Generationenschiff (31)


Ups, wie albern! Ich hab schon ganz lange ein neues Kapitel und dachte, das hätte ich auch schon veröffentlicht. Hab ich aber gar nicht. Tse.

Dafür gibts jetzt zwei in ganz kurzer Abfolge. Glaubt ihr nicht? Werdet ihr ja sehen.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Im 21. Kapitel ersteht Kentub von den Toten auf, oder bleibt eigentlich erst mal liegen, erwacht aber immerhin zum Leben, Banja betritt das Schiff der Fremden und trifft dort 1 alten Bekannten, und Kentub droht, an seinen Kolonist*innen zu verzweifeln, aber dann kommt 1 Raumschiff.

Im 22. Kapitel begegnen Kentub und Banja einander wieder, und Nimue und Psmith führen ein nicht unproblematisches Gespräch.

Im 23. Kapitel erleben wir eine entgleisende Demonstration gegen Präsidentin Simas geheime Projekte.

Im 24. Kapitel reden Kentub und Jole über das Hydrokulurset, Nimue und Psmith über Waffen, Rodney will mit der Präsidentin sprechen, und Jole und Piedra gehen auf eine Reise.

Im 25. Kapitel versucht Nimue vergeblich, schlafen zu gehen, Jole und Piedra versuchen weniger vergeblich, zu Nimues Siedlung zu reisen, und Nimue ist wiederum relativ erfolgreich mit ihrem Versuch, Psmith zu verprügeln, nachdem sie ihm in den Gang gefolgt ist.

Im 26. Kapitel muss Rodney Sima eine schwierige Mitteilung machen, Jole und Piedra erreichen Nimues Siedlung, und Banja plaudert mit dem Fremden.

Im 27. Kapitel bekommt Präsidentin Sima unerwarteten und unwillkommenen Besuch, während Psmith wiederum einen solchen abstattet und angemessen begrüßt wird.

m 28. Kapitel planen Kentub und Jole Verhandlungen mit Nimue, Banja besucht sie, und Präsidentin Sima führt ein weiteres unerquickliches Gespräch mit den beiden Repräsentantinnen.

Im 29. Kapitel
werden Manju und Jim evakuiert, Sima führt ein unerquickliches Gespräch im Krisenraum, Banja, Kentub und Jeanne diskutieren den Wunsch der Fremden nach einer Expedition, Colin Blye findet den Tod, und Banja und Jeanne plaudern noch ein bisschen.

Im 30. Kapitel hält Jole Kentub zurück, während Banja und Jeanne den frisch gegrabenen Tunnel erkunden, und es findet ein großes Palaver in einem virtuellen Raum statt. Abgefahrenes Kapitel, alles in allem.

