Generationenschiff (21)


Bei What Rough Beast haben wir gerade Terminfindungsprobleme, aber bei Generationenschiff gibt es natürlich nie Probleme, ist ja klar, deswegen erscheint pünktlich wie immer das neue Kapitel.

Viel Spaß!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Was heute geschieht

46.42.97
„HHUUUUAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA“
Kentub atmete ein, und es war ein bemerkenswert unangenehmes Gefühl. Er lag am Boden. Das war auch unangenehm. Aber vor allem war es unerwartet. Alles tat weh. Manches mehr, manches weniger. Das Atmen tat auch weh. Sein Hals, sein Mund, seine Lippen, alles war völlig verkrustet und eingetrocknet.
Sogar seine Augen fühlten sich an, als hätte jemand die Lider durch Sandpapier ersetzt.
„Uahrghhhrch.“
„Das Unwohlsein, das Sie empfinden, ist eine unvermeidbare Folge Ihrer Situation“, sagte Jeanne, und für einen Moment fühlte Kentub sich immerhin bei genügend klarem Bewusstsein, um sich zu wünschen, etwas antworten zu können wie ‚Du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich jetzt bin!‘
Stattdessen brachte er zu seinem großen Bedauern nur ein kaum verständliches „Uang?“, hervor.
„Sie werden sich innerhalb weniger Stunden vollständig erholt haben, wenn wir den fremden Lebensformen glauben können.“
Jetzt bedauerte Kentub, nicht sagen zu können: ‚Meine Erleichterung nimmt ernsthaft besorgniserregende Ausmaße an!‘
Stattdessen krächzte er: „Uck“, und hoffte, dass die Botschaft trotzdem ankommen würde.
„Frrchfffrchkk?“
„Das Rendezvous mit dem Fremden Schiff hat sich verzögert, und ein Großteil der Besatzung ist deshalb verstorben“, erläuterte Jeanne in bemerkenswert akkurater Deutung seiner mangelhaft artikulierten Frage.
„Irchknng?“
„Auch Sie sind verstorben, ja“, antwortete Jeanne. „Die Fremden verfügen über Technologie, die es ermöglicht, dies zu beheben.“
Kentub staunte darüber, dass eine Lebensform, die noch nie mit Menschen in Kontakt geraten war, über eine Technologie verfügen sollte, die geeignet war, menschliche Körper aus dem toten Zustand wieder zu erwecken.
Aber er machte sich keinerlei Illusionen über seine Fähigkeit, diese Skepsis angemessen pointiert zu kommunizieren und darüber eine Diskussion mit Jeanne zu führen, zumal sie im Gegensatz zu ihm nicht nur dabei gewesen war, sondern sich natürlich perfekt an alles erinnern konnte, und zumal er sich außerdem tatsächlich sehr überzeugend so fühlte, als wäre er verstorben.
Natürlich konnte er immer noch bezweifeln, dass er jetzt wieder lebendig war. Er entschied sich nach kurzer Bedenkzeit dafür.
„Nk hssk?“
„Die Fremdem haben mir mitgeteilt, dass ein Austausch der Besatzungsmitglieder in Kürze möglich ist und sie bereit sind, selbst die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Humanity ihre Repräsentantin beherbergen kann. Offenbar benötigt die Fremde Rasse sehr andere Bedingungen als Sie. Die Aufnahme unseres Repräsentanten soll an Bord ihres Schiffes dennoch problemlos möglich sein. Dass sie die Besatzung der Humanity trotz bereits eingetretenen Todes zu retten vermochten, macht diese Behauptung für mich plausibel. Da nach meiner Einschätzung ohnehin keine realistische Möglichkeit besteht, uns ihren Wünschen zu widersetzen, erübrigt sich eine weitere Prüfung dieser Frage.“
„Pfrchn.“
Kentub hätte gerne mehr über den Repräsentanten der Humanity gewusst. Immerhin war Banja sein Sohn. Aber er hatte den Eindruck, dass Jeanne auch nicht viel mehr wusste als er, und er war außerdem auch gar nicht in der Lage, Fragen zu stellen. Was ihn zu der Frage brachte, wie er am besten vermitteln konnte, dass es ihm zwar gefiel, wieder am Leben zu sein, dass er aber immer noch katastrophal dehydriert war und deshalb dringend Wasser benötigte.
Er versuchte es mit einer Trink-Geste und einem „Hrngngng?“
Jeanne verstand, zu seiner großen Erleichterung, reagierte aber nicht sehr hilfreich, zu seiner geringfügigen Enttäuschung.
„Es wird Ihnen in wenigen Minuten spürbar besser gehen, aber die Fremden haben auch unsere Wasserversorgung wieder instand gesetzt, sodass Sie in circa einer halben Stunde ein Getränk erhalten können.“
Kentub ließ seinen Kopf zurück auf den Boden sinken, erwog kurz eine Daumen-hoch-Geste, entschied sich dann aber nach oberflächlicher Analyse seiner physiologischen Ressourcen dagegen.

