Yanis 2 (9)


Als kleine Geste der Entschuldigung gibts dafür jetzt ohne lange Pause auch gleich das nächste Kapitel Yanis. Es geht weiter mit dem Versuch einer öffentlichen Hexerverbrennung. Wird er gelingen?

Ihr müsst schon lesen, um es herauszubekommen.

Ganz schön clever von mir, was?

„Soll das ein Scherz sein? Dann ist er nicht lustig, und Ihr werdet ihn noch viel weniger lustig finden, wenn Ihr Euch nicht sofort fort schert!“

Di*er Fremde – Bentem war spontan sofort verliebt in si*en, obwohl si*er überhaupt nicht sein Typ war – murmelte einen einzelnen Lachlaut, eher nachdenklich als wirklich belustigt.

„Nein, tut mir leid“, sagte si*er. „Ich brauche diese Gelegenheit, und wenn ich jetzt einfach gehe, ohne eingegriffen zu haben, verzeihe ich mir das nie. Das versteht ihr doch bestimmt?“

Das empörte Gemurmel und einzelne Rufe aus der Menge sowie die Miene der Bürgermeisterin machten deutlich, dass sie es größtenteils nicht verstanden.

„Was passiert denn hier?“, fragte di*er Fremde.

Si*er wirkte einerseits kein bisschen bedrohlich in si*erer sonderbaren Mischung aus Kleidern, der fleckigen Hose, dem viel zu weiten Hemd, das si*em fast bis zu den Knien reichte, den ausgetretenen Stiefeln, eher wie irgendein*e Tagelöhner*in. Aber etwas an si*em bewirkte doch, dass die Menge si*em zuhörte, dass die Bürgermeisterin ihre Rede si*eretwegen unterbrach und dass di*er Büttel*in immer noch neben Bentems Scheiterhaufen stand, statt si*en abzuführen oder einfach umzuhauen.

Si*er stand so gerade. Si*er sprach so furchtlos. Etwas an si*erer Haltung und den wenigen Bewegungen, die si*er machte, wirkte, als wäre da sehr viel Kraft in diesem großen, breiten Körper, und sehr viel Kontrolle über diese Kraft. Si*er schwer beschädigtes nasenloses Gesicht und si*ere dadurch etwas undeutliche Aussprache genügten nicht, die Wirkung ihrer Haltung komplett zu konterkarieren, und … Waren ein paar von den Flecken auf si*eren Kleidern dunkelrotbraun?

„Wir richten einen Mörder hin.“

„Ist das wahr?“, fragte di*er Fremde an Bentem gewandt.

„‘smaul!“, zischte di*er Büttel*in ihm aus dem Mundwinkel zu.

„Lass ihn reden!“, befahl di*er Fremde.

„Was erwartet Ihr?“, fragte die Bürgermeisterin. „Was soll er sagen? Natürlich leugnet er! Welcher Mörder geht schon geständig aufrecht und einsichtig dem Tod entgegen, wie oft habt Ihr das schon erlebt? Und jetzt schert euch endlich fort und lasst uns der Gerechtigkeit Genüge tun!“

Wieder das einzelne, nachdenkliche Lachen.

„Gerechtigkeit“, murmelte di*er Fremde, gar nicht laut, aber trotzdem konnte Bentem es vom anderen Ende der Lichtung sehr gut hören. „Seid Ihr da sicher?“

„Ich glaube kaum“, schrie die Bürgermeisterin sie an, „Dass ich es nötig habe, mich von Euch verhören zu lassen! Schert Euch fort, sonst …“

Sie warf di*er Büttel*in einen auffordernden Blick zu.

Di*er Büttel*in stöhnte, zog si*eren Knüppel aus dem Gürtel und setzte sich sichtbar widerwillig in Bewegung.

Ein einzelner Stein flog aus der Menge, nicht besonders groß, wie eine Kinderfaust vielleicht, aber anscheinend gut gezielt. Er hätte ernsthaften Schaden anrichten können, und für einen grauenvollen Moment sah Bentem seine*n Retter*in mit blutender Stirn zu Boden sinken und die ganze scheußliche Zeremonie weiter ihren Lauf nehmen.

