Yanis 2 (5)


Werwolf?

Ja bitte!

Photo by patrice schoefolt on Pexels.com

Laia wusste, dass es unvernünftig war. Sie wusste, dass die Stadt gefährlicher war, dass Menschen gefährlicher waren als Wölfe und Monster und Schatten.

Aber sie konnte trotzdem nichts daran ändern, dass sie den Wald bei Nacht gruselig fand.

Die Stille machte sie nervös. Und die Geräusche machten sie nervös. Die Dunkelheit machte sie nervös. Und wenn irgendwo was leuchtete, machte sie das richtig nervös. Der weiche Boden machten sie nervös. Und wenn sie auf was Hartes trat, machte sie das erst …

Laia war sehr nervös, während sie durch den nächtlichen Wald schlich.

So war sie beinahe erleichtert, als sie schließlich das Lager der Räuber*innen fand – und überrascht, wie gut ausgebaut es war. Sie hatte sich eher vier Zelte und ein Lagerfeuer mit einem großen Kessel drüber vorgestellt. Was sie stattdessen vor sich sah, ähnelte eher einem Gutshof. Vier Blockhäuser unterschiedlicher Größe, zwei Hütten und ein großes scheunenartiges Gebäude, darum herum ein Wall aus Palisaden, alles beleuchtet von Fackeln und Laternen und dem Licht, das aus den Fenstern der Gebäude schien.

Wie war es möglich, dass Laia mit zwei Äpfeln und einem Reiskuchen öfter, als sie zählen wollte, nur Knapp den Häscher*innen der Garde entrinnen konnte, während diese niederträchtige Räuber*innenbande Reisende mit vorgehaltener Waffe um Gold und Geschmeide erleichterte und einfach ganz offen ein riesiges Anwesen aufrecht erhielt, ohne erwischt zu werden?

Die Ungerechtigkeit war überall und sie konnte nicht leugnen, dass ihr Vater nicht Unrecht hatte mit seiner These, dass ein*e Verbrecher*in nur groß und reich genug werden musste, um als ehrenwert gelten zu können.

Aber sie war nicht hier, um die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu richten. Ihr würde es erst einmal genügen, wenn sie ihre 50 Taler zurückbekam, und dann würde sie sogar ertragen, dass sie davon gleich 5 wieder an Orno auszahlen musste.

Absurd, wie Relationen funktionierten und sich die Wahrnehmung verschob. Fünf Taler waren genug, um einen Monat leben zu können wie eine Königin, oder ein Jahr sehr bescheiden, und wären eine traumhafte Beute für sie gewesen, seit sie denken konnte. Jetzt fühlte es sich an wie ein günstiger Preis, der ihr nicht besonders fehlen würde, nachdem Orno ihren Anteil erhalten hatte.

Aber noch war der Beutel mit den Talern nicht einmal erlegt. Zeit, sein Fell zu verteilen, war später noch genug.

Niemals das Geld am Tisch zählen und so. Sie hatte nie ganz verstanden, warum ihr Vater das immer sagte, und was genau er damit meinte. Aber die Richtung war trotzdem irgendwie bei ihr hängen geblieben, auch wenn sie nicht sicher war, ob sie es hätte erklären können.

Laia lehnte sich hinter dem Busch vor, hinter dem sie sich verborgen hatte – war das noch ein Busch oder schon ein Baum? War es ein Strauch? Was genau war überhaupt der Unterschied? War es vielleicht einfach ein riesiges Gras? Sie hatte einfach keine Ahnung von Wäldern und Natur. – und spähte angestrengt in Richtung des Anwesens der Räuber*innen, um sicher zu gehen, dass sie nirgends eine Wache übersehen hatte.

Aber die Bande schien sich wirklich sicher zu fühlen hier in ihrem … Versteck. Und mochte der Wald noch so gruselig und unbequem und fremdartig sein und komische Geräusche machen und überall voll mit unerwarteten, unstrukturiert herumliegenden Teilen seiner selbst, über die man stolpern konnte, ein Gutes musste Laia ihm lassen: Er war stockfinster – billiger Wortwitz nicht beabsichtigt – , und so hatte sie den maximalen Vorteil der Person, die aus der Dunkelheit ins Licht beobachtete. Sie war unsichtbar, während ihre eigenen Augen maximal angepasst waren und alle Details wahrnahmen.

Beste Voraussetzungen also.

Sie konnte sich bis an die Palisade heranschleichen und ungehindert daran hinauf klettern, ohne eine Menschenseele zu sehen. Da allerdings endete ihre Glückssträhne.

