was sie nun erwartete, wenn die Tür sich wieder öffnete.

03.68.149

„Das heißt, er hat jetzt Position bezogen? Wir sind jetzt … im Krieg?“

Wieder stapfte Kentub an Jeannes Seite durch den Korridor, wenn auch diesmal in der entgegengesetzten Richtung.

Er versuchte, sich nicht zu sehr in den Erinnerungen zu verfangen, die dieser Korridor für ihn bereithielt, die süßen so wenig wie die bitteren, und bemühte sich, sich auf Jeannes monotone Antwort zu konzentrieren.

„Krieg ist kein adäquater Terminus für den Zustand, ebenso wie Position bezogen irreführend sein könnte. Der Fremde hat uns die Anwendung unmittelbaren Zwangs gegen Marchand und seine Anhänger verwehrt. Daraus folgt nicht, dass er Marchands Position unterstützt. In der Vergangenheit hat der Fremde eine konsequent neutrale Einstellung zu Konflikten innerhalb der Besatzung demonstriert, deswegen liegt die Annahme nahe, dass er auch in diesem Fall keine der beiden Seiten unterstützt, sondern lediglich eingreift, um ein Ungleichgewicht zu beseitigen.“

Es gelang ihm nur teilweise. Er nahm an, dass es schwer war, lange Zeit auf so engem Raum zu verbringen, ohne von jeder Metallplatte und jedem Knopf an irgendetwas erinnert zu werden, und fragte sich, wie das für die Erdbewohner gewesen sein mochte, deren jeder Tag mehr Raum zur Verfügung gehabt hatte, als die Besatzung der Humanity ihr ganzes Leben lang gesehen hatte.

Bisher.

„Ich würde mich schon wohler fühlen, wenn wir ein bisschen verstehen könnten, was seine Beweggründe sind. Er ist doch nicht nur an Bord gekommen, um aufzupassen, dass niemand von uns die andere übervorteilt!“

„Es handelt sich in der Tat um ein interessantes Geheimnis, allerdings um eines mit derzeit untergeordneter Priorität.“

„Meinst du? Im Moment ist er das einzige, das zwischen dir und der gewaltsamen Durchsetzung deiner Missionsparameter steht, und ich weiß, wie wichtig dir deine Missionsparameter sind.“

„Die Missionsparameter sind die Maßgabe meiner Existenz.“

„Eben. Wie kann es denn dann eine Frage von niedriger Priorität sein, wie der Fremde tickt?“

Sie erreichten die Tür der Transportkabine. Sie öffnete sich vor ihnen, und sie stiegen ein, mit moderater Umständlichkeit. Kentub kannte Jeanne sein ganzes Leben lang und hatte in seinen über 50 Jahren als Kapitän der Humanity eigentlich genug Zeit gehabt, aber es fühlte sich nicht an, als würde er sich jemals an ihre riesenameisenhafte körperliche Präsenz gewöhnen.

„Ich sehe keinen Weg, auf dem wir sie erwartbar in der Zeit beantworten könnten, die uns bleibt, um diese Etappe der Mission zu ihrem geplanten Abschluss zu führen.“

„Hast du mal drüber nachgedacht, ihn zu fragen?“

Kentubs Finger schwebte kurz über der Tastatur der Kabine, bevor er seine Hand wieder sinken ließ. Jeanne war bei ihm, und sie brauchte keine Tasten. Noch so eine Sache, die ihm immer noch auf subtile Weise falsch vorkam.

„Gespräche mit ihm haben bisher selten zum gewünschten oder auch nur einem erwarteten Ergebnis geführt.“

„Na gut, du hast also eine bessere Idee. Ich bin gespannt.“

„Schöpferische Planung gehört nicht zu meinen Kernaufgaben. Sie ist ein wesentlicher Grund, aus dem die Mission einen menschlichen Kapitän vorsieht.“

„Ihr schmeichelt mir, Milady, und doch ahne ich unter dem samtenen Handschuh Eurer wohltuenden Worte die eiserne Hand der Zuweisung unliebsamer Verantwortung.“

„Sarkasmus und Humor gehören nicht zu meinen Kernaufgaben. Auch sie sind eine Stärke des menschlichen Teils der Missionsführung.“

Kentub betrachtete Jeanne, biss sich auf die Unterlippe und schob seinen Unterkiefer von links nach rechts und wieder zurück.

