Generationenschiff (1)


Das hat jetzt doch schon wieder ein bisschen gedauert. Aber heute bin ich endlich soweit, euch das erste Kapitel unseres Fortsetzungsromans Generationenschiff zu präsentieren, für den ihr euch mehr oder weniger in der Abstimmung über meinen Adventskalender entschieden habt.

Kurze Erläuterung, weil ich nicht komplett darüber erhaben bin, mich vorab für meine suboptimale Leistung entschuldigen zu wollen: Ihr seht mir hier quasi live on tape beim Schreiben des ersten Entwurfs meiner Geschichte zu. Das heißt, da sind noch viele Unsauberkeiten, und manches ist nicht zu Ende gedacht. Ich schreibe zwar schon irgendwie mit Plan, aber mit einem groben, und erfahrungsgemäß überraschen die Charaktere meiner Geschichten mich oft, oder Dinge entwickeln sich anderweitig nicht so, wie ich ursprünglich gedacht hatte. Was wiederum heißt, dass mir oft im Verlauf noch Dinge einfallen, die ich von Anfang an hätte anders machen sollen, aber wenn ich hier für euch schreibe, ist es natürlich kein sehr angenehmer Stil, fortwährend Dinge rückwirkend zu ändern, weshalb ich das unterlassen werde. Langer Rede kurzer Sinn: Dies ist ein erster Entwurf. Ich bin dankbar für Kritik, Verbesserungsvorschläge und (gerade in diesem Genre) Richtigstellungen und neue Informationen, bitte euch aber, nicht zu viel zu erwarten.

Wir sind ja schließlich nur zum Vergnügen hier.

Wer nicht im Browser lesen mag, kann unser erstes Kapitel hier als PDF herunterladen.

Jetzt aber los:

9. Mai 2043

„Ich staune, dass es ein Protokoll für diesen Fall gibt.“

„Sollte ich jetzt im Gegenzug staunen, wie jemand 17 Jahre lang für die Regierung arbeiten und dann darüber noch staunen kann?“

„Ich arbeite nicht für die Regierung! Ich bin Forscher!“

Der Agent lächelte ihn geduldig schweigend an.

Rodney ertrug das ein paar Sekunden lang, in der Hoffnung, dass der Mann irgendwann noch etwas sagen würde, wenn er ihn nur lange genug mit zusammengezogenen Augenbrauen anstarrte, sah dann aber doch ein, dass er bei dem Spiel nur verlieren konnte, wenn er es gegen jemanden mit Secret-Service-Ausbildung zu spielen versuchte.

Weil der Hubschrauber zwar luxuriös und geräumig war, wenn er ihn mit dem Ding verglich, in dem er mal für eine unverschämte Summe zusammen mit Sarah über New York geflogen war, aber letzten Endes doch nur eine kleine Kabine mit einem Rotor, ließ ihm das kaum eine andere Wahl, als aus dem Fenster zu schauen.

Rodney war noch nie in Washington gewesen und konnte deshalb die meisten Gebäude nicht zuordnen, die er sah, aber allein der Gedanke, in einem Regierungshubschrauber über die Hauptstadt zu einem dringenden Treffen mit dem Präsidenten zu fliegen, machte die Aussicht sehr interessant. Und natürlich erkannte er die großen bekannten Merkmale der Stadt wie den Friedhof von Arlington, das Kapitol – und das Weiße Haus selbst.

Der Helikopter verlangsamte und hielt schließlich über dem Rasen, der das Gebäude umgab. Das Weiße Haus sah überraschend klein aus, fand Rodney, während die Maschine sich allmählich herabsenkte. Er hatte es sich viel gewaltiger vorgestellt. Vielleicht lag es an den Kameraperspektiven, aus denen er es kannte?

„Ergibt es eigentlich Sinn, sich beim Aussteigen so zu bücken, wie mans in Filmen immer sieht?“

„Sie können das machen, wie Sie wollen. Die Rotoren sind höher, als Sie springen könnten, aber die meisten Menschen haben nach meiner Erfahrung keine Wahl.“

Der Secret-Service-Agent behielt Recht. Der Krach und der Wind und die bloße Vorstellung, was sich über ihm drehte, zwangen Rodney in die Knie, bis der Mann ihn in sichere Entfernung von dem Hubschrauber geführt hatte.

