Von oben (Arbeitstitel) (1)


Hier war jetzt wieder eine Weile Ruhe, aber keine Angst, das war diesmal immerhin nicht, weil ich nichts geschrieben hätte. Ich hab sogar eine ganze Menge geschrieben, ich habs nur bisher nicht veröffentlicht, und ich will euch sogar ganz direkt offen sagen, warum: weil ich zu faul war. Weil ich dachte, hier liest eh niemand mehr mit, und ich hasse hasse hasse WordPress, so sehr, es ist so anstrengend, warum soll ich mir die Mühe machen?

Hab ich so gedacht.

Aber andererseits, wenn ein*e Autor*in Bücher schreibt und niemand kann sie lesen – ist dann überhaupt der Baum kaputt? Eben.

Deshalb habe ich jetzt bis auf Weiteres entschieden, dass ich doch wieder hier veröffentliche, aber ohne das „Was bisher geschah“, weil das echt nervige Arbeit war, vor der mir immer graute, und ich glaube, das ist Arbeit, die nicht sein muss. Falls ihr das „Was bisher geschah“ vermisst, sagt aber gerne Bescheid! Weil ich mich über jede Person freue, die hier mitliest und es euch gerne bequem mache. Aber erst mal gehe ich davon aus, dass es niemanden stört. Also los. Hier ist meine neue Fortsetzungsgeschichte, mit dem noch sehr vorläufigen Arbeitstitel „Von oben“.

Ach und macht euch keine Sorgen, Yanis‘ zweiter Teil ist parallel auch in Arbeit, dazu erscheint hier auch bald was. Jetzt aber erst mal viel Spaß!

Ein Dachfenster, alles ziemlich verwittert und mit Moos und Flechten bewachsen, in dem sich eine Drohne spiegelt

„Whoaa…“

Marni strahlte so sehr von einem Ohr zum anderen, dass sie die Muskeln richtig fühlen konnte, die ihre Mundwinkel hochzogen, und sie fühlten sich an, als müsse sie mit einem Muskelkater rechnen, aber das war ihr in diesem Moment ganz egal.

Wäre sie dazu in der Lage gewesen, hätte sie aufgeregt mit den Beinen gestrampelt – oder wäre wahrscheinlich eher auf und ab gehüpft. So begnügte sie sich mit einem fröhlichen Schaukeln des Oberkörpers in ihrem Xenon² SA.

Sie hatte ja gehofft, dass das mit der Drohne gut werden würde. Aber dass es noch mal so viel besser werden würde, als sie gehofft hatte, das hatte sie nicht zu hoffen …

Na gut, an dem Tweet würde sie noch ein bisschen arbeiten müssen.

Aber die Drohne war jedenfalls toll. Und sie konnte ja jetzt eh nicht tweeten, weil ihr Handy in die Fernbedienung eingespannt war und das Bild von der Drohne übertrug.

Marni atmete tief durch und zwang sich, aufzuhören, immer mehr Fotos davon zu machen, wie die kleine DJI Mini 2 sich in einem der Dachfenster der alten Scheune spiegelte.

Schließlich musste sie auch noch Akkulaufzeit und SD-Speicherplatz im Blick behalten, da sollte schließlich auch noch das Video draufpassen …

Sie schaltete um auf Video und überprüfte noch mal die Positionierung. Sie wollte die Drohne ganz genau zwischen die rostigen Streben des alten Fensters kriegen, sodass das Spiegelbild exakt in der Mitte war, wie ein Bild in einem Rahmen …

Moment mal. Waren die Sprossen nicht aus Blei? Blei rostete doch gar nicht? War das Grünspan? Aber Grünspan kannte Marni auch nur von Kupfer. Oder wurden die Sprossen auch aus Eisen gemacht? Die Sprossen sahen rostig aus, fand Marni, aber das Bild war nicht so ganz eindeutig auf dem kleinen Handy-Display, und sie hatte keine Ahnung von sowas, nur eine vage Erinnerung, mal gehört zu haben, dass alte Fenster in Blei gesetzt wurden. Aber vielleicht hatte man das auch nur bis ins 17. Jahrhundert so gemacht, oder so. War ja jetzt auch nicht so wichtig. Jedenfalls sahen die Sprossen herrlich verwittert und alt aus, und das Spiegelbild der Drohne in dem schmutzigen Glas war ein wunderbar futuristischer Kontrast dazu …

„Ähhhhh …“

Marni blinzelte und nahm kurz eine Hand von der Fernbedienung der Drohne, um sich über die Augen zu wischen.