87.42.97
Banja konnte seinen Herzschlag bis in die Fingerspitzen fühlen, als die äußere Tür der Luftschleuse sich vor ihm öffnete. Normalerweise nutzten nur die Hüllenmechanikerinnen die Luftschleuse, um die Humanity zu verlassen und Schäden an ihrem Äußeren zu beheben, oder Umrüstungen an den Sensoren oder anderen Außenanlagen vorzunehmen.
„Die Hüllenmechanikerinnen“, murmelte er, während er in die Schleuse eintrat.
Piedra. Sicher hatte Piedra als letzte die Schleuse benutzt. Naja. Das letzte Treffen war immerhin ganz nett gewesen.
Banja kicherte nervös und dachte, dass zum Glück nur er selbst darüber schreiben würde, wie der erste körperliche Kontakt zwischen Menschheit und Fremden abgelaufen war, und deshalb keine Gefahr bestand, dass jemals jemand erfahren würde, was für ein Unsinn ihn dabei beschäftigt hatte.
Zumindest hoffte er, dass die Fremden seine Gedanken nicht lesen konnten.
Banja schluckte. Über die Möglichkeit hatte er noch gar nicht nachgedacht, und sich damit vergleichsweise wohlgefühlt.
Die zweite Tür der Schleuse öffnete sich, und immerhin war er gar nicht dazu gekommen, sich zu fragen, wie es wohl sein würde, wenn da draußen doch kein Schiff auf ihn wartete, sondern nur die kalte Leere des interstellaren Raums. Er hatte es vor langer Zeit mal gelesen, aber er erinnerte sich nur unvollständig.
Soweit er noch wusste, hatte ein Mensch eine Chance, wenn er vorher möglichst vollständig ausatmete und nur kurze Zeit im Vakuum verbrachte. Zumindest, wenn anschließend gute medizinische Versorgung gewährleistet war. Da davon zurzeit keine Rede sein konnte, musste er sich nicht zu schlecht fühlen, nicht ans Ausatmen gedacht zu haben.
Und es war tatsächlich ein Schiff hinter der Tür. Oder zumindest sah es für ihn so aus. Auf der anderen Seite der Schleuse erwartete ihn ein Raum, der ihn durch seine Normalität beinahe enttäuschte.
Es war ein Raum aus metallenen Wänden, der sich eigentlich nur dadurch auszeichnete, dass Banja, auch nachdem er ihn betreten hatte, noch keine weitere Tür ausmachen konnte.
Er schaute sich in dem nackten stählernen Raum um und erwog, seine ursprüngliche Einschätzung zu revidieren. Zwar sah er nirgends eine fremde Lebensform, einen Stuhl für jemanden mit acht Beinen und ohne Hinterteil, oder einen transdimensionalen Materietransmitter, aber die schiere Leere machte ihn nervös.
Und dann sah er, dass auch anstelle der einen Tür nun nur noch eine nackte Wand hinter ihm war. Und etwas in ihm zog sich zusammen.
Er drehte sich einmal um sich selbst, ein zweites Mal, und stellte mit Unbehagen fest, dass er schon nicht mehr sicher war, wo die Tür sich ursprünglich befunden hatte.
„Ich hätte zu Hause bleiben sollten“, murmelte er.
Banja trat näher an die vor ihm liegende Wand heran, betrachtete sie, fand nichts Auffälliges an ihr – und klopfte, unsicher, ob er sich überhaupt eine Reaktion wünschte, oder ob er es vorzog, wenn einfach nichts passierte.
„Hallo?“
Was auch immer er bevorzugt hätte: Nichts geschah.
Banja ging zur nächsten Wand, nach rechts. Er hielt inne, wandte sich um und ging stattdessen nach links. Fühlte sich jetzt gerade richtiger an. Er klopfte wieder gegen die Wand.
Sie klang wenig überraschend wie eine dicke metallene Wand.
„Ist das ein Spiel?“, fragte er in den leeren Raum.
Niemand antwortete.
Vielleicht war es auch ein Test. Wie ein Labyrinth für eine Ratte. Auf der Humanity gab es keine Ratten, aber er wusste, dass früher Mäuse und Ratten für Experimente eingesetzt wurden und zum Beispiel Labyrinthe durchlaufen mussten. Er hatte irgendwann einmal ein paar Videos von solchen Experimenten gefunden, und einige von ihnen waren zum Sterben niedlich. Er hoffte, dass es den Mäusen und Ratten gut ging und dass man für pharmazeutische Experimente andere nahm als für die Verhaltens- und Intelligenzforschung. Weniger niedliche idealerweise.