Was heute geschieht

01.30.149
„Vergiss es!“, sagte Nimue.
Sie schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern, breitete die Arme in einer Das-geht-echt-zu-weit-da-kann-ich-euch-auch-nicht-mehr-helfen-Geste aus.
„Wir haben wirklich lange drüber nachgedacht“, sagte Jole. „Uns fällt kein anderer Weg ein.“
„Und ihr habt mich nicht eingeladen? Ich glaube, ich hatte Kentub gesagt, was passiert, wenn ihr noch mal einen Beschluss fasst, ohne m…“ Nimue zögerte kurz, bevor sie fortfuhr: „… jemanden von uns einzuladen.“
„Wir haben noch keinen Beschluss gefasst!“, widersprach Jole. „Wir haben nur überlegt, was überhaupt Sinn ergeben kann und was wir dir vorschlagen können. Ich will nicht zu parteiisch klingen, nur weil ich zu einer Partei gehöre, aber es ist nicht unsere Schuld, dass eure Siedlung so weit weg ist und sich unter der Erde … oder dem Eis befindet und wir euch deshalb nicht per Funk kontaktieren können. Wenn ich einen halben Tag unterwegs bin, dann will ich schon vorher ein bisschen abgestimmt haben, was ich überhaupt mit dir zu besprechen habe. Aber wenn du willst, bitte, dann komm mit und sei dabei!“
Nimue schaute auf ihre Hände und schwieg ein paar Herzschläge lang mit zusammengekniffen und nachdenklich von links nach rechts wandernden Lippen.
„Na gut, ja, meinetwegen“, grummelte sie schließlich. „Aber ihr könntet genauso gut zu mir kommen.“
„Ich bin zu dir gekommen!“, rief Jole.
„Schon gut.“ Nimue machte eine wegwerfende Handbewegung. „Lass uns wieder über das eigentliche Thema reden.“ Sie räusperte sich, richtete sich auf, hob die Arme ein wenig und intonierte: „Vergiss. Es!“
„Es wäre nur 20%! Das wär wahrscheinlich sogar gesund, oder zumindest nicht schädlich.“
„Ich setze meine Leute nicht auf reduzierte Rationen, damit ihr Ameisen füttern könnt!“
„Sogar wenn du sie unbedingt mit irdischen Insekten vergleichen willst, sind sie eher Termiten“, sagte Jole, „und das stimmt auch nicht und wäre wahrscheinlich beleidigend, wenn wir irgendeinen Hinweis darauf hätten, dass sie überhaupt bei Bewusstsein sind.“
Nimue zuckte die Schultern.
„Es bleibt trotzdem dabei, und wenn sie Hamster wären, ich lasse keine Menschen hungern, um denen was zu fressen zu geben. Die haben sowieso schon genug, sie brauchen unser Essen nicht mal! Und wenn du glaubst, dass es dir irgendwie hilft, jetzt auch noch mit mir drüber zu diskutieren, ob irgendwas, was ich sage, die Ameisen beleidigt, dann denk vielleicht noch mal drüber nach!““
Jole schaute Nimue mit gehobenen Brauen an.
„Du bist doch die, die versucht hat, den Rest deiner Leute hier davon zu überzeugen, dass es sich lohnen kann, mit ihnen …“
Nimue unterbrach sie: „Das heißt nicht, dass ihre Gefühle mir wichtiger sind als der Ernährungszustand meiner Leute, insbesondere, solange ich noch nicht mal weiß, ob sie überhaupt Gefühle haben!“
Jole seufzte. „Ja gut. Sie graben jedenfalls nicht weit genug, wenn die Pheromone sie nicht irgendwann tatsächlich zu irgendeiner Art Beute führen. Und du kannst dir sicher ganz leicht selbst ausrechnen, was es heißt, wenn unsere Gruppe die Differenz alleine auszugleichen versucht.“
„Dann benutzt ihr vielleicht die falschen Pheromone?“
„Vielleicht, aber wir haben halt keine besseren!“
Noch ein Schulterzucken.
„Dann setzt doch eure Leute auf 60% Rationen. Wie gesund muss das erst sein!“
„Nimue, ich hab dir nie irgendwas getan.“
„Kann man so oder so sehen. Aber darum geht’s mir auch nicht. Ich finds wirklich nicht in Ordnung. Und ich weiß nicht mal, ob ichs durchbekäme, wenn ichs versuchen würde.“
„Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden!“
Nimue lachte.
„Hast du ein Headset mit Verbindung zu Kentub im Ohr?“
„Hey, ich bin auch manchmal lustig.“
„Aber normalerweise nicht so dumm.“
Jole grinste.
„Stimmt natürlich. Trotzdem.“