Aber di*er Fremde fing den Stein aus der Luft, als wäre es ein Ball, den si*em jemand freundlich zugeworfen hatte.

Und Bentems Hoffnung überdauerte den Moment. Bente war sich nicht sicher, ob das eine gute Sache war, aber es war so.

„Du solltest dir das wirklich noch einmal überlegen“, sagte di*er Fremde zu di*er Büttel*in.

„Schaff sie einfach weg!“ befahl die Bürgermeisterin.

Di*er Büttel*in warf ihr einen Blick zu, den zumindest Bentem deutete als ‚Du hast leicht reden.‘

Si*er schien zu sehen, was auch Bentem sah. Aber si*er entschied sich trotzdem, si*ere Arbeit zu machen.

Si*er hob den Knüppel und bellte etwas in Richtung di*er Fremden, das Bentem im empörten Raunen der Menge nicht hören konnte. Noch jemand warf etwas, aber es ging so weit daneben, dass sogar Bentem keinen Herzschlag lang Sorgen deshalb hatte, und di*er Fremde zuckte mit keiner Wimper.

Di*er Fremde schüttelte langsam den Kopf und sagte irgendetwas zu di*er Büttel*in. Si*er reagierte nicht weiter darauf, streckte den Knüppel aus und schubste si*en damit an der Schulter – oder versuchte es, denn in dem Moment, in dem Bentem erwartet hatte, dass das Ende des Knüppels die Schulter di*er Fremden treffen und si*er einen Schritt zurücktaumeln würde, hatte si*er plötzlich den Knüppel in der Hand, und di*er Büttel*in schaute verwirrte auf si*ere leeren Hände. Die Verwirrung dauerte nur kurz. Wütend sprang di*er Büttel*in auf di*en Fremde*n zu.

Si*er wütendes Brüllen war sogar über die Menge und das Gefasel der Bürgermeisterin gut zu hören, ebenso wie der erstaunlich harte Schlag des Knüppels gegen si*eren Kopf – es klang so laut und deutlich, dass sogar Bentem in Mitgefühl das Gesicht verzog.

Und dann konnte Bentem di*en Büttel*in nicht mehr sehen, weil si*er am Boden lag. Di*er Fremde warf den Knüppel mit einer beiläufigen Bewegung in den Wald.

„Beantwortet dann jetzt bald jemand meine Frage?“, rief di*er Fremde.

Bentem versuchte es, aber über den Lärm des Publikums und der Bürgermeisterin kam er nicht hinweg.

Die Menge hatte sich nun fast komplett von Bentem abgewandt und rückte auf di*en Fremde*n zu, di*er ihr ganz entspannt entgegen sah. Sie hob beschwichtigend die Arme und sagte etwas, das wahrscheinlich in die Richtung von „Beruhigt euch!“, oder „Überlegt’s euch!“ ging. Aber sie drang damit nicht durch. Trotz der eigentlich recht überzeugenden Demonstration mit di*er Büttel*in fühlten die Leute sich wohl in ihrer Anzahl sicher genug.

Sie kamen dann allerdings ins Stocken, als sie nah genug an di*en Fremde*n heranrückten, dass die vordersten von ihnen sich tatsächlich hätten entscheiden müssen, anzugreifen.

Di*er Fremde sagte noch mal etwas, aber Bentem hatte keine Chance, si*en zu verstehen. Außerdem war seine Aufmerksamkeit abgelenkt, denn die Bürgermeisterin war inzwischen zu der Fackel geeilt, die die ganze Zeit über bedrohlich in ihrer Halterung neben dem Scheiterhaufen gestanden hatte, und hatte Feuerstein und Stahl aus einer Tasche gezogen.

