Von oben (2)


Ja, es ist immer noch ein Arbeitstitel. Ich wollts nur nicht jedes Mal in der Überschrift stehen haben. Aber es ist ein Arbeitstitel. Er ist nicht besonders gut. Er wird noch besser. Aber was schon jetzt gut ist und trotzdem noch besser wird, ist die eigentlich Geschichte.

So geht sie weiter:

Marni drehte sich langsam und rollte durch den Flur in die Küche, um Kaffee aufzusetzen, versuche dabei nicht an die arme Kuh zu denken, und überlegte schon wieder, ob sie das Ebru erzählen sollte, auf die Gefahr hin, ihr damit den Urlaub zu verderben.

Sie verzog den Mund, während sie den Kaffeefilter in die Maschine klappte und mit der Kanne zur Spüle rollte, um Wasser aufzufüllen.

Sie wollte eigentlich nicht zur Gewohnheit werden lassen, ihre Freundin zu belügen und ihr nur Sachen zu erzählen, die sie gerne hören wollte. Bisher war es ihr auch nie wie eine besonders gefährliche Versuchung vorgekommen, aber seit gestern Abend zeichnete es sich so deutlich als bedenkliche Tendenz ab, dass sie es sogar selbst merkte.

Sie nahm sich fest vor, Ebru gleich jetzt mit der Nachricht zu wecken, dass irgendein Arsch eine wehrlose Kuh grausam getötet hatte. Am besten mit Fotos, falls sie so schnell noch irgendwo welche her bekam.

Sie schaltete die Kaffeemaschine ein und zog ihr Handy hervor. Ja, die Idee, Ebru mit den Fotos zu wecken, war natürlich Quatsch gewesen, aber jetzt wollte sie es wissen. Sie suchte kurz auf Twitter und dann in den Google-News nach einer Meldung zu einer toten Kuh in Dornum und/oder Umgebung, fand aber nichts.

Na gut. Vielleicht ja später.

Und dann sah sie die neue Nachrichtenanfrage in Twitter. Ach verdammt. Natürlich war es möglich, dass es auch mal was Nettes war. Hin und wieder schrieben ihr Leute, die keine Mutuals waren, auch, dass sie sie toll fandn oder versuchten wenigstens nur, einen Retweet zu schnorren oder so. Marnis Account war nicht riesig, aber sie hatte im Laufe der Jahre über 3.000 Follower*innen angesammelt. Das war aus der Perspektiv eines neuen Accounts (oder nicht besonders wählerischen Marketingbots) schon einen Versuch wert. Aber in diesem Fall hatte sie ein Gefühl, dass es wohl eher nicht so etwas war.

Sie seufzte und tippte trotzdem drauf.

Die Nachrichte war von @Salzkartoffel623829992098443

‚Hey F*** habt ihrs immer noch gemütlich auf dem Bauernhof? Habt ihr die Nachrichten schon gehört? So gehen wir hier mit blöden Kühen um, die sich nicht benehmen. Denk vielleicht mal drüber nach, bevor du das nächste Mal deine Hetze rauslässt!“

Marni schnitt eine Grimasse und blockierte den Account.

„Immer noch?“, fragte Ebru von hinter ihr.

„Wieso bist du auf Fliesen so leise, wenn du nicht mal Socken anhast, verflixt?“

Ebru lachte leise, und Marni liebte dieses Geräusch.

„Wir sollten der Polizei Bescheid sagen“, sagte Ebru, tappte zu der Kaffemaschine, zog die Kanne raus – Marni unterdrückte ein leises Seufzen, weil es sich für sie falsch anfühlte, das zu tun, während der Kaffee noch durchlief -, zog eine Tasse aus dem Schrank, goss sie ungefähr halb voll und stellte die Kanne zurück.

Marni hatte das bisher nicht überprüft und nicht mal gegooglet, aber sie dachte, dass es doch eigentlich logisch so sein musste, dass der Kaffee, der aus dem Filter floss, nach und nach schwächer wurde, weil das Pulver ja am Anfang noch ganz frisch war, und wenn man schon welchen rausnahm, bevor er ganz fertig war, verfälschte man doch das Ergebnis … Naja. Egal.