Laia stieß ein frustriertes leises Zischen aus, als sie unter sich, innerhalb des Walls, die Hunde sah. Eine*r von ihnen schaute sogar zu ihr hinauf und knurrte leise.

„Eins, zwei, drei, vier, fünf …“, zählte sie.

Das war ein Problem. Einen oder zwei würde sie vielleicht noch ablenken können, noch mehr …

Vergiftete Köder?

Sie fühlte sich schlecht bei dem Gedanken. Die Hunde konnten ja nichts dafür. Aber vielleicht gab es ja etwas, was wie nur betäuben würde. Sie musste sie nicht umbringen.

Würde natürlich auch wieder Geld kosten. Aber so war die Welt, sagte Orno auch immer. ‚Du brauchst Geld, um Geld zu machen.‘ Sogar, wenn dir das Geld eigentlich schon gehörte und du es nur zurückhaben wolltest. Aber das war zu schaffen. Sie würde sicherlich ein bisschen Schlafmittel besorgen kö-

Ein tieferes Grollen erklang, und die Hunde legten die Ohren an, kauerten sich zusammen und klappten ihre Schwänze zwischen die Hinterbeine.

Der Laut war so tief, dass Laia ihn zunächst gar nicht orten konnte. Es kam ihr vor, als konnte sie die Vibration im Holz unter ihren Fingern und an den Füßen spüren.

Und dann sah sie das Monster.

Es trug teilweise noch menschliche Kleidung, aber dennoch war nicht zu übersehen, dass sein Körper mit dichtem Fell bewachsen war, und obwohl es auf zwei Beinen ging wie ein Mensch – ein sehr großer, unfassbar muskulöser Mensch – , war der Kopf doch eindeutig wölfisch mit länglicher Schnauze, fliehender Stirn und gelblich leuchtenden Augen.

Das Monstrum hob die Nase, und noch bevor es erstaunlich Laut schnüffelnd begann, Luft in seine  übergroßen Lungen zu ziehen, war Laia lautlos an der Palisade hinabgeglitten und rannte so schnell sie konnte, ohne dass ihre Schritte zu laut wurden, zurück in den Wald, in Richtung der Straße.

‚Lyko‘, dachte Laia, soweit sie noch zu kohärenten Gedanken in der Lage war.

Sie brauchte den Großteil ihrer Konzentration, um nicht über Wurzeln, Büsche und Zweige zu stolpern und sich dazu zu zwingen, den Blick vor sich gerichtet zu lassen und dem Drang zu widerstehen, über die Schulter zu gucken.

Die Gefahr, dabei etwas zu übersehen und zu fallen, war zu groß, und wenn sie das Monster hinter sich sehen konnte, war es sowieso zu spät.

********************************

Yanis wusste, dass es unvernünftig war. Sie wusste, dass nichts dafür sprach, dass es wieder passieren würde.

Aber sie konnte trotzdem nichts daran ändern, dass sie an nichts anderes denken konnte als die Schmach, die sie bei ihrer letzten Übernachtung im Wald erlebt hatte. Die beiden erbärmlichen Räuber*innen, die sie mit einer Fackel in die Flucht geschlagen hatten, einem lächerlichen Stock mit einem talggetränkten Lappen, einfach nur weil Yanis …

Sie hatte kein Lagerfeuer entzündet. Das hatte natürlich nichts damit zu tun, dass sie sich vor dem Feuer fürchtete. Es gab einfach nur keinen Grund. Es war nicht besonders kalt, ihr Proviant schmeckte ihr auch roh, und sie würde nur einen Waldbrand riskieren und doch noch Räuber*innen anlocken, wenn sie ohne Not Feuer gemacht hätte.

Sie saß zufrieden mit sich in der Dunkelheit und tastete nach dem Brot und Käse, den sie dabei hatte. Ihre Augen hatten sich so gut wie gewöhnt an die Bedingungen, und wenn sie sich in die Decke wickelte, die sie sich vom Urvi geliehen hatte, würde sie bestimmt nicht frieren.

Es war nicht, weil sie Angst vor Feuer hatte. Ganz sicher nicht.

Warum sollte sie?

Sie kaute und schluckte den letzten Rest von dem Brot und dem Hartkäse. Es war eigentlich wirklich keine schlechte Mahlzeit. Sie mochte Käse.

