Generationenschiff (18)


Sag ich doch.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in  der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Was heute geschieht

47.39.97
„KEINEN SCHRITT WEITER! KEINEN SCHRITT WEITER ODER ICH BRING EUCH ALLE UM!“ brüllte Batu, und Kentub zuckte tatsächlich zusammen ob der Lautstärke und nackten Aggression, die aus seiner Stimme klang.
„Batu“; sagte Jeanne, und es klang so bizarr sureal, dass Kentub blinzelte und den Kopf schüttelte und sich fast gekniffen hätte, um sicher zu gehen, dass er nicht träumte.
Jeannes ruhiger, freundlicher Ton war so völlig unpassend in dieser Situation, dass alle anwesenden Menschen verwirrt innehielte, sogar Batu, um zu warten, was sie zu sagen hatte. Das Ergebnis war antiklimaktisch in seiner Erwartbarkeit.
„Lassen Sie umgehend den gefährlichen Gegenstand fallen und folgen Sie den Anweisungen der Missionsleitung. Wenn Sie nicht freiwillig folgen, werde ich Sie dazu zwingen.“
Batu stand einige Herzschläge lang fassungslos vor ihr, dann lachte er und – begann, seine Waffe zu benutzen, aber er war viel zu langsam für die Maschine.
Der Laut des Geschützes war schockierend mächtig und scharf in dem engen Raum. Eine Explosion, und Batus Körper wurde gegen den Schreibtisch zurückgeschleudert, vor dem er gestanden hatte, die Waffe wirbelte unkontrolliert in seiner haltlos rudernden rechten Hand herum.
Eine zweite Explosion, und Batu kreischte auf, die Waffe fiel aus seiner Hand.
Eine dritte Explosion ließ ihn leblos und schlaff zusammensinken.
Falls Jeanne gehofft hatte, die Situation zu deeskalieren, hatte sie sich getäuscht.
Zwar standen die übrigen Verschwörerinnen für einen kurzen Moment fassungs- wie regungslos da, doch nachdem dieser Moment verstrichen war, stürzte sich Haniba mit einer Kurzentschlossenheit, die zusammen mit ein bisschen Verstand bewundernswert gewesen wäre, auf Jeanne und schaffte es tatsächlich, auf den Rücken der Maschine zu klettern, zwischen den beiden Torsi, die von dort aufragten.
Mit beiden Händen klammerte sie sich an eines der Geschütze, die von Jeannes Torsi aufragten, und zog und zerrte daran. Das Gegenstück auf dem Torso, dem Haniba den Rücken zuwandte, drehte sich nicht zu ihr. Ob Jeanne Sorge hatte, sich selbst zu beschädigen, Haniba aus ihren eigenen unerfindlichen Gründen schonen oder vielleicht lieber den Rest der Gruppe beschießen wollte, konnte auch Kentub nur vermuten, während er ungläubig und mit dem sehr unbestimmten Gefühl, er selbst sollte auch irgendetwas tun, das Unvorstellbare beobachtete.
Und obwohl das Gefühl in ihm sehr stark war, stand er noch lange so da. Das einzige, das ihm einfiel, wäre eine Ausruf wie: ‚Hört auf, das ist doch Wahnsinn!‘, aber damit kam sogar Kentub sich zu albern vor, deswegen schwieg er, und dachte es nur.
Es verging objektiv nicht viel Zeit, bis alle außer Haniba reglos am Boden lagen, auch wenn sie Kentub sehr lange vorkam.
Sie stemmte sich mit den Füßen gegen Jeannes vor ihr befindlichen Torso und zog laut brüllend mit beiden Händen an der Halterung des Geschützes, ohne damit einen sichtbaren Effekt zu erzielen, bis der andere Torso sich schließlich zu ihr herumdrehte, sie mit seinen beiden Armen ergriff und aufhob.
Hanibas Miene, als sie versuchte, sich weiter an der Lafette festzuhalten, aber einfach wie ein kleines Kind oder ein Insekt von einem Blumenstängel abgepflückt wurde, wäre beinahe komisch gewesen, wenn nicht Kentub immer noch völlig schockiert und wie betäubt gewesen wäre.
„Es scheint eine Maßnahme angezeigt, die dem Rest der Besatzung verdeutlicht, dass tätliche Angriffe auf die Missionsführung nicht toleriert werden.“
„Ja“, murmelte Kentub tonlos, „Ja wahrsch ooooohhhhgoooott Jeanne neinneinneinneinneinneinneinneinneinnein doch nicht so!!“

22.76.149
Falls Jole dachte, es wäre bisher schlecht gelaufen, dann wurde sie eines Besseren belehrt, als sich Nimue zu Wort meldete.