Sie kniff die Augen zusammen und hob das Display des an der Fernbedienung befestigten Handys näher ans Gesicht, bis sie fast mit der Nase drauf stieß.

Erst dann fiel ihr ein, die Drohne erst mal sicherheitshalber einen oder zwei Meter zurückzuziehen, damit sie nicht von einem unerwartete Windstoß gegen die Scheibe getrieben wurde, während Marni …

nachdachte? Die Erinnerung erkundete? Sich erholte von dem Schreck …?

„Was war das?“, flüsterte sie zu sich selbst.

Sie hatte etwas gesehen, in diesem Moment. Irgendwas hatte sich hinter dem Fenster bewegt, hinter der Reflexion der schicken gelben Drohne (Marni hatte sie extra mit dem gelben Aufkleber-Set zusammen bestellt, damit sie immer gut sichtbar war.), im Halbdunkel des Dachbodens der alten Scheune, oder was immer da genau hinter dem Fenster war.

Etwas hatte sich da bewegt.

Und natürlich war das eigentlich kein Grund, aus dem ihr der Atem stocken müsste, und aus dem sie sich ungläubig die Augen reiben müsste, oder an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln. Es könnte ja einfach ein Waschbär gewesen sein, oder ein Vogel, oder ein Fuchs, oder irgendein anderer Mensch, der im Gegensatz zu Marni das Gebäude von innen zu Fuß erkundete statt von außen per Drohne. Sie hatte ja schließlich keine Details erkannt. Es könnte alles Mögliche gewesen sein.

Einerseits.

Aber andererseits hatte etwas an dieser Bewegung, etwas an dieser undeutlichen Form, etwas daran, wie es … Also etwas hatte da überhaupt nicht ausgesehen wie ein Waschbär oder ein Vogel oder ein Mensch.

Und natürlich wusste Marni, dass das nicht hieß, dass sie mit ihrer kleinen 400€-Drohne in der verlassenen Scheune gerade eine völlig neue Spezies entdeckt hatte, sondern wahrscheinlich eher, dass sie wirklich einfach falsch gesehen hatte und ihre Erinnerung daraus jetzt etwas Gruselig-Fremdartiges machte, sie hatte auch mal Bücher und Artikel drüber gelesen, wie unzuverlässig menschliche Wahrnehmung und menschliches Gedächtnis waren. Sie verstand das.

Aber das änderte nichts dran, dass jetzt ihr Herz klopfte und ihre Hände schweißnass waren und ihre Achselhöhlen juckten und …

Sie seufzte und beschloss, die Mini2 zurückzurufen und zu landen. Sie hatte keine Lust, die Drohne gleich beim ersten längeren Flug zu schrotten. Und wenn sie mal ganz ehrlich zu sich selbst war, war sie in einem Zustand von Nervosität und Unkonzentriertheit, der das Schrotten der Drohne zu einem naheliegenden Ergebnis machte. Also Schluss für heute. Waren eh nur noch 50% Akku.

Sie konnte ja morgen wiederkommen. Oder sogar heute Abend. Es blieb lange genug hell, dass sie da noch eine Chance haben könnte.

Marni schaute auf die Uhr. 15:26 Uhr. Zwei Stunden brauchte der Akku zum Laden. Vielleicht drei. Eine halbe Stunde hin, eine halbe Stunde zurück. Max vier Stunden, bis sie wieder hier sein konnte. Genug Zeit, sich zu beruhigen, und heute würde die Sonne ungefähr um …

Marni schaute auf ihre Fit Watch.

… 21:14 untergehen. Das war dann noch reichlich genug Zeit für eine halbe Stunde Flug. Und natürlich auch genug Zeit, um noch wieder zurück zur Ferienwohnung zu kommen, bevor es dunkel wurde.

