von oben (6)


Ja, es wäre wahrscheinlich schon praktisch, am Anfang der jeweiligen Kapitel einen Link zum allerersten zu haben, und eine Übersicht über die weiteren, oder? Ich weiß. Ich hatte das früher, weil es echt praktisch ist. Weil WordPress schlimm ist, macht es aber leider echt viel Arbeit, deshalb mach ich es nur, wenn außer mir noch jemand findet, dass es praktisch wäre. Sagt mir also ggf. gerne Bescheid. Ich machs auch für eine Person. Nur nicht für keine. Wenn ihr versteht.

Viel Spaß mit dem 6. Kapitel!

Vorsichtig steuerte Marni die Drohne die Treppe hoch. Auch wieder so eine Sache, die ganz einfach sein sollte. Nach oben, und dann nach vorne, vielleicht in drei oder vier Schritten. Aber weil sie sich nicht traute, es schnell zu machen, weil sie permanent Angst hatte, doch gegen irgendein Hindernis zu stoßen, dass sie über oder hinter oder neben der Drohne nicht sehen konnte, war es ein sehr mühsamer, langwieriger Prozess, an dessen Ende sie verdrossen feststellen musste, dass sie schon auf 60% Akku runter war. Das war nicht schön. Sie musste ja auch den ganzen Weg wieder zurück, und die Fernbedienung fing schon bei ungefähr 20% an zu piepen, was Marni sehr das Gefühl vermittelte, jetzt aber echt landen zu müssen, und … Also es war schwierig.

Aber sie versuchte, positiv zu denken und sich zu freuen, dass sie es unfallfrei so weit geschafft hatte und ihre Drohne nun also gesund und munter in dem … Scheunendachbodenraum oder so schwebte, zu dem die Treppe hinaus führt, und sie auch nicht, wie sie zwischendurch kurz befürchtet hatte, Probleme mit der Verbindung bekam.

Also galt es jetzt, schnell das Beste draus zu machen, und dann genau so vorsichtig zurückzufliegen. Wie albern wäre es denn, und wie typisch fürs Leben, wenn sie dann ganz zum Schluss noch an dem Scheunentor hängen blieb oder sowas?

Sie drehte die Drohne also einmal im Kreis, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wo sie nun war. Dieser Raum war natürlich viel kleiner als die Haupthalle, enthielt aber auch nicht viel Interessantes. Leider war er ziemlich dunkel, sodass sie in der weiteren Entfernung nur noch ahnen konnte, was zu sehen war.

Immerhin schien ein bisschen Tageslicht durch das schmutzige Dachfenster rein, die Drohne selbst hatte nämlich keine Lichtquelle.

In einer Ecke meinte sie, Säcke ausmachen zu können, in denen sogar noch irgendetwas drinzustecken schien. Verdorbener Weizen? Abfall? Mehr Säcke? Alles war möglich, aber der Form nach konnten sie zumindest nicht leer sein.

Ein bisschen weiter schien … ein Möbelstück zu stehen, wie ein … Nee. Doch nicht. Es war trichterförmig? Vielleicht … weil es ein Trichter war? Sie verstand nicht viel von Landwirtschaft, aber Getreidesäcke und ein Trichter … ergaben doch Sinn. Vielleicht war unter dem Boden eine Getreidemühle, oder man konnte da mit irgendwelchen Fahrzeugen reinfahren, die so beladen wurden. War jetzt ja auch egal.

Noch weiter führte eine einfache Öffnung in der Wand in einen anderen Bereich des Dachbodens, den Marni von hier aus wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte.

Und dann kam etwas sehr Merkwürdiges, das immerhin relativ nah an dem Dachfenster stattfand und deswegen für Marni auf dem Handydisplay gut erkennbar war:

Vor einer weiteren Treppe (wenn auch nur aus drei Stufen), die zu einer geschlossenen hölzernen Tür eine hinauf führte, stand eine Katze, eine ganz bilderbuchtypische rötlich weiß getigerte Hauskatze, die sich trotz des Surrens der Rotoren zu Marnis Überraschung gar nicht für die Drohne zu interessieren schien. Natürlich wusste sie nicht sicher, wie lange das Tier die Drohne beobachtet hatte, bevor Marni sie überhaupt entdeckt hatte. Aber jetzt galt jedenfalls die gesamte Aufmerksamkeit der Katze der verschlossenen Tür. Mit flach nach hinten angelegten Ohren und weit offenem Maul mit entblößten Zähnen und steilem Buckel, gesträubtem Fell und aufgerichtetem, leicht abgeknickten Schwanz fauchte sie die Tür an – wahrscheinlich.

