Generationenschiff (20)


Nicht immer nur das Rollenspiel.

Fortsetzungsroman ist auch mal dran.

Viel Spaß!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Was heute geschieht

89.39.97
Zum zweiten Mal in wenigen Tagen hatte die Besatzung der Humanity sich im Arboretum versammelt und bemühte sich, murmelnd und von einem Fuß auf den anderen tretend eine Anordnung zu finden, in der möglichst alle halbwegs sehen konnten, was auf der aus einem Tisch improvisierten Bühne geschah.
Natürlich standen nur Kentub und Psmith auf der Bank. Jeanne konnte auch so eine ausreichende Höhe erreichen, um sichtbar zu sein, verfügte außerdem weder über Gestik noch Mimik und wäre außerdem wahrscheinlich auch zu schwer und zu ausladend gewesen, um mit den anderen darauf stehen zu können. Banja nahm an, dass es kein großes Problem gewesen wäre, ihr eine andere Möglichkeit zu konstruieren, aber jedenfalls ging es auch so.
„Ich gönn ihm, was immer Jeanne sich ausgedacht hat“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm. Nicht, dass in dieser albernen Konserve irgendeine Stimme fremd hätte sein können.
Banja drehte sich überrascht um und schaute in Piedras Gesicht.
Das war jetzt eine sehr unbequeme Situation. Er hatte keine Ahnung, wie er mit ihr umgehen sollte. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er sie angeschrien, und … sie ihn auch? Er wusste es nicht einmal mehr.
Es kam ihm jetzt alles so unbedeutend vor, und er verstand nicht mehr so richtig, woher er all die Emotion genommen hatte.
Jetzt gerade freute er sich vor allem, eine Person vor sich zu haben, die er gut kannte, und die offenbar mit ihm reden wollte. Eine Person, die ihn nicht hasste und nicht enttäuscht von ihm w… Naja. Die keine akuten Anzeichen von Enttäuschung durch Banja zeigte.
Aber natürlich wusste er nicht, wie es ihr ging. Sicher hatte sie nicht vergessen, wie er sie zurückgewiesen hatte, und wie hämisch er mit ihr gesprochen hatte. Aber immerhin hatte sie ihn angesprochen.
Er beschloss zu hoffen, dass das hieß, dass es ihr ähnlich ging wie ihm. Fein. Gut. Wunderbar soweit.
Jetzt musste ihm nur noch etwas einfallen, das er erwidern konnte, damit ein Gespräch entstand.
„Ich … hatte nie so viel mit ihm zu tun“, antwortete er, „Aber er kam mir eigentlich immer ganz okay vor. Nur bisschen komischer Humor.“
War das zu kontrovers? Er hatte ihr gar nicht widersprechen wollen, nur aufrichtig seinen Eindruck beschreiben, aber noch während er sprach, wurde ihm klar, dass sie es gerade wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit als Protest auffassen musste.
Andererseits sah sie immerhin nicht besonders empört aus, als sie antwortete:
„Ja, ich hab auch lange nichts gemerkt. Aber glaub mir, er ist komplett wahnsinnig. Und gefährlich.“
Banja nickte.
„Das lässt sich schlecht leugnen, jetzt in der Situation.“
Dann entschied er, dass er nicht einsilbig oder abweisend wirken wollte, und fügte noch hinzu: „Unglaublich, dass es tatsächlich nicht nur ein, sondern mehrere Mitglieder der Besatzung gibt, die glauben, dass wir nicht in einem Raumschiff sind.“
„Und zwar so sehr, dass sie unser aller Leben riskieren. Schon Wahnsinn, wie wenig manche bereit sind, mit anderen gemeinsam für ein Ziel zu arbeiten!“
Er hob die Augenbrauen und sah sie an.
Sie seufzte und senkte den Kopf.
