Generationenschiff (5)


Warum hat denn niemand gesagt, dass ich beim vierten Kapitel den „Was bisher geschah“-Abschnitt vergessen habe? Leute, ich stelle den Kram hier rein, damit ich den für mich lest! Was soll ich denn davon halten? So kann ich nicht arbeiten! Da müsst ihr euch nicht wundern, wenn ich das sechste Kapitel nicht schon nächstes Wochenende online habe. Tse.

Hier ist aber jedenfalls das heutige, und hier als PDF, falls ihr auf sowas steht. Viel Spaß!

Was bisher geschah:

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Was heute geschieht:

02.68.149

Kentub saß in dem Sessel mit der etwas höheren Lehne am Kopfende des großen Tisches im Hauptbesprechungsraum und fummelte beiläufig an einem Riss in der Armlehne direkt vor seiner Hand herum, aus der das Futter quoll. Der Bezug bestand nicht aus echtem Leder, sondern aus einem künstlichen Material, das ihm nachempfunden war, aber er wusste, dass es auf der Erde nicht unüblich gewesen war, Möbel und andere Gegenstände mit der Haut toter Tier zu bespannen. Bizarrer Gedanke.

„Die Besatzung ist zwiegespalten“, erklärte er. „Leider nicht jedes einzelne Mitglied, sondern die Gruppe in Fraktionen. In sich scheinen sich alle sehr … einig zu sein.“

Der Sessel war zur Seite gedreht, weil dort neben ihm Jeanne stand. Es hatte wenig Sinn, sie anzusehen, während er mit ihr sprach, weil sie keinen Gesichtsausdruck hatte, und auch keinen Wert auf sichtbare Bezeugungen von Aufmerksamkeit legte.

Nichts an ihr zeigte Anzeichen von Abnutzung. Sie bestand aus nicht rostendem Metall, aus Glas und Kunststoffen, konnte sich selbst reparieren und war von ihren Erbauern auf maximale Haltbarkeit konstruiert worden. Nach der Planung der Mission sollte sie sogar das Schiff noch um Jahrhunderte überdauern.

Kentub fragte sich, wer von ihnen beiden zuerst die Funktion einstellen würde, und hoffte ein wenig, zusehen zu können, wie ihre Servomotoren und Gelenke allmählich zu knirschen und versagen anfingen.

„Dies ist inakzeptabel“, sagte die Maschine. „Sie werden die vorgegebene Entscheidung anordnen und die Crew von ihrer Richtigkeit überzeugen.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich das hinbekomme, Jeanne, gerade in so kurzer Zeit.“

Der ausdruckslose Blick ihrer Kameras verharrte für über eine halbe Minute ohne ein weiteres Wort auf seinem Gesicht, aber dieses Spiel konnten zwei spielen, und auch wenn er es in Ausdruckslosigkeit niemals mit ihr aufnehmen konnte, tat er sein Bestes.

„Sie werden es versuchen. Ein Austausch des Captains ist derzeit keine Option“, stellte sie schließlich fest.

„Dein Vertrauen ehrt mich.“

„Eine Aufteilung der Besatzung würde einen Erfolg der Mission wirksam ausschließen. Dies wäre ein inakzeptabler Ausgang. Ein Erfolg der Mission ist sicherzustellen, falls nötig unter Einsatz unmittelbaren Zwangs.“

„Du hast es auch gesehen, oder? Wie willst du die Hälfte der Besatzung unmittelbar zu irgendwas zwingen? Willst du jeden und jede der restlichen Crew bewaffnen? Und was machen wir, wenn sie nicht mitspielen? Der Tod der Hälfte der Besatzung dürfte auch ziemlich wirksam den Erfolg der Mission ausschließen, oder?“

„Der Tod Marchands wäre eine akzeptable Einschränkung der Kapazität der Crew.“

Kentub schnaubte amüsiert.

