von oben (9)


Oha, einen Monat ist das letzte Kapitel schon wieder her: Die gute Nachricht: Ich hab die ganze Zeit weiter geschrieben und es mangelt absolut kein bisschen an Material.

Die schlechte: Ich hab trotzdem nichts veröffentlicht. Werde mal zusehen, dass das wieder besser wird, aber ihr habt ja jederzeit die Möglichkeit, zum Beispiel über das Kommentarfeld mitzuteilen, wenn euch der Takt zu langsam wird, wenn ihr wisst, wie ich das meine.

Viel Spaß!

‚Beispiel, dass 1 nie 1 Cop vertrauen darf‘ war die Antwort, die Romy von Lina bekam.

Sie seufzte.

‚Das hab ich irgendwie verdient‘, schrieb sie. ‚Aber das Curry war gut, oder? Und ich hol dich nachher natürlich auch ab … wenn du das noch willst.‘

‚Nicht witzig‘,  antwortete Lina. ‚Aber ja ich ruf dann an, wenn wir fertig sind.‘

Das war eine der guten Sachen daran, eine 96jährige zu verfolgen. Romy konnte sehr bequem nebenbei auf ihrem Handy tippen und Linas Antworten lesen.

Sie hatte sich noch nicht ganz festgelegt, ob sie Bianca Hinrichs unauffällig oder ganz offen folgen wollte, aber bisher war das auch nicht nötig gewesen, weil die alte Dame sich kein einziges Mal umgedreht hatte und wahrscheinlich auch sowieso nicht mehr besonders gut sah.

‚Ich komm dann auf jeden Fall und hol dich ab. Sag gerne auch ein bisschen früher Bescheid, damit du nicht warten musst.‘

Komisch eigentlich, aber Romy fühlte sogar irgendwie mit Lina mit in dieser Situation.

Sie erinnerte sich noch zu gut daran, wie es für sie selbst gewesen war, gleichzeitig diese komplette Verachtung für die eigene Mutter zu empfinden, und trotzdem so umfassend von ihr abhängig zu sein und zu wissen, dass kaum irgendwas im eigenen Leben noch funktionieren würde, wenn sie die Unterstützung verweigerte. Romy hatte sich deshalb schon lange vor Lina vorgenommen, ihren Kindern zu vermitteln, dass sie einfach einen Anspruch auf bestimmte Dinge hatten, die nicht davon abhängig waren, ob sie sich gerade gut verstanden, ob die Kinder sich gut benommen hatten oder ob es Streit gab, oder was sonst so los war.

Stellte sich heraus, dass es wohl bei einem einzigen Kind bleiben würde, was okay war, und dass es tatsächlich schwerer war, als sie damals gehofft hatte, weil sie natürlich fest damit gerechnet hatte, eine total gute Mutter zu sein, die von ihren Kindern niemals die gleiche Verachtung und Ablehnung provozieren würde, die ihre eigene Mutter von ihr bekommen hatte.

Tja. Aber so war’s nun.

Romy nahm sich vor, sich rechtzeitig Gedanken über ein Hobby zu machen, das sie in der Rente voll und ganz ausfüllen würde, weil sie wohl eher nicht davon ausgehen sollte, regelmäßig Besuch von der Familie zu bekommen.

Videospiele mochte sie ganz gerne, aber würde das reichen? Vielleicht sollte sie sich noch mal an Bücher ranwagen. Ihre Schulzeit hatte ihr das weitgehend verleidet. Ihr letzter Versuch war Harry Potter gewesen, weil sie viel Gutes davon gehört hatte. Das war 10 Jahre her, und sie war irgendwie nicht richtig reingekommen, und natürlich hatte Lina ihr inzwischen erklärt, warum die Bücher auch eh Mist waren und die Autorin keinen Cent von irgendwem kriegen sollte, weil sie transfeindlich war, und auch wenn Romy gerade nicht die ganze Hintergrundgeschichte zusammen bekam, hatte sie es damals sogar irgendwie verstanden und sich sogar ein bisschen gefreut, weil sie das Buch echt nicht gemocht hatte und deshalb auch nie Interesse an den Filmen … Naja.

Oder wollte sie noch mal ein Instrument lernen?

Da hatte wiederum ihre Mutter viel kaputtgemacht, indem sie sie gezwungen hatte, jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an dem verflixten Klavier zu üben. Aber eigentlich fand Romy die Vorstellung gar nicht schlecht.

