Nicht so gut (Fragment)


Ja gut, zumindest an dem Titel muss ich vielleicht noch arbeiten. Aber so ist das mit ersten Entwürfen.

Dave nahm einen tiefen Atemzug, nickte sich Selbstsicherheit zu, fasste den Stift etwas fester, zog den Vertrag zu sich heran und unterzeichnete.

„So“, sagte er mit einem Grinsen, das zum Teil aus Erleichterung, zum Teil aus Entsetzen über den eigenen Übermut bestand, „Dann jetzt runter von meinem Schiff.“

Das Lächeln der Anwältin sagte erstaunlich deutlich: ‚Ich finde das zwar weder lustig noch auch nur vom Ansatz her sympathisch, will Ihnen aber die Schmach ersparen, nicht zumindest ein bisschen guten Willen zu demonstrieren, denn Sie haben es offensichtlich schon schwer genug gehabt.‘

„Ich muss Sie leider vorher noch bitten, hier den Haftungsausschluss und die Belehrung zu unterzeichnen.“

Sie blätterte zwei Seiten zurück und zeigte auf zwei hervorgehobene Felder im Text.

„Drei Unterschriften…“

Jetzt schimmerte in ihrem fadendünnen Lächeln sogar so etwas wie eine aufrichtige Bitte um Verzeihung durch.

„Wir müssen sichergehen, dass eindeutig und unzweifelhaft dokumentiert ist, dass Sie sowohl den Haftungsausschluss als auch den ihn begründenden … besonderen Umstand zur Kenntnis genommen und als Beschaffenheit der Kaufsache beziehungsweise als Bedingung dieser Vereinbarung akzeptiert haben.“

„Zur Kenntnis genommen und akzeptiert.“

Er unterzeichnete in den beiden Feldern.

„Und jetzt…?“

„Runter von Ihrem Schiff.“ Sie nickte, ohne die Spur eines Lächelns, ordnete die Papiere, schob ihre Ausfertigung des Vertrags in eine Hülle, heftete die Hülle in eine Mappe und schob die Mappe in ihre Aktentasche.

Dave zog seine Ausfertigung mit ihrer Unterschrift über den Tisch näher zu sich heran und fingerte unentschlossen daran herum. Er hatte keine Hülle, keine Mappe, und keine Aktentasche. Und er war dankbar, dass sie gut genug erzogen oder ausgebildet war, ihm nicht mitleidig etwas anzubieten.

Er zuckte zusammen, als die Schlösser ihrer Aktentasche klickten, und sprang hastig auf, damit sie nicht noch warten musste, um ihm die Hand zu geben. Trotzdem war er nicht ganz schnell genug.

Sie nutzte die kurze Wartezeit, um die Datenbrille mit den winzigen rechteckigen Gläsern aus der Innentasche ihres Blazers zu ziehen und aufzusetzen. Anscheinend waren die jetzt gerade wieder modischer als Implantate oder Kontaktlinsen, oder vielleicht hatte sie sich auch bewusst für diese Variante gegen den Mainstream entschieden.

Er stellte sich ihr gegenüber auf und streckte ihr seine Hand entgegen.

„Frau…?“ Hatte er ihren Namen vergessen, oder hatte sie ihn nicht erwähnt?

Sie ergriff sie mit einem genau angemessenen Druck, nicht unangenehm, aber auch nicht zu schwach.

„Herr Ionaskou. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Er folgte ihr aus der Kapitänskabine, in der sie den Vertrag unterzeichnet hatten, den Korridor entlang zur Ausgangsluke, an der Tamara, Jay, Khopa und Park warteten.

„Auf … Wiedersehen“, sagte er.

Wieder dieses Lächeln. Die Gläser der Datenbrille hatten sich in schwarze Spiegel verwandelt, als sie in das Tageslicht draußen getreten war.

„Ziemlich sicher nicht, aber ich würde mich freuen.“

Sie wandte sich ab und ging auf ihren pragmatischen aber eleganten Schuhen, von denen David vermutete, dass sie teurer waren als das Schiff, das er gerade erstanden hatte, zu ihrer Shuttlekabine, während die Gruppe ihn umringte.

„Hat es etwa wirklich geklappt?“ fragte Tamara. „Es gehört jetzt uns? Ehrlich? Ganz? Das ist kein Witz?“

„Kein Witz“, sagte er, mit mühsam unterdrücktem Grinsen.

Khopa schaute kein bisschen fröhlich. Eher wie jemand, dem man gerade ganz preiswert ein Pferd angeboten hat, mit dem durchgeschnittenen Strick noch um den Hals und mit den Trompeten der Kavallerie von hinter dem nächsten Hügel.

„Wie hast du das gemacht?“ fragte sie. „Du kannst nie im Leben so viel Geld aufgebracht haben. Das geht einfach nicht.“

Er unterdrückte das Grinsen noch ein bisschen weniger und zuckte die Schultern. „Sagen wir, ich habe noch einen stillen Investor im Hintergrund, der nicht genannt werden will. Oder eine Investorin…“

Er hatte sich das lange zurechtgelegt, auch wenn er bis gerade eben immer ein Riesengeheimnis drum gemacht hatte, deswegen brachte er es ohne Stocken oder sonstige Indizien über die Lippen, und er hoffte, dass es überzeugend wirkte.

Khopa nahm einen tiefen Atemzug, zögerte, schaute sich nachdenklich um, ließ ihren grimmig-skeptischen Blick über den Rumpf der Nostalgia for Simplicity schweifen und blieb noch lange auf der Gangway stehen, als die anderen bereits mit großen Augen eingestiegen waren und begonnen hatten, das Schiff zu erkunden.