Die Drohne hatte kein Mikrofon und übertrug deshalb keinen Ton. Das ließ die Szene noch surrealer wirken, als sie ohnehin schon aussah.

„Was machst du denn da?“, murmelte Marni verwirrt. ‚Naja, wahrscheinlich ist da hinter der Tür der Marder oder Iltis oder das Frettchen – nee, halt. Frettchen sind die Haustiere, oder? Die gibts nicht in wild? Ach keine Ahnung, irgendsowas halt.“

Plötzlich hüpfte von links, wohl von der Öffnung her, die sie vorhin dort gesehen hatte, eine Ratte ins Bild, und dann noch eine, und noch eine. Sie stellten sich … vor der Katze auf die Treppe vor die Tür.

„Was …?“ Das war doch kein natürliches Verhalten für Ratten, oder?

Die Katze ließ sich davon kaum irritieren. Sie fauchte die Ratten an und trat einen Schritt zurück, konzentrierte ihren Hass aber weiterhin vor allem auf die Tür hinter ihren neuen Gegner*innen.

Es kamen noch zwei weitere Ratten dazu. Und noch eine.

Sie hatten ihre erstaunlich großen Schneidezähne entblößt, ihre kleinen Ohren angelegt und sahen dabei echt bedrohlich aus.

Und dann sprangen sie sogar auf die Katze zu. Eine der Ratten verbiss sich in ihr rechtes Bein, eine andere blieb sogar an einem Ohr hängen, all das in der gespenstischen Stille des Kamerabildes der Drohne.

„Oh Gott…“

Marni konnte gar nicht hinschauen. Aber sie wollte auch andererseits nicht ganz verpassen, was passierte, weil es so unfassbar war.

Die Katze schien immerhin verstanden zu haben, dass sie hier nichts gewinnen konnte und trat den Rückzug an. Marni drehte die Drohne ein bisschen mit und sah sie zur Treppe fliehen, recht mühsam, ihre Angreifer*innen hinter sich her ziehend.

Zu Marnis Erleichterung gaben die Ratten sich aber mit ihrem Sieg zufrieden. Sie verfolgten nicht, und die festgebissenen ließen sogar los und rannten zurück zur Tür, als die Katze die Treppe nach unten erreicht hatte und sich zerzaust, blutend und wahrscheinlich jaulend ins Erdgeschoss zurückzog.

„Wow …“

Marni konnte gar nicht glauben, was sie gerade gesehen hatte, und immer noch sah.

Die Ratten versammelten sich kurz wieder an der kleinen Treppe vor der Tür, dann lösten sie ihre Versammlung auf, hoppelten nach und nach zurück in die Dunkelheit und verschwanden.

Marni schluckte, schaute kurz an den rechten Rand des Displays, murmelte einen Fluch. Sie hatte vergessen, auf Aufnahme zu drücken. Kein Video. Alles nur selbst gesehen. Mist.

Und a propos Mist: Nur noch 30% Akku. Es wurde Zeit, die Mini2 aus der Scheue zu navigieren. Die Show wahr wohl eh zu Ende. Jetzt bloß nicht zu hektisch werden und bloß keinen Fehler machen.

Marni atmete tief durch und drehte die Drohne ganz zur Treppe.

**********************

Lina schnüffelte misstrauisch bis fassungslos, während sey seren Rucksack neben der Tür von der Schulter gleiten ließ.

„Sag mal hast du etwa was gekocht?“, fragte sey entgeistert.

Romy nickte stolz. „So’n gelbes Curry mit gebratenem Tofu.“ Sie zog die Nase kraus. „Der Reis ist mir ein bisschen pappig geworden, aber ich glaube, sonst schmeckts.“

„Das riecht richtig gut!“

„Du musst nicht ganz so ungläubig klingen“, sagte Romy, aber sie lachte dabei, weil sie die Begeisterung in Linas Stimme hörte. Sie hatte sie viel zu lange nicht mehr gehört.