Sie hüllte sich in die Decke, legte sich auf den Boden – und konnte an nichts anderes denken als an die zwei verdammten Schurk*innen und ihr dreckiges Lachen, als sie sich mit ihrem Besitz aus dem Staub gemacht hatten. Außer in den Momenten, in denen sie an nichts anderes denken konnte, als wie sehr die Haut ihres Gesichts juckte und wie langsam der Schnodder aus den Überresten ihrer Nase ihr Kinn herunterlief und ob sie sich mehr vom Schlafen abhielt, wenn sie es ertrug oder wenn sie sich kratzte oder die Flüssigkeit aus dem Gesicht wischte und

Es hatte keinen Zweck.

Wem wollte sie etwas vormachen?

Hier war ja nicht mal jemand, und sie wusste ganz genau, warum sie diese Reise überhaupt unternahm.

Leise seufzend setzte sie sich auf, blinzelte in die Finsternis, tastete nach ihrem Rucksack und begann, darin nach dem kleinen bedrohlich leeren Beutel zu wühlen, in dem jetzt noch drei von den kleinen Pastillen ruhten.

*********************************

„Ich muss mit Yanis sprechen.“

„Mit wem?“

„Der Hzim. Du weißt schon. Die … mit der kaputten Nase.“

„Oh.“

Di*er Schurk*in verzog kurz das Gesicht, und Laia schämte sich kurz dafür, dass das das erste und eindeutigste war, was ihr einfiel, um Yanis zu beschreiben, und dann dachten sie beide schnell nicht mehr dran.

„Ja, genau.“

Di*er Handlanger*in zuckte die Schultern.

„Ich bin nicht ihr*e Sekretär*in.“

Die Entscheidung war ihr nicht leichtgefallen. Aber sie hatte keine Alternative. Was sonst konnte sie tun?

Alleine 50 Taler aus dem Räuber*innenlager zu retten, in das sie sich nicht unbemerkt schleichen konnte und in dem gewiss 20 bewaffnete gewalttätige Menschen darauf warteten, sich auf Eindringlinge zu stürzen? Kam nicht infrage.

Sie wollte das Geld, aber sie war nicht bereit, ihr Leben dafür zu opfern; zumal sie ja das Geld auch immer noch nicht haben würde, wenn sie tot war.

Aki zu bitten, ihr zu helfen, die 50 Taler zu retten, die sie bekommen hatte, um die Situation so zu manipulieren, dass sie Yanis zurückließen, und die sie vor siem gezielt geheimgehalten hatte? Kam nicht infrage.

Dass sie immer noch nicht glaubte, die Situation wegen des Geldes manipuliert zu haben, machte es nicht besser. Sier würde gar nicht anders können, als sie zu verdächtigen und sich zu fragen, ob Narubolan nicht vielleicht doch Recht hatte.

Aki einen anderen Grund vorlügen, aus dem sie 50 Taler dabei gehabt hatte? Kam nicht infrage.

Woher? Wer sollte ihr wann so viel Gold gegeben haben, das sie dann nicht mal Aki gegenüber erwähnte und einfach mit sich herumschleppte. Was sollte Aki davon halten, wie sollte sier ihr glauben können, dass sie es sier nicht aus noch schlimmeren als den wahren Gründen verschwiegen hatte?

Jemand anders finden, di*er ihr helfen konnte? Mit Sicherheit nicht. Wie auch? ‚Verzeiht, ich suche jemanden, di*er mir hilft, einen Werwolf zu besiegen und einer Bande aus einem knappen Dutzend Räuber*innen oder so ihre Beute wegzunehmen. Wie? Ach so, nein, zahlen kann ich nichts, aber ich verspreche, Ihr erhaltet einen Anteil von der Beu- Hallo? Wo wollt Ihr denn hin?‘

Die Garde über die Räuber*innen informieren?

Das wäre wahrscheinlich das schlimmste, was sie überhaupt tun könnte. Im besten Fall würden sie es einfach ignorieren, wie sie ja offensichtlich auch seit Jahren das Lager der Bande ignorierten. Im schlimmsten Fall würde Aki alles erfahren, Laia trotzdem ihr Gold nicht wiederbekommen und obendrein noch selbst eingesperrt werden, weil die Garde natürlich davon ausgehen würde, dass sie nur auf unlautere Art drangekommen sein könnte – und Urvi würde sicherlich keine*n gute*n Zeug*in abgeben, ganz davon abgesehen, dass sier natürlich auch sowieso nicht bereit wäre, für sie einzustehen, auch ganz davon abgesehen, dass sie nicht mal eine Möglichkeit hätte, sien darum zu bitten.

Natürlich kannte sie noch einige andere kleine Ganov*innen, Handwerker*innen, Tagelöhner*innen in Lichternach. Aber was konnten die für sie tun?