Begleitet von ihm und vier weiteren Agenten, die am Landeplatz auf sie gewartet hatten, betrat Rodney das Weiße Haus, wurde durch Gänge und Büros geführt, von denen er vor lauter schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen kaum etwas sah, bis sie schließlich in einen unprätentiösen kleinen Raum gelangten, dekoriert mit nichts als ein paar generischen Bildern an der Wand und drei vernachlässigten Topfpflanzen, in dem hinter einem kleinen Schreibtisch ein junger Mann saß, dessen Kleidung und ganzer Habitus ihn als Praktikanten identifizierten, ohne dass Rodney in der Lage gewesen wäre, genau zu erklären, woher dieser Eindruck rührte.

„Sie wird Sie gleich empfangen, Professor Advani“ sagte der junge Mann. „Sie weiß bereits, dass Sie hier sind. Möchten Sie so lange Platz nehmen?“

Rodney schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich … hab ja die ganze Zeit über gesessen“, sagte er in dem sicheren Bewusstsein, dass ihm in fünf Minuten die Beine weh tun würden, er dann aber nicht mehr nach einem Sitzplatz fragen würde, weil er gerade erst einen abgelehnt hatte.

So stand er in dem kleinen Raum, der sich noch viel kleiner anfühlte durch die Secret-Service-Agenten, mit denen er ihn teilte, gegenüber des kleinen Schreibtischs, und sah dem Praktikanten bei seiner Arbeit zu. Zu seiner großen Erleichterung öffnete sich die nächste Tür, gerade als seine Füße begannen, sich so anzufühlen, als wären sie für eine Entlastung dankbar.

Ein vielleicht siebzig Jahre alter Mann mit schneeweißen Haaren und einem sehr gepflegten weißen Bart in einem cremefarbenen Anzug mit einem dieser texanischen Halsbinder trat daraus hervor, lächelte und nickte ihm freundlich zu, und schob sich an ihm vorbei in den Flur. Er erinnerte Rodney auf bizarre Weise an Colonel Sanders, die Galeonsfigur von Kentucky Fried Chicken, und erst, als der Mann schon fast aus seinem Blickfeld verschwunden war, fiel Rodney auf, dass er keine Schuhe trug.

Er hatte nicht die Zeit, der sonderbaren Figur lange verwirrt nachzusehen, denn der Agent, der mit ihm im Hubschrauber gesessen hatte, bedeutete ihm mit einer unaufdringlichen, aber eindeutigen Geste, dass er nun an der Reihe war, und führte ihn in das Oval Office.

Rodney dachte gerade noch darüber nach, dass es sich viel angenehmer anfühlen würde, wenn er sich den Namen des Agenten gemerkt hätte, und ob es nicht angemessen wäre, ihn danach zu fragen, als ihm klar wurde, dass er bereits auf dem gestreiften Parkett stand, das das berühmte Siegel vor dem berühmten Schreibtisch einrahmte, und dass On-Sung Sima auf ihn zu ging, mit einem unglaublich charmanten, aber sichtbar zögerlichen Lächeln und ausgestreckter Hand.

„Professor Advani“, sagte sie. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, so innig ich auch wünschte, dass es unter weniger bedauerlichen Umständen sein könnte.“

Rodney öffnete und schloss zweimal seinen Mund, bevor er sich schließlich entschieden hatte, was er sagen wollte. Fast.

„Ich … Es geht mir … Ich fühle mich sehr geehrt, Mrs. President.“

 

43.29.97

Tisha starrte auf den Bildschirm und kaute auf ihrer Unterlippe, die Augenbrauen eng zusammengezogen, während sie über mögliche andere Erklärungen nachdachte, über Möglichkeiten, wie sie falsch liegen könnte. Sie hatte noch niemandem davon erzählt, nicht einmal Jeanne, obwohl sie annahm, dass Jeanne bereits genug wusste. Es war genau die Art von Vermutung, mit der sie sich so unsterblich blamieren konnte, dass sie vielleicht sogar ihre Position würde aufgeben müssen, wenn sich herausstellte, dass sie die Daten falsch interpretiert hatte.

Andererseits konnte sie nicht länger warten. Es war jetzt schon über zehn Stunden her, dass sie das Signal gefunden hatte, sehr schwach, und bisher völlig unverständlich, aber doch … eindeutig.

Es war ein Signal aus monochromatischem gebündelten Licht, wie von einem Laser, allerdings nicht linear polarisiert. Wenn es von einem Stern kam, dann von keinem, den sie sehen konnte. Außerdem bewegte sich die Quelle mit ungefähr .8c auf sie zu, wenn sie die Ergebnisse der Spektroskopie richtig deutete. Ob sie sich auch lateral bewegte, hatte sie noch nicht feststellen können.

Das alles ließ schon ganz unabhängig vom Inhalt keinen anderen Schluss zu, als dass es einem von intelligenten Wesen konstruierten Apparat entstammte, wahrscheinlich einem anderen Schiff.