„Was soll das werden?“, rief Bentem ihr zu. „Das geht doch so gar nicht! Di*er Büttel*in muss das doch machen … und … und du hast auch gar kein Publikum, die schauen gar nicht zu! Willst du denn nicht warten-“

Die Bürgermeisterin lachte ihm bitter zu und schüttelte den Kopf.

„Zur Not gehts auch ohne Publikum. Aber ich glaube, die schauen schon wieder her, wenn du- wenn es erst mal losgeht.“

‚Wenn ich erst mal anfange zu schreien, meintest du?‘, dachte Bentem, und schauderte.

Die Bürgermeisterin fummelte eine Weile mit Feuerstein und Stahl herum, erzeugte auch zweimal einen Funken, der aber trotzdem nicht die Fackel zu entzünden vermochte. Sie fluchte und schimpfte, während Bentem irgendwelchen Quatsch auf sie einredete, der sogar ihm selbst peinlich war, aber er konnte nicht anders, und bekam sowohl deshalb, als auch wegen der eingeschränkten Sicht und Hörbarkeit nur teilweise mit, wie di*er Fremde einzelne Mitglieder der Menge … von ihrem Plan abbrachte, auf si*en loszugehen und in die Flucht zu schlagen oder vielleicht sogar spontan dem Kernereignis hinzuzufügen.

So griff nun allmählich doch die Angst um sich, und  die Menge wich vor di*er Fremden zurück, einige der Zuschauer*innen verzogen sich sogar ganz, und …

„Oh nein oh nicht jetzt noch oh nein Dreck bitte nicht bitte nicht jetzt, Kish’Kukun, Xinu, Kararos, egal, könnt ihr bitte was tun, ich will ni- ich- ich will nicht jetzt noch… Bitte!“

Bentem fühlte die Tränen über seine Wangen laufen, und den Schleim aus der Nase über seine Oberlippe, und er konnte das Schluchzen nicht mehr unterdrücken und er schämte sich dafür, er wäre gerne mit mehr Würde, mehr Stolz gestorben, aber er schaffte es einfach nicht und es durfte doch einfach nicht sein, dass die Bürgermeisterin jetzt die verdammt Fackel entzündet hatte, es durfte doch einfach nicht passieren, dass er jetzt doch noch verbrennen musste, nachdem der unfassbar unwahrscheinliche, unglaubliche Zufall eingetreten war, so unglaublich, dass er eigentlich kein Zufall sein konnte, dass so kurz vorher jemand erschienen war, um ihn zu retten, das durfte einfach nicht sein, und …

„Oh danke!“

Bentem sah di*en Fremde*n auf sich zulaufen und atmete erleichtert aus. Die Menge war vertrieben. Jetzt war es geschafft, und …

„He! Was ist?“ Bentem brachte die Laute kaum durch den zugeschnürten Hals.

Di*er Fremde war stehengeblieben. Wie hypnotisiert starrte si*er die Bürgermeisterin an, si*er Brustkorb hob und senkte sich unter sichtbarem Keuchen, und Bentem bildete sich sogar ein, si*ere Knie zittern zu sehen.

„Was denn?“, brüllte er mit sich überschlagender Stimme.

Das konnte es doch jetzt nicht sein? Das durfte es nicht sein. Si*er hatte di*en Büttel*in mühelos niedergeschlagen. Si*er hatte eine Menge aus vielleicht 30 Personen vertrieben, als wäre es nichts.

Und jetzt stand sie steif vor Angst zehn Meter vor der schmächtigen Bürgermeisterin, die als Bedrohung auf einer Stufe mit einem Kaninchen oder einem Maulwurf stehen dürfte?

Bentem selbst hätte sich zugetraut, die Bürgermeisterin zu verprügeln, zumindest wenn sie unbewaffnet war, ganz ohne Magie sogar.

„Komm schon! Hilf mir! Hilf mir verflucht noch mal!“

Bentem hörte das schrille Quieken in seiner Stimme und hasste es, aber … Es hatte jetzt einfach keinen Sinn, über so etwas nachzudenken.