„Schon gut. Das war unnötig. Tut mir leid. Ich weiß, dass du nicht bist wie diese Bekloppten.“
Eine kurze Pause, und diesmal schien sie um Freundlichkeit zu ringen. „Du hast dich freiwillig gemeldet, um zu den Fremden zu gehen. Das ist … Für mich ist das Mist. Aber es ist schon sehr mutig. Respekt.“
„Danke“, antwortete er. „Das bedeutet mir viel.“
Stimmte eigentlich nicht so richtig. Er freute sich schon, dass sie jetzt wieder nett zu ihm war. Er wollte wie wahrscheinlich jeder Mensch lieber in guter Erinnerung bleiben. Aber erstens ahnte er, dass sie es auch nur sagte, weil sie nicht wusste, ob sie ihn hinterher je wiedersehen würde, und zweitens bedeutete sie ihm auch nicht mehr als alle andere Mitglieder der Besatzung. Vielleicht sogar weniger, weil er so lange in der Befürchtung gelebt hatte, sie gegen seinen Willen heiraten und mit ihr eine Familie sein zu müssen.
„Glaubst du … Er wird hingerichtet?“, fragte er in einem durchschaubaren Versuch, das Thema zu wechseln. „Wäre das erste Mal, so auf diese Art, oder?“
Sie zuckte die Schultern. „So ganz … offiziell, glaub ich auch. Keine Ahnung. Wenn nicht er, wer dann, einerseits? Aber andererseits … Naja.“
„Er ist der einzige richtige Arzt …“, sagte Banja.
Sie nickte, und schaute plötzlich sehr ernst drein. Und murmelte: „Trotzdem.“

2. Februar 2054
hat Präsidentin Sima heute in einer überraschend einberufenen Pressekonferenz vor schockierten Vertreter*innen der anwesenden Medien angekündigt, die eigentlich für Oktober anstehenden Wahlen um ein Jahr zu verschieben. Sie erklärte, dass Sicherheitsbedenken in Bezug auf die Verschlüsselung und allgemeine Sicherheit der Wahlsysteme diese in der Geschichte der USA bisher einmalige Maßnahme notwendig machten und dass sowohl aus Sicherheits- als auch aus organisatorischen Gründen keine schnellere Neuterminierung möglich sei.
Auf Nachfrage erklärte sie, dass sie zwar keine Details bekanntgeben könne, dass aber der Verdacht bestehe, dass feindliche Kräfte Zugriff auf das Wahlsystem gewonnen haben könnten und dadurch eine Manipulation der Ergebnisse im großen Stil zu befürchten sei. Um völlig sicherzugehen, dass dies ausgeschlossen werden könne, sei eine völlige Neukonfiguration des Systems erforderlich. Die Präsidentin konnte zum jetzigen Stand nicht ausschließen, dass eine Wahl auf elektronischem Wege bis auf Weiteres gar nicht stattfinden könne und womöglich auf ältere Systeme wie physische Wahlscheine zurückgegriffen werden müsse. Was konkret getan werden könne, um die Integrität der Wahl zu garantieren, werde gerade von einer Expertenkommission unter Hochdruck geprüft.
Der Vorsitzende der Minderheitsfraktion im Repräsentantenhaus teilte uns mit, dass er noch auf ein ausführliches Briefing aus dem Weißen Haus warte, dass er aber auf genauer Erläuterung und schonungsloser Aufklärung für diesen beispiellosen Vorgang bestehen werde. Er verzichtete selbst auf weitere Kommentare, bis ihm die detaillierten Fakten vorliegen, aber eine zuverlässige Quelle aus dem Führungskreis der Demokratischen Partei teilte uns mit, dass man einen Versuch der Präsidentin für möglich halte, die Wahlen hinauszuzögern, um das katastrophale Abschneiden zu verhindern, das Demoskop*innen derzeit für die Republikaner*innen prognostizieren.
Eine Sprecherin der Präsidentin hat jegliche solche Andeutungen nachdrücklich zurückgewiesen und bot eine ausführliche Dokumentation der Risiken und technischen Einschränkungen an, die zu der aktuellen Maßnahme geführt haben. Auf Nachfrage teilte sie uns mit, dass bestimmte Details allerdings noch der Geheimhaltung unterliegen und der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden können.