Und wenn es von einem Schiff stammte, und ihr entgegen kam, dann doch unweigerlich von einem nicht menschlichen Raumschiff.

Oder?

Konnte sie noch warten, bis sie es den anderen sagte? Vielleicht würde es gut tun, noch einmal darüber zu schlafen und sich danach die Daten noch einmal anzusehen, mit etwas mehr Abstand? Außerdem würde sie bis dahin fast doppelt so viele Daten haben, und damit zwangsläufig eine bessere Basis für ihren Schluss. Oder vielleicht verschwand das Signal bis dahin wieder, und alles würde sich von selbst erledigen.

Aber was würde sie denken, wenn jemand anderes an Bord eine solche Entdeckung machen und dann für sich behalten würde? Was würden die anderen denken?

„Siehst du es auch, Jeanne?“

Die Worte waren schon heraus, bevor Tisha sich ganz entschieden hatte, sie auszusprechen, und sie erschrak ein wenig über den Klang ihrer eigenen Stimme, aber sofort fühlte es sich so richtig und selbstverständlich an, gefragt zu haben. Es hatte ja ohnehin keinen Sinn, ihr etwas verheimlichen zu wollen.

Der Schreck wich der Erleichterung wich Ungeduld wich Zweifel wich Verwirrung.

„Jeanne?“

„Ich bin hier, Captain“, antwortete die freundliche Stimme ohne jede Verzögerung.

„Siehst du das Signal auch?“

Stille. Oder das, was an Bord der Humanity als Stille gelten konnte.

„Jeanne!“

„Was kann ich für Sie tun, Captain?“

„Ich sehe in den Daten auf diesem Bildschirm ein Signal, das …“ Sie zwang sich, einen ruhigeren Ton anzuschlagen. „Von dem ich annehme, dass es von einer fremden Intelligenz erzeugt worden sein muss. Siehst du das Signal auch, und stimmst du meiner Einschätzung zu?“

Von irgendwo klangen Schritte durch das Metall des Schiffes, und von irgendwoanders Stimmen, und alles war unterlegt vom Surren und Rauschen und gelegentlichen Quietschen größerer und kleinerer Maschinen.

„Jeanne, verdammt, was ist los?“

„Ihre Anfrage wird bearbeitet, Captain. Ich bitte um Ihr Verständnis, dass bis zum Abschluss des Bewertungsprozesses Ihre Kommunikation mit anderen Reisenden sowie Ihre Bewegungsfreiheit an Bord der Humanity beschränkt  sind. Ich werde Sie umgehend benachrichtigen, sobald eine Entscheidung vorliegt und die Tür wieder entriegelt werden kann.“

„Du hast die Tür verriegelt?“

Sie stapfte zu der metallenen Platte und blieb davor stehen. Nichts geschah. Sie trat noch näher heran, bis ihre Nase und ihre Fußspitzen beinahe das Metall berührten. Nichts.

„Jeanne?“

„Ihre Anfrage wird bearbeitet, Captain. Ich bitte um Ihr Verständnis, dass bis zum Abschluss des Bewertungsprozesses …“

Sie seuzte, während Jeannes Worte an ihr vorbei flossen, griff nach der manuellen Entriegelung und zog daran.

Nichts geschah.

„Jeanne! Die manuelle Entriegelung dient unserer Sicherheit! Ich wusste nicht mal, dass du sie derogieren kannst!“

Sie zog noch einmal, immer noch rührte sich nichts an der Tür.

„Jeanne, verflixt, was soll das? Wie lange dauert das denn jetzt?“

„Ihre Anfrage wird bearbeitet, Captain.“

Tisha hob ihre Faust – hielt inne, und ließ sie kraftlos gegen die Tür sinken. Sie seufzte, wandte sich ab, ließ sich in einen der Stühle fallen, verschränkte die Arme vor sich und wartete.

*****************

Von irgendwo klangen Schritte durch das Metall des Schiffes, und von irgendwoanders Stimmen, und alles war unterlegt vom Surren und Rauschen und gelegentlichen Quietschen größerer und kleinerer Maschinen.

Die Stille machte Banja wahnsinnig. War diese idiotische Prüfung nicht schon schlimm genug?

Und musste Gepetto ihn die ganze Zeit so anstarren? Es war ja nicht so, dass er eine Möglichkeit gehabt hätte, zu schummeln, wenn sein Lehrer kurz mal nicht aufpasste.

