8. Türchen: Stern und Leere


Space Opera ist das heute wohl noch nicht, aber Science Fiction. Die Richtung stimmt also für Sylkuros Wunsch, und die letzten paar Schritte kriegen wir schon auch noch hin.

Frohen zweiten Advent, und viel Spaß!

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Stern und Leere

Rishan zog den hölzernen Kochlöffel aus dem Kupfertopf und hängte ihn um drei Zähne höher. Eludin würde sehr hungrig sein, wenn er zurückkehrte, und Rishan wollte ihm keinen angebrannten Eintopf vorsetzen müssen.

„Yanoo, ich gehe nach draußen, um Holz zu holen! Achtest du für mich auf das Essen und den Herd? – Yanoo? – Yanoo!“

Rishan seufzte und stieg etwas lauter als nötig die Leiter hinauf. Natürlich nicht laut genug, um ihren Sohn auf sie aufmerksam zu machen.

Yanoo lag auf dem Stroh, den Kopf auf beide Hände gestützt, und blickte versonnen auf eine kleine Gruppe von Holzfiguren hinab, die er über die letzten Wochen hinweg geschnitzt hatte.

Rishan stupste ihn sanft mit ihren Zehen an.

„Yanoo, ich verstehe nicht, wie du gleich hier oben liegen und trotzdem kein Wort hören kannst, das ich sage.“

„Was?“ fragte er sie, als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht.

Rishan seufzte.

„Ich muss Feuerholz holen. Könntest du dich darum kümmern, dass währenddessen unser Haus nicht niederbrennt?“

Er nickte eifrig, aber Rishan wusste, dass er wahrscheinlich wieder genauso hier liegen würde, wenn sie zurückkehrte, völlig fern der Wirklichkeit.

„Du weißt, wie wichtig das ist, Yanoo. Wehe, ich erwische dich beim Spielen!“

Sie wandte sich schnell ab und stieg wieder hinunter, um das Lächeln zu verbergen, das sie nicht unterdrücken konnte.

Rishan wusste, dass ihr Sohn es schwer haben würde im Leben, wie jeder Träumer es in gewisser Weise schwer haben musste. Aber sie wusste auch, dass echte Träumer einen besonderen Zugang zu den schönen Dingen des Lebens hatten, der sie alle Lasten und Gefahren vergessen ließ, die weniger glückliche Menschen bedrückten.

Das liebevolle Lächeln gefror, als Rishan die Tür nach draußen öffnete.

Nicht wegen des kalten Windes, der schneidend in ihr rosiges Gesicht bließ, sondern wegen des Anblicks, der sich ihren großen bernsteinfarbenen Augen darbot.

Nicht weit von der Tür ihres Hauses entfernt sah Risha zwei fremde Gestalten stehen. Die eine Gestalt war weiblich und gehüllt in einen silbergrauen Anzug aus einem Material, das dick genug war, um trotz seines engen Schnittes weniger vom perfekten Körperbau Trägerin zu verraten, als manch einem männlichen Bewohner Lhaurugs lieb gewesen wäre. Die andere Gestalt war geschlechtslos und schwarz wie Obsidian und ihre Facetten glänzten im matten Winterlicht.

Die Gestalten waren fremd in dem Sinne, dass sie nicht zu den Bewohnern Lhaurugs gehörten, aber jeder dieser Bewohner kannte sie. Sie waren ein Stern und eine Leere; die geöffnete Hand und die Faust der Kapitänin. Wie bei echten Händen traten sie eigentlich nie zusammen auf.

Dass Rishan trotzdem einen Stern und eine Leere nebeneinander vor sich stehen sah, konnte nur eines bedeuten, und Rishans sieben bernsteinfarbene Augen füllten sich mit heißen dampfenden Tränen.

Der Stern öffnete den Mund und rief mit klarer Stimme wie von einer kristallenen Glocke: „Yanoo, komm zu mir! Spiel mit mir, Yanoo, und sei mein Freund.“

Rishan hoffte für einen kurzen Moment, dass Yanoo die kristallene Stimme vielleicht nicht hören würde, wie er auch seine Mutter immer überhörte. Aber nachdem sie Zeit hatte, einen Gedanken zu fassen, wurde ihr klar, dass niemand den Ruf eines Sterns überhörte.

„Ist… ist es wirklich soweit?“ fragte Rishan, „Es ist doch noch nicht lange her, oder?“

Der Stern sah sie mit einem liebevollen Lächeln an, nicht unähnlich dem Lächeln, das vor Augenblicken auf Rishans eigenem Gesicht gestorben war. Die Leere ignorierte sie. Selbstverständlich, denn die Leere konnte weder sprechen noch jemanden ansehen.