„Ich bräuchte auch nicht unbedingt noch Reis dazu, wenn schon Tofu drin ist.“

Romy gestikulierte in Richtung der Töpfe.

„Nimm dir einfach, was du magst, wir werden den Rest schon los.“

„Toll, danke, Mama!“

Sie setzten sich einander gegenüber an den Küchentisch und Lina schob eine erste Gabel des Currys in den Mund, atmete noch einmal durch o-förmige Lippen ein, weil es ihr noch zu heiß war, kaute, nickte, lächelte.

„Das s ech gut!“, nuschelte sie mit vollem Mund.

Romy strahlte. „Danke! Ich hab mir auch echt … Naja egal. Mir ist aufgefallen, dass wir gestern Abend gar nicht mehr richtig über den Account von dieser Rollstuhlfa… äh, der Person gesprochen haben, die bei uns war. Den ich dir geschickt hatte.“

Lina zuckte die Schultern.

Romy probierte auch den ersten Bissen von ihrem Curry und war sehr zufrieden. Sie wusste noch nicht so ganz genau, wie sie zu Linas Entscheidung stand, sich vegan zu ernähren, und selbst wollte sie schon hin und wieder noch Fleisch essen, aber sie konnte nicht behaupten, dass es hier in dieser Mahlzeit jetzt gefehlt hätte.

„Naja, was gibts da auch groß zu reden? Ich hab reingeguckt, fand ganz interessant. Bin ihr mal gefolgt. Ich glaub, kann für mich echt ganz hilfreich sein, weil sie viel auch über Inklusion und so Behindertenrechte und so schreibt, da krieg ich sonst bisher wenig von mit.“

„Nicht mal über deine Antifa-Gruppe?“, fragte Romy, und bereute den vielleicht doch gar nicht so subtilen Seitenhieb schon, während sie sprach.

Aber Lina schien ihn ihr nicht übel zu nehmen.

„Naja, die sind besser als die Jockel von der freiwilligen Feuerwehr oder die meisten anderen an der Schule, aber die meisten von denen sind schon ziemliche Macker. Die interessieren sich weniger für Inklusion und Gleichberechtigung als für Gelegenheiten, damit zu prahlen, dass sie vor nem Jahr mal n Vierzehnjährigen eingeschüchtert haben, der irgendwo n Hakenkreuz ins Holz geritzt hat, oder FLINTA-Personen mit irgendwelchem Marxkram vollzulabern, den sie als einzige auf der Welt gelesen und verstanden haben..“

„Ich sag jetzt nicht, dass ich mir das so vorgestellt hatte.“

„Treibs nicht zu weit, Mama! Das Curry kauft dir auch nicht unendlich viele Bonuspunkte!“

„Schon gut. Also, falls du Interesse hast … Ich hab der gesagt, dass du dich vielleicht freuen würdest, sie mal kennenzulernen, und sie hat gesagt, das wär okay.“

„Du hast WAS?“

Lina legte die Gabel auf den Teller und schaute zu Romy auf. Romy fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Sie hatte das jetzt aus der Verlegenheit heraus so direkt gesagt und nicht genug drüber nachgedacht, aber ihr wurde sofort klar, woher Linas Empörung rührte.

Sie tat ihr Bestes, den Schaden zu begrenzen. Wie so oft war ihr Bestes nicht besonders gut.

„Naja, das klingt jetzt komisch, so, weiß ich, weil ichs so kurz … zusammengefasst hab, aber im Kontext ergab das Sinn, und ich hab halt gedacht, dass du dich vielleicht über ne Gelegenheit freust, mit Leuten zu reden, die … naja, so denken wie du, irgendwie, ein bisschen, auch?“

„Mama das kann jetzt nicht dein Ernst sein!“

„Nein doch, ich mein … Das war nicht so, wie du jetzt denkst!“ Romy war sich da überhaupt nicht sicher, aber sie musste das trotzdem sagen.

„Du hast mir gerade selbst gesagt, wie es war!“

„Nein, so war … Also ich hab einfach nur gedacht …“

Lina hob die linke Hand, mit der Handfläche zu Romy.