„Ja gut, da bin ich ganz bei dir, aber … Ich glaube nicht, dass damit etwas gewonnen wäre. Er ist der Rädelsführer, ja, aber ich habe nicht das Gefühl, dass die anderen ihm nur seinetwegen zustimmen. Die denken das schon wirklich.“

„Sein Tod wäre ein Beleg dafür, dass ich bereit bin, die Erfordernisse der Mission auch mit tödlicher Gewalt durchzusetzen. Es würde Zweifel an der unbedingten Autorität der Missionsführung reduzieren.“

Ein schiefes Lächeln verzog Kentubs Mundwinkel.

„Ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst, Jeanne, aber du hast mich zum Captain gemacht. Wenn du zweifellose unbedingte Autorität wolltest, hast du damit womöglich eher unvorteilhafte Voraussetzungen geschaffen.“

Nach einer kurzen Pause erwiderte die Maschine: „Ich habe diese Entwicklung des Missionsendes nicht vorausgesehen und deshalb andere Anforderungen an den Captain prognostiziert.“

Kentub stand in einer Bewegung, von der er hoffte, dass sie nicht zu verängstigt wirkte, aus seinem Sessel auf, trat zwei Schritte von ihr zurück, und sein Blick zuckte durch den Raum, von Jeanne zur Tür zum Tisch zum Hauptschirm, beruhigte sich aber allmählich wieder, als er bemerkte, dass Jeanne nach wie vor bewegungslos vor ihm stand.

„Seien Sie unbesorgt“, sagte sie in ihrem gewöhnlichen nicht direkt unfreundlichen, aber etwas zu neutral sachlichen Tonfall, der in diesem Kontext besonders unangemessen wirkte. „Die genetische Variabilität der Crew ist zu niedrig und die Alternativen zu Ihnen als Captain zu wenig vielversprechend, um eine Liquidation sinnvoll erscheinen zu lassen. Sie haben sich den Respekt der Crew erarbeitet und sie an Ihren Führungsstil gewöhnt. Sie in einer solchen Krisensituation zu beseitigen, würde die Situation nur weiter eskalieren, ohne sie einer Lösung anzunähern.“

Kentub nickte und lehnte sich so entspannt er konnte stehend an die Rückenlehne des Sessels. „Ich bewundere die Weisheit, mit der meine Vorfahren dich ausgestattet haben.“

„Sie hat sich in der Tat als vorteilhaft für den Erfolg dieser Mission erwiesen.“

„Ich schwöre, manchmal glaube ich, dass du einen Sinn für Humor hast.“

„Es ist eine verbreitete menschliche Neigung, eigene Emotionen und Sichtweisen auf andere Menschen, Lebewesen fremder Rassen und sogar Gegenstände zu projizieren. Ich verstehe Humor, habe aber kein Interesse daran.“

„Du hast also Interessen?“

„Ihnen ist bekannt, dass meine Geisteszustände sich fundamental von Ihren unterscheiden und ich nur zur Vereinfachung der Kommunikation die für Menschen üblichen Termini verwende. Dieser Zweig des Gesprächs ist nun beendet.“

Kentub zuckte die Schultern.

„Einverstanden. Sag mir stattdessen, wie wir verfahren wollen.“

„Halten Sie es für erfolgversprechend, die Fehlinformation zu verbreiten, Last Hope wäre doch besser zur Besiedlung geeignet, als es auf Anhieb erschien?“

Kentub pendelte den Kopf seitlich, während er nachdachte und begann, an einer anderen Naht herumzufummeln, die noch nicht ganz offen war.

„Ja, aber ich glaube nicht, dass wir das überzeugend hinkriegen. Jole wird nicht lügen wollen, und ohne sie glaubt mir das niemand. Außerdem ist inzwischen allen klar, wo wessen Interessen liegen, und wenn wir jetzt plötzlich verlautbaren, dass da Strände mit Kokospalmen und Hängematten auf uns warten, wissen sie genau, woher das kommt.“

„Wir könnten eine subtilere Lüge wählen, die gerade ausreichend erscheint, die Risiken einer Fortsetzung der Reise als unverhältnismäßig darzustellen.“

„Wir zerschießen damit unsere Glaubwürdigkeit. Zu viel Risiko für zu wenig Ertrag. Gerade weil Jole nicht mitspielen wird, garantiert nicht.“

„Ihre Einschätzung wirkt plausibel. Ich werde Ihrer Empfehlung folgen.“

„Ich habe eine Empfehlung ausgesprochen?“ fragte Kentub.