Blieb noch eine einzige Person, die sie um Hilfe bitten konnte, und die durch einen glücklichen Stand der Sterne oder was auch immer solche Zufälle bewirkte, auch die einzige Person war, die ihr plausibel helfen konnte und der Laia … eine leicht von den ganz streng genommen exakten Tatsachen abweichende Version der Ereignisse davon erzählen konnte, warum das Gold überhaupt gerettet werden musste.

Und natürlich sah Laia das Risiko, das damit einherging. Wenn sie Yanis jetzt unter einem … leider notwendigen Vorwand um Hilfe bat und sie es dann hinterher herausfand, würde sie hoffentlich nur nie wieder ein Wort mit ihr reden, wahrscheinlicher direkt Laias Kehle rausreißen oder zumindest eine ihr angemessen erscheinende Dosis strafender Gewalt anwenden.

Laia wollte das vermeiden.

Aber sie hatte auch schon einen Plan, wie. Das Risiko war ja schließlich nicht so hoch. Sie musste nur verhindern, dass Yanis mit Aki über das Gold sprach. Urvi, die einzige andere Person, die ihr gefährlich werden konnte, hatte schon sieren eigenen Grund, nicht zu wollen, dass siere Hzim die Wahrheit herausfand.

Und so war Laia nach Kelthoven zurückgekehrt, um ihren Weg zu Yanis zu finden. Das war natürlich auch gar nicht so einfach, schließlich wollte Urvi so nachdrücklich nicht gefunden werden, dass sier sieren Besucher*innen auf dem Weg die Augen verband, sehr zu Akis Empörung. Aber Urvis Leute, die waren leichter zu finden, zumal Laia einige von ihnen kannte, und erhebliche Erfahrung im Umgang mit den nicht so offiziellen Elementen einer Stadt mitbrachte.

Und so stand sie nun vor Yatom und sah si*em zu, wie si*er sich nachdenklich mit den Fingern durch den Bart fuhr und überlegte, wie si*er mit Laias Frage umgehen sollte.

„Ich würd mich freuen, wenn du mich zu ihr bringen könntest, aber falls das nicht geht, kannst du ihr vielleicht eine Nachricht von mir zukommen lassen? Oder sie bitten, mich zu treffen? Es ist wichtig.“

Laia hätte heulen können, wenn sie drüber nachdachte, wie einfach und wie wunderbar alles hätte sein können, wenn sie nicht ausgerechnet jetzt auf dem Weg hätten überfallen werden müssen, wenn auch nur ein einziges winziges Detail anders gewesen wäre, und wie schrecklich kompliziert und unwunderbar jetzt stattdessen alles sich entwickelte.

Fast bereute sie, das verdammte Gold überhaupt genommen zu haben.

„Hm“, machte Yatom, und strich etwas aufgebrachter nachdenklich über si*eren Bart. „Hm.“

Si*er sah sich um, als würde si*er damit rechnen, dass irgendjemand sie belauschte. Aber sie standen alleine neben dem Fruchtstand, den Yatom gerade … besucht hatte, als Laia ihn entdeckte, zwar nervös beäugt von dem*r Inhaber*in, aber nicht belauscht, dafür waren sie zu weit weg und die Straße und der Stand zu belebt.

Aber die Fregonen sahen lecker aus. Laia nahm sich vor, nachher eine Handvoll zu kaufen. Auf die drei Heller kam es jetzt auch nicht mehr an.

„Alles in Ordnung?“, fragte Laia. „Gehts dir gut?“

„Ich glaub, sie ist gar nicht da“, sagte Yatom.

„Wie, nicht da?“

„Sie ist weggegangen …“

Laia wollte irgendsowas sagen wie ‚Alle Götter, soll ich einen Fleischerhaken holen, wenn ich dir schon jeden Brocken Information einzeln aus der Nase ziehen muss?!?!?!!!‘, aber sie war gerade auf Yatoms Wohlwollen angewiesen und versprach sich wenig davon, si*en zu verärgern, und noch weniger von einem Versuch, si*en einzuschüchtern.

Kurz spielte sie mit dem Gedanken, zu fragen, ob Yatom sie wenigstens zu Srechz bringen könnte. Aber sie befürchtete, dass es ihr schwerer fallen würde, Informationen aus Srechz herauszubekommen, und hatte das Gefühl, dass ihre alte Freundschaft nicht reichen würde, sien zu motivieren, ihr den Weg zur Urvi zu zeigen, oder zu Yanis, wo immer sie stecken mochte.

Deshalb atmete Laia tief durch, setzte ihr süßestes geduldigstes Lächeln auf und fragte:

„Wohin ist sie denn weggegangen, weißt du das?“

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