21. Türchen: Die Ratte


Mal wieder knapp. Mein Flugzeug ist nicht ganz planmäßig gelandet. Aber immerhin noch rechtzeitig. Was wollt ihr denn?

Viel Spaß!

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Die Ratte

„Ganz bestimmt nicht ohne Betäubung! Weißt du noch, was mit der Ratte los war?“

Cléo verzog ihren Mund und zog die Nase kraus.

„Jaaa“, sagte sie. „Ja gut, aber … Die Ratte wusste nicht, was passiert, und … vielleicht war sie vorher schon irgendwie gestört. Wer weiß schon, was in so einer Ratte vorgeht? Ich find die Vorstellung furchtbar, da reinzusteigen und das Bewusstsein zu verlieren und dann … halt aufzuwachen, wenn wenn wir … da sind.“

„Was soll daran denn furchtbarer sein als reinzusteigen, bei Bewusstsein zu bleiben und mitzukriegen, was auch immer da passiert?“ fragte Philippe.

„Kontrollillusion“, erwidert Cléo knapp. „Mir ist das wichtig. Ich kann auch nicht die Augen zumachen, wenn ich Beifahrer irgendwo bin. Ich werd verrückt, wenn ich das versuche.“

„Du kannst nicht verrückt werden, wenn du bewusstlos bist. Aber du kannst  – und wirst auch, nach allem, was wir wissen – verrückt werden, wenn du den Prozess bewusst erfährst.“

„Wir wissen gar nichts“, widersprach Cléo. „Wir wissen bloß, dass die Ratte sich hinterher wie bekloppt aufgeführt hat, und wir wissen nicht mal, ob es wirklich an dem Prozess lag. Vielleicht hat sie einfach nur Klaustrophobie und ist deshalb ausgetickt.“

„Philippe warf beide Hände in die Luft in einer Geste der Verzweiflung.

„Bullshit! Du weißt genau, dass es keine klaustrophobischen Ratten gibt! Die Viecher leben in Gängen, durch die sie sich gerade so durchquetschen können, wenn sie nicht zu tief einatmen!“

„Laborratten nicht. Die leben in geräumigen Käfigen mit viel Licht und frischer Luft.“

„Cléo, dir ist schon klar, was wir hier machen, oder? Willst du nicht vielleicht kurz mal drüber nachdenken, ob du es ein bisschen ernster nehmen könntest? Wir werden die ersten Menschen sein, die jemals-“

Cléos Lächeln verschwand spurlos, und ihre Kiefermuskeln traten hervor. Philippe verstummte.

„Komm mir nicht so“, sagte sie bedrohlich ruhig. „Sag mir nicht, dass ich das hier nicht ernst genug nehme, Philippe, und hör auf, mich wie eine Fünfjährige zu behandeln! Gerade weil das hier ein historisches Ereignis ist, meine ich, dass es eine nette Idee wäre, wenn zumindest einer von uns dabei wach bleibt! Du kannst das anders sehen, aber wenn du nicht in der Lage bist, meine Vorschläge zumindest anzunehmen, dann fick dich, und sieh zu, wie du ohne mich den Tensor und die Transformationsrate richtig berechnest. Ich hab kein Problem, ohne dich noch mal so eine Maschine zu bauen, ich kann mir einfach irgendeinen anderen Ingenieur suchen und ihm erklären, was ich brauche, aber was glaubst du, wie viel Glück du haben wirst, eine zweite theoretische Physikerin zu finden, die zufällig gerade eben die gleiche bahnbrechende Theorie entwickelt hat, hm?“

Für einen Moment dachte sie, er würde gleich anfangen zu heulen. Sie hasste es, wenn er das tat. Aber dann nahm er einen kurzen und nur marginal zerrissenen Atemzug und schaffte es sogar, ihr wieder in die Augen zu sehen.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich werde … Ich will jetzt nicht, dass das … dass wir anfangen, drüber zu diskutieren, wer von uns besser ohne den anderen auskäme-“

„Weil du genau weißt, wie das ausginge!“ unterbrach sie ihn.

„Aber“, fuhr er fort, als hätte er sie gar nicht gehört, „Ich glaube wirklich nicht, dass du versuchen solltest, den Prozess ohne Betäubung zu erfahren. Dann lass es uns lieber noch mal mit einer anderen Ratte versuchen, oder mit einem Affen meinetwegen, aber ich will nicht, dass du endest wie Roger.“

„Wo würdest du denn jetzt auf die Schnelle einen Affen hernehmen? Dir ist schon klar, dass man die nicht einfach in der Zoohandlung kaufen kann, oder?“

Philippe seufzte, aber Cléo weigerte sich, sich provozieren zu lassen. Er konnte seine bescheuerten Spielchen alleine spielen.

„Ich sage, ich nehme deine Scheißdrogen nicht“, bekräftigte sie. „Du kannst machen, was du willst, aber ich erlebe diesen Moment bei vollem Bewusstsein, mit dir oder ohne dich. Bin gespannt, wie du die Schulden zurückzahlst ohne einen vorzeigbaren Prototypen.“

Nun biss er die Zähne zusammen und starrte sie an, und weil in seinem Blick etwas lag, das sie dort noch nie gesehen hatte, trat Cléo unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Okay“, sagte er schließlich zu ihrer Überraschung. „Mach wie du meinst. Es ist dein Projekt, es ist dein Verstand, es ist deine Entscheidung.“

„Vielen Dank“, antwortete sie spitz. „Dann können wir jetzt also?“

Er nickte.

„War doch nicht so schwer.“

„Lass es gut sein“, knurrte Philippe.

Sie lachte. „Schlechte Laune?“

Er antwortete nichts und schlurfte zu der Reihe von Bildschirmen. Mit einer angemessenen Verzögerung folgte sie ihm. Als sie ihn keuchen hörte und sah, wie er sich auf den Drehstuhl fallen ließ und fahrig auf die Tastatur zu hämmern begann, verließ sie ihre mühsam gespielte Nonchalance, und sie rannte zu ihm.

„Was?“ fragte sie.

„Wir … können das Experiment nicht starten“, sagte er. „Wir können jetzt nicht einsteigen.“

„Was denn jetzt schon wieder? Wieso?“

Er nahm die Hände von der Tastatur, drehte sich zu ihr um und zeigte auf den Statusmonitor der beiden Kapseln.

„Siehst du doch“, sagte er in einer Mischung aus seiner gewohnten Herablassung und Besserwisserei, und verzweifelter Belustigung. „Wir … sind schon drin.“

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8 Kommentare zu “21. Türchen: Die Ratte

  1. Schwiegersohn ist jetzt nicht unbedingt die Position, die ich als Lebenstraum anstrebe, aber ich weiß das Sentiment zu schätzen und komme gerne drauf zurück, wenn mich mal das Verlangen packt, eine andere Mutter auszuprobieren.
    Aber Moment, dann müsste ich einen deiner Söhne heiraten, oder?
    Das kann ich der Institution der Ehe und der Familie nicht antun. Der zerbröseln ja bekanntlich wie Vampire im Sonnenlicht, wenn sowas passiert.

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