Er fuhr die Kontur des Ermüdungsrisses im Metall mit dem rechten Daumen nach. Würde es reichen, eine Schweißnaht darüber zu setzen, sollte er ein Stück herausschneiden und einen Flicken einfügen, oder war die ganze Prüfung ein Trick, und durfte das Teil gar nicht mehr repariert werden, sondern bedurfte eines vollständigen Austauschs?

Gepetto hatte versucht, ihm die Anzeichen zu zeigen, an denen er diese Unterschiede identifizieren konnte; die feinen Indizien, die verrieten, ob das Metall noch zehntausend Zyklen überstehen konnte, oder nur noch fünfzig, an welcher Stelle es zuerst brechen würde, und wo eine Reparatur ansetzen musste, um die erforderliche Belastbarkeit zu gewährleisten.

Banja sah sie nicht in der Art, wie das Licht über die matt geschliffene Oberfläche des Materials spielte. Banja spürte sie nicht unter seinen Fingern, wenn er sie über das Material strich, und er hatte sie nicht einmal mit seinen Lippen gespürt, als Gepetto ihn dazu gedrängt hatte. Banja hörte sie nicht, wenn er die Tongabel an das Material hielt.

Gepetto glaubte nicht an die Messinstrumente, aber sogar Gepetto hatte irgendwann eingesehen, dass er sie für Banja würde abstauben müssen, und seinem Novizen erklären müssen, wie sie ihm verrieten, was seine eigenen Sinne nach Gepettos Überzeugung viel schneller, zuverlässiger und weniger mühsam hätten herausfinden können.

„Können wir nicht wenigstens Musik anmachen?“ fragte er etwas quengeliger, als er beabsichtigt hatte. „Ich kann mich so nicht konzentrieren.“

„Du kannst dich nie konzentrieren“, sagte der alte Mann, in nicht mal unfreundlichem Tonfall, aber manchmal dachte Banja, dass das das Schlimmste an ihm war, seine endlose Geduld und Freundlichkeit, die ihm erst recht das Gefühl gaben, in seinen Augen einfach zu blöd und zu unfähig zu sein.

Banja stöhnte und legte das Handstück des Schweißgerätes und das beschädigte Rohrsegment auf den Tisch. In einer sichtbar halb unbewussten Bewegung schob Gepetto die Metallunterlage unter die Mündung des Handstücks, bevor es den Tisch berührte, und hielt mit der anderen das Rohrsegment, damit es nicht vom Tisch rollen konnte.

„Ich kann das hier nicht“, sagte Banja, so sachlich er konnte, was vielleicht wirklich nicht so besonders sachlich war. „Ich werde das nie können. Ich werde niemals auch nur ein Viertel so gut sein wie du, und ich werde auch niemals auch nur ein Viertel so gut sein wie … wie ein normal guter Tinker, weil ich das hier einfach nicht kann, und wie bescheuert ist denn das, dass ich trotzdem dafür verantwortlich sein soll? Das kann doch nicht gutgehen!“

Gepetto nickte, und lächelte ein kleines verständnisvolles Lächeln, das Banja ihm am liebsten aus dem Gesicht beißen wollte, weil er es nicht mehr sehen konnte.

„Ich weiß“, antwortete er mit seiner heiseren, ruhigen Stimme. „Und Tisha und Jeanne wissen es auch. Aber du kannst auch nichts anderes gut genug, was für das Schiff nötig wäre, Berku hat fünfmal so viel Talent für das Arboretum in jedem Finger, wie in deinem ganzen Körper steckt, und Fluidmanagement ist von allen Möglichkeiten für dich immer noch die beste Passung, und wenn du anfängst, das zu akzeptieren, kannst du es gut genug lernen, um deine Aufgabe ausreichend zu erfüllen, das weißt du genauso gut wie ich, und du weißt genauso gut wie ich, dass es nicht besser wird, wenn du lamentierst. Du hast noch drei Minuten, um dein Übungsstück zu reparieren.“

Er sah nicht einmal auf die Uhr, bevor er das sagte. Aber es stimmte, das wusste Banja auch ohne selbst nachzusehen.

„Und wenn ich einfach aufgebe? Wenn ich die Prüfung niemals bestehe? Ihr könnt mich nicht zum Tinker machen, wenn ihr wisst, dass ich eine Katastrophe erzeuge, was sowieso unvermeidlich ist, wenn du mich fragst.“

Er nickte langsam und schwieg einige Sekunden, bevor er antwortete.