Der Gedanke, in der Finsternis diesen einsamen Feldweg entlang zu rollen, bereitete ihr gerade zu großes Unbehagen, als dass sie bereit gewesen wäre, das Risiko einzugehen.

Das Kopfsteinpflaster auf dem alten Bauernhof sah zwar hübsch aus, war aber alles andere als Rollstuhlfreundlich, und natürlich war da doch eine kleine Stufe vor der Eingangstür zur Ferienwohnung, obwohl Marni und Ebru extra vorher angerufen hatten, um zu fragen, ob sie barrierefrei war. Ebru hatte vorgeschlagen, dafür eine Mietminderung rauszuhandeln, aber Marni hatte keine Lust auf die Diskussionen gehabt. Dann hatte Ebru angeboten, kurzfristig noch eine andere Ferienwohnung zu suchen, aber darauf hatte Marni noch weniger Lust gehabt. Die Stufe war nicht mal besonders hoch, immerhin, sodass sie sie selbst überwinden konnte, wenn sie rückwärts ranfuhr und mit genau der richtigen Bewegung … Na also. War eigentlich sogar ganz lustig, irgendwie, wenn sie sich wirklich Mühe gab, es so zu sehen.

„Hallo!“, rief Ebru aus der Küche. „Na, hat alles geklappt? Drohni noch ganz?“

„Wir dürfen sie nicht zu sehr verniedlichen!“, antwortete Marni. „Irgendwann flieg ich sie bestimmt gegen eine Wand oder so, und dann … will ich nicht auch noch um die Freundschaft trauern müssen, wenn ich mich eh schon wegen des Gelds ärgere.“

Sie war sich gar nicht sicher, ob sie Ebru erzählen wollte, was sie gesehen hatte. Was eigentlich hieß, dass sie es nicht wollte.

Klar, einerseits war sie immer noch aufgeregt deshalb und hätte zu gerne mit jemandem drüber geredet, aber andererseits wusste sie jetzt schon, dass es nicht gut gehen konnte.

Entweder würde Ebru irgendwelche Spekulationen darüber anbieten, was Marni gesehen haben konnte. Waschbär. Elster. Kinder. Hund. Katze. Sehr große Spinne. Schatten einer Motte. Eine andere Drohne. Ferngesteuertes Auto. Entkommener Affe aus irgendeinem Zoo. Aber Marni wusste schon, dass es nichts davon gewesen sein konnte. Naja, oder doch? Aber jedenfalls hatte es nicht so ausgesehen wie irgendwas davon.

Oder sie würde ihr einfach nur zu erklären versuchen, das sie sich getäuscht haben musste – das wusste sie aber selbst. Sie brauchte jetzt nicht noch eine Person, die auch fand, dass es nicht sein konnte – weil sie sich darüber eigentlich schon im Klaren war, aber andererseits … Es fühlte sich halt nicht so an.

Und sie wollte jetzt nicht das Gefühl haben, dass Ebru nicht ernst nahm, was sie gesehen hatte, sogar wenn sie es selber nicht tat. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Außerdem gab es ja eigentlich auch gar nichts zu erzählen. Was hatte sie denn gesehen? Nichts, das wars ja gerade. Nur … irgendwas. Irgendwas sehr Undeutliches, was sich komisch bewegt hatte. Sie kam sich auch so schon albern genug vor, ohne das einer anderen Person erklären zu müssen, die keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.

Aber sie konnte Ebru zumindest erzählen, wie toll die kleine Drohne war, und wie gut deshalb auch die Idee, sie ihr zu schenken.

„Du, das Ding ist unglaublich!“, rief sie deshalb, während sie zu ihrer Tasche rollte, sie auf dem Schoß ablegte und zu dem kleinen Schreibtisch in der Ecke brachte. „Du hättest mitkommen sollen. Fliegt viel besser als ich gedacht hatte! Als wär die Kamera an einem Arm befestigt oder so, unglaublich angenehm zu steuern, total stabil, super Bilder, ich bin total begeistert! Vielen Dank! An die Sticks muss ich mich noch ein bisschen gewöhnen, da drück ich natürlich noch manchmal Hoch, wenn ich Vorwärts meine, oder so, aber das ist ja normal, aber insgesamt wirklich unglaublich super. Vielleicht müssen wir da noch mal einen Ersatzakku kaufen … Oder zwei …“ fügte sie hinzu, während sie das Ladegerät und das Kabel aus der Tasche fummelte und die Drohne daran anschloss. Wie ging das jetzt …? War das richtig, dass da die LEDs so blinkten? Lud sie jetzt? Sah eigentlich gut aus. „Es gibt doch Ersatzakkus, oder? Ich hab gesehen, dass man den da hinten an dieser Klappe rausnehmen kann?“

„Jaja, glaub schon!“, rief Ebru zurück.