80.23.149
„Whoa!“, rief Piri, „Was ist das?“
Nimue streckte einen Arm aus und legte ihn quer vor Piris Oberkörper, damit er gar nicht auf die Idee kam, den grünlichen Klumpen auf eigene Faust zu untersuchen.
„Ich bin auch nicht sicher“, antwortete sie.
„Ist es ein Geschenk?“
„Es sieht ein bisschen so aus, oder? Aber ich glaube, wir sollten nicht vorschnell irgendetwas unterstellen. Diese … Wesen sind wahrscheinlich sehr viel anders als wir, und wir können nicht von unseren Gewohnheiten auf sie extrapolieren.“
„Extrapowas?“
„Wir können nicht davon, dass wir was auf eine bestimmte Art machen, schließen, dass sie es auch so machen.“
Nimue wurde sich in diesem Moment darüber bewusst, dass sie vor einer übergroßen Termite von einem fremden Planeten stand, von deren Absichten sie keinerlei Vorstellung hatte, und Piri ein Wort erklärte, das er noch nicht kannte. Obwohl ihr das in diesem Moment ausgesprochen absurd vorkam, konnte sie auf Anhieb auch keine besser Alternative erdenken. Das Wesen stand einfach nur regungslos da. Wenn Nimue nicht vorhin gesehen hätte, wie es sich bewegte, hätte sie sich gefragt, ob es überhaupt wirklich lebendig war.
Was auch immer es später noch vorhatte, zumindest jetzt gerade schien es nicht besonders bedrohlich. Und trotz der Einschränkung, die sie gerade geäußert hatte, musste sie zugeben, dass es tatsächlich so aussah, als hätte die Kreatur ihr das grüne Ding geben wollen. Oder ihnen beiden.
Sie entschied, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Immerhin trug sie ihren Schutzanzug, und das HUD in ihrem Helm zeigte keinerlei schädliche Strahlung oder andere unsichtbare Gefahren. Eigentlich konnte also nicht viel schiefgehen, oder zumindest nicht mehr als für jede andere mögliche Handlung, die sie jetzt vornehmen konnte.
Sie ließ sich langsam auf ein Knie nieder, ohne dabei die Kreatur aus den Augen zu lassen, und streckte langsam eine Hand nach dem grünen Klumpen aus.
„Was machst du da?“, rief Piri.
Nimue zuckte zusammen, aber auch das schien ihr Gegenüber nicht zu beunruhigen. Sie atmete tief durch und antwortete: „Ich finde heraus, ob es ein Geschenk ist. Gehst du bitte ein paar Schritte zurück?“
„Aber ich wills auch sehen!“
„Piri, es war keine Frage. Das kann gefährlich sein!“
„Wenn es dich umbringt, was nützt es mir dann, wenn ich ein paar Schritte weiter weg stehe?“
„Geh jetzt zehn Schritte zurück, sofort!“
Sie hörte seine Schritte durch den Schnee knirschen.
Sie beobachtete weiter die Kreatur, während ihr Atem schneller und ihre Handflächen feuchter wurden, bis ihr Handschuh schließlich die Oberfläche des grünen Klumpens berührte.
Noch immer stand das Wesen da, ohne eine Bewegung, ohne auch nur sichtbar zu atmen.
Wegen des Handschuhs konnte sie nicht viel von der Beschaffenheit des Klumpens spüren, aber er fühlte sich weich an, nicht wie ein Stein, sondern eher wie ein Pilz vielleicht, und so wirkte die Oberfläche auch optisch.
Nimue streckte auch den zweiten Handschuh aus und versuchte, den Klumpen zu umfassen. Besorgt beobachtete sie dabei die insektenhafte Riesenkreatur, aber diese bewegte sich immer noch nicht.