„Das könntest du tun. Du könntest uns alle im Stich lassen, und dich selbst zu nutzlosem Ballast machen auf diesem Schiff, auf dem wir alle aufeinander angewiesen sind, und jemand anderes aus der Crew zwingen, den Job von zwei Personen zu erledigen, und ihm das bisschen Leben nehmen, das wir haben. Aber das traue ich dir nicht zu. Zwei Minuten.“

Banja spürte, wie die Tränen kamen, und er hasste sich dafür, dass er jetzt gleich anfangen würde zu heulen, schon wieder, und er hasste Gepetto dafür, dass er ihn dazu gebracht hatte, schon wieder, obwohl er doch genau wusste, wie leicht das war, und wie sehr Banja es hasste, verdammt was hatte er ihm denn getan? Er tat doch sein Bestes!

Gepetto schob ihm mit einem auffordernden Blick das Rohrsegment ein paar Zentimeter entgegen, und Banja stöhnte, schniefte, nahm es, und hob das Handstück des Schweißgerätes wieder an. Er blinzelte die Tränen weg, so gut er konnte, schaute auf die Uhr – 1.43 – und versuchte sein Bestes.

 

82.63.149

Jole stützte sich auf die Rückenlehne seines Sessels und strich nachdenklich über einen Riss in der fleckig grauen ledernen Bespannung.

„Ich will’s gar nicht wissen, oder?“ fragte er.

Kentub schob das Symbol der Sternenkarte nach oben, zog es auseinander und rotierte es so, dass die Pixelfehler des großen Hauptmonitors möglichst wenig ins Auge fielen. Sie wollte dem Captain möglichst wenig Vorwand geben, auf Nebenschauplätze auszuweichen.

Sie gestikulierte ihm, näher zu kommen. Er seufzte leise, zuckte die Schultern, umrundete den schartigen schiefen Konferenztisch mit der abgebrochenen Ecke und stellte sich neben sie vor den Monitor.

„Wenn Partu nicht bald diese LED da hinten austauscht, lass ich ihn kielholen“, murmelte er mit einem zahnigen Grinsen.

„Kielholen?“ fragte Kentub, und biss sich sofort auf die Zunge. Sie durfte ihn nicht auch noch ermutigen.

Immerhin schien er ihren Gesichtsausdruck lesen zu können. Er schmunzelte und winkte ab. „Schon länger nicht mehr üblich. Wir haben auch sowieso kein Tau, das lang genug wäre. Worüber wollten Sie reden?“

Kentub zentrierte zunächst CPD-37°54828, das Ziel ihrer Reise.

„Die Albedo liegt bei .94 statt bei .66 wie von der Erde aus gemessen. Wir können es noch nicht sicher sagen, aber es steht zu befürchten, dass die Oberfläche von Last Hope gefroren ist. Wenig überraschend ist auch der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre deutlich niedriger, als die Messungen von der Erde aus vermuten ließen. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es von vornherein so war, aber es ist ebenso denkbar, dass der Planet während unserer Reise abgekühlt ist, und dass er sich mit der Zeit wieder erwärmen wird.“

Jole betrachtete den Bildschirm, beide Hände in den Hosentaschen, die Brauen zusammengezogen, eine tiefe senkrechte Falte auf seiner Stirn.

„Was heißt das, ‚mit der Zeit‘?“ fragte er. „Zehn, hundert, tausend Jahre?“

„Ich bräuchte mehr Zeit, um das sagen zu können …“

„ … aber wir haben nicht genug?“

Jole blendete die Route der Humanity ein, gestikulierte kurz frustriert in Richtung eines Clusters von Pixelfehlern, ließ sich aber zu Kentubs Erleichterung nicht ablenken.

„Wir müssen in spätestens fünf Tagen mit der Beschleunigung beginnen, wenn wir Last Hope noch erreichen wollen“, erläuterte sie. „Das ist definitiv zu wenig Zeit, um Genaueres herauszufinden.“

„Wofür ist es genug?“

„Ich hatte befürchtet, dass Sie das fragen würden.“

„Dann sind Sie sicher beeindruckend vorbereitet.“

Kentub machte ein Geräusch zwischen einem Hüsteln und einem Lachen.

„Ich kann versuchen, andere Planeten im System auf Eignung zu untersuchen. Es scheinen insgesamt 14 zu sein, davon sieben Gasriesen, wahrscheinlich mit zahlreichen Monden.“

„Das ist doch erfreulich viel Auswahl.“

„Ja … Aber Sie können ja mal grob überschlagen, wie viel Zeit mir dann für jeden Körper bleibt, wenn wir konservativ schätzen, dass es vielleicht drei Monde pro Gasriese sind.“

Jole blinzelte, verdrehte kurz nachdenklich seine Augen, zählte ostentativ an seinen Fingern ab, während seine Lippen sich lautlos bewegten.