„Trotzem, was anderes: Wer sagt denn, dass es so viel sein muss? Das könnt ihr doch noch gar nicht wissen. Können wir nicht erst mal eine ganz leichte Rationierung ausprobieren?“
Jole seufzte.
„Darüber haben wir natürlich auch gesprochen …“
„Vielleicht gar nicht so klug, mich immer wieder dran zu erinnern, dass ihr das alles schon ohne mich besprochen habt.“
„Wir haben doch aber nicht …“
„Du weißt, worum es mir geht.“
„Ja“, sagte Jole. „Gut. Also: Wir wollten kein unnötiges Risiko eingehen. Wir wissen nicht, wie viele Chancen wir bekommen, und wenn wir sie mit den Pheromonen locken und sie merken, dass da nichts dahinter steckt, oder nicht genug, kann es passieren, dass die daraus lernen.“
„Insekten lernen nicht.“
„Aber Insektenstaaten könnten. Außerdem sind sie keine Insekten. Das ist eine gefährliche Annahme, nur weil sie so aussehen. Und sie sehen nicht mal RICHTIG so aus, sie sind ungefähr 10.000mal größer, und das ist nur der offensichtlichste Unterschied. Es muss noch mehr geben, denn wenn sie einfach nur skaliert wären, könn-“
„Ich weiß, Jole, ich habs auch nachgelesen.“
„Ich sag jetzt nicht, dass ich es nicht nachlesen musste.“
„Verdammt noch mal ich auch nicht, aber ich war bescheiden.“
Jole lächelte.
„Ich hab das irgendwie verlernt“, sagte xier.
„Du bist in schlechter Gesellschaft. Falls du das mal ändern willst …“
„Schon klar. 15%.“
„10.“
„Komm. 15. Nur eine Woche, oder höchstens 2.“
Nimue stöhnte.
„Vielleicht wärs sogar leichter gewesen, wenn Kentub selbst gekommen wäre.“
„Weil du lieber mit dem Kapitän-“
„Quatsch! Aber ich weiß, dass er dich schickt, weil er genau weiß, dass es mir viel leichter fällt, ihm was abzuschlagen. Dass du hier bist, ist manipulativ, und ich lass mich nicht gerne manipulieren, insbesondere nicht von Kentub.“
„Ich … weiß nicht, was ich dazu jetzt sagen soll. Außer vielleicht … Hast du mal dran gedacht, dass er vielleicht genau diese Reaktion erwartet, und …“
„Du hast wirklich ein Headset, oder? 12.“
Jole verdrehte die Augen und streckte eine Hand aus. „Abgemacht.“
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Die Kriegerin, die sich als Nachfolge der Person Psmith empfand, war ein Fremdkörper im Zweiten Volk. Sie empfand sich selbst als Fremdkörper, und gelegentlich wurde sie von ihrem Volk auch als Fremdkörper erkannt. Die Fremden hatten einen Weg gesucht, einen Einfluss auf das Volk zu gewinnen, aber sie verstanden nicht, wie die emergente Schein-Intelligenz der Völker funktionierte, deshalb war ihr Versuch fast vollständig gescheitert.
Fast.
Denn die Kriegerin, die sich als Nachfolge der Person Psmith empfand, und die wir deshalb von nun an der Einfachheit halber Psmith nennen wollen, neigte zwar nicht intrinsisch zu großem Arbeitseifer und starker Dedikation zu einmal begonnenen oder gar zugewiesenen Aufgaben, tat sich aber andererseits auch schwer damit, aufzugeben und eine Niederlage anzuerkennen. Psmiths charakterprägende Arroganz erlaubte ihm nicht, sich damit abzufinden, dass er nun eine Kriegerin im Ersten Staate war und dies bis an ihr Lebensende bleiben würde.
Und so arbeitete er stattdessen weiter an seinem Auftrag, weil die Fremden geschickt genug mit dem für sie immer noch schwer verständlichen menschlichen Bewusstsein umgegangen waren, um es trotz seiner Dysfunktionalität und Widerspenstigkeit in ihren Dienst zu zwingen.
Psmith konnte nicht mit den anderen Mitgliedern des Staates reden, oder irgendetwas Analoges dazu tun, wie er sich als Mensch mit anderen Menschen ausgetauscht hatte. Die Arbeiterinnen und Kriegerinnen des Staates hatten wenig miteinander auszutauschen, weil sie keine Personen waren, keine Individuen.