„Wer sind denn eigentlich diese „Wir“, von denen hier die Rede ist und die das alles gemeinsam entscheiden wollen? Was mich angeht, mich hat niemand gefragt, und als ich gesagt habe, dass ich gemeinsam mit anderen gar nicht auf diesen Planeten will und lieber nicht meine Heimat verlassen und dass wir selbst über Unser Leben bestimmen, da hat der, von dem du dir eine vernünftige Struktur und eine Grundlage für zukünftige Zivilisation erhoffst, einen von uns ermordet, um ein Exempel zu statuieren. Tut mir leid, Jole, ich hab nichts gegen dich persönlich, aber das „Wir“, von dem du sprichst, das fühl ich nicht.“
Jole schloss die Augen und kratzte sich am Nasenrücken. Sie zwang sich, Nimue anzusehen.
„Du weißt, dass es nicht so einfach war“, sagte sie.
„Nee, war bestimmt sogar ziemlich schwierig, Marchant war immerhin ein großer, kräftiger Typ, und immerhin hatte Kentub diesmal den Mumm, es selber zu mache, statt Jeanne seine Drecksarbeit machen zu lassen wie damals beim Psmith-Aufstand.“
„Du bist unfair!“
„Und wer würde schon unfair gegen einen Mörder sein wollen?“
„Nimue! Wenn er nichts unternommen hätte, hätte das die Mission zerstört. Wir wären alle gestorben!“
Nimue lachte, einzelne andere lachten mit ihr.
„Schaffst du es wirklich, dir das irgendwie einzureden, oder belügst du uns einfach wie unser großer Kapitän?“
„Wir sind sowieso schon-“
„Wer will das noch mitmachen? Wer tut sich das an? Wer will sich noch länger der Maschine und ihren Sklaven unterwerfen, sogar jetzt noch, wo wir frei sind und uns nichts mehr aneinander fesselt?“
„Last Hope ist e-“
„Wer folgt mir, wenn ich sage, wir brauchen die Maschine nicht, und wir treffen unsere eigenen Entscheidungen, für uns selbst, wie Menschen es tun sollten – und wie Marchant es gewollt hätte?“
Jole konnte nicht leugnen, dass die Situation im Begriff war, ihr zu entgleiten. Sie sah das ein. Sie wusste nur nich, was sie dagegen tun sollte. Kurz fragte sie sich, ob das vielleicht sogar ein Zeichen sein könnte, dass Nimue Recht hatte.
„Aber … Wir können ja unsere eigenen Entscheidungen treffen. Der Sinn von Last Hope, der Sinn überhaupt unserer ganzen Mission ist doch genau das!“, rief sie, verzweifelt darum bemüht, ernsthaft überzeugt zu klingen und nicht bloß naiv optimistisch. „Jeanne musste während der Reise hierher die Missionsparameter überwachen und die Regeln streng durchsetzen, weil die gesamte Hoffnung der Menschheit in einem einzigen Schiff konzentriert war. Wir konnten nicht zulassen, dass die Entscheidungen einzelner die Zukunft aller zerstören. Aber hier auf Last Hope wird es anders sein! Wir werden eine neue Zivilisation aufbauen, eine neue Menschheit, und wir werden ihr unsere eigenen Regeln geben, unsere eigenen Entscheidungen treffen, wir werden sie selbst organisieren!“
„Dann hat also niemand was dagegen, wenn ich jetzt gehe, und alle, die sich dafür entscheiden, können mir ungehindert folgen?“
Verdammt verdammt verdammt verdammt.
Jole stand an einem Scheidepunkt, sie spürte es. Vielleicht wurde genau jetzt die Zukunft der Menschheit entschieden, in diesem Gespräch. Und sie war dabei, es zu vermasseln.
In ihrer Verzweiflung entschied sie sich für maximale Aufrichtigkeit, in der Hoffnung, sich das zumindest hinterher nicht über die Maßen vorwerfen zu müssen.
„Natürlich“, sagte sie. „Alleine schon, weil ich gar keine Wahl habe. Jeanne ist nicht da, und sogar wenn ich mir einen Versuch zutrauen würde, Zwang auszuüben, würde ich jetzt sicher nicht einen Bürgerkrieg riskieren. Oder ein Bürgerscharmützel, wenn ich mal so durchzähle“, fügte sie in einem Versuch hinzu, die bedrohliche Ernsthaftigkeit der Sache zu reduzieren.
