22. Türchen: Leichen fleddern


Ja, ich finde den Titel auch ein bisschen unraffiniert, aber gerade deshalb gefällt er mir andererseits.

Viel Spaß!

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Leichen fleddern

Ob Held oder Feigling, ob Fürst oder Steigbügelhalter, Schwere Kavallerie oder Plänkler, Mann oder Frau, Jüngling oder Greis, schwarzer oder roter Waffenrock, am Ende der Schlacht verströmten sie alle denselben Gestank aus Fäulnis und Fäkalien, und waren ihrer aller Augen den Raben ein Festmahl.

Tuskarj war bekannt für seine Raben, und die riesigen schwarzen Vögel bedeckten das Schlachtfeld zu Tausenden. Sie schoben ihre Schnäbel in klaffende Bäuche und wickelten Darmschlingen darum, um sie aus ihrer Höhle zu befreien und ungestört verspeisen zu können. Sie bissen Zungen aus zerschlagenen oder in stummen Schreien aufgerissenen Mündern. Sie knabberten an Zehen, während ein Artgenosse sich an den Augen eines Leichnams gütlich tat.

Doch sie bewahrten dabei, soweit es unter den Umständen möglich war, einen Rest von Würde.

Niemals schienen die Raben gierig oder unmäßig in ihrer Fledderei, und niemals geschah es, dass zwei sich auf dieselbe Beute stürzten und darüber in Streit gerieten. Sie erkannten, dass genug für alle da war, und sie sich selbst nur schaden würden, wenn sie Leib und Leben riskierten, indem sie um einen besonders köstlichen Bissen kämpften, und dabei vielleicht selbst ein Auge verloren.

Nicht so die Menschen.

Eryndyke zerrte am Kragen der Brigandine und betete, dass er nicht abreißen würde. Ihr Träger war durch eine Kopfwunde gestorben, und das Stück war abgesehen von den Blutflecken makellos. Der Erlös würde Babylos und sie für ein paar Wochen ernähren, wenn es ihr gelang, damit zu entkommen, und ihre Chancen standen gut.

Ihr Gegner war ein höchstens zwölfjähriger Knabe, zwar drahtig und zäh, wenn sie richtig deutete, was sich unter der Dreckkruste seines Oberkörpers abzeichnete, aber den Vorteil ihres zwei- bis dreimal höheren Gewichts würde er wahrscheinlich nicht ausgleichen können, wenn er nicht …

Ihr Blick fiel auf das Kurzschwert mit der abgebrochenen Spitze und dem gesplitterten Knauf am Boden neben dem linken Fuß ihres Kontrahenten.

Sie sah in seine wütend zusammengekniffenen Augen und sah seine gefletschten Zähne, hörte ihn knurren und fluchen, und fragte sich …

Es war eine ungeschriebene Regel unter den Plünderern der Toten, dass sie die gefundenen Waffen nicht gegeneinander wendeten. So einsichtig waren dann doch auch die Menschen.

Aber es war keine ungeschriebene Regel ohne Ausnahmen, denn wer würde sich zum Leichenfleddern herablassen, wenn er nicht in einer verzweifelten Lage wäre, und wer, wenn er nur verzweifelt genug war, wäre nicht bereit, die eine oder andere ungeschriebene Regel zu übertreten?

Vielleicht, dachte Eryndyke, sollte sie dem schmächtigen Knaben zuvorkommen. Es ging ihr nicht um die Brigandine, nein. So kostbar dieses Stück auch sein mochte, sie würde nicht für ein Stück Beute töten. Es ging darum, ihr eigenes Leben zu schützen, und vielleicht auch Babylos‘, denn was wäre der alte Philosoph ohne sie? Und es ging um Recht und Unrecht, denn sie hatte die Brigandine zuerst gesehen, sie hatte sie gefunden, und der dreiste Bengel versuchte nun, sie ihr wegzunehmen. Wenn sie nun nachgab, aus Angst, dass er noch eine weitere Grenze übertreten könnte, um seine Beute zu ergattern, was für ein Beispiel würde sie setzen? Wären nicht seine zukünftigen Opfer ebenso ihrem Gewissen anzulasten wie seinem?

„Lass los!“ fauchte sie. „Lass los verdammt, es ist meins!“

Seine Antwort war nichts als ein wütendes Heulen und ein neuer heftiger Ruck an dem Teil der Brigandine, die Eryndyke in den Händen hielt, ein unerwartet heftiger Ruck, der ihr den Stoff gerade so weit entgleiten ließ, dass sie wusste, dass sie ihn gleich vollständig verlieren würde.

