Generationenschiff (23)


Ja, What Rough Beast läuft auch noch, trotz Termin- und anderer Schwierigkeiten, und bald erscheint dazu auch was Neues.

Aber heute gibts erstmal ein Generationenschiff-(Mehroderweniger)Gegenwartsspecial.

Viel Spaß!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Im 21. Kapitel ersteht Kentub von den Toten auf, oder bleibt eigentlich erst mal liegen, erwacht aber immerhin zum Leben, Banja betritt das Schiff der Fremden und trifft dort 1 alten Bekannten, und Kentub droht, an seinen Kolonist*innen zu verzweifeln, aber dann kommt 1 Raumschiff.

Im 22. Kapitel begegnen Kentub und Banja einander wieder, und Nimue und Psmith führen ein nicht unproblematisches Gespräch.

Was heute geschieht

18. Mai 2057
„Wie viele sind das?“
„Weiß nicht. Konnte sowas immer schlecht schätzen. Tausend?“
„Ich glaub, das sind mindestens zweitausend. Du kannst das echt schlecht schätzen.“
„Warum fragst du mich denn, wenn du’s eh weißt?“
„Weil sie mich nervös machen, deshalb. Und ich konnt ja auch nicht wissen, dass du sauschlecht im Schätzen bist.“
„Fick dich, Beth.“
„Fick du mich doch.“
„Schlechter Zeitpunkt.“
Beth machte ein unzufriedenes Geräusch, nickte aber widerwillig.
„Warum müssen so Transparente immer so peinlich sein?“
„Naja, was würdest du denn machen?“
„Nicht zu ner Scheißdemo gehen.“
„Aber wenn.“
„Ja, dann halt ohne Schild hingehen.“
„Aber irgendwer muss Schilder haben. Sonst weiß doch keiner, wofür ihr überhaupt demonstriert.“
„Ich demonstrier ja auch nicht.“
„ABER WENN DOCH, du dämliche Nuss!“
„Ja mein Gott, dann würd ich halt einfach drauf schreiben, was ich will.“
„Glaub bloß nicht, dass ich aufhör zu fragen, bevor du was gesagt hast.“
„Hab ich doch.“
„Ich mein was Richtiges. Was würdest du drauf schreiben?“
„Naja…“
„Siehst du! Ist nämlich gar nicht so einfach wie zu meckern, ne?“
„Ja meine Güte, man kann doch einfach schreiben, was man will. Und wenn auf ne Scheißdemo geht, weiß man das ja hoffentlich.“
„Sag was.“
„Ja mein … Also. ‚Wir wollen Zugang zu dem Geländer von Projekt Caliper“ zum Beispiel, oder ‚Offenlegung von Projekt Caliper JETZT‘. Das reicht doch. Was hab ich denn davon, stattdessen zu schreiben ‚Regierung Volksverräter Militär Attentäter wir kommen rein … jetzt oder später.“
„Okay das was richtig schlecht.“
„Sollte es ja auch sein, darum gings ja gerade!“
„Ja sind dir die echten Schilder nicht schlecht genug? Ich denk, darum gings!“
„Aber ja nicht nur bei dieser Demo, sondern bei allen Demos!“
„Bei welcher Demo hast du denn sonst noch Schilder zu Projekt Caliper gesehen?“
„Es war ein Beispiel Herrgottnochmal!“
„Kein echtes Beispiel.“
„Ich schieß gleich auf einen von denen, einfach damit das hier aufhört.“
„Mach doch. Ich werd bezeugen, dass sie dich provoziert haben.“
„Mit den Scheißschildern, hm?“
„Genau!“