Vielleicht würde es ihr sogar helfen, irgendeine Art von Verbindung zu Lina aufrechtzuerhalten, sogar wenn die Mutter-Kind-Abhängigkeit wegfiel …?

Aber wie armselig und offensichtlich wäre das, wenn sie jetzt mit Violine anfangen würde? Am besten noch fragen, ob sie zu den Stunden bei Baschar mitgehen konnte.

Nee, so sicherlich nicht.

Boah wie traurig auch, sich über sowas schon Gedanken zu machen?

War sie nicht gerade erst noch selbst 16 gewesen und hatte alle Erwachsenen gehasst und alles besser machen wollen?

Und jetzt war sie 38 und machte sich Gedanken um ihre Rente und wie sie damit klar kommen würde, dass ihre Toch… NEIN. Herrgottnochmal! dass ihr Kind, ihr*e Lina sich nie wieder melden würde, sobald sie die Chance hatte, auszuziehen und …

Oh. Es passierte was.

Bianca Hinrichs schob den Riegel einer Gartenpforte zurück und schlurfte mit ihren Hausschuhen den Pfad zur Haustür hinauf. Romy ärgerte sich nicht zum ersten Mal heute, dass sie ihre Uniform trug und versuchte, sich so zu positionieren, dass sie möglichst gut sehen konnte, was da geschah, aber gleichzeitig von der Tür aus möglichst schlecht sichtbar war.

Ihr Handy klingelte.

Natürlich.

Aber immerhin gab ihr das eine Chance, stehen zu bleiben, ohne dass jemand sich wunderte, warum sie hier rumstand und zu dem Hauseingang gaffte. Hätte sie auch selbst drauf kommen können, war sie aber nicht.

„Mendel, hallo?“

„Hallo Romy.“

Es war Roger. Roger war Romys direkter Vorgesetzter. Die Systematik der Verwaltungsbezirke und Polizeidienststellenzuständigkeitsplanung oder was auch immer hatte dazu geführt, dass sein Schreibtisch nicht in Dorsum stand, sondern in Esens, und die beiden sich auch kaum begegneten. In der Praxis traf Matts als dienstältester Beamter in Dorsum die wesentlichen Entscheidungen und nahm die Funktion eines Dienststellenleiters war, und normalerweise ging das auch gut, aber es gab immer mal wieder Situation wie diese, in denen Roger dann doch ran musste, weil …

Und die andere Sache war, dass Rogers Stimme genau so klang wie die von dem Typen, der bei den drei Fragezeichen in der allerersten Folge mit dem Papagei – ‚der Superpapagei‘ hieß die einfach, oder? – den älteren dicken Kunsthändler Mr. Claudius sprach. Romy hatte extra nachgesehen, sonst hätte sie nicht mehr gewusst, wie der Kunsthändler hieß, und manchmal wusste sie sogar, wie der Sprecher hieß, aber jetzt gerade kam sie nicht drauf. War eh schon eine Weile tot.

Jedenfalls klang Rogers Stimme ganz genau so sonor und tief und ruhig und selbstbewusst und das löste bei ihr immer ein ganz komisches Zittern im Bauch aus und auch noch ein bisschen tiefer, aber sie versuchte, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

„Hallo Roger“, sagte sie, und versuchte, dabei mit einer ganz normalen Stimme zu sprechen, was komplett absurd schwer war, wenn sie es bewusst versuchte, und meistens dazu führte, dass sie zumindest für sich selbst peinlich hoch und mädchenhaft klang, obwohl das genau das war, was sie zu verhindern versuchte.

„Ich hab gehört, es gibt Probleme“, sagte er. „Matts hat mich angerufen. Sturm im Wasserglas mit den Johannitern?“

„Ähja. Also, das war so …“

„Matts hat es mir schon erzählt.“

„Ich bin nicht sicher, ob er es so erzählt hat, wie ich es erzählen würde.“

Roger lachte, und ihre Knie wurden fast ein bisschen weich. Sie hatte echt lange nicht mehr mit ihm gesprochen. Sie lachte mit, schaffte es aber immerhin, vorher noch das Handy weiter weg zu halten, damit er es nicht hörte.

‚Romy, du bist peinlich, reiß dich zusammen!‘

Sie versuchte, noch ein bisschen Konzentration aufrecht zu erhalten für Frau Hinrichs. Jemand hatte die Tür geöffnet und die alte Dame diskutierte gerade offenbar recht emotional mit der Person hinter der Tür, den ausschweifenden Gesten nach, und der Lautstärke. Romy konnte zwar nichts verstehen, aber sie konnte die aufgebrachten Stimmen bis hier hören.