Jetzt oder nie.

Sie schaute auf das abgebrochene Kurzschwert.

Und ließ los.

Sie taumelte zurück, und stolperte über einen unter einem toten Pferd hervorgestreckten Arm ohne Hand – wahrscheinlich hatte er Ringe getragen – und sah den Knaben mit der Brigandine davon huschen. Er war unglaublich schnell, als würde er über eine glatte Aschebahn rennen anstelle eines mit Leichen und Unrat übersäten Schlachtfeldes.

Kopfschüttelnd sah sie ihm nach. Nicht heute, dachte sie. Heute ist nicht der Tag, an dem ich ein unbewaffnetes Kind töte, und Recht oder Unrecht mögen sich andere Opfer suchen.

Sie wandte sich ab – und hielt inne.

Ihr Blick kehrte zurück zu dem Arm, und dem stählernen Band, das seinen enormen Bizeps umspannte.

Eryndyke erkannte das Muster der Verzierung auf dem Armband. Es waren die Zeichen des Hauses Belgariz, und das bedeutete, in Anbetracht der Dimensionen dieses Armes, dass die Leiche unter diesem Pferd … Eskarc Belgariz sein musste.

Eryndykes Kinn fiel herab, und sie tat unwillkürlich einen Schritt zurück. Verstohlen sah sie sich um, während sie darüber nachdachte, wie sie es ohne Hilfe schaffen konnte, den Pferdekadaver zu bewegen. Und wie sie danach den Fund, vom Schlachtfeld schaffen würde, der ihr ein neues Leben ermöglichen konnte, ein sehr komfortables neues Leben, ohne dass andere es bemerkten.

Denn es gab keinen Zweifel, dass für die Rüstung von Eskarc Belgariz jeder der Plünderer hier auf diesem Feld ohne zu zögern jede ungeschriebene Regel vergessen würde. Vielleicht wäre es das Klügste, dachte Eryndyke, den Fund einfach zu ignorieren, und ihn einem anderen Narren zu überlassen, der genug vom Leben hatte. Es war genug für alle da, und welchen Nutzen hatte der größte Reichtum für einen Toten? Die Antwort lag unverkennbar und in stinkender Deutlichkeit um sie herum verstreut.

Aber Eryndyke hatte sich immer schwer getan, das Klügste zu tun. Warum wäre sie sonst hier?

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13 Kommentare zu “22. Türchen: Leichen fleddern

  1. Wow.
    Ich mag das ja generell, wenn man im Detail Dinge beschreibt, die sonst nicht so oft im Detail beschrieben werden. Aber das Ganze ist von Anfang bis Ende auch grandios aufgebaut und geschrieben. Steht auch sehr gut alleine, so.

  2. Alles hat ein Ende…… auch die Adventskalenderei nun bald. Nur noch zwei Geschichten, dann hat es der Autor geschafft….. 😉 Und da ich noch nicht weiß, ob ich in den nächsten Tagen hier vorbeischauen kann, bedanke ich mich schon mal beim Autor für seine Mühe (auch wenn es ihm selbst Spaß gemacht hat) und wünsche auf diesem Wege schon mal allen hier zusammen mit Charlie Brown http://www.youtube.com/watch?v=e5TF4U36GFg von Herzen ein frohes, besinnliches und friedlich-streßfreies Weihnachtsfest. 🙂 Christina

  3. @Guinan: Danke, und interessant. Macht sich das an bestimmten Dingen fest? Also, dass du Eryndyke magst? Sie verrät ja hier eigentlich nicht sehr viel von sich.

  4. Sie tut, was notwendig ist. Sie kämpft, mit sich und mit der Welt. Sie übernimmt Verantwortung für jemanden. Sie ist trotz der Umstände nicht verroht. Sie ist nicht berechenbar.
    Reicht?

  5. Ich habe gerade den Gedanken gefasst, dass das eine offizielle Empfehlung für alle Familien sein sollte, die gemeinsam Weihnachten feiern. Überhaupt sollten Familienfeiern ohne Safeword mindestens als Ordnungswidrigkeit geahndet werden.

  6. Oh ja. Da wäre mir früher schon einiges erspart geblieben.
    Seit ich mich von 90 % der Verwandtschaft überwiegend fernhalte, ist es hier aber nicht mehr ganz so gefährlich.

  7. Ich schließe mich, wenn auch etwas verspätet, der Forderung nach Safewordpflicht für Familienfeiern explizit an.

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