Kentub seufzte und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Wollen wirs mit allen besprechen, oder möchtest dus direkt entscheiden?“

Jole ließ die Arme sinken und wurde wieder ernster.

„Wie sieht es denn mit den Alternativen aus?“

„3K1403c sah von der Erde gut aus. Wir wären noch einmal 84 Jahre länger unterwegs, und für die Kurskorrektur würden wir so viel Treibstoff verbrauchen, dass es rechnerisch gerade noch hinkommen müsste, wenn unterwegs überhaupt nichts mehr schief geht und die andern Planeten im System wie erwartet für die Gravitationsbremse geeignet sind, mit der wir planen.“

„Vielleicht fragen wir zuerst Jeanne und den Fremden. Dabei fällt mir ein: Was, wenn du nicht alleine bist? Wenn andere dir helfen? Wir sind 28, und viele von uns können in den letzten Wochen ihre Haupttätigkeiten mehr oder weniger ruhen lassen, wenn Humanity sowieso bald abst …“ Er hob eine Hand vor den Mund und räusperte sich, senkte sie wieder und lächelte unschuldig. „Landet.“

„Es wird jedes Mal lustiger, auch gerade mit näherrückendem Termin.“

„Nicht wahr? Du kannst dir sicher vorstellen, wie ich mich auf die kommenden Tage freue. Ihr werdet alle am Boden liegen und schreien.“ Eine Pause. „Vor Lachen.“

Kentub schaute auf ihre Füße und seufzte.

„Wollen wir die beiden pingen, oder direkt besuchen? Jeanne zuerst?“

Jole presste nachdenklich seine Lippen mit den Vorderzähnen zusammen und schob seinen Unterkiefer von links nach rechts und wieder zurück.

„Nicht so hastig. Lass uns erst überlegen, wie wir das Ganze framen. Du weißt, wie unflexibel Jeanne ist, und wie … ähh… Ich schätze, niemand weiß, wie der Fremde ist, und ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob das dafür oder dagegen spricht, sich erst recht gründlich zu überlegen, wie wir ihn angehen, aber ich denke, wir fühlen uns zumindest besser, wenn wirs versucht haben.“

„Hast du dich mal gefragt, warum wir ihn der Fremde nennen, statt die oder das?“

Jole zuckte die Schultern. „Nein, nie. Also, zunächst mal … Ja, was wollen wir eigentlich? Wie sollen wir uns denn für ein Frame entscheiden, wenn wir noch gar nicht wissen, was wir wollen?“

„Eben.“

„Hmmm…“ Er hob den rechten Arm hinter den Kopf, um sich den Nacken zu massieren. „Ich muss nachdenken.“

Kentub lächelte und nickte. „Ich weiß. Es wird wirklich Zeit.“

 

Und dann gibt es noch Lesegruppenfragen:

Die sind so gedacht, dass ihr sie mir beantworten dürft, wenn ihr mir was zu dem Kapitel sagen wollt, aber nicht von selbst so richtig wisst, was. Ihr müsst sie nicht beantworten, und ich freue mich auch, wenn ihr was ganz anderes schreibt, aber weil es mir zum Beispiel öfter so geht, dass ich von selbst nicht auf Kommentare zu anderer Leute Posts komme, dachte ich, das könnte euch eine Hilfe sein:

  1. Kennt jemand vielleicht eine gute Website oder meinetwegen auch Software, mit der sich bequem relativistische Effekte wie Zeitdilatation berechnen lassen, und am besten auch gleich alles andere, was man so an Physik braucht, wenn man als Laie halbwegs glaubwürdig seinen Weg durch eine SF-Geschichte bullshitten will? Ich nehme natürlich auch Physikerinnen und Astronomen, die sich als Beraterinnen anbieten, falls ihr da jemanden parat hättet.
  2. Am Anfang der dritten Szene wiederhole ich wörtlich einen Satz aus der zweiten. Ich fand den Effekt eigentlich recht gelungen, habe aber noch Zweifel. Und was meint ihr?
  3. Wie steht ihr zu meinem Vorhaben, das ganze nicht chronologisch zu erzählen? (Also rein aus eurer eigenen Perspektive. Dass ich es mir damit schwerer mache, weiß ich schon.) Wenn ihr es alle hasst, könnten wir noch so tun, als sei es nur ein Scherz gewesen, und sollte natürlich jetzt nicht die ganze Zeit so bleiben.
  4. Was ist euer Gesamteindruck von diesem ersten Kapitel, zum Beispiel verglichen mit euren Erwartungen an die Geschichte?
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9 Kommentare zu “Generationenschiff (1)