„Warum?“, fragte Marni zurück. „Was glaubst du, was die machen? Im besten Fall sind sie höflich, im schlimmsten beleidigen sie mich oder uns? noch.“

Ebru lachte bitte.

„Wenn du glaubst, der schlimmste Fall ist, dass sie dich beleidigen …“

„Ja gut, also … Jedenfalls. Und ich denke, hier auf dem Land ist die Chance doch sicher noch mal schlechter, dass sie überhaupt wissen, was Twitter ist …? Wobei ich tatsächlich nicht sicher bin, ob Polizist*innen auf dem Land im Schnitt schlimmer sind als in der Stadt, jetzt wo ich drüber nachdenke …?“

„Sie sind alle …“

„Hey! Wer von uns ist jetzt dafür, dass wir hingehen, und wer ist dagegen?“

Ebru zuckte die Schultern und nahm einen Schluck Kaffee.

„Keine Ahnung, ich denk nur irgendwie, wenn uns tatsächlich morgen Abend irgendwo drei Nazis auflauern und verprügeln, fände ich es irgendwie beruhigend, wenn mein letzter Gedanke die ganz ganz ganz schwache Hoffnung enthalten könnte, dass … Nee, ich glaub, du hast recht. Vergiss es. Bringt ja nichts, und versaut uns den Urlaub nur noch mehr.“

„Jetzt will ich auch welchen“, sagte Marni, und schaute unzufrieden auf die letzten Tropfen, die aus der Filterhalterung in die Kanne fielen. „Mach schon“, murmelte sie.

Ebru lachte, und Marni liebte das Geräusch immer noch. Immer wieder.

„Nimm doch einfach!“, sagte Ebru. „Oder soll ich dir …“

„Nein verdammt, ich warte, bis er fertig ist.“

„Er ist fertig, Marni! Das, was da unten in der Kanne ist, ist fertiger Kaffee, so funktionieren Kaffeemaschinen!“

„Ich kann jetzt auch noch drei Minuten warten.“

„Aber willst du?“

„Ja!“

Ebru lächelte und legte den Kopf schief. „Dann mach.“

*********************

Marni legte den Finger auf den Start-Button, der Kreis darum füllte sich, die vier Rotoren der Mini2 setzten sich in Bewegung und sie stieg auf ca. 2 Meter Höhe.

Ebru lachte auf. Marni hatte das gehofft.

„Cool!“

„Was hast du denn erwartet?“, fragte Marni, „Wenn du das jetzt schon cool findest?“

„Ähhh naja, ich hab schon gedacht, dass sie fliegt. Ich hatts mir nur … nicht so cool vorgestellt, schätze ich?“

Begeistert umrundete Ebru die Drohne, sichtbar schwankend zwischen Neugier und respektvollem Abstand.

Marni ließ sie eine Weile gewähren und schob dann den linken kleinen Hebel nach oben, damit die Drohne weiter abhob, immer weiter hoch, bis die Software sie abregelte.

„Guck mal!“

Ebru lehnte sich über Marnis Schultern, schaute auf das Bild auf ihrem Handy und machte die erhofften begeisterten Geräusche. Marni wollte ihr sagen, wie gern sie ihre Stimme hörte und wie viel gute Laune ihr Ebrus Lachen machte, aber sie fand auf die Schnelle keine Formulierung, die nicht kitschig und schmalzig klang, und dann war der Moment vorbei und Ebru fragte:

„Wie hoch kann sie denn?“

„In der Anleitung steht, 120 Meter, aber die Software hat bisher immer bei 100 schon abgestellt? Weiß noch nicht genau, muss ich wohl noch mal nachlesen. Aber ich finds so auch schon super! Siehst du die Spuren von dem Traktor in dem Feld, wie … äh… naja, wie interessant die jetzt aussiehen?“

„Ja, ist wirklich toll! Kannst du zu der alten Scheune rüberfliegen? Geht das so weit?“

Marni hatte natürlich mit dieser Frage gerechnet, oder vielmehr: selbst schon darüber nachgedacht, ob sie und wie sie Ebru die Scheune zeigen sollte, und … das Fenster.