„Da eine schnelle Entscheidung erforderlich ist und sich keine weiteren Möglichkeiten anbieten, werden wir die Landung auf Last Hope befehlen und zur Not mit unmittelbarem Zwang durchsetzen.“

„Das war meine Empfehlung?“

„Nicht in genau diesen Worten.“

„Ich schwöre, Jeanne, manchmal glaube ich, dass du einen Sinn für Humor hast.“

 

71.37.97

Tisha lief vor dem großen Monitor auf und ab, nicht nur, weil sie aufgeregt war wegen der Kontaktaufnahme zu einer neuen Zivilisation, sondern auch, weil sie wirklich dringend eine Toilette brauchte und Jeanne sie nicht raus ließ und es aber noch nicht schlimm genug war, dass sie bereit war, sich direkt hier in diesem Raum zu erleichtern.

„Wenn sie wissen, dass wir nicht zu ihrer Kultur gehören, dann werden sie uns eine Nachricht geschickt haben, von der sie denken, dass wir sie dekodieren können. Kennst du Signale, die die Menschheit im Rahmen von SETI ins All geschickt hat und kannst sie mir zeigen? Und was ist mit dieser goldenen Voyager-Disc? Vielleicht hilft es uns, wenn wir die vergleichen.“

Auf dem Hauptschirm erschien ein Bild einer goldenen Scheibe mit verschiedenen einfachen Strichgrafiken darauf.

„Die Voyager Golden Record“, erklärte Jeanne, „enthält Bildinformationen über die Menschheit wie eine Karte, auf der die Position von Sol relativ zu mehreren Pulsaren zu sehen ist, sowie analog kodierte Audioinformationen entsprechend einer herkömmlichen Schallplatte.“

Das Bild wechselte zu einem vertikal länglichen Rechteck mit verschiedenen farbig markierten einfachen Grafiken darin.

„Das so genannte Arecibo-Signal“, sagte Jeanne, „kodiert eine Matrix von 23X73 Bit, die ein Schwarzweißbild ergeben, das die Zahlen von 1 bis 10 in binärer Darstellung, chemische Elemente und Nukleotide, DNS, sowie einige einfache grafische Symbole zur Menschheit und unserem Sonnensystem enthält. Beide Signale sind erheblich schlichter als das von uns empfangene, und ich konnte in den Leuchtimpulsen in dem Video keine einfache Systematik finden. Die Komplexität des Signals deutet auf natürliche Sprache hin, allerdings ist dies eine vorläufige Einschätzung, die im Rahmen weiterer Untersuchungen noch korrigiert werden könnte.“

„Wir könnten ihnen einfach mit etwas Schlichtem antworten und damit zeigen, dass wir sie nicht verstehen, und hoffen, dass wir von dort aus eine Verständigung aufbauen können.“

„Jede Antwort birgt das Risiko, zu viel über die Humanity zu offenbaren“, sagte Jeanne. „Wir sollten diese Entscheidung nicht treffen, bevor wir mehr Informationen aus dem uns vorliegenden Inhalt gewonnen haben.“

„Ich weiß nicht, wie viel mehr Informationen wir noch gewinnen können. Wenn wir ein Team von Cryptologen, Linguisten, Mathematikern und Xenobiologen und ein paar Jahre Zeit hätten, hätten wir vielleicht eine Chance, mehr rauszuholen, aber mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln sind wir dem Maximum jetzt schon relativ nah, fürchte ich.“

„Ich halte diese Festlegung für verfrüht, Captain. Ihre Ungeduld könnte auch durch Ihren derzeitigen physischen Zustand verursacht sein.“

„Wenn sie uns ein so komplexes Signal senden“, überlegte Tisha, ohne auf die Anspielung einzugehen, „Ist das dann ein Zeichen dafür, dass sie uns unterstellen, dass wir ihre Sprache verstehen, dass sie uns zutrauen, so komplexe Signale auf Anhieb zu entschlüsseln, oder dass wir eine einfachere Information übersehen haben?“