„Findet ihr mich niedlich?“, fragte er. Natürlich antwortete niemand. Er seufzte. „Hoffentlich.“
Und dann schrie er beschämend laut auf und zuckte so heftig zusammen, dass er beinahe umfiel, als er sich zur Seite drehte und sah, dass die Wand links von ihm durchsichtig geworden war. Er sah durch die nun plötzlich kristallklare Wand die Fremden, und er brauchte in seinem Schreck und seiner Angst und seiner Scham und seiner Wut auf die Fremden dafür, dass sie ihn so erschreckt hatten und auf sich selbst, dass er so erbärmlich reagiert hatte, fast eine ganze Minute, bis er erkannt hatte, dass es drei waren, und sich so weit gesammelt, dass er anfangen konnte, sich zu überlegen, wie er auf sie reagieren wollte.
Die drei Kreaturen, die ihn an schimmernde Kreuzungen aus Quallen und Tintenfischen erinnerten, und dann doch wieder gar nicht, weil sowohl Quallen als auch Tintenfische erkennbare Köpfe hatten, oder zumindest etwas, was so aussah, während diese … Dinger einfach nur aus wogenden, blinkenden Armen zu bestehen schienen.
Banja zwang sich, seinen Widerwillen zu überwinden und näher an die durchsichtige Wand zu treten.
Er schaffte es nicht so nah, wie er wollte, aber er hatte auch nicht den Eindruck, dass er sonst mehr hätte erkennen können. Das Blinken der Arme wirkte manchmal gleichmäßig und beruhigend, fast hypnotisch, und manchmal fast zufällig und eher irritierend. Ob sie damit irgendeine Botschaft übermittelten? War es ihr Äquivalent zu einem Gesichtsausdruck?
Vielleicht sogar zu Sprache, dachte er.
Banja atmete tief durch und sagte: „Hallo.“
Er hob eine Hand, um zu winken. Natürlich bewegten sich die Arme der Fremden, aber er sah eigentlich keinen Grund zu der Annahme, dass das eine Reaktion auf ihn war. Sie schienen sich einfach immer zu bewegen.
Dann dachte er, dass sie das vielleicht nicht mal waren. Vielleicht war er hier nur einfach im Zoo der Fremden, und dies war irgendeine völlig andere Spezies, vielleicht auch mehr oder weniger intelligent, vielleicht nicht, und sie hatten ähnlich wenig Kontrolle über irgendetwas hier wie er selbst.
Oder es war dieselbe Spezies, aber nicht die Individuen, die das Schiff kontrollierten, sondern Gefangene.
Er wusste eben einfach gar nichts, und hatte nicht mal irgendeine Grundlage, um etwas zu erraten. Sogar wenn sie zu ihm sprechen sollten, konnte er eigentlich nicht
„Wir sind Fremde“, sagte eine Stimme, die nirgendwoher zu kommen schien. War sie nur in seinem Kopf, oder war sie überall?
„Ich auch, schätze ich“, antwortete Banja.
„Ein Fremder ist nur ein Freund, den du noch nicht kennengelernt hast.“
Banja wirbelte herum zu der Stimme, die plötzlich hinter ihm erklang.
„Was- oh Frack nein bitte nicht oh Mann.“
Banja hatte keine Ahnung, wo Psmith hergekommen war, aber jetzt stand der ehemalige Arzt der Humanity jedenfalls vor ihm, mit einem eisigen Lächeln und einem starren Blick, der für Banja so laut ‚MENTAL SCHWER BEEINTRÄCHTIGTER MASSENMÖRDER“ zu schreien schien, dass ihm nur eine Erklärung dafür einfiel: Psmiths Gesichtsausdruck war genau wie immer, und Banja interpretierte jetzt in dieser bedrohlichen Situation sein Wissen über die mörderischen Neigungen des Schiffsarztes hinein.
Na gut, eine andere Erklärung gab es natürlich noch, nämlich dass Psmith nach seiner Enttarnung, dem Prozess und seinem schmerzvollen Tod völlig den Verstand und jede Absicht, sich zu verstellen, verloren hatte. Das war auch eine Erklärung. Keine gute, aber eine … realistische.
„Hallo“, sagte Banja.
„Hallo“, sagte Psmith, und trat einen Schritt auf ihn zu.