  1. Großartiger Auftakt! Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
    Was die Fragen angeht:
    1. Einen Astronomen könnte ich tatsächlich um die eine oder andere Auskunft bitten.
    2. Den sich wiederholenden Satz fand ich im ersten Moment nicht so schön, aber meine Meinung hat sich geändert, als ich erkannt hab, dass er veranschaulicht, dass alle diese Szenen auf demselben Schiff stattfinden.
    3. Ich persönlich tue mich mit nicht chronologisch erzählten Geschichten oft ein bisschen schwer. Sie können durchaus den ganz besonderen Reiz ausmachen, aber für mich würde es wahrscheinlich nur gut funktionieren, wenn es bei maximal drei Zeitebenen bliebe.
    4. Bis jetzt ist die Geschichte weniger science fiction-mäßig, als ich erwartet hatte und für mich ist das eine gute Nachricht. Mir hat das Lesen großen Spaß gebracht (ganz besonders der Teil mit Banja und Gepetto) und ich freue mich auf die Fortsetzungen.

  2. Gefällt mir sehr gut, vor allem Tishas inneren Widerstreit und ihre Interaktion mit Jeanne fand ich gelungen. Und die Anspielung aufs Kielholen. Jedenfalls freue ich mich jetzt schon auf die Fortsetzungen.
    2. Als Orientierungshilfe völlig in Ordnung, und mir ist es auch nur unterschwellig aufgefallen. Wie Keonie schrieb: Man weiß dann, dass es dasselbe Schiff ist.
    3. Bis jetzt sehr positiv. Hängt aber davon ab, was noch kommt – wenn es deutlich mehr Ebenen werden, fände ich es eher verwirrend.
    4. Ziemlich genau das, was ich erwartet habe – im durchweg positiven Sinne.

  3. 1. Ich sollte wahrscheinlich theoretisch in der Lage sein, bei irgendwelchen Berechnungen zu helfen, wenn Du in der fünften Zeile steckengeblieben bist, aber ansonsten ist Astrophysik weitestgehend an mir vorbeigegangen und ich glaube nicht, daß ich mehr darüber weiß oder besser dazu googlen kann als Du… Dafür werden mich auch Fehler nicht stören, yay.
    2. Das hatte ich auch als gelungenes Stilmittel gewertet.
    3. Hmja… ich glaube, für das Buch ist es deutlich eleganter so, deshalb würde ich Dir zuraten, für mich persönlich finde ich es eher schwierig, weil ich ja hier nicht am Stück lese und dann erst recht dazu neigen werde, den Faden zu verlieren. Insofern wäre ich besonders dankbar für diese Kurzzusammenfassungen der Kapitel, wie bei den anderen Geschichten, in der Hoffnung, dass das für die verschiedenen Zeitebenen nicht zu aufwändig wird.
    4. Hat mir sehr gut gefallen, und tendenziell nochmal deutlich besser, als ich vorher dachte. Mich hatte zwar die ganze SF-Konstruktion auch interessiert, aber eher abstrakt, und ich unterschätze jedes Mal wieder, wieviele lebendige Charaktere Du aus dem Ärmel ziehen kannst, deren weiteres Schicksal und Interaktion mich dann sofort in ihren Bann ziehen. Insbesondere den zweiten Teil mit Banja mochte ich sehr, aber alle drei haben mich deutlich mehr gepackt, als ich erwartet hatte, ehrlich gesagt.

  4. 1. Nein, sorry.

    2. Der Effekt ist gelungen. Persönlich hätte ich vielleicht lediglich den Inhalt und nicht die exakten Worte wiederholt, aber das ist deine Entscheidung.

    3. Ist noch etwas früh, dies zu beurteilen (schlussendlich ist der Gesamteffekt entscheidend), aber grundsätzlich habe ich damit kein Problem, wenn die verschiedenen Zeiten irgendwie gekennzeichnet sind. Aber das ist ja hier der Fall, oder ist ‚43.29.97‘ kein Datum?

    4. Ich habe mir nicht die Zeit genommen, Erwartungen zu bilden, aber die Geschichte gefällt mir gut.
    Dass sich Rodney ‚Forscher‘ nennt und keine genauere Bezeichnung verwendet, ist aber eine recht offensichtlich Informationsvorenthaltung. Im Gegensatz zur Tisha-Szene, wo die Spannung aus der Szene heraus entsteht und aus Geschehnissen, die auch für die Protagonisten Rätsel aufgeben.
    Bei der Banja-Szene habe ich mich gefragt, ob ein 12h- oder ein 24h-System verwendet wird. Ansonsten behandelt die Szene einen interessanten sozialen und psychologischen Konflikt, der viel Raum für Entwicklung und weitere Konflikte bietet.
    Die Jahreszahlen, sofern es welche sind, bieten auch viel Spannung, da sie implizieren, dass vor 97 Jahren etwas geschehen sein muss, das den Beginn einer neuen Zeitschreibung gemacht hat.
    Ich würde mir eine genaue Beschreibung des Generationenschiffs wünschen, damit ich mir das besser vorstellen kann. Aber ich bin da halt etwas verwöhnt von den Hard-Sci-Fi-Autoren, von denen manche sogar Raumschiffskizzen liefern.