Nicht wegen der Entfernung. Das war gestern kein Problem gewesen, und in der Anleitung stand was von mehreren Kilometern Reichweite.

Sondern wegen der Bewegung, oder was auch immer sie gesehen hatte.

Das fühlte sich komisch an. Erstens ging sie natürlich davon aus, dass sie es heute nicht wieder sehen würde. Warum sollte sie? Es war einfach nur irgendein Fenster, hinter dem sich ein Waschbär bewegt hatte, oder ein Marder. Ganz sicher. Also warum sollte da heute wieder irgendwas sein? Vielleicht weil der Marder da wohnte? Die lebten doch auf alten Dachböden, oder? Und fraßen dann … was eigentlich? Mäuse? Insekten? Oder ernährten die sich sogar von irgendwelchen Pflanzen oder …? Marni wusste eigentlich von Mardern nur, dass sie manchmal Schläuche in Autos zernagten, aber sie vermutete, dass das nicht aus Hunger passierte.

Und, es nützte ja nichts, es war so, auch wenn sie es selbst nicht verstand, es wurde nicht besser, wenn sie es nicht eingestand: Es fühlte sich an wie ihr Geheimnis. Wie etwas, was sie entdeckt hatte, was ihr allein gehörte und wovon niemand sonst wusste.

Das hieß nicht unbedingt, dass sie es für immer vor Ebru geheimhalten wollte, aber es hieß schon, dass sie eine bewusste Entscheidung darüber treffe wollte, wie sie damit umging und wem – und wie – sie davon erzählte. Und sie war noch nicht fertig damit, darüber nachzudenken. Sie hatte noch nichts entschieden. Deshalb fühlte es sich falsch an.

Aber sie konnte andererseits auch nicht einfach verweigern, zu der Scheune zu fliegen, ohne einen Grund zu nennen, und ja, zugegeben: Sie dachte kurz drüber nach, zu behaupten, dass sie nicht sicher war, ob die Drohne so weit von der Fernbedienung fliegen konnte, aber sie wollte Ebru nicht anlügen.

Deshalb sagte sie nur:

„Klar, kein Problem. Geht sogar noch viel weiter!“

Und sie flog die Drohne zu der Scheune. Sie konnte ja einfach das Dachfenster auslassen. Um ganz sicher zu gehen. Nicht dass sie damit rechnete, dadurch was zu sehen, absolut nicht, aber warum nicht auf mal den eigenen Gefühlen nachgeben, wenn es nicht schadete?

Sie ließ die Drohne nach unten sinken, zu der Scheune, und ein Stück zurück, um sie dann von der Seite zu zei-

„Hä?“

„Was?“, fragte Ebru, und Marni fühlte, wie Ebrus Arme sich auf ihren Schultern anspannten. „Alles in Ordnung? Ist was kaputt?“

Marni lächelte.

„Nein, nein, alles in Ordnung, keine Angst, der Drohne gehts gut. Ich dachte nur gerade… Ich muss mich geirrt haben.“

Sie flog wieder ein bisschen nach oben und ließ die Drohne über der Scheune stehen und guckte. Was zur …?

Wo war das Dachfenster?

„Das ist so cool! Wäre auch ein schönes Foto, oder? So über das Moos und die alten Dachplatten die Bäume und den blauen Himmel? Oder machst du eh ein Video?“

Marni hörte Ebru kaum, so verwirrt war sie.

Das ganze Dach war eine einheitliche Fläche aus … diesem Zeug, mit dem die Scheune halt gedeckt war, Marni kannte sich damit nicht aus. Und natürlich war die Fläche auch nicht richtig einheitlich. Da war Moos, und Flechten, und hier und da lag sogar ein Zweig oder sowas. Aber vor allem war da kein einziges Fenster.