2.25.149
„HHUUUUAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA“
Kentub vergrub das Gesicht in den Händen.
Jole klopfte ihm auf die Schulter.
„So schlimm ist es doch auch wieder nicht.“
„Ich verstehe einfach nicht“, sagte er, gedämpft durch die Hände vor seinem Gesicht, „Wie es sein kann, dass die … Wie viele waren es ursprünglich? 50 besten und geeignetsten und klügsten und konstruktivsten und stressresistenten und abenteuerkompatibelsten Menschen aus unvorstellbaren 12 Milliarden ausgewählt werden, so dass sie ideal zusammenpassen und das perfekte Team bilden, um den Fortbestand der Menschheit zu garantieren – und dann kommen wir dabei heraus?? Ich verstehe es nicht.“
„Wir sind doch nicht mal die 50. Keine von denen lebt noch.“
„Jeanne, waren die ursprünglichen 50 besser als wir?“
„Nach welchem Maßstab?“
„Wärst du lieber mit ihnen oder mit uns hier?“
„Ich habe keinerlei“
„WENN DU HALT WOLLTEST, DASS DIE MENSCHHEIT FORTBESTEHT LIEBE GÜTE!“
„Ich halte die Frage für irrelevant und beabsichtige deshalb nicht, erhebliche Ressourcen darauf zu verwenden, aber eine oberflächliche Einschätzung führt mich zu dem Ergebnis, dass Sie besser geeignet sind, um den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten.“
„Siehst du!“
Jole nickte zufrieden.
Kentub blickte vorsichtig hinter seinen Händen hervor.
„Ist es, weil wir unsterblich sind?“
„Ja“, antwortete Jeanne.
„Siehst du?“
Jole verdrehte die Augen.
„Ich kann zumindest verstehen, dass es nicht an der inspirierten, entschlossenen und geschickten Füh- Was zum…?“
„Jeanne“, rief Kentub, so laut er konnte (Er wusste natürlich eigentlich, dass ihre Mikrophone sensibel und lärmresistent genug waren, dass er auch leiser hätte sprechen können, aber er konnte nicht anders.), „Ist das ein ‚Schnell raus um zu gucken was los ist‘-Geräusch oder ein ‚Bloß drin bleiben und sich verstecken‘-Geräusch?“
„Das erste für mich, das zweite für Sie“, erwiderte Jeanne, schon auf dem Weg zur Zeltklappe.
Jole folgte ihr. „Für mich auch.“
Kentub stand kurz unentschlossen da und krabbelte dann schließlich unter den Tisch.
„Ich arbeite nur hier“, murmelte er.

