5. Türchen: Anna


Heute ist es wieder etwas später geworden, aber wenn ihr mich fragt, hat sich das Warten gelohnt. Natürlich Geschmackssache, aber ich finde, das Türchen heute ist das bisher interessanteste. Auch wenn die Idee nicht ganz alleine von mir ist. Aber welche Idee ist schon ganz alleine von einer einzigen Person?

Viel Spaß!

Hier ist die PDF- und hier die html-Version:

Anna

Die Tür des riesigen alten Pickups schepperte bedrohlich, die Steckverbindung des Seitenfaches in der Tür löste sich, und das Fach fiel klappernd auf das nackte Blech des Fußbodens vor Annas Sitz.

„Anna, verdammt, wir haben nur das eine Auto!“ fuhr Cynthia sie an.

„Schick mich doch zu Dad zurück!“ antwortete sie, „Da gibt es sogar richtige Anschnallgurte …“

„Anna!“ zischte Cynthia, und lehnte sich zu ihr hinüber, konnte sich aber rechtzeitig beherrschen, um nicht ihre Hand zu heben.

Anna konnte es richtig in ihren Augen sehen, den genauen Moment, in dem die Wut der Erkenntnis wich, was sie gerade zu tun im Begriff war, und in Scham und Hilflosigkeit umschlug.

„Provozier mich nicht“; sagte sie schließlich.

Anna verschränkte die Arme und schaute aus dem Fenster.

„Soll ich dich …“ begann Cynthia, in diesem künstlich ruhigen Tonfall, den sie immer anschlug, wenn sie sich schlecht fühlte, weil sie beinahe wieder ausgerastet war, und eine gute Mutter sein wollte, „Ich mein, ich kann gerne mit reinkommen, wenn du …“

„Setz mich am besten zwei Kreuzungen vorher irgendwo ab“, unterbrach Anna sie. „Ich hab keine Lust, dass alle mich gleich am ersten Tag aus dieser Kiste hier steigen sehen.“

Cynthia ließ den Motor an – es klappte immerhin schon beim zweiten Versuch – und fuhr mit lautem Geklapper und Gerumpel los.

„Wer dich wegen des Autos nicht leiden kann, ist eh nicht dein Freund“, murmelte sie.

„Ja klar“, sagte Anna. „Für dich ist das leicht zu sagen. Wenn ich den ganzen Tag zu Hause hocken könnte, wär mir auch egal, was die Leute -“

Anna zuckte erschrocken zusammen, als Cynthias Faust mit lautem Krachen gegen die Mittelkonsole schlug. Ein Stück spröden Kunststoffs brach ab und fiel zu Boden, und Cynthia sog Luft ein, während sie erst ihre blutigen Knöchel an der schmutzigen Jeans abwischte und sich dann mit zitternden Fingern durch die kurzen blonden Borsten auf ihrem Kopf fuhr.

Für den Rest der kurzen Fahrt sprach keine von ihnen ein weiteres Wort. Anna öffnete ein paar Mal den Mund, um zu sagen, dass sie zu ihrem Vater zurück wollte, aber sie traute sich nicht.

Cynthia hielt an einer Kreuzung zwei Querstraßen von der Schule entfernt, lehnte sich an Anna vorbei – es fühlte sich ein bisschen so an, als würde sie sie dabei nicht ganz aus Versehen mit der Schulter in den Sitz zurück pressen, bis es beinahe weh tat – öffnete die Tür für sie und wies mit dem Kopf in Richtung draußen.

Anna sah ihr kurz in die Augen und wusste selbst nicht genau, ob sie Mut sammelte, um selbst etwas zu sagen, oder ihr die Chance geben wollte, sich zu entschuldigen, aber nichts von beidem passierte, und sie stieg schließlich aus und warf die rostige klapprige Tür so heftig zu, wie sie konnte.

Sie hörte einen heftigen Schlag von innen, und der Pickup fuhr an, nicht mit quietschenden Reifen, das hätte der sterbende Motor nicht mehr hergegeben, aber doch ruckartig genug, dass die Botschaft ankam.

Anna sah dem Wagen noch ein paar Sekunden nach, bevor ihr der Junge auffiel, der ein paar Meter entfernt am Straßenrand stand und sie ansah.

Als sie in seine Richtung schaute, wandte er sich schnell ab und starrte angestrengt auf das Telefon in seiner Hand.

Als Anna ihn ansah, blieb die Zeit für sie stehen. Sie versank im Anblick seiner lockigen dunkelbraunen Haare, seiner etwas zu dicken dunklen Augenbrauen, der angestrengten Falten auf seiner Stirn und seiner kräftig blauen Augen.

Er war perfekt.

In diesem Moment wusste Anna, dass ihr Leben von nun an ein anderes war, weil sie ihn endlich gefunden hatte.

Den Einen.

Den ersten Menschen, den sie in ihrem Leben töten würde.

Inspiration von hier.

Zählt das schon als Chic-Lit?

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6 Kommentare zu “5. Türchen: Anna

  1. Also mir als Chick hat sie sehr gut gefallen, aber ob es für das Genre reicht… dafür könnte man den perfekten Jungen wahrscheinlich noch ausfühlicher und glitzernder beschreiben. Aber darauf würd ich nicht bestehen.
    Sehr gelungen, doch.

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