Das war doch gar nicht möglich! Wie konnte denn ein Fenster verschwinden? Oder ja nicht mal nur verschwinden. Wäre ja gar nicht weiter merkwürdig gewesen, wenn da stattdessen jetzt ein Loch mit Glasscherben gewesen wäre. Aber da war nichts. Nee, auch falsch. Da war Dach. Überall. Keine einzige Öffnung. Kein Fenster. Marni konnte gar nicht …

„Hallo?“, hörte sie Ebru sagen, und merkte, wie weit weg sie war. „Ist wirklich alles in Ordnung?“

Marni blinzelte angestrengt und schüttelte den Kopf.

„Ja, ja klar, Entschuldigung, ich war nur kurz verwirrt, weil ich fand, dass da … was komisch aussah. Ähhhh… Ja, ja, das wäre wirklich ein gutes Foto. Moment …“

Sie schaltete die Kamera um auf den Fotomodus und drückte ein paar Mal auf den Auslöser, während sie immer noch die Dachfläche nach dem Fenster absuchte.

Sie flog sogar noch zweimal mit der Drohne drüber – Ebru fand daran nichts Verdächtiges, weil es auch einfach schick aussah, wie schnell die Drohne über das Dach flitzte –, aber es blieb dabei: Dieses Dach hatte kein einziges Fenster.

Marni fragte sich sogar, ob sie die Scheune verwechselte, oder ob ihre Erinnerung so durcheinander war, dass es gar kein Dachfenster gewesen war. Konnte sie sich zwar nicht vorstellen, aber sie war Lehrerin und wusste deshalb ziemlich gut, wie schlechte das menschliche Gedächtnis war – nicht nur das ihrer Schüler*innen.

Wie oft hatte sie sich schon an eine bestimmte Formulierung oder einen Fehler in einer Arbeit erinnert, war sich ganz sicher gewesen, dass die von einer bestimmten Person stammte, nur um sie dann in einer ganz anderen Arbeit von jemand anderem wiederzufinden – oder sogar gar nicht, um sich dann zu fragen, ob sie das Ganze nur geträumt hatte, oder irgendwo auf Twitter gelesen.

„Kannst du auch reinfliegen?“

Marni schnaubte überrascht.

„Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Ginge wahrscheinlich sogar. Aber ich glaub, ich trau mich nicht.“

„Ist denn irgendwo eine Öffnung? Die Fenster sind alle mit Glas, oder?“

„Ja, glaub auch. Aber unten ist das Tor, das steht ein Stück offen, guck!“

„Sieht aber eng aus …“

„Eben. Und ich will die Drohne wirklich nicht gleich am zweiten Tag schrotten, das wär mir peinlich.“

Ebru lachte.

„Würd ich dir auch echt übel nehmen!“

„Ich hab aber gesehen, die haben immerhin einen Reparaturservice. Gibt sogar so eine Art Servicevertrag oder so, muss ich mir noch mal angucken.“

„Würd ich bald machen, der Anfang ist doch bestimmt das gefährlichste. Äh, aber kein Druck, das sollte jetzt nicht besserwisserisch rüberkommen. Deine Entscheidung natürlich.“

„Nee, hast schon recht. Ich denke, wenn es preislich Sinn ergibt, schließe ich es gleich nachher ab.“

Marni sagte das zwar auch, weil sie wirklich fand, dass Ebru recht hatte, aber sie hatte einen zweiten Grund, den sie nicht so gern offenlegen würde:

Sie wollte in die Scheune fliegen. Am besten gleich morgen. Vielleicht sogar heute noch, falls sich die Gelegenheit ergab.

 

Im Rahmen meines umfassenden Posts-niederschwelliger-machen-Projekts habe ich auch die Lesegruppenfragen eingestampft, auf die eh niemand antworten wollte. Aber falls ihr sie vermisst, reicht ein Wort (vorzugsweise sowas wie „Lesegruppenfragen“ oder sonst was Eindeutiges, sonst verstehe ich euch eventuell nicht), um sie wieder einzuführen. Ganz im Ernst, wenn eine Person drauf antwortet, ist es mir das schon wert. Die machen nicht viel Mühe. Und auch ohne Lesegruppenfragen freue ich mich über jeden Kommentar, falls ihr welche habt.

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