„Warum Yanoo?“ fragte Rishan, wissend, dass es vergeblich war, und wissend, dass sie nicht anders konnte. „Warum mein Sohn? Ich liebe ihn! Ich will nicht ohne ihn…“

Sie verstummte, als die Leere einen Schritt auf sie zu tat.

Warum? Es war wirklich erst vor knapp drei Generationen gewesen, dass die Kapitänin eine neue Inspiration gewählt hatte, seit der Stern und die Leere Enath geholt hatten. Es war noch nicht an der Zeit. Und Yanoo… Yanoo wurde geliebt. Er war das einzige Kind, das Rishan und Eludin hatten, und wenn Tennaj sich nicht irrte, würde er auch das einzige bleiben, das sie je haben würden. Es war ungerecht. Selbstverständlich. Die Kapitänin scherte sich nicht um Gerechtigkeit.

Die Leere trat noch einen Schritt auf sie zu, und wie im Traum hörte sie, wie sich hinter ihr die Tür öffnete. Das Antlitz des Sterns hellte sich auf.

„Da bist du ja!“ rief der Stern, „Ich habe mich so auf diesen Moment gefreut. Komm zu mir, Yanoo, und sein mein Freund!“

Rishan wirbelte zu ihrem Sohn herum und sah ihn im Eingang des Hauses stehen, sein Blick fixiert auf den Stern, sein Gesichtsausdruck unsicher und verwirrt. Rishan wollte zu ihm gehen, ihn in den Arm nehmen, ihn ins Haus zurückbringen und die Tür fest verschließen. Aber noch bevor sie auch nur einen Entschluss fassen konnte, stand plötzlich die Leere vor ihr und legte ihre drei langen kalten Arme um sie. Rishan sah, wie ihr Sohn in die Arme des Sterns lief. Sie versuchte, sich aus der frostigen Umarmung der Leere zu befreien, aber der Griff des schwarzen Unwesens war unverrückbar, und wo Rishan sich gegen die Kanten der Facetten lehnte, durchschnitten sie ihre Kleidung und ihre Haut und hinterließen schmale blutende Wunden, die ohne Narben verheilen würden.

„Yanoo!“ rief Rishan, „Lauf weg!“ rief sie, obwohl sie wusste, dass es kein guter Rat war, einfach nur, weil sie verzweifelt war und nicht glauben konnte, was geschah.

„Mama, wer ist die Frau?“ fragte Yanoo den Stern.

Rishan spürte, wie sie innerlich zerbrach. Sie öffnete den Mund, um zu schreien.

Sie blinzelte.

Rishan sah den hübschen dunkelhäutigen Jungen und sah den Stern, der ihn in seine Arme schloss und aufhob und an sich drückte.

„Verschone sie“, hörte Rishan den Stern sagen, aber sie verstand seine Worte nicht.

Sie sah die Leere, die sich auf ihre merkwürdig unwirkliche Art von ihr selbst zu dem Stern hin bewegte. Und sie bedauerte die Mutter des Jungen, die ihren Sohn nie mehr wieder sehen würde. Aber sie wusste, dass sie nicht helfen konnte.

Rishan seufzte leise und kehrte in ihr Haus zurück. Sie musste sich um das Essen kümmern, denn Eludin würde bald nach Hause kommen. Während sie einen prüfenden Blick in den Kochtopf warf, bemerkte sie Blut an ihren Oberarmen und die Risse in ihrem Kaftan, und sie fragte sich, woher sie wohl kamen.

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6 Kommentare zu “8. Türchen: Stern und Leere

  1. Schöne Geschichte. Ich mag ja ‚alien abduction stories‘ generell eher weniger, aber mit dieser neuen Idee des Sterns und der Leere gefällt das Genre selbst mir.

  2. @Sylkuro: In ein paar Jahren wirst du das anders sehen.
    @Triffels: Ich habe da schon was vor Augen. Mein persönlicher Favorit bisher ist immer noch Anna. Aber die Entscheidung liegt ja am Ende bei euch.

  3. @Guinan: Besten Dank! Ein bisschen unbeholfen finde ich dieses Fragment schon noch, aber das Potential gefällt mir auch.
    (Übrigens wird das Ganze eher keine Abduction-Story. Diese Szene ist nur ein kleiner Aspekt eine anderen Geschichte.)

  4. Das fühlt sich wirklich an wie Türchen – man schaut kurz in einer ganz andere Welt, und fängt an, sich umzuschauen und sich zu fragen, wie sie funktioniert, und dann klappt es schon wieder zu. Das hier hat mich total neugierig gemacht auf mehr.

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