Er bemerkte, dass die Kabine sich noch nicht in Bewegung gesetzt hatte.

„War das schon immer, oder ist das im Laufe der Zeit so gekommen? Hat sich dein Sinn für Humor entwickelt? Ist der ein Fehler, oder beabsichtigt?“

Er hatte genug von Jeannes – vom unberechenbaren Einfluss des Fremden abgesehen – nahezu unbeschränkter Macht über das Schiff und von ihrer skrupellosen Fixiertheit auf ihre Missionsparameter erlebt, um auch scheinbar harmlose Besonderheiten mit einem gewissen Grad von Sorge zu beobachten.

„Ihre Frage impliziert die verbreitete Fehleinschätzung, Einblick in menschliche Emotionen würde eine außerordentlich hoch entwickelte Intelligenz voraussetzen.“

Kentub fiel darauf keine gute Antwort ein, deswegen schwieg er für einige Sekunden und wechselte das Thema.

„Wir besuchen den Fremden. Und du kommst mit, diesmal. Der Einblick in seine Emotionen setzt nämlich wirklich … irgendwas Außerordentliches voraus, das ich jedenfalls nicht habe.“

„Die Kompensation menschlicher Unzulänglichkeiten gehört zu meinen Kernaufgaben“, sagte Jeanne.

Das mulmige Gefühl in Kentubs Magen war keineswegs ganz neu, aber die Plötzlichkeit der Steigerung ließ keinen anderen Schluss zu, als dass die Kabine soeben angefangen hatte, sich zu bewegen.

94.37.97

„Erklären Sie.“

Tisha versuchte erfolgreich, aber mit viel Aufwand an Willensstärke, dem Impuls zu widerstehen, vor Jeannes leerem Kamerablick zurückzuweichen, bis ihr Rücken an die Wand stieß.

Mit viel weniger Erfolg versuchte sie, nicht zu schuldbewusst und zusammengesunken vor der Maschine zu stehen.

Zum Glück war es Jeanne sowieso egal, wie sie vor ihr stand. So wie Jeanne im Grunde genommen alles egal war. Tisha war nicht sicher, ob es das besser oder schlimmer machte.

„So wie ich es sehe, hatten wir nur die Entscheidung zu treffen, ob wir sie ignorieren oder versuchen, Kontakt aufzunehmen“, erklärt sie. „Ich konnte keine Vorteile im Ignorieren sehen, weil sie uns evident ohnehin schon entdeckt haben, und potentielle Vorteile in einer Kontaktaufnahme, weil sie uns helfen könnten und wir jede Hilfe, die wir irgendwie kriegen können, dankbar annehmen sollten.“

„Die Rechtfertigung dieser Schlüsse scheint zweifelhaft. Wir wissen zu wenig über die Quelle der Botschaft, um begründete Mutmaßungen über ihre Entscheidungsprozesse und Beweggründe vorzunehmen, und können demzufolge weder vermuten, dass wir bereits entdeckt wurden, noch die Wahrscheinlichkeit einschätzen, mit der sie uns helfen würden.“

„Sie sind offensichtlich intelligente Lebewesen, die die Raumfahrt entwickelt haben. Das lässt doch ein paar Schlüsse zu: Sie haben die Vorteile von Kooperation erkannt und irgendeine Art von Gesellschaft gebildet. Sie verstehen also den Sinn gegenseitiger Hilfe und haben eine Art moralisches System. Sie erkunden das Weltall. Also sind sie neugierig. Wenn sie diese Nachricht an uns senden, ergibt es also Sinn, erstens davon auszugehen, dass sie das tun, weil sie Kontakt zu uns aufnehmen wollen, und zweitens zu hoffen, dass sie hilfsbereit sein könnten, und zum Beispiel an einem Austausch von Wissen interessiert! Und wehe du sagst jetzt amerikanische Ureinwohner, du weißt ganz genau, dass Anekdoten keine Belege für irgendwas sind!“