„Bist du sicher, dass du keine*n Anwält*in willst?“ fragte sie. „Ich hab nicht das Gefühl, dass du deine Lage besser machst, indem du jetzt aussagst.“

„Ich wollte nur noch sagen, dass es jetzt ja nu mal passiert ist, und wenn du denkst, dass es gut wäre, kannst du ja vielleicht noch mal drauf zurückkommen.“

„Mama.“

„Ich mein, wirklich! Du hast die beiden nicht gehört! Die reden genau so, wie du immer sagst! Du würdest die lieben.“

„Mama!“

„Ich sags nur.“

„Du sagst es. Du hast es gesagt, du kannst jetzt aufhören, es zu sagen. Und wenn du noch einmal irgendwem erzählst, dass ich seine*ihre Freundschaft brauche, dann kann dich kein Curry der Welt mehr retten, ehrenw… Was ist jetzt schon wieder?“

„… das ist Matts“, antwortete Romy nach einem Blick auf ihr Handy.

„Du bist doch erst in’n par Stunden dran, oder?“

Romy seufzte.

„Mal gucken.“ … „Ja, Romy ist hier?“

„Du musst doch noch mal los.“

„Aber ich hab doch noch gar nicht …“

„Du bist gestern schon wieder zu spät gekommen, wir hatten drüber gesprochen. Dafür bist du jetzt dran. Ich find das fair.“

„Ich find das gar nicht fair!“

„Du kannst dafür früher aufhören.“

„Ach, und wer macht dann die Nachtschicht?“

„Ich komm noch mal rein, kein Ding.“

„Ist es wieder der Kutter?“

Matts und Boris gingen nicht gern zu Einsätzen in dem Dorfgasthaus, weil sie keinen Ärger mit ihren Kumpels wollten. Und mit der Wirtin erst recht nicht.

„Nee. Johanniterhaus.“

„Och nö.“

Da gingen ihre Kollegen auch nicht gern hin.

„Weicheier.“

Lina machte eine „Oooh Mama!“-Geste mit erhobenen Händen, ausgebreiteten Armen und vollem Gesichtseinsatz.

„Feige Schweine? Ist feige Schweine okay?“

Lina breitete die Arme noch ein bisschen weiter aus und wiegte den Kopf seitlich. ‚Zu kompliziert, um es jetzt so zu erklären.‘ Ja gut, dann später.

„Wir können hier gerade auch nicht so gut weg“, sagte Matts.

„Ja klaaaaar!“

„Wenn du es schaffst, pünktlich zu kommen, kannst du dir vielleicht auch mal deine Einsätze aussuchen.“

„Ja klaaaaar!“

„Also machst dus oder nicht?“

„Ich will um Mitternacht nach Hause.“

„Abgemacht.“

„Abgemacht. Also, ich schaff das alleine, oder? Das ist nicht irgendwie’n bewaffneter Raubüberfall mit Geiselnahme oder sowas, ne?“

„Quatsch, das übliche.“

Romy seufzte.

„Is gut.“

„Danke!“

Er legte auf.

 Romy schaute missmutig auf ihr Handy und ließ die Luft durch die Lippen entweichen, sodass dieses flatternde Geräusch entstand.

„Du musst mich aber noch zum Treffen fahren nachher“, sagte Lina ohne Umschweife. „Hast du versprochen.“

„Ähhhhnaja. Ja klar“, sagte Romy. „Wann ist das noch mal?“

„Um sieben.“

„Mhm. Super. Ach Mensch… Pff… Kannst du vielleicht mitkommen? Ich glaub, dann schaffen wir das ganz gut.“

„Mitkommen. In deiner Copkarre. Zu einem Einsatz. Wo du … Copscheiße machst. Ich. Dein Ernst?“

„Ich nehm mein eigenes Auto, das geht schneller. Und ich fahr zum Johanniterhaus. Du könntest kurz Oma besuchen, während ich da bin. Und ich schau auch noch mal kurz rein, dann haben wir sie beide mal wieder gesehen, und sie uns. Machen wir eh zu selten.“

„Machen wir immer noch zu oft.“

„Ja, ich weiß …“

Lina schob sich noch eine Gabel Curry in den Mund, kaute, verdrehte die Augen, wiegte den Kopf und sagte schließlich:

„Ist gut, ich komm mit. Aber ich nehm den Teller mit. Das ist echt lecker.“

Romy war ein bisschen peinlich, wie sehr sie das freute.

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