4. Türchen: Geschöpf


Jawoll, heute bin ich mal früher dran als die Betreiberin des konkurrierenden Adventskalenders von Kunst, Juristerei und Zombies. Ich sehe uns damit für die Zukunft strukturell gut aufgestellt und plane, den damit errungenen Markt- und Wettbewerbsvorteil optimal zu nutzen.

Euch allen wünsche ich heute einen hohen Wirkungsgrad.

Und nun zu etwas völlig anderem: Mit dem heutigen Türchen (pdf) betrachte ich die Bitten um eine wahre Geschichte als erfüllt. Weitere Vorschläge sind jederzeit willkommen.

Geschöpf

ATME

Und der Mann atmete. Und blinzelte. Und starrte verständnislos in die leere Ebene, auf der er lag.

Die Gedanken des Mannes rasten, rotierten, jagten einander, während sie versuchten, eine Form zu finden, so wie sein Körper seine Form gefunden hatte, gerade eben, während sein Verstand und seine Sinne, zum ersten Mal, ein Bild der Welt für ihn konstruierten.

Er gab Laute von sich, die seiner Verwirrung, seiner Frustration, seiner Angst Ausdruck verliehen, und seine zappelnden Hände und Füße erzeugten platschende Geräusche auf dem nassen Lehmboden.

Er verstand nicht, was geschah. Er verstand nicht, was er tat, weil er nicht verstand, was er war. Er trug Wissen und Fähigkeiten in sich, die er nie erworben hatte, und sein Verstand war überfordert mit der Aufgabe, sie zu aktivieren und sinnvollen Tätigkeiten zuzuordnen.

Am Ende gelang es ihm, Lehm über seinen ganzen Körper verschmiert und nicht wenig davon auch in Mund und Nase, sich auf alle Viere aufzurichten, und er sah auf zu dem gewaltigen Wesen, das über ihm schwebte, über der Ebene, über den Wassern, und über allem, und von dem er wusste, dass es ihn geschaffen hatte.

Der Mann stieß einen klagenden Laut aus, der eine Frage sein sollte, und eine Bitte, und eine Huldigung zugleich.

Das gewaltige Wesen antwortete nicht.

Doch es handelte.

Es ergriff den Mann, und er schrie auf, als es ihn in die Luft erhob, und er heulte, als die Welt, die er gerade begonnen hatte, zu erkennen, vor seinen Augen zerrann, und er sich augenblicklich in einer anderen wiederfand, wieder auf dem Rücken liegend, umgeben von komplexen zum Himmel aufragenden Strukturen, unter ihm nicht mehr nasser Lehmboden, sondern saftige grüne Blätter, und mit offenem Mund und aufgerissenen Augen starrte er verständnislos in den Garten.

Und wieder stieß er den fragenden Laut aus und erflehte Verständnis.

Diesmal erhielt er eine Antwort.

Das gewaltige Wesen sprach zu ihm. Der Mann brach in Tränen der Freude, der Ehrfurcht, der Verehrung und der Liebe aus, als das allmächtige Wesen ihm seine Weisheit offenbarte und …

DU SOLLST ESSEN VON ALLERLEI BÄUMEN IM GARTEN ABER VON DEM BAUM DER ERKENNTNIS DES GUTEN UND DES BÖSEN SOLLST DU NICHT ESSEN DENN WELCHES TAGES DU DAVON ISST WIRST DU DES TODES STERBEN

Der Mann blickte auf zu dem gewaltigen Wesen, und blickte in den Garten, und in die Welt um sich.

Diesmal gelang es ihm schneller, sich auf Hände und Knie zu erheben, und umständlich und schwankend richtete er sich auf zwei Beine auf, die Arme gestützt an eines der Gewächse, die ihn umgaben. Etwas surrte um seinen Kopf herum, und einige Minuten folgten die Augen des Mannes dem im Licht blitzenden Wesen mit den irisierenden Flügeln, während er sich an die aufrechte Haltung gewöhnte.

