Yanis 2 (2) Und habt ihr euch schon dran gewöhnt? Weil ich glaub, ich brauch noch ein bisschen.


Das zweite Kapitel des zweiten Teils unserer wunderbaren Fantasygeschichte Yanis steht bereit.

Viel Vergnügen!

„Wo ist Aki?“

„Ich wollte mit dir alleine reden.“

Dieser Mensch hatte ganz offensichtlich Angst vor Urvi. Urvi war es gewohnt und nahm es nicht als Beleidigung auf.

Aber dieser Mensch war auch ganz offensichtlich sehr tapfer und ließ sich nicht von sierer Angst beherrschen Urvi respektierte das.

„Ich verstehe nicht so richtig, was du mit mir besprechen willst? Ich bin nur siere Agentin. Aki ist dier Baron*in, sier trifft die Ent-“

„Genau deshalb will ich mit dir sprechen“, unterbrach Urvi sie. „Nicht mit siem. Und weil du … hier auch die entscheidende Rolle spielst, denke ich.“

„Was meinst du?“

„Ich glaube, dass dein*e Freund*in Aki in einer Situation ist, in der er den Wert von Geld nicht besonders zu schätzen weiß, im Gegensatz zu dir.“

Sie hob eine Augenbraue, trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme.

„Was soll das werden? Komm zum Punkt.“

„Ich möchte dir ein Angebot machen.“

„Dann machs endlich. Aber wenn das hier so eine Nummer werden soll, bei der du mich bezahlst, damit ich Aki verrate, dann kannst du das …“

Sie verstummte, als sie Urvi den Kopf schütteln sah.

„Ich erwarte nicht, dass du irgendwen verrätst.“

„Wenn du’s nicht jetzt sofort einfach sagst, geh ich. Ich lass mich nicht endlos veralbern, auch wenn du noch so riesig über mir stehst.“

Urvi lachte leise. Das klang dann immer ein bisschen grollend und bedrohlich, aber das fand Urvi gar nicht so schlecht.

„Ich weiß einfach nicht, wie ich es sagen soll“, gestand sier ein. „Aber ich sage es jetzt mal direkt:  Ich brauche eure Freundin.“

„Yanis?“

„Ja. Ich brauche sie, uns es geht um eine sehr wichtige und sehr gute Sache. Und ich weiß, dass ihr sie nicht braucht.“

„Sie beschützt uns.“

„Ich kann euch beschützen. Und ich kann außerdem sicherstellen, dass du und dein Vater sich für eine Weile keine Sorgen mehr machen müssen um Geld. Ich weiß, dass ihr es gebrauchen könnt.“

„Woher … Lass meinen Vater hier raus!“

„Keine Sorge, das ist keine Drohung. So subtil bin ich nicht. Es ist wirklich nur ein nettes Angebot.“

„Wenn du uns genauso gut beschützen kannst wie Yanis, wofür brauchst du sie dann?“

„Die Frage ist gut“, antwortete Urvi. „Aber ich möchte die Details meiner Pläne nicht mit Außenstehenden besprechen. Auch in eurem Interesse.“

„Das war jetzt aber eine Drohung.“

Urvi lachte.

„Eigentlich nicht. Aber jedenfalls. 50 Taler, wenn sie bei mir bleibt, statt mit euch zu gehen.“

Urvi beobachtete ihr Gesicht und wusste in diesem Moment nicht, ob sier sich freuen sollte, oder sich ärgern.

Ihr Mund öffnete sich ein Stück, als ihre Gesichtsmuskeln sich in Verblüffung entspannten. Urvi hatte vielleicht höher gegriffen als nötig mit sierem Angebot. Aber immerhin nicht zu niedrig. Das war jetzt wichtiger. Und sich zu freuen, war eh immer die bessere Entscheidung. Es gab so wenig Gelegenheiten.