„Ich wollte eigentlich jetzt gar nicht noch drei Versionen hören“, sagte Roger, „Ich hab eher gehofft, dass du mir einfach sagen kannst, dass du es regelst und ich mir keine Sorgen drum machen muss?“

Er rollte die rrrrrrs immer so schön … Aber er war schon auch ein fauler Sack, fand sie. Ernsthaft, war er überhaupt schon mal in Dorsum gewesen, seit sie hier angefangen hatte? Sie konnte sich nicht erinnern.

„Ich glaub, das krieg ich hin“, antwortete sie. „Kann aber noch nicht versprechen.“

„Damit wir uns richtig verstehen“, sagte er. „Ich fände es wunderschön, wenn ich dieses Wochenende nicht noch einen Anruf wegen dieser Kinderkacke bekäme. Eine Mail mit einem Inhalt der Richtung ‚Sie ist jetzt wieder in ihrem Zimmer und hat ihre Pillen genommen‘ würd ich aber gerne nehmen.“

Das Streitgespräch an der Tür ging mit unverminderter Heftigkeit weiter. Bianca Hinrichs hatte jetzt die Hand ihres Gegenübers zwischen ihren ergriffen – oder sogar beide Hände, so genau konnte Romy das nicht nicht sehen – und schien um irgendwas zu bitten.

„Roger, so einfach ist das nicht, die Bewohnerin steht nicht unter Betreuung und sie will halt –“

„Ich meinte nicht, dass ich zum Ausgleich dann noch möglichst viel Inhalt in diesen Anruf hier packen wollte. Bitte kümmer dich drum und mach die Johanniterkasper glücklich, ja? Matts klang, als wollten sie Fußkuss, aber wenn du’s geschickt anstellst, schaffst du es vielleicht mit einem Kniefall. Ich will deshalb nicht mit eurer Bürgermeisterin telefonieren müssen, okay?“

„Okay …“

So viel zu keine rechtswidrigen Anweisungen. Aber technisch gesehen hatte sie ihm gar nichts versprochen. Hehe.

Das Gespräch ging langsam zu Ende. Die alte Dame ging die zwei Stufen von der Haustür wieder hinab, drehte sich noch mal um, schüttelte den Kopf und gestikulierte in Richtung des in der Einfahrt stehenden VW Passat.

Die Person in der Tür hob die Arme in einer kapitulierenden Geste, nickte, fragte noch mal was, aber die alte Dame schüttelte noch mal den Kopf und zeigte wieder auf den Passat.

Dann schlurfte sie zielsicher auf Romy zu – so viel zu altersbedingt schlechten Augen – und Romy ging ihr entgegen, weil sie heute einfach nicht mehr so viel Geduld hatte.

„So, das wars“, sagte Bianca Hinrichs. „Mehr schaff ich nicht mehr. Sie können mich zurückbringen.“

Romy seufzte erleichtert.

„Nichts lieber als das“, sagte sie. „Aber sagen Sie mal, hätten Sie das nicht auch telefonisch machen können, ohne das ganze Theater?“

Die alte Frau schaute mit einer Mischung aus echtem Ärger und schelmischer Provokation zu ihr auf und antwortete: „Das geht dich einen Scheiß an, Bulle.“

„Was?“

Romy war echt überrascht. Normalerweise konnte sie sich wenigstens von älteren Leuten auf einen gewissen Basisrespekt vor der Uniform und ihrem Job verlassen. Was war denn jetzt gerade los, dass alle Leute sie hassten?

„Du hast mich schon verstanden“, sagte die alte Frau zufrieden grinsend.

Stumm begleitete Romy sie zurück zum Johanniterhaus und wünschte sich fast, dass sie es doch gleich so gemacht hätte, wie das Team dort es von ihr erwartet hatte.

*****************

„Meinst du, wir können was zu essen bestellen heute Abend?“, fragte Marni. „Ich bin so müde, ich halts nicht mal aus, wenn du was kochst.“

Ebru grinste breit, aber mit zusammengekniffenen Lippen, aber so eine ‚Es ist lustig, aber es macht mir auch ein bisschen Sorge und ich bin nicht sicher, ob ich damit einverstanden bin, worauf das hinauslaufen könnte‘-Art.

