9. Türchen: Der Fahrer des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen


Mit dem heutigen Türchen erfülle ich nun wirklich im Ernst den Wunsch nach einer wahren Geschichte. Wer mich etwas besser kennt, kennt sie schon. Die anderen seien gewarnt, dass es heute mal eine etwas unfröhliche Geschichte ist.

Trotzdem viel Spaß.

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Der Fahrer des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen

„Ja“, sagte ich, „Das war Absicht. Wir würden gerne die 9001 gleich mit der 13485 zertifizieren lassen. Das macht doch inhaltlich keinen Unterschied, oder?“

„Nicht besonders“, antwortete der ältere der beiden Auditoren. „Im Detail sind da ein paar Besonderheiten bei der 9001, aber Sie haben schon Recht, es ergibt Sinn, das zu verbinden, dann können Sie die auch gleich …“

Es klopfte an der Tür.

„Ja?“

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und eine Mitarbeiterin schob ihren Kopf in den Konferenzraum.

„Herr Elfeld, da … sind zwei Polizisten, die Sie sprechen wollen.“

Ich zog verwirrt die Augenbrauen hoch und drehte mich ganz zu ihr um.

„Aha … Na gut“, sagte ich, und folgte ihr durch den Flur in mein Büro.

Die beiden standen vor meinem Schreibtisch, ein Mann und eine Frau, beide ungefähr Mitte 20.

„Sind Sie Herr Elfeld?“ fragte der Mann.

„Ja“, sagte ich, und schüttelte beiden die Hand. „Worum geht es denn?“

Ich war mir keiner Schuld bewusst, oder zumindest keiner, wegen der die beiden plausiblerweise da sein könnten, aber dennoch war ich ein bisschen nervös. Man weiß ja nie, und zwei Polizisten, die einen sofort sprechen wollen, ohne auch nur vorher anzurufen, sind selten ein gutes Zeichen.

„Wissen Sie, wer gestern in der Zeit um 22 bis 23 Uhr das Fahrzeug mit dem Kennzeichen H-TO 1885 geführt hat?“

„Ähm …“ Ich dachte kurz nach. Das Kennzeichen hatte ich sofort erkannt, weil ich es vor Kurzem noch selbst von der Zulassungsstelle abgeholt hatte. Es war der neue kleine Wagen meines Vaters. Er hatte Zeit seines Lebens immer nur große Limousinen gehabt, aber kürzlich entschieden, dass sich das nicht mehr lohnte, und bei unserer letzten Begegnung hatte er mir voller Begeisterung vom kleinen Wendekreis des Autos vorgeschwärmt, und davon, wie leicht er jetzt überall Parklücken fand.

Aber weil ich wusste, dass er Nachts auf dem Weg von Hamburg nach Hause gerne einmal dramatisch zu schnell fuhr und auch sonst kein Fan von Verkehrsregeln war, hielt ich es für keine sehr gute Idee, sofort zu antworten, ohne auch nur drüber nachgedacht zu haben. „Wir haben mehrere Fahrzeuge“, sagte ich deshalb. „Ich müsste nachsehen, aber natürlich kriege ich das schnell raus. Worum geht es denn?“

„Der Führer des Fahrzeugs ist gestern Nacht tödlich verunglückt“, sagte der Polizist.

Und ich sah ihn an, und schluckte.

Meine kleine Lüge kam mir jetzt in Anbetracht der Umstände zwar sehr sehr albern und unwichtig vor, aber ich bin ein eitler Mensch, und habe außerdem von meinem Vater immer eingeschärft bekommen, dass man nie mehr zurücknehmen kann, was man einmal gesagt hat.

Deswegen nickte ich nur, sagte sowas wie: „Oh nein, das ist ja … Moment. Ich gehe das sofort prüfen, und bin gleich wieder da.“

Ich ging durch den Flur zum Raucherraum, der dankenswerterweise gerade leer war, und rief meine Mutter an.

Sie bestätigte mir, dass mein Vater gestern nicht nach Hause gekommen war.

Ich überlegte. Ich bin nicht gut mit so etwas. Aber am Ende dachte ich, dass es keine gute Idee war, es zu verschweigen, zumal sie ihm schon seit vielen Jahren nicht mehr sehr nahe gestanden hatte.

Ich sagte ihr, was ich gerade erfahren hatte. Sie erschrak natürlich, aber sie nahm es mit Fassung. Ich bot ihr an, nach Hause zu kommen, aber sie sagte, das sei ja Quatsch, wozu denn, ich hatte doch gerade erst die neue Arbeit angefangen, und ich könne ja eh nichts tun.

So läuft das in unserer Familie.

Ich legte auf und ging zurück in mein Büro, und sagte den beiden Polizisten, dass der Führer des Fahrzeugs mein Vater war.

Sie reagierten angemessen bedrückt, versicherten mir, dass ihnen das sehr leid tue, und verabschiedeten sich dann sehr zügig wieder. Ich schloss die Tür hinter ihnen, setzte mich hinter meinen Schreibtisch und betrachtete die Deutschlandkarte an der Wand gegenüber.

Mit dem Weinen habe ich an diesem Tag erst viel später angefangen. Ganz aufgehört habe ich aber bis heute noch nicht.

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7 Kommentare zu “9. Türchen: Der Fahrer des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen

  1. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
    Ps. 90, 12

  2. DANKE für diese wahre (wenn auch traurige) Geschichte! (Tschuldigung….bei mir kommt heute alles kleckerweise)

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