„Das ist lächerlich“, sagte sie. „Ehrlich, ich kann das doch nicht mal …“

„Freu dich einfach“, sagte Urvi lächelnd. Sier zuckte die Schultern. „Du musst nicht jetzt antworten. Du musst gar nicht antworten. Überlegs dir einfach in Ruhe. Wenn sie bleibt, statt mit euch zu gehen, bekommst du ein Geschenk. Und kannst dir dann überlegen, wie viel davon du vielleicht an … andere weitergeben möchtest, die es auch gut gebrauchen können. Und wir müssen nie wieder darüber reden, und niemand muss es erfahren.“

**************************

Laia war sich natürlich nicht völlig sicher. Sie war gewiss nicht die größer Kennerin von Shiu’Hzim auf der Welt. Aber sie hatte ein bisschen Erfahrung mit Menschen und ihrer Gestik und Mimik. Wer die nicht hatte, konnte nicht lange als Diebin überleben. Oder eigentlich generell als armer Mensch auf den Straßen. Und es war wirklich nicht schwer, die Hoffnung und die vorsichtige Freude in Yanis‘ Gesicht und Haltung zu sehen, auch wenn sie versuchte, sie unter Skepsis und Abweisung zu verstecken.

Es tat Laia ein bisschen im Herzen weh. Aber musste es ja gar nicht, sagte sie sich. Sie hatte nichts entschieden. Urvi hatte ihr … gewisse Konsequenzen gewisser Ereignisse angekündigt. Das war alles. Konsequenzen. Irgendwelche gab es immer, und Laia war selten in Situationen gewesen, in denen eine so angenehme dabei gewesen war wie hier. Warum also der Kummer?

„Was gibts?“, fragte Yanis, hör- und sichtbar bemüht, nicht zu zeigen, was sie fühlte. Es hätte beinahe lustig sein können, wenn es nicht … Naja.

„Ich wollte noch mal mit dir reden“, sagte Laia.

Und das zeigte doch schon, dass sie es aufrichtig meinte, oder?

Wenn sie einfach nur Urvis Geld hätte nehmen wollen, hätte sie sich das schließlich alles sparen können und gar nicht zu Yanis gehen müssen. Sie hätte einfach mit Aki abhauen können. Bestimmt hätte sie sien irgendwie überzeugen können. Es wäre gegangen. Natürlich. Wäre gar kein Problem gewesen.

Aber Laia war jetzt hier, um mit Yanis zu sprechen. Weil es ihr nicht nur um das Geld ging, sondern weil sie einfach wirklich diese Sache klären wollte. Und wenn dabei dann herauskam, dass Yanis sie und Aki begleiten würde … gut. Und wenn nicht … Auch gut.

„Worüber?“, fragte Yanis.

Das ging ja schon mal gut los. Sie hatte sich also entschieden, richtig beleidigt zu spielen.

„Das weißt du“, sagte Laia, bemüht, freundlich und ruhig zu klingen. „Diese Sache mit der Gräfin. Dass ich dir verschwiegen habe …“

„Belogen“, knurrte Yanis.

Laia schaute sie an.

„Du hast mir nicht nur was verschwiegen. Du hast mich belogen. Komm rein. Wir müssen uns nicht hier im Flur unterhalten.“

Laia hatte tatsächlich ein bisschen Angst. Naja, Sorge. Sie konnte sehen, wie sehr die Sache Yanis mitnahm, und wie angespannt die Ordenskriegerin versuchte, mit ihrer Wut und ihrer Hoffnung umzugehen. Und Laia hatte genug Erfahrung mit bewaffneten uniformierten Menschen und ihren Emotionen, um zu wissen, dass das für die weniger gut bewaffnete, weniger starke Person schlecht ausgehen konnte.

Aber sie versuchte, zumindest so weit an Yanis zu glauben. Dass die Kriegerin Laia mit einer Hand in zwei Teile zerbrechen konnte, hieß ja nicht, dass sie es auch tun würde. Shiu’Hzim lernten nicht nur Kämpfen, sondern auch Disziplin. Hoffentlich.

„Ist gut.“

Sie kam mit hinein, und Yanis schloss die Tür hinter ihr, und Laias Herz schlug schon ein bisschen spürbarer und Laias Ohren nahmen das leise Winseln der Scharniere, das leise Schaben von Holz auf Stein und den sanften dumpfen Schlusslaut sehr deutlich und bewusst wahr.

Aber Yanis verschloss (natürlich) die Tür nicht. Laia war es selbst ein bisschen peinlich, aber dennoch beruhigte sie der Gedanke, dass sie da zur Not noch rauskommen würde.

„Also“, sagte sie, einfach weil sie sehr schnell die Stille nicht mehr aushielt, und es gab ihr ein bisschen zu denken, dass sie die Stille noch weniger lange ausgehalten hatte als Yanis, aber nun hatte sie es gesagt, jetzt musste sie auch weiterreden, sonst würde es wirklich komisch werden. „Also … gut. Ich hab dich angelogen. Irgendwie. Aber ich schwör dir, ich habs wirklich nicht so gemeint!“

„Wie hast du’s gemeint?“

So ein bisschen ging diese Kriech-und-erflehe-Vergebung-Haltung Laia schon auf den Geist.