„Von mir aus eigentlich gerne, aber … Was kann eins denn hier überhaupt bestellen?“

„Google Maps findet … Maiks Imbiss, das scheint so klassische Currywurst-Buletten-überbackene-Nudeln-Speisekarte zu sein … Lesbos Grill, das ist so griechischer Kram, und Pronto … Äh … Aber das ist chinesisches Essen, scheint mir? Wie ist das denn passiert? Ich gebe zu, das klingt jetzt nicht soo toll. Aber ich guck noch mal genauer …“

Dabei fielen Marni die WhatsApp-Nachrichten ein, die sie bis gerade erfolgreich verdrängt hatte. Na gut, aber jetzt konnte sie sich auch erst mit dem Thema Essen beschäftigen.

Sie kam relativ schnell zu dem Ergebnis, dass Maiks Imbiss und der Lesbos Grill nicht infrage kamen, und dass das chinesische Restaurant Pronto immerhin ein paar Gerichte hatten, die vielleicht was für Ebru und sie sein könnten.

Nach ein bisschen Hin und Her entschied Ebru sich für den gebratenen Tofu mit Gemüse und Marni für die Garnelen nach Gong-Pao-Art. Hatte sie noch nie gehört, aber sie wollte es nicht mal googlen, weil sie sich trotz der Müdigkeit abenteuerlustig fühlte, oder aber zu müde war, um noch großartig zu recherchieren, was sie essen wollte, wie herum auch immer.

Sie riefen an, erklärten der Person am Telefon, was sie wollten, bestellten nach kurzer und etwas hektischer (weil ihnen beiden peinlich war, dass die*der Restaurantmitarbieter*in währenddessen am Telefon auf sie wartete) Beratung noch eine Flasche Weißwein und einmal gebackene Ananas mit Honig dazu und legten dann erleichtert auf. Kaum etwas fanden sie so anspannend wie telefonische Restaurantbestellungen.

Und dann klopfte es an der Tür.

„Wie was?“

„Das kann doch nicht …“

Verwirrt schauten sie beide abwechselnd einander an und dann zur Tür.

„Die heißen Pronto“, sagte Marni, „Aber so schnell können die nicht sein.“

Nachdenklich schaute sie auf ihr Display und die wartende WhatsApp-Benachrichtigung. Das Klopfen hatte einigermaßen zivilisiert geklungen, zweimal in normaler Klopflautstärke. Nicht wie sie sich aggressive Faschos vorstellte, die ihr Angst machen oder sogar was antun wollten. Aber konnte natürlich sein, dass genau das der Trick sein sollte.

„Vielleicht wieder die Vermieterin?“, fragte Ebru.

„Die hat gestern früh anders geklungen, aber das war natürlich auch eine besondere Situation …“

Es klopfte noch mal.

„Ich … hol vielleicht einfach mal mein Pfefferspray, nur um ganz sicher zu gehen.“

Marni zögerte kurz und nickte.

„Aber pass auf, dass sie’s nicht sieht, okay? Ich will nicht, dass wir wie die Dorsumer Nachbarschaftswache aussehen.“

„Für wen hältst du mich denn bitte?“

„Naja ich mein ja nur…“

Ebru eilte ins Schlafzimmer und kam wenig später mit ihrer Umhängetasche wieder. Sie nickte Marni zu.

Marni fuhr zur Tür und öffnete sie vorsichtig – und atmete aus, als die die Polizeiuniform auf der anderen Seite sah. Ihr war nicht mal aufgefallen, dass sie vorher die Luft angehalten hatte.

Ebrus Reaktion war ein bisschen weniger erleichtert.

„Was wollen Sie denn hier?“

Zwar war die Uniform diesmal sauber und fleckenfrei, und die Polizistin hatte ihre Haare ordentlich in einem langen Zopf zusammengebunden, schaffte es aber trotzdem, insgesamt noch viel fertiger auszusehen als beim letzten Mal.

Sie stand zusammengesunken und kraftlos, eine Hand an den Türrahmen gestützt, schaute zu Boden, ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint, und sie atmete schwer, obwohl sie von dem Auto, das Marni hinter ihr am Straßenrand stehen sah, nicht weit gelaufen sein konnte, und auch natürlich keine Stufen hatte hinaufsteigen müssen. Die Ferienwohnung war ja im Erdgeschoss.

„Ich … hatte doch versprochen, mal vorbeizuschauen“, antwortete sie unsicher.