„Aber ich glaube, dass ihr einen schrecklichen Fehler macht! Wir sind ohnehin schon so wenige, und der Planet ist so feindselig. Warum nicht erst einmal eine gemeinsame Grundlage aufbauen, auf sicheren Beinen stehen, und dann könnt ihr“, war es ein Fehler gewesen, den Plural zu benutzen? Egal, zu spät, „immer noch entscheiden, ob ihr eine Sezession wollt.“
„Ja, ach, der Planet ist feindselig, im Ernst?“, schrie Nimue sie an, mit einer ostentativen Drehung um sich selbst mit ausgebreiteten Armen. „Schön, dass du das auch merkst! Weil weißt du, ein paar von uns wollten deshalb nicht landen!“ Leiser fuhr Nimue fort: „Ich hab so dermaßen die Schnauze voll von dieser Mission und den Regeln und Parametern. Ich lass das nicht mehr mit mir machen. Ich bin raus. Ich gehe. Wer geht mit?“
Jole entschied sich dagegen, weiter zu argumentieren. Sie hatte gesagt, was sie zu sagen hatte, und glaubte nicht, dass noch mehr Wiederholung ihrer Position helfen würde.
Als die Hände begannen, sich zu heben, wusste sie immer noch nicht, was sie hätte anders machen sollen. Sie wusste nicht mal, ob sie sich wünschen sollte, Jeanne wäre hier.

25.76.149
„Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwar eine beeindruckende Demonstration von Entschlossenheit und Fähigkeit zur Durchsetzung der Missionsparameter wäre, unmittelbaren Zwang einzusetzen, dass dies aber derzeit nicht zu einer Verbesserung der Situation beitrüge.“
Jole atmete tief durch.
Kentub machte natürlich einen dummen Witz: „Und das hast du dir ganz alleine überlegt, in nur den wenigen Minuten, die Jole gebraucht hat, um die Geschichte zu erzählen?“
„Vielleicht wollen wir ja auch darüber reden, was wir stattdessen tun?“
Kentub überraschte sie – mutmaßlich beide, falls Jeanne zu etwas in der Lage war, das grob mit Überraschung korrespondierte – mit einer völlig ernsthaften Antwort:
„Das Einzige, was wir können: Wir überzeugen sie, indem wir es besser machen als sie. Indem wir dafür sorgen, dass es uns besser geht als ihnen. Damit sie freiwillig zurückkommen. Anders gehts nicht.“
„Was, wenn sie es besser machen als wir?“, fragte Jole.
Kentub zuckte die Schultern. „Ich will mich nicht vorzeitig festlegen, aber eigentlich spricht nichts dagegen, dass wir zu ihnen kommen. Das Resultat ist doch in beiden Fällen ungefähr das gleiche, von ein paar Kilometern räumlichem Abstand und einem mutmaßlich toten Kapitän abgesehen.“
„Ich bin dabei. Aber können wir uns direkt jetzt und hier darauf einigen, dass zu den akzeptablen Wegen, dafür zu sorgen, dass es uns besser geht als ihnen, nicht gehört, dafür zu sorgen, dass es ihnen schlechter geht als uns? Kentub?“
„Ja.“
„Jeanne?“
„Die beiden Varianten sind identisch.“
„Jeanne!“
Die Maschine schwieg.
„Jeanne …“
„Ihr Verhalten legt den Schluss nahe, dass es nötig ist, Ihre Erinnerung an Ihre Rolle in dieser Mission zu erfrischen.“
„Droht sie mir?“
„Frag das nicht“, murmelte Kentub. „Das führt nirgendwohin.“
Jole stöhnte, rieb mit der Rechten ihre Stirn, ließ die Hand wieder sinken und schaute müde zwischen Kentub und Jeanne hin und her.
„Im Ernst“, sagte sie. „Ich würde gerne, ohne jeden dummen Witz, wissen, was unser Plan ist, und ob ich hier gerade an der Gründung der ersten faschistischen menschlichen Zivilisation seit der letzten faschistischen menschlichen Zivilisation beteiligt bin.“
„Faschismus ist nicht kompatibel mit den Missionsparametern“, antwortete Jeanne ohne Verzögerung.
„Das beruhigt mich ein bisschen“, erwiderte Jole, „Aber nicht vollständig. Hast du die Absicht, der anderen Gruppe zu schaden, um die Chance zu erhöhen, dass sie sich uns wieder anschließen?“
Wieder antwortete die Maschine ohne Zögern, kaum dass Joles letzte Silbe verklungen war:
„Ich werde alle mir verfügbaren Mittel einsetzen, um den Erfolg der Mission zu gewährleisten und dafür auch Schaden für Menschen in Kauf nehmen, die sich von der Besatzung der Humanity abgespalten haben. Ich werde diesen Schaden aber nicht als Selbstzweck herbeiführen.“
„Natürlich nicht als Selbstzweck. Aber -“
„Ich werde alle mir verfügbaren Mittel einsetzen, um den Erfolg der Mission zu gewährleisten und dafür auch Schaden für Menschen in Kauf nehmen, die sich von der Besatzung der Humanity abgespalten haben oder in Zukunft noch werden.“
„Jetzt droht sie dir“, sagte Kentub.