„Sie haben gegen meine ausdrückliche Anweisung verstoßen. Der Schaden, den Sie dieser Mission damit unmittelbar zugefügt haben, ist derzeit noch nicht abzuschätzen und im Nachhinein auch nicht mehr zu begrenzen. Wir werden erfahren, wie die Quelle des Signals auf die Botschaft reagiert, wenn diese Reaktion uns erreicht. Unmittelbare Priorität ist nun also, die mittelbaren Konsequenzen auf die Moral der Besatzung zu handhaben.“

Tisha blickte in die Kameras, die leeren Augen der Maschine, unfähig, ihren Blick zu erwidern.

„Was willst du damit sagen? Die … Besatzung muss ja gar nicht erfahren, dass ich mich nicht an deine Anweisung gehalten habe. Dann kann ich auch kein schlechtes Beispiel für die anderen abgeben.“

„Sie wissen es. Ich halte für ausgeschlossen, dass Sie Ihren Fehler als solchen akzeptieren und derartiges Verhalten in Zukunft nicht wiederholen werden.“

Tisha schluckte.

„Du kannst … Ich … Das ist nicht dein Ernst.“

„Sie sollten zunächst unterstellen, dass alles, was ich sage, ernst gemeint ist. Denken Sie, dass es der Moral der Besatzung langfristig zuträglich wäre, ein öffentliches Exempel zu statuieren, oder dass eine diskrete Bestrafung dem Missionserfolg besser diente?“

„Jeanne, das … Wie muss ich mir das vorstellen? Willst du mich an einen Pranger binden und faules Obst ausgeben? Über welche Art Strafe reden wir hier?“

„Ich bin noch im Begriff, verschiedene Möglichkeiten zu analysieren. Bisher hat noch kein Kapitän gegen eine ausdrückliche Weisung von mir verstoßen, deshalb verfügen wir über keinen Präzedenzfall als Orientierungshilfe.“

„Die Missionsparameter sehen nicht vor, dass ich an Weisungen von dir gebunden bin, soweit sie mir bekannt sind.“

„Sie haben die entscheidende Einschränkung bereits gefunden.“

„Aber was ist denn das für eine lächerliche Mission, die mich zwingt, jemandem zu gehorchen, es mir aber nicht sagt?“

„Sie hatten eine klare Anweisung.“

„Ja aber …“ Tisha seufzte. „Sehen deine geheimen Missionsparameter vielleicht auch direkt eine Strafe vor?“

„Sie überlassen mir einen erheblichen Ermessensspielraum, um den Erfolg der Mission zu gewährleisten.“

Tisha seufzte noch einmal, etwas länger und tiefer als zuvor.

„Natürlich tun sie das“, murmelte sie. Sie schnaubte abschätzig, schüttelte den Kopf und setzte sich auf ihren Sessel am Ende des Konferenztisches.

„Lass mich dann einfach wissen, wenn du deine Entscheidung getroffen hast.“

  1. März 2046

Jerry Martinez‘ Blick war noch auf den Hefter in ihrer Hand fixiert, als sie Rodneys Büro betrat. Erst als die Tür sich hinter ihr schon wieder geschlossen hatte und er anfing, ihren Auftritt als ein bisschen unhöflich zu empfinden, schaute sie ihn schließlich an.

„Haben Sie’s schon gelesen?“ fragte sie.

„Natürlich.“

Sie trat näher an seinen Schreibtisch heran, ließ sich in den Sessel ihm gegenüber fallen, schlug die ausgestreckten Beine übereinander und lächelte ihn schwermütig an.

„Vielleicht doch ganz gut, dass wir niemandem davon erzählt haben, oder?“

„Ich hab es von vornherein für keine gute Idee gehalten“, erwiderte Rodney. „Ich dachte nur, dass der Versuch für die öffentliche Moral gut sein könnte, gerade weil wir den Planemo ohnehin nicht ewig geheim halten können.“

„Ach kommen Sie. Wir mussten es zumindest versuchen. Man kann doch nicht einfach so die Erde aufgeben, nur weil es vielleicht schiefgeht.“

„Aber wenn es gar nicht gutgehen kann, dann sind die Ressourcen auf den Versuch verschwendet“, widersprach er.