Marni hatte fast Mitleid mit ihr. Aber nur fast, und sie würde den Teufel tun, es zu zeigen. Sie musste jetzt echt nicht noch einen Streit mit Ebru anfangen.

„Okay, haben Sie gemacht, uns gehts gut, tschüss.“

„Ähja. Ja gut. Dann schönen Abend noch.“

„Schönen Abend!“, rief Marni ihr hinterher, in dem Versuch, nicht zu unfreundlich zu klingen, aber auch nicht zu unfreundlich.

So formuliert, fand sie, dass es ihr ganz gut gelungen war, aber es fühlte sich trotzdem nicht besonders gut an.

Sie schloss die Tür wieder.

„Boah, die musste jetzt auch unbedingt noch mal anklopfen, ne?“, murrte Ebru.

„Ich versteh’s auch nicht“, stimmte Marni beinahe wahrheitsgemäß zu. In einer bessere Welt wäre es ja immerhin wirklich eine nette Geste gewesen.

„Aber wenn wir jetzt eh noch auf das Essen warten, guck ich mir jetzt endlich diese mistigen Nachrichten hier noch mal an.“

„Hast du noch mehr gekriegt?“

Ebru war sofort auf den Füßen und eilte zu ihr. Marni freute sich über die Geste, auch wenn sie gar nicht unbedingt nötig gehabt hätte, dass Ebru extra dafür aufstand. Sie musste ja auch müde sein, immerhin hatte sie auch den ganzen Tag den Rollstuhl durch den Sand geschoben.

Die erste Nachricht lautete: ‚Dein Account ist ja immer noch nicht gelöscht, du Dreckskr******schl****!‘

Die zweite: ‚Hat deine Schl*****freundin keine Angst, so ganz alleine am Wasser? Wisst ihr, was da alles passieren kann?? 😂😂‘

„Diese Arschlöcher“, murmelte Ebru.

„Wir hätten sie fragen sollen, was ihre Experten bisher rausgekriegt haben“, murmelte Marni sarkastisch. Ihr Mitgefühl mit der rothaarigen Polizistin war irgendwie verfolgen.

„Kann ich dir auch sagen“, antwortete Ebru. „Ich geh davon aus, dass sie in den letzten Tagen die Adressen und sonstigen Daten von fünf oder sechs linken Aktivist*innen ermittelt haben für den NSU 2.0, aber ganz bald kommen sie bestimmt auch zu unserer Anfrage.“

Marni schnaubte ein bitteres Lachen.

„Ja, oder so … Boah fuck, ich fühl mich echt unwohl hier. Wollen wir … Wir haben noch ne Woche gebucht, oder?“

„Wenn du hier weg willst, sag einfach“, antwortete Ebru. „Wir können sofort wegfahren. Heute Abend noch, wenn du möchtest.“

Marni zögerte.

„Lass mal“, sagte sie. „Ich gönn denen das nicht. Dreckskerle.“

„Naja“, meinte Ebru, „Gönnen ist das eine, aber wenn die uns wirklich erwischen, dann ist nicht nur der Urlaub ruiniert …“

„Ich weiß. Aber … Weißt du, wir können ja zumindest beschließen, dass wir uns nicht mehr trennen. Von jetzt ab. Alles zu zweit.“

Ebru nickte.

„Gute Idee. Alles zu zweit. Und wenn du doch weg willst, sags einfach. Wirklich, jederzeit. Ich bin dabei. Und vergiss den Wettbewerb mit diesen Arschlöchern. Die haben nicht gewonnen, wenn wir den Urlaub abbrechen. Im Gegenteil. Die haben verloren, wenn sie uns nicht kriegen.“

Marni nickte.

„Ist gut. Ich denk drüber nach. Du aber auch, ja?“

„Noch gehts“, sagte Ebru. „Aber ja, ich sag auch, wenn ich weg will. Wir bleiben zusammen.“

Marni war immer noch nicht bereit, zuzugeben, dass es eigentlich gar nicht so sehr der Widerwille gegenüber ihren Stalkern war, der sie hier festhielt, sondern die Neugier auf das Geheimnis dieser verflixten Scheune.

Aber zumindest war jetzt klar, dass sie nicht mehr drum herum kam, Ebru einzuweihen. Alles zu zweit. Sie hatte in dem Moment gar nicht dran gedacht, wie sehr sie sich damit selbst unter Zugzwang setzte.

Aber eigentlich war es besser so.

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