„Nee, das ist jetzt nicht wahr.“
„Was genau meinst du?“
„Guck doch! Sie kommen immer näher.“
„Na und? Die sind zum Protestieren da, was hast du erwartet?“
„Siehst dus nicht? Merkst dus nicht?“
„Was denn, meine Güte?“
„Die Atmosphäre.“
„Du spinnst. Als nächstes kommst du mir mit Auren und Schwingungen.“
„Man merkt sowas halt mein Gott!“
„Ich merk, dass du spinnst, ja.“
„Die meinen das ernst. Die wollen jetzt hier rein. Die eskalieren jetzt“
„Quatsch.“
„Ich sags dir.“
„Ich hörs. Du spinnst.“
„Ich lös den Alarm aus.“
„Wenn du Stress mit dem Lieutenant willst.“
„Die kommen.“
„Sie können doch eh nicht über den Zaun!“
„Du warst wirklich noch nie bei sowas dabei, oder?“
„Guck doch mal, wie hoch der ist! Und der NATO-Draht, der ist echt fies, ich bin da im Training mal reing-“
„Guck mal, da hinten, ist das ne Waffe?“
„Ich … Ich hol das Fernglas.“
„Ich lös den Alarm aus.“
„Vielleicht wirklich besser.“

„Dies ist eine Einrichtung der Bundesregierung der Vereinigten Staaten von Amerika! Ich fordere Sie auf, unverzüglich diese Versammlung aufzulösen und von der Umgrenzung zurückzutreten.“
„Guck mal.“
„Was?“
„Wie sie gar nicht unverzüglich ihre Versammlung auflösen.“
„Ja was glaubst du denn? Das heißt gar nichts.“
„Meinst du?“
„Wenn du jetzt gleich vorschlägst, dass wir wetten, wirds mir zu blöd, also versuchs gar nicht erst.“
„Schade, hätte gut gepasst, ich hab ein halben Monatssold verloren bei dem Ding mit den Schweinen und den Hunden.“
„Ich habs dir gesagt.“
„Umso mehr freu ich mich, dass ich es diesmal dir gesagt habe.“
„Erstens bin ich nicht so blöd, auf irgendwas zu wetten, und zweitens ist noch gar nicht raus, dass du…“
„Diese Bundeseinrichtung befindet sich unter dem Schutz der Streitkräfte der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich fordere Sie auf, unverzüglich von der Umgrenzung zurückzutreten, Ihre illegalen Handlungen einzustellen und die Versammlung aufzulösen. Sollten Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, werden wir die Aufforderung mit allen erforderlichen Mitteln durchsetzen.“
„…Recht hast.“
„Ist es wohl. Du willst es nur noch nicht einsehen. Die fangen gleich an, über den Zaun zu klettern. Das wird nicht schön. Wir kommen in die Nachrichten.“
„Fuck. Nein. Ich glaubs nicht. Das wird sich gleich wieder beruhigen. Ich brauch das jetzt nicht. Ich hab keine Lust auf den Mist.“
„Das ist dem Mist egal. Der hat Lust auf dich.“
„Hör jetzt auf. Das ist nicht lustig.“
„Hörst du mich la…“
„Dies ist Ihre letzte Warnung. Ihre Handlungen verstoßen gegen geltendes Recht. Sie sind im Begriff, sich rechtswidrig Zutritt zu einer verschlossenen Einrichtung der Bundesregierung der USA zu verschaffen. Sollten Sie nicht unverzüglich von Ihrem Vorhaben Abstand nehmen, werden wir alle erforderlichen Mittel bis hin zu tödlicher Gewalt einsetzen, um den bestehenden Anordnungen FUCK das kann doch nicht deren Ernst sein Fuck das hat weh getan diese Wichser ich glaubs nicht. Ich geb jetzt einen Warn-“
„Warten Sie.“
„Die haben einen Scheiß-Stein nach mi“
„Sergeant, das war keine Einladung zur Diskussion, Sie warten.“
„Jawohl, Ma’am.“
„Da, die da hat auch einen St…“
„Waffe!“
„Wo?“
„Da hinten, zwei Uhr, ungefähr 60 Meter!“
„Caliper Actual, hier ist Perimeter 4, die Demonstration wird gewalttätig, Demonstrantinnen reagieren nicht auf Anweisungen, Personen versuchen, den Zaun zu erklettern, mögliche Waffensichtung.“
„…“
„Caliper Actual, Perimeter 4, bitte bestätigen Sie Freigabe Schusswaffengebrauch.“
„…“
„Caliper Actual hat Schusswaffengebrauch freigegeben. Sergeant, geben Sie ein paar Schuss in die Luft ab, letzte Warnung, alle anderen bereitmachen!“

