15. Türchen: Generationenschiff


Falls sich übrigens jemand zu Recht fragt, warum ich in der Diskussion derzeit nicht so dabei bin und die Beiträge doch jetzt sehr regelmäßig spät erscheinen: Ich bin im Urlaub. Da ist die Internetverbindung schlecht und die Zeit knapp, ihr kennt das wahrscheinlich, aber ich lese alle eure Kommentare und freue mich drüber. Nur dass ihrs wisst.

Das heutige Türchen mag ich sehr gerne. Man kann sicher mit guten Argumenten vertreten, dass ich ein bisschen zu viel Inhalt mit ein bisschen zu wenig Text gewollt habe, aber das ist ja andererseits mit der Sinn dieser ganzen Aktion hier, deswegen halte ich das nicht für einen validen Einwand und wünsche wie immer viel Spaß.

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Generationenschiff

„Vergessen Sie es, Colonel. Sie und Ihre Bioingenieure können sich das noch so schön überlegen, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Siedler in 120 Jahren noch irgendwas drum geben, was Sie in Ihre Richtlinien geschrieben haben. Denen werden unsere Ziele und Gesetze ähnlich viel bedeuten wie Ihnen und mir der Talmud und die Magna Charta.“

„Manchen von uns bedeuten diese beiden Dokumente noch sehr viel, Senator.“

„Manchen. Ja. Wie viele auf Ihrem Schiff müssen sich an die Regeln halten, damit das Projekt Erfolg hat?“

„Die Fehlermarge ist nicht sehr groß, ja, aber wir haben durchaus mit einer gewissen Toleranz geplant, und ..:“

„30 Personen, Colonel.“ Senator Bowman schüttelte den Kopf. „Wie viel Toleranz können Sie da haben? Sie werden niemals eine Finanzierung bekommen. Nicht in diesem Kongress.“

„Nach den nächsten Wahlen ist es zu spät. Wir brauchen 20 Jahre, bis wir nur den Antrieb fertig geplant haben. Wenn Professor Advani Recht hat, wird der Komet 2080 die Erde treffen.“

„Oder eben nicht.“

Colonel Bly nickte langsam.

„Oder eben nicht. Sind wir bereit, unsere gesamte Hoffnung auf ein ‚oder eben nicht‘ zu setzen?“

Senator Bowman sah von seinem Schreibtisch zu ihm auf. Einige Sekunden lang betrachtete er das kantige, wettergegerbte Gesicht des Offiziers dann zuckte er stumm die Schultern.

„Was, wenn wir einen Plan hätten, der die Compliance aller Projektteilnehmer garantiert?“

Bowmans Augenbrauen zogen sich zusammen, und seine Lippen wurden schmaler, aber Bly hatte wieder sein Interesse.

„Ich höre.“

****************************

Colin Bly lehnte seine Stirn gegen das kühle Glas und suchte den winzigen Punkt in der Ferne, der wahrscheinlich nur noch blau aussah, weil er ihn sich so vorstellte, und von dem sie mit einer Rate fort beschleunigten, die für alle menschlichen Maßstäbe enorm war, aber dennoch bei Weitem nicht ausreichen würde, damit er das Ziel dieser Reise noch erleben würde.

„Wie geht es Ihnen, Captain?“ fragte Jeanne.

Er schnaubte ein bitteres Lachen.

„Wundervoll“, antwortete er.

„Sarkasmus kann die Moral der Crew zermürben, insbesondere, wenn er vom Captain herrührt.“

„Die Crew kann mich nicht hören, oder?“

„Ihre Reaktionen auf mich indizieren Ihren emotionalen Status, und dieser formt auch Ihren Umgang mit der Crew, Captain.“

„Er wird treffen, oder?“ fragte Colin.

„Diese Frage hat Ihr Vater bereits beantwortet, Captain.“

Er lachte auf.

„Mein Vater wusste es. Alle wussten es. Aber sie wollten nicht, dass wir es wussten, stimmts? Weil die Sozialingenieure prognostiziert haben, dass wir unsere Funktion besser erfüllen werden, wenn wir es nicht wissen. Habe ich Recht?“

„Diese Frage hat Ihr Vater bereits beantwortet, Captain.“

Colin schüttelte den Kopf und wollte sich soeben von dem Bullauge hinter seinem Schreibtisch abwenden, als Jeanne eine stählerne Hohlnadel unter dem Os Occipitale hindurch in seinen Schädel stieß.

**********************

„Nein!“ Banja warf seinen Becher gegen die Wand. Weil der Becher aus Kunststoff bestand und beinahe leer gewesen war, korrelierte der Effekt in einem lächerlich geringen Maße mit der Emotion, die ihn hervorgebracht hatte. „Nein!“ schrie er noch einmal.

„Banja“, sagte sein Vater. Er versuchte, eine Hand auf die Schulter seines Sohnes zu legen, aber Banja zuckte zurück. „Es ist nicht unsere Entscheidung. Es ist geplant –“

„Es ist mir egal! Verstehst du das nicht? Ich gebe einen Scheiß auf eure Sozialingenieure und Biowissenschaftler, die schon seit hundert Jahren tot sind! Ich liebe Nico, und ich kann Piedra nicht ausstehen, und ich will keine Kinder, und es ist mein Leben!“

Banjas Vater schüttelte langsam und traurig den Kopf, während sich in einem anderen Teil des Schiffes Jeannes künstliche Augen öffneten und wartungsfreie Servomotoren sich leise surrend in Bewegung setzten.

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13 Kommentare zu “15. Türchen: Generationenschiff

  1. Das scheint ein Fragment aus einer ziemlich langen Geschichte zu sein. Zum dritten Thema habe ich bisher nur Baxters Mayflower II gelesen. Wenn jemand Leseempfehlungen (ob Fiction oder Non-Fiction) zu dieser Problematik hat, würde ich mich darüber freuen.

  2. Vielen Dank euch allen.
    @Sylkuro: Ich habe vor Kurzem „Ark“ von Stephen Baxter gelesen und fand das ganz angenehm. Wäre ja vielleicht dann auch was für dich. (Falls du die Problematik Generationenschiff meinst.)
    @madove und Guinan: Ihr wisst ja, dass das am Ende eure Entscheidung ist, wovon es mehr gibt.

  3. @Guinan: Ja, naja. Wenn du nicht in kurzer Frist noch ein paar Hunderttausend weitere Leser organisieren kannst, wird meine spärliche Freizeit wahrscheinlich nicht für mehrere Projekte gleichzeitig reichen. Ich bin ja mit Angelic Duties schon schmählich in Verzug. (Dieses Jahr kommt aber noch was. Ehrenwort.)

  4. Na gut, Zeitmangel ist als Grund akzeptabel.
    Bei Angelic Duties bin ich übrigens noch dabei, auch wenn ich nicht kommentiere.

  5. @Fabian: Nach dem Beschrieb auf Wikipedia klingt Ark spannend. Danke für den Tip. Auch wenn ich jetzt zuerst Flood lesen muss.

  6. Pingback: Tausend Jahre sind ein Tag. | Fabian Elfeld, Schriftsteller

  7. Pingback: Generationenschiff (1) | Fabian Elfeld, Schriftsteller

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