„Ich hab ja schon versucht, das zu erklären … Ich wollte dich ja nicht täuschen. Ich hätt dir sofort gesagt, was der Plan ist, wenns nur darum gegangen wäre. Ich hatte keine Zweifel, dass du uns geholfen hättest, auch wenn du alles gewusst hättest! Ich dachte nur, wenn du Bescheid weißt, ist die Gefahr zu groß …“ Das war jetzt der schwierige Teil. Laia wusste, dass sie nicht drumherum kam, es zu sagen, aber sie wollte es auf möglichst wenig beleidigend Art sagen, nicht mal vorrangig, weil sie Angst hatte, dass Yanis ihr sonst die Beine brechen würde, sondern eher, weil … sie einfach nicht unnötig gemein sein wollte, gerade weil sie sich auch wirklich mit ihrer Argumentation nicht besonders gut vorkam.

„Ja?“

„Ich meine, ich hatte Angst, dass du zu ehrlich bist. Die Gräfin und ihre Leute sollten ja nicht wissen, was kommen würde. Die sollten denken, dass ich dich belogen habe und dich wie besprochen betäuben würde. Und ich war nicht sicher, dass du das überzeugend vorspielen kannst.“

„Weil ich so eine miese Lügnerin bin.“

Laia versuchte ein vorsichtiges Lächeln.

„Schon.“

„Und weil du dachtest, dass ich vielleicht auch gar nicht für euch lügen würde, und dann wolltest du es lieber nicht risikieren.“

„Warum … Was soll das jetzt?“, fragte Laia. „Ich hab dir gesagt, dass es mir wirklich nur darum ging, dass ichs dir nicht zugetraut habe-“

„Was hast du mir nicht zugetraut? Einfach die Klappe zu halten? Mehr hätte ich doch nicht machen müssen, oder?“

„Naja, es ist schon ein bisschen mehr dabei! Du hättest natürlich wirken müssen und nichtsahnend, und du hättest ja trotzdem mit der Gräfin reden müssen …“

„Und du hast mir nicht vertraut.“

„Naja…“

„Aber ich dir. Und trotzdem war ich für dich da, für euch, und hab zu euch gestanden. Und ihr habt mich verraten und belogen.“

„Ja meine Güte, es war nun einmal eine Notfallsituation! Wir hatten nicht viel Zeit und nur einen Versuch, es ging um Leben und Tod und wir wollten keine unnötigen Risiken eingehen! Es ist doch gut gegangen.“

„Für euch.“

„Für dich doch auch! Du-“

„Ich hab euch vertraut!“

Yanis schrie nicht, aber sie war sehr kurz davor.

Laia machte einen Schritt zurück.

Yanis verdrehte die Augen und breitete genervt die Arme aus. Und machte einen Schritt auf Laia zu. Laia wich zurück.

„Jetzt tu nicht so!“, fuhr Yanis sie an. „Dauernd machst du das! Du guckst mich an, als wäre ich ein tollwütiger Hund, oder eine giftige Schlange! Ich bin ein Mensch, Laia! Ich bin kein Monster, auch wenn ich so aussehe!“

„Du siehst gar nicht so …“ murmelte Laia, die wirklich gar nicht auf die Idee gekommen war.

Sie konnte nicht leugnen, dass Yanis ihr Angst machte. Und sie konnte nicht leugnen, dass es ihr ein bisschen Unwohlsein machte, zu genau in die Wunde zu schauen, die ihr Gesicht war. Aber die beiden Dinge hingen eigentlich nicht zusammen. Oder …?

„Warum behandelst du mich dann so? Weil genau das ist, worum es geht! Weil genau das ist, was mir weh tut! Ich bin einfach eure Kettenhündin, Laia, und natürlich erzählt man der nicht, warum sie jetzt was machen soll, man gibt ihr einfach Kommandos, und manchmal wirft man ihr ein Leckerchen hin und immer muss man gut aufpassen, dass sie einen nicht beißt, und wenn man sie dafür manchmal tätscheln muss, dann nimmt man das hin, aber eigentlich fühlt man sich unwohl dabei, weil man weiß, wofür sie da ist, und was da für große Zähne sind, dabei will sie doch nur …“

Yanis hielt inne, schloss den Mund, mit vor Anspannung deutlich hervortretenden Kiefermuskeln und schaute schwer atmend zu Boden.