Ben bekam Angst, als ihm klar wurde, dass er keine Wahl mehr hatte. Die Menschen um ihn herum strömten nach vorne auf den Zaun zu und schoben ihn, zogen ihn, drückten ihn, drängten ihn mit sich, von links und rechts und vorne und hinten, er konnte sich in keine andere Richtung bewegen als der Rest der Menge, er hatte keinerlei Einfluss mehr auf seine eigene Bewegung und konnte nur noch zusehen und schreien und schimpfen, wenn irgendein Armleuchter ihm auf den Fuß trat, oder ihm sein Ohr ins Gesicht drückte. Aber auch das war nutzlos. Nicht einmal er selbst konnte sein Geschrei und Geschimpfe hören.
„… Staaten … aufzu… …Rückzutreten!“, hörte er aus einem Lautsprecher oder Megafon, wahrscheinlich von einer der Soldatinnen hinter dem Zaun.
Für einen Moment war er in der Lage, euphorisch aufgeregt zu sein. Das war so cool! Er war dabei, live, wie die Menschen der Regierung die Grenzen aufzeigten und den Mächtigen sagten, dass sie es sich nicht länger gefallen ließen. Er erlebte die Revolution mit. Naja. Eine kleine Revolution. Er glaubte nicht ernsthaft, dass sie hier und jetzt Präsidentin Sima vertreiben würden. Aber vielleicht war dies der Anfang des Endes von Simas Präsidentschaft. Vielleicht war dies der Akt zivilen Ungehorsams, der anderen den Mut geben würde, auch aufzubegehren und echte Demokratie wiederherzustellen.
Er konnte es gar nicht richtig glauben, als er sich direkt am Zaun wiederfand. Es fühlte sich eigentlich nicht gut an, aber es war zumindest sehr aufregend, an vorderster Front zu stehen. Der Reiz der ersten Reihe konnte nicht lange gegen die Unannehmlichkeit bestehen, von einer wütenden Menge gegen einen Metallzaun gedrückt zu werden. Bens linker Arm war zwischen zwei Körpern eingeklemmt, und er hätte ihn wahrscheinlich herausziehen können, aber da er nicht wusste, wo genau er die anderen gerade berührte, und es auch nicht wissen wollte, ließ er den Dingen erst einmal ihren Lauf und konzentrierte sich stattdessen auf die Soldaten in ihren Tarnanzügen, die auf der anderen Seite des Zauns neben einem großen Radpanzer standen. Zumindest kam er Ben groß vor, er hatte keine Ahnung von Panzern und war noch nie so nah an einen herangekommen.
Er staunte, wie stickig die Luft war, die er atmete, und wie intensiv er den Körpergeruch anderer Menschen wahrnahm, obwohl er im Freien stand und nicht mal mehr von allen Seiten von den anderen umgeben war.
„WAS WOLLEN WIR?“, schrie irgendjemand durch ein Megaphon.
„CALIPER OFFENLEGEN!“, antwortete die Menge, und Ben hatte keine Ahnung, woher die alle die richtige Antwort kannten.
Auch eine der Soldatinnen hielt ein Megaphon, und obwohl sie für Ben nicht so aussah, als würde sie sich davon viel versprechen, klang ihre Stimme überraschend professionell und nach ruhiger Autorität, als sie sagte: „Diese Bundeseinrichtung befindet sich …“
„WANN WOLLEN WIR ES?“
„… unverzüglich von der Umgrenzung …“
„JETZT!“
„… Ihre illegalen Handlungen …“
„MACH NE FAUST AUS DEINER HAND“
… aufzulösen. Sollten Sie dieser Aufforderung nicht
„WANDLE WUT IN WIDERSTAND!“
„… erforderlichen Mitteln durchsetzen.“
„WIR DEMONSTRIEREN WO …“
Während die Ansagerin und die restlichen Demonstrierenden weiter diese Parolen riefen – woher kannten die die denn alle? Hatte Ben eine Mail nicht bekommen? War er in der falschen Messengergruppe? –, sprach die Soldatin noch eine Warnung in ihr Megaphon.
Jemand begann, den Zaun hochzuklettern, und weiter weg sah Ben Leute Teppiche und Matten über den Stacheldraht darauf werfen.
Die Soldatinnen hoben die Gewehre, die bisher locker über ihren Schultern gehangen hatten, und luden sie durch.