„Keine der Alternativen ist völlig ausgeschlossen. Allerdings schätze ich die Wahrscheinlichkeit als gering ein, dass mir eine unmittelbar zugängliche Codierung bei der Untersuchung des Signals entgangen ist.“

„Vielleicht ist sie nur aus der Sicht der Absender unmittelbar zugänglich. Eine nichtirdische Spezies könnte sich so viel anders entwickelt haben als wir, dass wir nicht erraten können, wie eine offensichtliche Codierung für sie aussähe.“

„Meine Perspektive ist weniger durch die Eigenheiten der menschlichen Psyche beschränkt als die Ihre, aber selbstverständlich auch an einen erdzentrierten Standpunkt gebunden. Ich kann deshalb nicht ausschließen, eine von einem anderen Standpunkt naheliegende Codierung übersehen zu haben, kann aber vorerst keine weitere Unterstützung bieten.“

„Okay … Weißt du, es gehört zu den Beschränkungen der menschlichen Psyche, dass ich mich wirklich viel besser konzentrieren könnte, wenn du mich kurz einmal den Raum verlassen ließest …“

„Sie wissen, dass ich die Tür bis auf Weiteres nicht öffnen werde. Ich schlage dennoch vor, dass Sie Ihre Blase nun entleeren und dann weiter mit mir die notwendigen Entscheidungen treffen. Sie werden ohnehin früher oder später keine Wahl mehr haben. Es gibt keinen Grund, es hinaus zu zögern.“

Tisha dachte nach. Es war einerseits so vernünftig, aber andererseits …

„Das ist jetzt albern, aber ich glaube, ich kann nicht, während du zusiehst.“

„Ich sehe immer zu.“

Sie stöhnte. „Ja. Okay. Aber jetzt ist es was anderes, weil du jetzt gerade physisch vor mir stehst! Und dann auch noch hier, in diesem Raum … Ich weiß wirklich nicht, ob das geht. Lass mich doch einfach schnell raus. Du kannst doch mitgehen und sicherstellen-“

„Sie wissen, dass es keinen Sinn hat, durch wiederholte Bitten an Emotionen zu appellieren, die ich nicht habe.“

Tisha stand einige Sekunden nachdenklich da, bis sie schließlich mit einem Seufzen sagte: „Kannst du dich wenigstens irgendwie seitlich so drehen, dass deine Kameras nicht in meine Richtung zeigen?“

 

92.37.97

„… und jetzt habe ich den Verdacht, dass da irgendwas schief läuft. Vielleicht verbraucht er die Medikamente selbst, weil er ein Problem hat, oder er verkauft sie sogar an Abhängige, oder natürlich kanns auch sein, dass ihm einfach ein Fehler unterlaufen ist und ers nicht zugeben will, oder es ist sogar irgendwas noch Abgefahreneres. Vielleicht macht er ja irgendwelche sonderbaren Experimente …“

Banya sah sie an, unsicher, was eine angemessene Reaktion wäre, und ebenso unsicher, wie unangemessen er bereit war zu reagieren, um ihr deutlich zu machen, dass er versuchte, sie loszuwerden.

„Und das alles schließt du daraus, dass er dir nicht so viel Schmerzmittel gegeben hat, wie du wolltest?“ fragte er.

Piedra machte ein Geräusch irgendwo zwischen einem Fauchen und einem frustrierten Stöhnen.

„Es geht nicht darum, wie viel Schmerzmittel ich wollte!“ fuhr sie ihn an.