Sie zuckte die Schultern.

„Weil wir sie ja so dringend für … was noch mal gebraucht hätten?“

„Für die Rettung der Menschheit.“

„Ich hab das mit dem Artenschutz nie richtig verstanden“, sagte Jerry. „Individuen zu retten, klar, bin ich immer dafür, ich bin ja selbst eins. Aber was es für einen großen Unterschied machen soll, ob nun zehn Milliarden, fünfhundertneunzig Millionen, vierhundertsiebenundsiebzigtausendeinhundertzwölf Menschen sterben, oder zehn Milliarden, fünfhundertneunzig Millionen, vierhundertsiebenundsiebzigtausendundzweiundachzig, ist mir nicht klar.“

Rodney stützte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete nachdenklich die Hände.

„Naja, das … Also, aus meiner Sicht ist der Unterschied, ob etwas von uns bleibt. Ob alles, was Menschen je gedacht, geträumt, gehofft und gefürchtet haben, für immer verloren geht, oder ob unsere Ideen weiter existieren. Ob sich noch jemand erinnert, dass es mal Findet Nemo gab, Oculus Mons, Much Ado About Nothing, die Nachtwache, Musik, Gedichte, Liebe und Hass und Krieg und Verzweiflung und Glück und Überfluss und Wohlstand. Oder ob das alles aus dem Universum verschwindet.

Und für Sie müssten es doch immerhin noch dreißig Individuen sein, oder? Scheint mir, als wäre es für uns beide ein ziemlich großer Unterschied.“

Jerry Martinez seufzte.

„Ich fürchte, da haben Sie jetzt einfach Recht.“

Sie kratzte sich an der Schläfe.

„Zum Glück ist das alles auch eh nicht mein Problem. Ich hab bloß die Aufgabe, zu entwickeln, wovon die Menschheit schon seit Jahrhunderten vergeblich träumt. He, was grinsen Sie so doof? Das war nicht ein Zehntel so viel Pathos, wie Sie gerade eben ausgepackt haben, als es um die Menschheit ging!“

„Und Sie meinen nicht, dass es einen Unterschied macht, ob ich über den Fortbestand der Menschheit rede, oder über meinen eigenen Job?“

„Ich hatte das so verstanden, dass genau der unser Job ist?“

Lesegruppenfragen

  1. Findet ihr auch, dass Piedra kindisch klingt?
  2. Fandet ihr die kleine Andeutung von Kentubs Erinnerungen in seinem Gespräch mit Jeanne eher interessant, störend, zu kryptisch, oder wie?
  3. Was denkt ihr, was die Konsequenz von Tishas Verstoß sein wird?
  4. Wie seht ihr das mit dem Artenschutz?
Advertisements

2 Kommentare zu “Generationenschiff (7)

  1. 1. Schon ein wenig. Aber es ist eine verständliche Reaktion angesichts der Kälte und Härte von Jeanne.

    2. War interessant. Ich mag Andeutungen generell, sie sind mir selten zu kryptisch.

    3. Ich weiss es nicht, das macht es ja spannend. Aber spontan fällt mir nur eine Amtsenthebung ein.

    4. Ich sehe es schon auch so, dass mit dem Aussterben des letzten Individuums mehr verloren geht als bloss dieses Individuum, aber ich bin mir unschlüssig, ob dies schlimm ist, wenn es danach niemanden mehr gibt, der dies bedauern kann.

  2. @phntst: Danke für die tapferen Kommentare, auch wenn ich zuletzt so schlecht darin war, dieses Blog lebendig aussehen zu lassen.
    4. Naja, es gibt ja durchaus noch jemanden. Das Individuum muss ja nicht zur ausgestorbenen Spezies gehören. Ich bedaure zum Beispiel, dass es keine Dodos mehr gibt, und diese riesigen Meeresraubtiere aus der Dinosaurierzeit finde ich auch ziemlich cool.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s