„Hilf mir! Nimm ihr die verdammte Fackel en- endlich weg! Hi-hilf mir, bitte, bitte, bi-bitte, hilf mir do-“

Bentems Worte gingen in einem hilflosen feuchten Wimmern unter, und dann in ein unartikuliertes Kreischen über, als die Bürgermeisterin die Fackel an den Scheiterhaufen legte.

Im Gegensatz zur Fackel war der anscheinend in nichts getränkt, sondern wirklich einfach nur Holz, aber er war doch für so ein kleines Dorf erschreckend professionell geschichtet. Das feine dünne Reisig an der Basis war trocken und nahm die Flamme dankbar auf, und das Feuer bildete furchtbar schnell einen glühenden prasselnden Ring um Bentem.

Di*er Fremde schaute immer noch untätig zu, mit weit aufgerissenen Augen und halb offen hängendem Mund. Si*er tat einen zögerlichen, mühsamen Schritt nach vorne, si*ere Augen hektisch zwischen der Fackel und dem Scheiterhaufen hin und her zuckend. Si*er zwang sich noch einen Schritt vor. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Sie stützte die Hände auf die Knie, würgte – und übergab sich auf den Rasen, frustriert stöhnend und ächzend.

Die Bürgermeisterin stieß ein verwirrtes Lachen aus, sah sich zögerlich um und stahl sich davon.

Bentem bekam all das kaum noch mit. In seinem Kopf waren nur noch die Flammen und die Hitze – noch nicht mal schmerzhaft, aber schon spürbar, und sie kam immer näher – und die Panik, die ihn völlig zu verschlingen drohte.

‚Neinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinneinnichtnichtnichtnichtnichtbittebittebittebittenichtnichtnichtnichtnichtneinbittenichtbittebittenicht‘

Kurz befiel ihn der Gedanke, wie lächerlich er aussehen musste. Noch schlugen keine theatralischen Flammen bis hoch zu seinem Gesicht wie auf den grauenvollen Bildern. Die kleinen Flämmchen waren maximal knöchelhoch und hatten sich noch nicht mal ganz bis zu ihm vorgefressen, und trotzdem zerrte er schon an seinen Fesseln und kreischte und heulte, als würde er bereits bei lebendigem Leib gebraten.

Natürlich schnitten die Klammern um seine Handgelenke, seine Knöchel und seinen Hals in seine Haut, während er an ihnen zerrte, natürlich tat es weh, aber er fühlte es kaum. Trotzdem reichten seine Bemühungen nicht aus. Was auch immer man sonst über di*en Büttel*in sagen konnte, si*er baute si*ere Scheiterhaufen korrekt und professionell, falls si*er diesen hier gebaut hatte. Der Pfahl, an den Bentem gekettet war, rührte sich nicht, und die Ketten gaben natürlich auch nicht nach.

„HIIIIIIIIIIILLLLLLFFEEE!“

Bentem schrie und kreischte und brachte nicht mal mehr genug Geistesgegenwart auf, so richtig zu sehen, was mit seinem*r Retter*in los war, aber er hatte den vagen Eindruck, dass sie auf dem Rasen kniete oder vielmehr auf Hände und Knie gestützt war und langsam näher an den Scheiterhaufen herankrabbelte, dabei aber nicht wirkte, als könnte si*er eine große Hilfe sein, bevor es zu spät war.

Es war so unfassbar ironisch, es war so unfassbar sinnlos, und Bentem hatte so unfassbare Angst vor den Schmer-

Etwas zerrte an seinen Ketten, und er drehte sich um und sah in ein (schmerz-? oder wut-?)verzerrtes Gesicht einer recht kleinen, schmalen, abwechselnd auf dem linken und rechten Fuß auf und ab hüpfenden Person mit … einem Satz Dietrichen in den Händen?

„HALT STILL, DU KASPER!“, schrie sie ihn an. „GLAUBST DU, DAS IST SO NOCH NICHT SCHWER GENUG?!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s