Dennoch fand eine Art von Kommunikation zwischen ihnen statt, denn sie hatten Informationen auszutauschen. Sie folgten einander über die direktesten, am wenigsten aufwändigen Wege zu den größten, am leichtesten abzubauenden Vorräten an Nahrung, Baumaterial, anderen Ressourcen. Sogar Informationen sammeln und verwerten die Staaten auf ihre Art, so wie sie den neuen Stern am Nachthimmel wahrgenommen hatten, als die Humanity ihren Antrieb zündete, um ihre Geschwindigkeit für den Orbit um Last Hope anzupassen.
Auch wenn diese Prozesse völlig anders ablaufen als zwischen Menschen, kann Psmith sie beeinflussen. Aber es ist mühsam. Die Organe des Staates kommunizieren nicht direkt, sondern beeinflussen einander und bewirken damit Veränderungen im Zustand der gesamten Organisation, die sich wegen deren Größe und Komplexität im Vorhinein kaum abschätzen lassen. Die Staaten sind keine Gruppen aus Individuen, sie sind in dieser Hinsicht besser vergleichbar mit sehr großen mechanischen Rechenautomaten, deren Arbeitsschritte zwar in irgendeiner Weise zu den Konzepten in Psmiths Verstand analog sind, ihnen aber nicht entsprechen und in keinem ihrer Elemente geradlinig übersetzbar sind.
Seine Bemühungen werden darüberhinaus vorrangig von seinem Mangel an Verständnis gebremst, denn die Staaten haben Abwehrmaßnahmen gegen Manipulation von innen entwickelt.
Auch wenn ihre automatenhafte Struktur keine Ziele und Absichten kennt, entstehen doch Prozesse, die denen von Spionage und Gegenspionage in menschlichen Gesellschaften nicht völlig unähnlich sind, so wie die Evolution von Keimen und Immunsystemen in höheren Lebewesen ihnen ähnelt, ganz ohne einen dahinter stehenden Intellekt, ganz ohne ausdrücklichen Zweck.
So ist es in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder geschenen, dass Arbeiterinnen, Kriegerinnen, sehr selten sogar eine Königin – Kategorien, die sogar bei irdischen Insekten schon so verlockend wie irreführend wirken –, von einem Staat in den anderen überliefen. Manches Mal erfüllten sie dort tatsächlich einfach nur ihre Funktion, obwohl dies im Laufe der Zeit immer seltener vorkam, weil die Strukturen der Staaten sich immer weiter voneinander entfernten, und immer wieder, immer häufiger kam es stattdessen so, dass sie nur scheinbar dem neuen Staat dienten, und in Wahrheit weiterhin den nur analog existierenden Interessen ihres ursprünglichen Organismus.
Diese Doppelagentinnen taten und tun im Ergebnis, was auch Psmith nun beabsichtigt: Sie manipulieren den Staat, dem sie vorgeblich dienen, sie stören oder nutzen den einen aus, auf dass der andere davon profitiere.
Als Reaktion darauf haben sich in beiden Staaten Abwehrmechanismen entwickelt, teilweise in der Art, wie die Mitglieder der Staaten miteinander interagieren und auf Signale reagieren, teilweise auch in baulichen und strukturellen Maßnahmen sowie in einer Verfeinerung oder sogar regelmäßiger Veränderung der Pheromone.
Aber ein anderer Teil der Abwehrmechanismen besteht nicht nur in Verhaltensänderungen der Staaten. Ein Teil der Abwehrmechanismen sind auch die Jägerinnen.
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Psmith folgte der Arbeiterin durch die teilweise überraschend schmalen Gänge des Baus. Nur durch die auf irritierende Weise zugleich fremden und doch zu ihm gehörigen … Instinkte des Wesens, das sich nun als Psmith empfand, gelang es ihm, seine Abscheu dagegen zu überwinden, seinen noch immer manchmal verwirrend großen sechsbeinigen Körper durch das Eis zu schieben. Die kleinere Arbeiterin war ihm gegenüber im Vorteil, und so musste er sich darüber hinaus noch besonders beeilen. Das hatte zumindest den Vorteil, dass es ihn ein wenig von der grässlichen Enge ablenkte, und von der Angst, einfach stecken zu bleiben und ihm Eis zu verhungern … zu erfrieren? Verdursten?
Würde er sich vielleicht sogar befreien können?