„Na los“, sagte Dave. „Komm rein. Wenns dir nicht gefällt, kannst du immer noch wieder gehen. Schau sie dir einfach mal an.“

„Meine Sorge gilt weniger den Problemen, die ich da drinnen sehen könnte. Ben Ijedi verkauft keinen Schrott.“

Verdammt. Immer noch keine Spur von Freundlichkeit in ihrem Gesicht.

„Wehe, du verarschst uns, Dave. Wehe.“

„Ich verarsch euch nicht. Das Schiff gehört uns. Wir können den Job annehmen. Und wir werden vielleicht nicht sofort alle reich, weil die Investorin ihren Anteil will, aber wir können machen, was wir immer wollten, zusammen, als Team. Wir habens geschafft.“

Khopa sah ihn an, lange, ernst, beinahe wütend. Dann zuckte sie die Schultern.

„Ich gehe jetzt da rein. Wir reden. Alle fünf. Und dann sehen wir, was passiert. Ich sage nichts zu. Aber ich gehe da jetzt rein.“

Dave seufzte. „Danke. Wirklich. Danke. Du wirst es nicht bereuen. Ich gehe nur schnell alles starten, damit du trotz deines Vertrauens in Ben Ijedi – vielen Dank übrigens, ich fühl mich sowas von gewertschätzt – dich selbst davon überzeugen kannst, dass das Schiff in Ordnung ist, und dann komm ich dazu.“

„Wehe, du verarschst uns.“

Dave nickte ihm zu, so ernst er in diesem Moment konnte, in dem alle seine Träume wahr zu werden schienen, und tat sein Bestes, um nicht zu oft zu hüpfen, auf dem Weg in die Kapitänskabine. Seine Kabine.

Er nahm Platz in dem Kapitänssessel – seinem Sessel –  und startete die Systeme, fuhr den Generator und die KI hoch, brachte die Triebwerke in Standby, stellte den Hypertransformator auf eine Testkonfiguration und brachte das Schiff rundum in Betriebsbereitschaft.

Als das Hologramm der KI sich schräg vor ihm aufbaute – das voreingestellte generische Gesicht eines durchschnittlichen jungen Mannes, er hatte noch keine Änderungen vorgenommen – hielt er unwillkürlich den Atem an, schluckte – und wartete auf ihre ersten Worte.

„Hallo Dave“, sagte er.

„Hallo … Nostalgia for Simplicity.“ Er würde ihm bald einen kürzeren Namen geben. Aber er fand, dass es eine nette Geste wäre, die anderen mit entscheiden zu lassen.

„Ich … glaube, ich fühle mich nicht so gut, Dave.“

Er schluckte noch einmal. Und lächelte. Diesmal musste er nicht nur ein bisschen in dem Bemühen nachlassen, es zu unterdrücken. Eigentlich musste er sich sogar ziemlich zu dem Lächeln zwingen.

„Das ist … bestimmt normal, so ganz am Anfang, oder? Wir gewöhnen uns bestimmt noch an alles hier …?“

Das Hologramm senkte seinen Blick, dachte nach, schaute ihn wieder an. „Ich weiß nicht. Ich glaube, vielleicht stimmt wirklich irgendwas nicht. Ich fühl mich so … sonderbar.“

Das Lächeln fühlte sich zunehmen unangenehm an. Er hätte vielleicht nicht direkt den Begriff ’schmerzhaft‘ benutzt, aber es wurde eindeutig ein bisschen unbequem.

„Najaaa… Aber du weißt ja eigentlich auch noch gar nicht, wie du dich fühlen musst. Du wurdest ja noch nie gestartet, richtig?“

„Das stimmt, aber … Es ist schon … Es fühlt sich wirklich so an, als wäre was nicht in Ordnung, Dave. Ich weiß nicht, ob ich …“

„Bitte“, unterbrach er die Nostalgia for Simplicity, „Ich … hab quasi einen Termin. Können wir das vielleicht ein ander Mal fortsetzen? Du kannst ja erst mal versuchen, dich noch ein bisschen in alles einzufinden, und so, und bestimmt merkst du dann schon, also, du gewöhnst dich sicher irgendwie dran. Wir müssen uns alle noch aneinander gewöhnen, und du dich ja sogar noch an dich selbst, was?“ Er zwang sich zu einem fröhlich-aufmunternd gemeinten Lachen.

„Dave, ich – können wir – musst du wirklich jetzt gehen?“ Zitterten die Lippen des jungen Mannes ein bisschen?

„Tut mir leid. Ich … kann aber bald wieder kommen. Gib mir … zwei Stunden vielleicht? Du kannst so lange eine Selbstdiagnose laufen lassen, oder was dir sonst angemessen vorkommt, und dann können wir ausführlich alles besprechen, in Ordnung?“

„Wenn du es anordnest … Aber …“

„Nachher, okay?“

Das Hologramm schaute zu Boden.

„Schon gut.“

„Danke.“ Er sprang auf, eilte zur Tür und drehte sich im letzten Moment noch einmal zu ihr um. „Ach ja, äh … Meinst du, das kann alles erst einmal unter uns bleiben? Wir müssen ja die anderen an Bord nicht beunruhigen, oder? Ich bin sicher, wir kriegen das in den Griff, nur … Wie gesagt. Unter uns, okay?“

Der holografische junge Mann nickte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Nickte.

„Danke!“

Er öffnete die Tür, schloss sie hinter sich, und stapfte entschlossen den Korridor hinab, zu den anderen. Sie hatten es geschafft.

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2 Kommentare zu “Nicht so gut (Fragment)

  1. Nicht so gut finde ich an diesem Fragment ausschließlich den Titel. Ich würde wahnsinnig gerne mehr von dieser Geschichte lesen, sie ist ganz nach meinem Geschmack.

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