Sie nahm ihre Kraft zusammen und hob das etwa kopfgroße Objekt ein Stück an. Es gelang ihr, aber es war ziemlich schwer, und es rutschte zwischen den Handschuhen.
Sie stand damit auf. Noch immer rührte das Wesen sich nicht.
„Vielleicht ist es wirklich ein Geschenk“, murmelte sie.
„Oder das Ding ist gerade gestorben“, antwortete Piri.
„Glaube ich nicht.“
„Ich eigentlich auch nicht. Hey, meinst du, wir sollten etwas zurückschenken?“
„Ich … weiß nicht“, antwortete sie. „Ich glaube immer noch nicht so richtig, dass das so funktioniert. Und sogar wenn … Was könnten wir ihnen denn schenken?“
„Darauf kommts nicht an. Irgendwas. Wir können ihnen einen Schneemann bauen, vielleicht!“
Nimue lachte. „Vielleicht nicht gerade das.“
Sie fragte sich, ob die sonderbaren Kreaturen intelligent waren, oder genauer: Wie sehr. Ob sie im Schwarm lebten wie irdische Termiten, oder ob die Ähnlichkeit nur oberflächlich war.
Sie behielt den grünen Klumpen in den Händen und ging näher an das fremde Wesen heran. Sie tat einen knirschenden Schritt durch den Schnee, noch einen, einen dritten, langsam und vorsichtig und immer auf das riesige … Tier? konzentriert, das vor ihr stand.
Es reagierte nicht, bis sie schließlich nah genug war, um es zu berühren.
Für einen Moment dachte sie darüber nach, den grünen Klumpen zurückzugeben. Woraus auch immer er bestand, Nimue war sich ziemlich sicher, dass dieses Wesen mehr damit anfangen konnte als sie selbst.
Andererseits wäre das vielleicht eine unhöfliche Geste. Ein Geschenk zurückzuweisen konnte kein guter Start in … was eigentlich sein? Nachbarschaft? Egal. Ein Geschenk zurückzuweisen war sicher kein guter Start in irgendwas Freundschaftliches, und sie wollte ganz sicher keinen Streit mit diesem Ding.
Sie betrachtete es nachdenklich. Es war nicht viel höher als sie selbst, vielleicht ungefähr wie ein Pferd, aber erheblich länger. Dafür vielleicht insgesamt schlanker.
Nimue traute sich keine genaue Schätzung zu, aber sie riet, dass es problemlos ein paar hundert Kilogramm wiegen konnte, vielleicht sogar eine halbe Tonne.
Und es hatte diese Mandibeln, und dieses Exoskelett …
Konnte so ein großes Lebewesen proportional über die gleiche Kraft verfügen wie die kleineren Termiten, die auf der Erde gelebt hatten?
Sehr unwahrscheinlich, soweit Nimue wusste. Aber sie wusste nicht einmal besonders viel über irdische Biologie, geschweige denn die auf Last Hope. Der Planet sollte erdähnlich genug sein, dass sich Leben auf ähnlicher Basis wie auf der Erde entwickelt haben konnte, und ganz falsch schien diese Vermutung nicht gewesen zu sein, denn er hatte ja immerhin atembare Luft und … diese Dinger. Aber zu viel ließ sich auf der Basis gewiss auch wieder nicht vermuten.
Trotzdem. Wenn diese Interaktion überhaupt irgendeinen Sinn hatte, bestand er doch sicher nicht daran, dass die Kreatur ihr den Klumpen schenkte, um ihn dann zurückzubekommen. Oder?
Nimue zwang sich zu einer Entscheidung. Als die Anführerin der neuen Splittergruppe der letzten überlebenden Menschen würde sie sich daran gewöhnen müssen, dachte sie.
Sie legte den Klumpen auf dem Boden zwischen ihren Füßen ab und zögerte kurz, bevor sie zu einer Entscheidung über ihr Geschenk kam.