Laia stand ihr gegenüber und dachte so angestrengt darüber nach, ob sie jetzt gerade nur deshalb noch nicht gegangen war, weil sie sich beweisen wollte, dass sie sie sich von Urvi nicht dafür schmieren ließ, eine Freundin zu verraten, oder ob sie nur deshalb gehen wollte, weil Urvi ihr die fünfzig Taler versprochen hatte, dass sie nicht einmal richtig dazu kam, sich vor Yanis‘ Zorn zu fürchten.

Diese*r verdammte Minotaur. Sie wusste jetzt gar nicht mehr, was sie machen sollte, und egal, was sie machen würde, sie schämte sich jetzt schon dafür.

Aber eins wusste sie: Es schämte sich sehr viel angenehmer mit 50 glänzenden Goldmünzen in der Tasche als ohne.

Wenn er überhaupt wirklich zahlen würde.

Oh Xinu, was, wenn nicht?

Wie sehr würde sie sich erst schämen, wenn sie jetzt …

Nein. Würde sie ja gar nicht. Sie würde gar nichts wegen des Geldes tun. Urvi konnte sich auf den Kopf stellen. Sie ließ sich von siem nicht kaufen. Aber wenn sier nun mal drauf bestand, ihr einen fetten Geldbeutel mit 50 Talern aufzudrängen nur für etwas, was sie ohnehin ganz unabhängig davon getan hatte …

Naja. Das war was ganz anderes, oder?

„Was will sie?“, fragte Laia schließlich in die ausgesprochen peinliche Stille hinein.

„Hm?“, fragte Yanis. Sie sah jetzt gar nicht mehr wütend aus, als sie blinzelnd vom Boden aufschaute. Nur noch verwirrt und traurig.

„Was will sie denn eigentlich nur? Von mir? Jetzt gerade? Ganz genau? Ich hab gesagt, dass es mir leid tut!“

Jetzt trat Yanis einen Schritt zurück, und Laia folgte ihr zurück in den Raum.

„Ich hab gesagt, dass es ein Fehler war und dass es mir leid tut!“

Tatsächlich war Laia sich nicht völlig sicher, ob sie wirklich genau dies mit genau diesen Worten gesagt hatte, aber sie hatte doch ganz bestimmt irgendwas in der Richtung zum Ausdruck gebracht, wenn nicht vorhin, so doch sicher in dem Gespräch vorher. Oder sie hatte es zumindest gewollt, bevor Yanis das Gespräch rüde abgebrochen hatte? Nein, eigentlich glaubte sie, dass sie es gesagt hatte.

Sie fuhr fort: „Und was willst du jetzt noch? Was soll ich denn außerdem noch machen? Soll ich mich hier auf den Boden werfen, soll ich meine Kleider zerreißen und heulen, soll ich deine Stiefel küssen, was wollt ihr denn von niederem ehrlosen Geschmeiß wie mir, damit ihr uns nicht mehr verachtet, hm?“

„Wo kam das denn jetzt plötzlich her?“, fragte Yanis. „Wann hab ich dich jemals wie ehrloses Geschm-“

„GERADE EBEN!“, fuhr Laia sie an. „Jetzt gerade! Und weißt du was: Ich hab genug davon! Wenn du es nicht aushalten kannst, dass du nicht über mir stehst, obwohl du doch die große Kriegerin in der glänzenden Rüstung bist und dich nur die gemeine … äh, Agentin für Aki“, Das war wirklich knapp gewesen, „Dann halt es halt nicht mehr aus! Dann bleib hier und guck doch, ob du hier nicht mehr die ‚Kettenhündin‘“, sie machte sogar wirklich die Anführungszeichen mit den Fingern, um ganz sicher zu gehen, dass deutlich wurde, wie absurd sie den Vorwurf fand, auch wenn es ihr schon unangenehm war, während sie es tat, „bist, sondern bekommst, was immer du doch nur willst, was das halt sein mag, egal. Mich interessierts echt nicht mehr!“

Und dann drehte sie sich um und stürzte aus dem Raum.

Ganz sicher nicht nur deshalb so schnell und unvermittelt, um zu verhindern, dass Yanis ihr noch irgendwas hinterher rief, was sie aufhalten würde. Ganz sicher nicht.

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