‚Das kann nicht wahr sein‘, dachte Ben, ‚das machen sie nicht.‘
Aber sie machten es. Und eine von ihnen, die Ben vorher nicht aufgefallen war, schaute aus einer Luke im Dach des gepanzerten Fahrzeugs heraus, griff die auf dem Dach befestigte Waffe, richtete den Lauf nach oben, und feuerte eine Salve in den blauen Himmel.
‚Das passiert nicht das passiert nicht das passiert nicht!‘
Die Warnschüsse peitschten die Demonstrierenden auf. Das Geschrei wurde lauter, wütender, und Menschen schoben Ben noch heftiger in alle Richtungen, während manche der anderen versuchten, zu entkommen, und andere umso aggressiver nach vorne drängten.
Ben selbst versuchte, von dem Zaun zurückzuweichen, aber es ging nicht. Er konnte sich keinen Zentimeter bewegen durch die dich gepackten Menschen. Es ging nicht nach links und nicht nach rechts und nicht nach hinten, und vor ihm war der Zaun.
Jemand landete auf der anderen Seite des Zauns.
Es war gar nicht weit weg von Ben. Er schätzte, zehn Meter. Die Person hatte sich mit einem schwarzweißen Tuch und einem schwarzen Hoodie vermummt und hätte sicher sehr cool ausgesehen, wenn sie nicht so unbeholfen gelandet und rückwärts gegen den Zaun gefallen wäre. Eine der Soldatinnen machte ein paar Gesten, und zwei andere eilten zu der Person und packten sie. Die Person wehrte sich. Ben versuchte immer noch, zurückzuweichen, oder zur Seite, oder sich irgendwie weiter zu entfernen, aber es ging nicht.
Eine zweite Person landete auf der anderen Seite des Zauns, lief zu der ersten, sprang einem der Soldaten auf den Rücken, warf die Arme um seinen Hals. Der Soldat ließ seine Waffe fallen, ruderte mit den Armen und fiel auf den Rücken.
Die andere Soldatin ließ die erste Demonstrantin los, zögerte kurz, und griff dann nach der am Boden liegenden Waffe, als ihn ein Stein traf.
Ben war nicht sicher, ob der Stein wirklich gut geworfen war, oder ob es Zufall war, aber er traf nicht den Helm, sondern das Gesicht der Soldatin.
Es war zu viel Lärm, als dass Ben einen Schrei hätte hören können, aber die Soldatin schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen – sie hatte selbst kein Gewehr, sondern nur eine Pistole in einem Seitenholster – und ging in die Knie.
Während ihr Kamerad sich mühselig umdrehte, um den Demonstranten erreichen zu können, der ihn angefallen hatte, rappelte die erste Demonstrantin sich auf, schaute sich um, schaute auf das am Boden liegende Gewehr – und hob es auf.
Die Anführerin der Soldatinnen rief etwas durch ihr Megaphon, das Ben nicht verstehen konnte, und während die Demonstrantin noch das Gewehr anschaute, als würde sie sich fragen, an welchem Ende wohl die Kugeln rauskamen, riss die getroffene Soldatin sich genug zusammen, um ihre Pistole zu ziehen und auf sie zu richten.
Ihr Mund bewegte sich, und Ben nahm an, dass sie etwas rief wie:
„Lassen Sie die Waffe fallen!“, auch wenn Ben nichts verstehen konnte.
Die Demonstrantin zögerte nur kurz, aber es war genug.
Ben war nah genug dran, um sehen zu können, dass die am Boden kniende Soldatin sich nicht bewegte, und dass weder ihre Hand, noch die Waffe darin zuckte, deswegen nahm sie an, dass jemand anders geschossen hatte.
Er sah kurz in Richtung der übrigen Soldaten, und tatsächlich hatten einige von ihnen ihre Gewehre im Anschlag, und auch der auf dem Fahrzeug hatte die Waffe auf ihrer Halterung in Richtung der Demonstranten gerichtet.
Aus keiner der Waffen stieg Rauch, und Ben hatte keine Ahnung, ob das normal war oder irgendetwas bedeutete, er hatte noch nie zugesehen, wie jemand schoss, aber jedenfalls hatte irgendjemand geschossen, denn die Demonstrantin, die das Gewehr aufgehoben hatte, lag jetzt am Boden, und eine dunkle Lache breitete sich unter ihr auf dem Asphalt des Geländes aus, auf das sie über den Zaun geklettert war.