Kurz überlegte sie, ob sie Piris Funkgerät verwenden sollte. Sie hatten noch genug davon, er würde es jetzt nicht unbedingt brauchen, es wäre ein angemessen kostbares und interessantes Geschenk, und die fremden Wesen könnten es sogar benutzen, um mit Nimues Siedlung zu kommunizieren, wenn sie es denn wollten.
Aber sie verwarf den Gedanken schnell wieder, weil sie es für zu unwahrscheinlich hielt, dass die riesigen Insektenkreaturen in der Lage wären, den Wert eines Funkgerätes einzuschätzen oder es gar zu benutzen.
Deshalb kramte sie stattdessen einen Proteinriegel aus dem Rucksack. Falls es sich bei dem Klumpen tatsächlich um eine Art Pilz handelte, und falls der tatsächlich ein Nahrungsmittel war, wie sie vermutete, passte es sogar. Natürlich war der Proteinriegel im Vergleich zu dem Klumpen lächerlich klein, und noch mal mehr, wenn sie den Größenunterschied zwischen sich selbst und der Termite einrechnete. Aber sie hoffte, dass es mehr um die Geste ging. Außerdem war der Klumpen vielleicht nicht einmal was zu essen. Soweit sie sich erinnerte, ernährten zumindest irdische Termiten sich nicht von Pilzen.
Und schließlich fiel ihr auch kein besseres Gegengeschenk ein.
Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn sie den Riegel ausgepackt hätte, aber dafür hätte sie die Handschuhe ausziehen müssen, und das war ihr zu gefährlich, zumal sie nicht einmal wusste, ob der Riegel überhaupt als Nahrung für das Wesen geeignet war.
Sie überlegte kurz, ihn direkt zu übergeben, betrachtete die viel zu großen Mandibeln und die harten kantigen teilweise stacheligen Beine und Fühler der Kreatur und legte den Riegel vor sich in den Schnee.
Sie tat zwei Schritte zurück, dann fiel ihr ein, dass sie den grünen Klumpen liegen gelassen hatte.
Sie trat einen Schritt vor, aber dann sah sie, dass die Kreatur sich in Bewegung gesetzt hatte.
Nimue trat wieder einen Schritt zurück.
Die Kreatur auch.-
Piri lachte, und Nimue konnte nicht anders, als mitzulachen.
„Sie tanzt mit dir!“, rief Piri.
„Solange sie mir nicht auf die Füße tritt …“, murmelte Nimue.
Sie lehnte sich vor, ging auf ein Knie, angelte vorsichtig nach dem Klumpen, zog ihn zu sich heran, hob ihn auf und eilte so schnell rückwärts, dass Piri hinter ihr empört „Hey!“, rief.
Die Kreatur trat vor. Ihre Beine endeten nicht einfach in spitzen Klauen, wie Nimue sich die ganze Zeit intuitiv vorgestellt hatte, sondern tatsächlich in etwas wie einem Fuß. Das in das harte Exoskelett gefasste Bein winkelte sich am unteren Ende noch einmal ab und spreizte sich in einer Vielzahl von kleinen … Verästelungen auf, die nach außen hin immer feiner wurden und teilweise fast an Härchen erinnerten.
Sicherlich war es damit leichter, auf Schnee zu laufen, als mit harten Stelzen.
Die Kreatur beugte sich recht umständlich vor, hob den Riegel mit den Fühlern vor ihren Mandibeln auf, wandte sich ab und … krabbelte davon.
Nimue fühlte sich, als hätte sie zuvor noch einen Moment von Blickkontakt erwartet, oder eine andere Anerkenntnis von Verbindung. Irgendein Signal, das zum Ausdruck brachte, das das Ding auch erfreut war, oder zumindest zur Kenntnis nahm, das eine Art Verständigung stattgefunden hatte.
Aber sie musste zugeben, dass sie da recht viel erwartet hatte..
„Wir sind noch am Leben“, murmelte sie. „Das ist doch was.“
„Es hätte wenigstens irgendwas Cooles machen können“, murmelte Piri.

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