„Okay. Worum gehts dann?“

Sie würgte irgendeine imaginäre Person, die unmittelbar vor ihr stand und knurrte, bevor sie antwortete:

„Es geht darum, dass Psmith irgendwelchen Unfug mit den Medikamenten anstellt, auf die wir alle angewiesen sind! Es geht nicht um mich! Ich brauche keine Schmerzmittel und auch sonst nichts, mir gehts gut. Es geht um Psmith, den Arzt, den Mann, auf den wir alle angewiesen sind, wenn wir verletzt oder krank werden und der allein verantwortlich ist für die Gesundheit der gesamten verbliebenen Menschheit, warum begreift denn das niemand?“

„Mhmm…“ machte Banya. „Und du glaubst wirklich, es geht hier um das Überleben der gesamten Crew, und natürlich ist niemand hier schlau genug, die Gefahr zu sehen, und alles hängt nur von dir ab? Oder willst du vielleicht einfach ein kleines bisschen eine Heldin sein, weil es ja noch nicht aufregend genug ist, Hüllenmechanikerin zu sein?“

Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und schüttelte den Kopf, bevor sie wieder zu ihm sah.

„Das hab ich doch gar nicht gesagt! Ich meine doch nur, dass mir da was aufgefallen ist, was auf ein Problem hinweisen könnte, und natürlich kann es sein, dass in Wahrheit alles in Ordnung ist, aber weil es verdammt noch mal um so eine wichtige Sache geht, würde ich es toll finden, wenn irgendjemand das Thema ein ganz kleines bisschen ernst nehmen würde!“

Banya seufzte.

„Naja, aber was erwartest du denn? Wer sollen denn diese Abhängigen sein, an die er seine Medikamente verscherbelt? Wir sind dreißig Leute an Bord, alle kennen einander!“

„Das heißt gar nichts! Wie gut kennst du Psmith?“

Banya seufzte noch einmal, mit etwas mehr Gefühl als vorher.

„Hat Jaks dir mal seine Theorie erklärt?“ fragte er.

„Was?“

„Jaks hat diese sonderbare Idee, von der er selbst sagt, dass er sie nicht so besonders ernst nimmt, aber ich bin mir da gar nicht so sicher. Stell dir mal vor, wir sind gar nicht in einem Raumschiff.“

„Sondern?“

„Naja, einfach irgendwo, was weiß ich, in einem Bunker unter der Erde oder so, und die Kameras sind auch nicht nur an Jeanne angeschlossen und innerhalb des Schiffs verdrahtet, sondern werden von Wissenschaftlern von außen überwacht. Wir bewegen uns nicht, sondern uns wird alles nur vorgespielt.“

„Wozu sollte das gut sein?“ fragte Piedra.

„Die Probe aufs Exempel! Wir sind nicht die Crew des Generationenschiffes. Wir sind eine Testcrew, um zu erforschen, ob ein Generationenschiff funktionieren würde, und wie es besser gemacht werden kann. Vielleicht sind wir ja nicht die einzigen! Vielleicht sind direkt neben uns, ein paar Meter hinter dieser Wand, noch andere Menschen, die genau das gleiche erleben. Oder etwas völlig anderes. Vielleicht sind sie schon tot. Vielleicht sind alle anderen schon tot, sogar die Forscher, und nur wir sitzen hier noch in unserem Bunker und spielen Raumschiff… Und überleg mal, ist das wirklich weniger plausibel als dass wir tatsächlich ein Generationenschiff sind, das erste und einzige, und dass wir die letzten Menschen im ganzen Universum sind?“

„Ich war draußen“, sagte Piedra. „Gerade heute erst. Ich hab ein Loch in meinem Bein, das beweist, dass Jaks spinnt.“

„Das behauptest du! Aber kann ich das wirklich wissen? Kannst du das wirklich wissen? Du hast die ganze Zeit deinen Anzug getragen. Vielleicht ist das Visier des Helms gar nicht durchsichtig, vielleicht ist es ein Display, genau wie unsere Fenster! Vielleicht ist das alles hier eine Lüge, und draußen wäre eine ganze Welt voller Tiere und Pflanzen und Ozeanen und Inseln und Wäldern und Bergen und anderer Menschen!“

„Ich dachte, die anderen Menschen wären alle tot?“

„Naja, es gibt ja verschiedene Szenarien, aber es geht darum, dass sie alle genauso gut möglich sind wie das, was wir alle glauben!“

Piedra schnitt eine Grimasse und schüttelte den Kopf.