Der Mann begann zu verstehen. Das Wissen in ihm wurde zugänglich und verständlich, als seine Gedanken, sein Herz und sein Atem sich beruhigten.

Bäume, dachte er. Und Früchte. Das Wesen hatte ihm erlaubt, sie zu essen. Er musste essen. Er war hungrig.

Er sah eine Frucht. Sie war dunkelrot und glänzte und …

Der Mann tat seinen ersten Schritt, auf die Frucht zu, und stürzte nicht, und er war froh über seinen ersten Erfolg. Er tat einen zweiten Schritt und streckte seine Hand nach der Frucht aus und …

ES IST NICHT GUT DASS DER MENSCH ALLEIN SEI ICH WILL IHM EINE GEHILFIN MACHEN DIE UM IHN SEI

Der Mann fiel in einen tiefen Schlaf.

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13 Kommentare zu “4. Türchen: Geschöpf

  1. @ Fabian: Sorry, wenn ich ein bißchen kritisiere. Ein paar unwahre Elemente in deiner wahren Geschichte sind mir schon beim Überfliegen aufgefallen: „Angst“ war im Paradies ein Fremdwort……es gab keine „Überforderung“……vom „Klagen“ ist im Original auch nichts zu lesen. Das alles gehört zur „gefallenen Schöpfung“. 😉

  2. Als jemand, die auch eine wahre Geschichte erbeten hatte, schließe ich mich dem „Ey!!“ natürlich vollumfänglich an.
    Ansonsten sehr gerne gelesen, ich mag vor allem die Beschreibung der ersten Wahrnehmungen des Mannes.

  3. Da ich mal vermute, dass das eine der Geschichten ist, die du neu geschrieben hast, eine Frage: Mich interessiert mal, wie lange schreibst du an so einer Geschichte von der Länge im Durchschnitt? Vielleicht mal so ein Richtwert (sicher wird das auch unterschiedlich sein, vermute ich mal), wie groß der Zeitaufwand dabei für dich ist? Nur mal so interessehalber, weil ich da keinen blassen Schimmer von habe.

  4. @Sylkuro: Danke, behebe ich gleich.
    @Triffels: Problem?
    @madove: Keine Sorge. Das Ding ist nur, dass wahre Geschichten, also jetzt wirklich wahre, nicht „basierend auf …“ oder son Quatsch, in der Regel keinen vernünftigen Plot haben, keine Pointe, und nichts. Aber ich überlege, und irgendwann kommt da was. Versprochen.
    @Christina: Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. Das reine Schreiben bei dieser Länge dauert so ungefähr eine halbe Stunde. manchmal ist das alles, plus ein paar Minuten zum Nochmallesen. Manchmal denke ich vorher auch mehrere Tage (natürlich nicht ununterbrochen) drüber nach, bevor ich mit dem Plan zufrieden bin. Und manchmal muss ich mittendrin unterbrechen, um noch ein paar Stunden (oder Tage) (natürlich nicht ununterbrochen) drüber nachzudenken. Aber bei diesem hier wars wirklich nur ungefähr die halbe Stunde.

  5. @ Fabian: Aha…..gut zu wissen….Danke. Zur wahren Geschichte noch mal kurz: Gibt es denn in deinem Leben nicht irgend eine Begebenheit aus der Schulzeit, die sich lohnt zu erzählen? Erlebnisse mit Lehrern, Mitschülern oder dergleichen…..? Das wäre dann auch nicht zu persönlich……weil ist ja schon lange her.

  6. @Triffels: schmach disch Krankenhaus.
    @Christina: Es geht mir nicht darum, ob es zu persönlich wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Schwank aus meinem Leben und einer Geschichte. Ich hätte gerne was, was hier reinpasst, stilistisch und strukturell. Und da muss ich eben noch eine Weile überlegen, wie ich das mache.

  7. Da habe ich das Wichtigste doch glatt vergessen: dass dieses Türchen toll ist. Sehr schöne Umsetzung!

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