Immerhin war er ja nun eines der Wesen, die diese Tunnel gegraben hatten, wenn auch eine Sorte, die dafür eigentlich nicht zuständig war.
Er nahm sich vor, es niemals herauszufinden.
Das Leben auf der Humanity gestattete keine übermäßige Klaustrophobie, aber als Arzt hatte Psmith nie durch die Lüftungsschächte kriechen müssen, hatte nie Wasserleitungen auszutauschen versucht, und hatte so nur eine sehr leichte Form der Enge und Bedrängtheit des Raumschiffes empfunden, die mit der unmittelbaren, bedrückenden Erfahrung wenig gemein hatte, die ihn jetzt zwang, seine Beine so eng wie möglich anzuziehen und sich Stück für Stück damit voranzuschieben.
Immerhin war er*sie als Kriegerin mit harten, scharfen Klauen an den Enden seiner*ihrer Gliedmaßen ausgestattet, die sich hervorragend im Eis verhakten und ihm so erlaubten, der Arbeiterin schnell genug zu folgen, um die Spur nicht zu verlieren.
Natürlich konnte er*sie ihrer Pheromonspur folgen, auch wenn er sie nicht mehr sah, aber die Reichweite war sehr begrenzt, und er*sie hatte nicht genug Erfahrung damit, um sicher die vielen Arbeiterinnen des Staates unterscheiden zu können.
Die Ureinwohnerinnen von Last Hope hatten keine Ohren, die denen von Menschen vergleichbar gewesen wären, aber sie spürten Erschütterungen in Oberflächen mit sehr empfindlichen, härchenähnlichen Auswüchsen an ihren Füßen.
So konnte Psmith nun auch, während er*sie sich durch den engen Tunnel zog, Erschütterungen spüren von Bewegungen, hinter sich.
Er*sie vermutete, dass eine Arbeiterin zufällig in derselben Richtung unterwegs war, und seine*ihre Instinkte aus der Fusion mit der Kriegerin trugen dazu bei, jegliches unangenehme Gefühl zu beseitigen, das ein Mensch empfinden könnte, weil jemand ihm*ihr folgt, ohne dass er*sie die Verfolgerin sehen konnte.
Dennoch war er*sie ganz froh, als der Tunnel schließlich hinter ihm*ihr lag und er*sie sich umdrehen konnte.
Aber da war nichts.
Und die Erschütterungen kamen auch nicht mehr von dort, nur noch von vorne, in Richtung der Pheromonspur. Psmith folgte ihr.
Durch eisige Gänge, hinauf und hinab, vorbei an und über andere Pheromonspuren hinweg.
Es war für Psmith zugleich ein sonderbares und vollkommen alltägliches Gefühl, und dieser permanente innere Konflikt machte sie*ihn rasend, aber er*sie hatte nicht die Muße, sich darauf zu konzentrieren, deshalb war es wie ein ewiges Jucken, das er*sie nicht kratzen konnte, und das machte sie*ihn noch rasender.
Immerhin kam er*sie näher heran; ihr*sein merkwürdiger Instinkt erlaubte ihm*ihr, recht präzise das Alter der Spur zu bestimmen. Nicht mehr lange, dann würde er*sie endlich …
In der routinierten wellenähnlichen Bewegung der sechs Beine setzte etwas aus, und Psmith stockte.
Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in seinem*ihren fremden und doch irgendwie eigenen Körper aus, beginnend am hinteren Ende.
Leichtigkeit.
Kälte?
Was…?
Als sie*er versuchte, sich umzudrehen, misslang die Bewegung, und Psmith fiel.
Was war …?
Etwas … bewegte … ihn*sie? Psmith sah die ganze Welt um sich herumgleiten, obwohl er*sie selbst keine Bewegung ausführte, und es war für einen Moment schwindelerregend und verwirrend, bis er*sie verstand.
Es war schon wieder so sonderbar, denn aus ihrer*seiner zugegeben ohnehin schon verwirrenden Perspektive wirkte es so, als würde die Kreatur, die ihren*seinen Körper zerstückelt hatte, nun seinen*ihren Kopf anheben, sich vor das Gesicht (Wenn Psmith die Struktur vor sich so nennen wollte) halten und ihm*ihr mit ihren schwarzen ausdruckslosen Facettenaugen in seine eigenen schwarzen ausdruckslosen Facettenaugen sehen.
Aber vielleicht war das auch nur der letzte verwirrte Deutungsversuch eines sterbenden Strickleiternervensystems, war der letzte verwirrte Deutungsversuch seines*ihres sterbenden Strickleiternervensystems.