„Worauf willst du hinaus? Was soll der Quatsch?“

„Ich will damit sagen“, erklärte Banya geduldig, „dass, bloß weil ein Szenario möglich ist und enorme Konsequenzen hätte, das noch lange kein Grund ist, es ernst zu nehmen.“

Sie sah ihn an und öffnete und schloss ihren Mund ein paar Mal, bevor sie schließlich sagte: „Das ist doch was völlig anderes! Nur weil … Ich meine … Es gibt überhaupt nichts, was dafür spricht, dass das hier alles nicht echt ist, sondern nur ein Experiment, und ich hab selbst vor Kurzem noch das Schiff verlassen und war im Weltall, und es ist ja nicht nur, was ich durch das Visier sehe, woran man das erkennt, und ich verlange ja auch nicht, dass alle sofort glauben, dass Psmith irgendein dunkles Geheimnis hat, sondern nur, dass irgendjemand versteht, was ich will und es ein kleines bisschen ernst nimmt, und wenn das schon sonst niemand kann, dann vielleicht wenigstens der Mann, den ich liebe und der der Vater meiner Kinder-“

„Hör auf“, unterbrach Banya sie. Er fühlte sich jetzt gar nicht mehr geduldig. „Hör bloß auf.“

„Was denn?“ fragte sie. „Es ist doch so! Ich weiß ja, wie komisch sich das anfühlt, aber es ist doch nun mal-“

„Piedra, ich glaube, ich brauch einen Moment Ruhe. Kannst du mich vielleicht alleine lassen?“

Sie stand da und schaute ihn an, und er sah ihre Kiefer mahlen, und dann schüttelte sie den Kopf und ging.

Endlich.

 

Lesegruppenfragen:

  1. Ich weiß, dass die Geschichte bisher sehr maßgeblich daraus besteht, dass Leute irgendwo stehen, oder sitzen, oder so, und miteinander reden. Das ist großenteils natürlich einfach eine Konsequenz des Plots. Störts euch sehr?
  2. Glaubt ihr, dass Jeanne einen Sinn für Humor hat? Warum oder warum nicht?
  3. Würdet ihr Piedras Sorgen ernst nehmen? Warum oder warum nicht?
  4. Wie steht ihr zu meiner Thematisierung von Tishas Toilettenproblem? Kindischer nerviger Quatsch, oder okay?
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6 Kommentare zu “Generationenschiff (5)

  1. 1. Nein, stört mich nicht. Es passt zur Geschichte.

    2. Schwierig zu sagen, da man noch ziemlich wenig von ihr weiss.

    3. Ja, ich würde sie ernst nehmen. Arzneimittelknappheiten können lebensbedrohlich sein und Psmith hat sich komisch verhalten.

    4. Weder kindisch, noch Quatsch, aber ich habe mich gefragt, von wie grosser Relevanz die Toilettenprobleme für die Geschichte sind.

  2. 1. Nö, das passt schon.
    2. Ich kann mir gut vorstellen, dass man eine AI mit einem Sinn für Humor ausstattet, oder zumindest ein gewisses Verständnis implementiert. Schliesslich muss Jeanne menschliche Kommunikation sehr genau interpretieren und einordnen können, um brauchbare Entscheidungen zu treffen. (Welche Art von AI bevorzugt ihr in Sci-Fi eigentlich? Solche mit eher menschenähnlichen Zügen, oder doch eher die emotionslosen? Das AI’s mit Humor gelingen können, hat man imho bei TARS von Interstellar gesehen.)
    3. Klar. Ich konnte ihren Frust und Ärger darüber, dass sie nicht ernst genommen wird, nachvollziehen.
    4. Vielleicht wurde es einmal mehr als nötig erwähnt, aber gestört hat es mich jetzt nicht. Ich fand das Toilettenproblem interessant, weil man daran sehen konnte, dass Menschen gegenüber Maschinen auch so etwas wie Schamgefühl empfinden können. (Okay, Jeanne ist natürlich keine gewöhnliche Maschine, aber du siehst, worauf ich hinaus will.)

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