7.25.149
„Ist das … ein Raumschiff?“, fragte Jole, und die Frage schien ihr gleichzeitig in ihrer Verblüfftheit sehr lächerlich, weil sie gerade vor Kurzem selbst mit einem Raumschiff hier angekommen war, aber wiederum auch sehr gerechtfertigt, weil es das einzige Raumschiff war, von dessen Existenz sie wusste.
Das Einzige bis auf-
„Es ist ein Schiff der Fremden“, antwortete Jeanne, „Aber nicht das, dem wir bereits begegnet sind. Dieses ist erheblich kleiner.“
Jole hatte das Schiff damals gesehen. Es war nicht auf die Art fremdartig ästhetisch gewesen, wie sie auf der Basis von Science Fiction und vielleicht auch der Anmutung des Fremden an Bord der Humanity hätte vermuten können, aber sie hätte es natürlich trotzdem mühelos wiedererkennen können, weil es eben das einzige Raumschiff überhaupt war, das sie je von außen gesehen hatte. Dass sie auf Jeannes Auskunft angewiesen war, lag daran, dass sie von hier unten aus nichts außer einer gleißenden Scheibe am Himmel sehen konnte.
„Täusche ich mich, oder ist es stationär?“
„Auch ich kann keine Bewegung erkennen. Aber ich sehe Indizien, dass sich gerade ein Verschluss an dem Objekt geöffnet haben könnte.“
Nach einer kurzen Pause, in der Jeanne und Jole stumm das Licht am Himmel beobachteten (Jeanne durchgehend, Jole meistens indirekt und sich gelegentlich ganz abwendend), sagte die Maschine:
„Ein kleineres Objekt hat sich von dem größeren gelöst und nähert sich schnell der Siedlung.“
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis auch Jole es sehen konnte: Tatsächlich war da nun ein kleineres Licht neben und unter dem großen, und es kam eindeutig näher.
Nach vielleicht einer Minute war es so nah, dass sich trotz seiner geringen Größe eine sichtbare Form herausbildete, und schließlich …
„Ist das … ein Mensch?“
„Die Form des Objekts stimmt mit dieser Annahme überein.“
„Menschen sind keine Objekte.“
„Menschen sind eine Unterkategorie von Objekten.“
„Die für uns alle eine so besondere Bedeutung hat, das wir sie gemeinhin als grundsätzlich verschieden betrachten.“
„Diese Position steht Ihnen zu und scheint mir mit den Missionsparametern kompatibel zu sein.“
„Oh es ist wirklich ein Mensch ich fasse es nicht.“
Ein Mensch. Aus einem Raumschiff der Fremden. Es war eigentlich wirklich nicht schwer zu erraten, und sie schob es auf die Gesamtsituation, dass sie nicht viel früher darauf kam als sie die Stimme hörte.
„Hallo“, sagte die strahlende Gestalt am Himmel in machtvoll über die ganze Siedlich hallender Stimme, „Schön, euch alle wiederzusehen. Kann jemand meinem Vater sagen, dass er unter dem Tisch hervor und aus dem Zelt kommen kann? Ich bin harmlos. Vorerst.“

Lesegruppenfragen

  1. Hat euch das gestört, dass wir die Ereignisse bis zum Tod der gesamten Besatzung (vorerst?) übersprungen haben?
  2. Mehr oder weniger als all die anderen dauernden Zeitsprünge?
  3. Welche Erklärung für Psmiths Mimik haltet ihr für die realistischste?
  4. Glaubt ihr, dass Banja wirklich harmlos ist?
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Ein Kommentar zu “Generationenschiff (21)

  1. 1) Nicht gestört, nur erstmal verwirrt und leicht beschämt, weil ich dachte, ich hätte nicht aufgepasst oder irgendwas nicht verstanden. Freue mich daher sehr über diese Frage.

    2) die Zeitsprünge stören mich eigentlich gar nicht, meistens kann ich die Ereignisse ganz gut zuordnen.

    3) ich bin ja nicht mal sicher, ob das wirklich psmith ist….

    4) ich bin ja nicht mal sicher, ob das wirklich Banja ist, aber ich finde „vorerst“ massiv plausibel.

    5) ich lieeeebe Kentub und alles, was in seinem Kopf passiert!

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