06.30.149
„Es ist eine Tür“, sagte Kentub. „Oder?“
Banja stimmte zu. „Ja, scheint mir auch so.“
„Können wir sie öffnen?“
„Das ist der schwierige Teil. Ich glaube, wir nicht.“
„Sag mir nicht, dass wir das alles umsonst …“
„Nein nein“, sagte Banja. „Ich glaub schon, dass die Fremden da einen Plan haben.“
„Warum wissen wir so was denn nie? Warum müssen wir über sie mutmaßen wie die alten Griech*innen über ihre Gött*innen? Zumindest du weißt doch, wie wir sie erreichen können, oder?“
„Einen von ihnen“, sagte Banja.
„Reicht mir“, sagte Kentub.
„Du weißt das doch alles schon. Hör einfach auf zu quengeln, es nützt doch nichts.“
„Es entspannt mich ein bisschen. Das ist nicht nichts. Aber pass auf, als Beweis für meine konstruktive Grundhaltung versuchen wir jetzt erst mal gemeinsam, die Tür ohne Hilfe der Fremden aufzumachen.“
„Vielleicht können wir die Ureinwohnerinnen dafür auch irgendwie einsetzen. Das mit dem Graben hat doch gut funktioniert, als wir erst mal das Prinzip raushatten.“
„Das mit dem Graben war auch eher eine Sache von schierer Kraft und Arbeitseinsatz“, widersprach Kentub. „Irgendwas sagt mir, dass das mit dieser Tür so nicht klappen wird. Durch Eis graben ist das eine, aber das hier …“
Kentub klopfte gegen das glatte, matt seidig schimmernde Material.
„Ich weiß nicht mal, was das ist, und ich glaube, ich will den Handschuh lieber nicht abnehmen.“
„Angst, dran festzukleben?“, fragte Banja.
„Zum Beispiel. Ich bin außerdem nicht …“
„Was?“
Banja konnte den Gesichtsausdruck seines Vaters durch die Platte im Helm des Thermoanzuges nicht so richtig deuten.
„Jeanne.“
Banja schnitt eine Grimasse.
„Was ist mit ihr?“
„Sie kommt auf uns zu gelaufen. Schnell.“
Banja wandte sich zu ihr um und sah, dass Jeanne tatsächlich in untypischer Geschwindigkeit durch den Tunnel zu ihnen eilte. Im Gegensatz zu seinem Vater, der nicht über die verstärkten Sinne eines von dem Fremden veränderten Menschen verfügte, sah er außerdem, dass sie nicht allein war, sondern ihrerseits verfolgt wurde.
„Dreck“, zischte Banja.

 

Lesegruppenfragen (Ja, die gibts bis zum Schluss, mir egal.)

1. Glaubt ihr, dass es eine Tür ist?

2. Wie steht ihr zu Psmiths Tod?

3. Findet ihr, dass Jole gut verhandelt hat?

4. Fandet ihr die Schilderung vor Psmiths Tod einigermaßen zugänglich?

 

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