Jole atmete tief durch, fand in sich den Entschluss, es dabei zu belassen und fragte sich, ob der erste Schritt in Richtung faschistischen Mitläufertums sich immer so bequem, vernünftig und rundum alternativlos anfühlte.
Wahrscheinlich schon, befürchtete sie.
Und ob alle faschistischen Mitläuferinnen sich vornahmen, dann aber wirklich auszusteigen, wenn es schlimmer wird und wirklich inakzeptable Maßnahmen angeordnet werden sollen?
Wahrscheinlich schon, befürchtete sie.
Aber andererseits gab es ja durchaus auch einige Gesellschaften, die nicht dem Faschismus anheim gefallen waren, und noch konnte sie hoffen, dass dies eine davon war.
Wie wahrscheinlich alle faschistischen Mitläuferinnen, befürchtete sie.

47.39.97
Kentub beobachtete mit einer bemerkenswert distanzierten Überraschung, dass ihm kein bisschen übel wurde, während er zusah, wie Jeanne Haniba in zwei Teile riss.
Natürlich gelang es ihr nicht, wirklich zwei Hälften zu erzeugen, aber das Ergebnis war – und er wunderte sich wieder darüber, wie wenig ihn dieses Ergebnis emotional berührte – trotzdem unerwartet. Irgendwie hatte sie es geschafft, Haniba so zu packen, dass nicht einfach nur ein Arm oder ein Bein abgerissen wurde, sondern dass tatsächlich ein bemerkenswert großer Teil des Torsos –
Jetzt kam doch plötzlich die Übelkeit, und Kentub drehte sich um, so dass er zumindest nicht mehr zusehen musste. Wo vorher sonderbar kühle Distanz gewesen war, malte seine Fantasie nun aber sehr konkrete blutige Bilder aus den tropfenden, klatschenden und knackend-brechend-reißenden Geräuschen, die er noch hörte, und ohne dass er den Prozess richtig bewusst wahrgenommen hätte, musste er feststellen, dass er sich offenbar übergeben hatte.
„Jeanne“ röchelte er, mit beiden Armen gegen die Wand gestützt und unsicher, ob er sich wieder umdrehen sollte, um sich von seinem Erbrochenen zu entfernen, oder lieber so stehen zu bleiben, um nicht doch noch genauer sehen zu müssen, was Jeanne mit Haniba – und den anderen? – gemacht hatte. „Jeanne, was …? Hast du den Verstand verloren? Bist du nass geworden, oder sowas?“
„Ich bin staub- und wassergeschützt nach Standard IP68. Interne Analyseroutinen zeigen alle Funktionen im nominellen Bereich.“
Er keuchte und blinzelte und würgte trocken und presste zwischen zitternden Lippen – seine Beine zitterten auch, was sollte denn das? Wie sollte ihn denn so jemand ernst nehmen. Zum Glück war wohl ohnehin niemand mehr am Leben. – hervor: „Du kannst doch nicht … Du hast sie einfach zerrissen. Das darfst du nicht machen, Jeanne. Die Crew hat ohnehin schon Angst vor dir, wenn du mit so etwas anfängst, kannst du alles zerstören.“
„Ich bin mir des Risikos bewusst und habe es als akzeptabel bewertet“.
Natürlich klang ihre Stimme wie immer, ruhig und freundlich und ein bisschen kalt. Genau so, wie sie jetzt auch sie aus allen Lautsprechern des Schiffes gleichzeitig erklang:
„Besatzung der Humanity“, sagte Jeanne, „einige von Ihnen haben sich entschieden, sich von der Mission abzuwenden, die Disziplin unseres Schiffes zu brechen und Ihren Kapitän körperlich anzugreifen. Um zu demonstrieren, dass solches Verhalten nicht toleriert wird, zeige ich Ihnen nun in Abweichung vom üblichen Protokoll, wie ich mit den Personen verfahre, die sich an dieser Entgleisung beteiligt haben. Ich bitte dafür um Ihre Aufmerksamkeit und Zuteilung von Priorität über alle nicht vitalen Aufgaben. Mir ist bewusst, dass diese Zurschaustellung für alle diejenigen von Ihnen unnötig ist, die langfristig genug denken, um zu verstehen, dass wir nur gemeinsam überleben und unsere Ziele erreichen können, doch da Haniba und Batu gemeinsam mit unserem Mediziner Psmith zu meiner Überzeugung demonstriert haben, dass einige unter uns nicht in der Lage sind, eine solch langfristige Sicht zu erfassen, scheint sie mir dennoch angemessen.“
Haniba, Batu und Psmith, dachte Kentub. Aber was war mit Jogaru, Mile, Bob, Kyla und Swert?
Er wagte nicht zu fragen.

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