  5. 1. Keine Ahnung, vielleicht bringt dir das ja was?

    http://www.calculatoredge.com/german.htm

    2. Ich dachte zuerst, dass ich in der Zeile verrutscht wäre. Der Effekt ist gelungen, aber wie schon gesagt wurde, würde vielleicht auch eine inhaltliche Wiederholung reichen.

    3. Ich war ehrlich gesagt froh, als der Zeitsprung kam. Dachte schon, wir beginnen von 0, was ich ohne spezifisch begründen zu können, weniger reizvoll gefunden hätte. Aber ich komme mit beiden Varianten klar.

    4. Da du gewisse Erwartungen (z.B an eine harte SF) im letzten Post eh ausradiert hattest, bin ich mit weniger spezifischen Erwartungen an die Geschichte ran gegangen. Aber aus früheren Geschichten weiss ich ja, dass du Dialoge und das Skizzieren von spannenden Figuren drauf hast.

    Für mich ist das erste Kapitel ein Senkrechtstarter. Du hast in jeder Szene ein spannendes Thema aufgemacht: (Zukünftiger) Kontakt mit fremder Intelligenz, sozialer Druck, selbst meine Erwartung an‘s Anker legen. Ich denke, da sollte für jeden was dabei sein.

    PS: Irgendwie war uns allen doch sofort klar, dass wir im Oval Office auf eine Mrs. President treffen werden. Oder nicht?

  6. Vielen Dank an alle Komentatoren! Ich freue mich, dass ihr dabei seid, und bitte schon mal um Geduld für die folgenden Kapitel. Ich diszipliniere mich, so gut ich kann, aber der Job mit dem Geld hat natürlich Vorrang vor dem Hobby.

    @keoni:
    3. Ich kann dich da wohl einigermaßen beruhigen. Viel mehr wird es voraussichtlich nicht. Ich will ja auch die Übersicht behalten.

    @Joan: Zu 3. musst auch du dir dann mutmaßlich keine Sorgen machen.

    @madove: Freut mich natürlich, wenn ich angenehm überraschen kann.
    3. Die Zusammenfassungen mache ich auf jeden Fall.

    @phntst: 3. Doch, ist ein Datum.
    4. Das ist fast ein bisschen lustig, weil ich den Begriff „Forscher“ keineswegs mit Absicht als Minus zu „Astrophysiker“ gewählt habe, sondern einfach ohne tiefere Absichten als Gegenstück zu „Beamter“. Aber jedenfalls danke für dein Feedback, hilft mir sehr!

    @unendlichefreiheit: 1. Wow. Das bietet auf jeden Fall eine Menge Auswahl. Ich merks mir, danke!
    3. Ja, ich fand den Anfang bei 0 in einer ähnlichen Geschichte auch etwas … strapaziös, aber andererseits auch recht gelungen, (vielleicht auch) deswegen versuche ich mal einen Kompromiss.
    PS: Es ist manchmal gar nicht so einfach zu entscheiden, wann ich dem Bemühen um das Brechen gängiger Rollenklischees den Vorrang gebe, und wann ich mich der daraus folgenden zwanghaft-berechenbaren Neigung widersetze, einfach immer das Gegenteil von dem zu konstruieren, was man sonst schreiben würde, wenn du verstehst, was ich meine.
    In Banjas Szene war zum Beispiel ursprünglich mal eine Protagonistin, bis ich merkte, dass ich das so nicht machen kann. Gepetto dann auch noch umzuwandeln, war mir aber zu doof.

  7. Kennst du eigentlich Galaxy Zoo? http://blog.galaxyzoo.org/
    Dort kannst du für jede Galaxie spektroskopische und visuelle Daten abrufen. In den Papers und Blog erfährt man so einiges über deep space-Galaxien. Also falls du dich an realistische Konstellationen halten willst… 🙂

  8. @whynotveroni: Sehr spannend, danke! Ich bin noch nicht sicher, ob ich es hier verbaue, finde es aber auf jeden Fall schon mal prophylaktisch toll.

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