Der andere Soldat hatte inzwischen die Oberhand über seinen Gegner gewonnen und schlug mit seinen Handschuhen in das Gesicht seines Gegners, und Ben konnte gleichzeitig nicht hinsehen und nicht wegsehen. Es war brutaler, gewichtiger und härter, als es in Filmen und Serien immer aussah, und zur gleichen Zeit kam es ihm … trivialer und geringfügiger, alberner vor.
Mehr Demonstrantinnen kletterten über den Zaun. Einige von ihnen bluteten aus mehreren Wunden, weil sie sich am Stacheldraht geschnitten hatten. Es blutete viel mehr, als Ben erwartet hätte. Er hatte immer gedacht, Stacheldraht wäre bestenfalls unangenehm, aber diese Leute sahen ernsthaft verletzt aus. Sie bewegten sich auch so.
„Letzte … Sie unverzüglich … Schusswaffen …“
Ben verstand nicht viel von dem, was aus dem Megaphon der Anführerin der Soldatin kam, aber die Botschaft war unmissverständlich. In der Ferne hörte er näherkommende Motoren, und mindestens einen Hubschrauber, wenn er sich nicht sehr täuschte.
Die Menge hinter ihm hatte aufgehört, zu drängen und zu drücken. Wahrscheinlich hätte er sich jetzt physisch von dem Zaun lösen und entfernen können, aber er konnte nicht mehr. Er konnte nicht wegsehen. Er musste weiter beobachten, was dort auf der anderen Seite des Zaunes Unfassbares geschah.
Ein weiterer Stein flog in Richtung des gepanzerten Fahrzeugs. Die Leute, die über den Zaun geklettert waren, liefen auf den Soldaten zu, der inzwischen aufgehört hatte, auf die am Boden liegende Person einzuschlagen.
„Bleiben Sie stehen!“, rief die Soldatin mit dem Megaphon, aber niemand reagierte.
Sie senkte das Megaphon, hielt einen Finger an ihr rechtes Ohr, bewegte den Mund, hielt inne, sank ein wenig in sich zusammen und sagte wieder etwas, das Ben nicht verstehen konnte.
Und dann explodierte die Welt.
Ben konnte nicht viele klare Gedanken fassen in seiner Panik, aber auf eine wenig bestimmte Art konnte er nicht fassen, dass die Soldatinnen tatsächlich scharfe Waffen einsetzten.
Und dass sie das taten, war unverkennbar, als das Geschütz auf dem Radpanzer die Stimme erhob, alles in seinem ohrenbetäubenden Rattern ertränkte und Menschen vor wie hinter dem Zaun blutend zusammenbrachen. Wenige Meter neben Ben wurde jemand in den Kopf getroffen. Er sah weg, aber etwas warmes, Nasses spritzte in sein Gesicht, und das war der Moment, in dem er alle Kontrolle verlor und einfach rannte. Er wusste nicht einmal, in welche Richtung er rannte – hoffentlich weg vom Zaun, aber schon nach wenigen Schritten war er so versunken in der Menge der Demonstrierenden, so damit beschäftigt, den Rennenden wie den Liegenden auszuweichen, dass er keine Ahnung mehr hatte, wo der Zaun war, wo das Geschütz war, wo das Zelt war, das Auto, die anderen, mit denen er hier war.
Es gab doch Tränengas? Es gab doch Gummigeschosse? Wie konnten diese Menschen denn einfach andere erschießen, ohne vorher andere Mittel zu wählen?
Was geschah hier? Er verstand es nicht. Er begriff es nicht. Er konnte es nicht glauben.

Lesegruppenfragen
1. Haben euch die Szenen nur mit Dialog gestört?
2. Hätten sie euch weniger gestört, wenn sie nicht nur aus Dialog bestanden hätten?
3. Wie hat die letzte Szene aus Bens Perspektive so auf euch gewirkt? Ich bin mit der nicht so richtig zufrieden.
4. Bonus-Frage! Hier dürft ihr einfach irgendwas schreiben, was euch gerade einfällt.

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