Marni zog als nächstes die Klassenarbeiten aus ihrer Tasche. Eigentlich hatte sie gar keine Lust, sich jetzt damit zu befassen, aber sie glaubte daran, möglichst früh mit unangenehmen Aufgaben anzufangen. Alleine schon, dass sie sie hier auf den Tisch gelegt hatte, würde ihr morgen helfen, wirklich mit dem Korrigieren loszulegen.

Hoffentlich.

„Was machst du denn da drin?“, rief sie.

Es war nicht so, dass es sie störte, dass Ebru nicht aus der Küche gekommen war, um sie zu begrüßen, schließlich hatten sie sich auch gerade erst vor einer Dreiviertelstunde verabschiedet, oder so. Aber es war ein bisschen ungewöhnlich. Und Marni hoffte, dass Ebru ihre Frage richtig verstehen würde, nämlich nicht als Beschwerde.

„Ich mach Bantan, und diesmal kriege ich es richtig hin!“

Sah aus, als hätte Marni Glück gehabt. Doppelt sogar. Sie stieß ein freudiges Jaulen aus.

„Bantan!“, rief sie.

„Und diesmal wirds auch gut!“

„War doch letztes Mal schon toll!“

„Aber es war NICHT RICHTIG!“, antwortete Ebru.

„Wenn es diesmal noch besser wird, dann ist das heute schon der beste Urlaub meines Lebens.“

„Sagte sie mit einem Stapel Klausuren vor sich auf dem Tisch.“

„Woher weißt du …?“

„Ich habe Ohren, und ich kenn dich schon eine Weile.“

„Hm.“

„Aber du machst Pause, wenn das Essen fertig ist!“

„Versprochen“, murmelte Marni abwesend, während sie ihr Handy aus der Tasche fummelte. Die Watch hatte vibriert.

Sie sah das Twitter-Direktnachrichtensymbol und atmete tief durch.

Es konnte ja auch was Gutes sein. Vielleicht wars einfach nur was Nettes. Musste ja nicht …

Es war eine Nachricht von @uebermuttiviert288522979299. Sie war kurz und prägnant.

‚Reiß vielleicht dein freches Maul nicht so auf, wen du nicht willst, dass es dir gestopft wird!“

Marni seufzte.

Und fühlte ihre Watch noch einmal vibrieren.

‚Überleg vielleicht noch Mal, mit wem du dich anlegst, du F***‘

Der F-Slur war natürlich ausgeschrieben.

Sie schloss die Augen und schüttelte mit einem bitteren Lächeln den Kopf.

Sie öffnete das Menü und hatte den Finger über ‚Blockieren‘, als die dritte Nachricht ankam.

‚Habt ihrs bequem in eurem Haus Karin Nr.4?? 😜😜‘

„Fuck!“, zischte sie.

Sie drückte den Block-Button.

Sie lehnte sich in ihrem Rollstuhl zurück und stöhnte.

„Fuck!“, murmelte sie leise.

„Alles okay?“, rief Ebru aus der Küche.

„Jaja!“, antwortete Marni, bevor sie so richtig darüber nachgedacht hatte, ob sie es ihr erzählen wollte.

Das war jetzt nicht so gut.

Sie hatte sich das eigentlich noch überlegen wollen, aber jetzt hatte sie sich festgelegt. Oder?

Naja.

Sie könnte ja eventuell immer noch … Sie würde einfach noch ein bisschen weiter drüber nachdenken.

Das würde wahrscheinlich heißen, dass sie mit den Arbeiten nicht besonders weit kommen würde. Aber dann mussten die halt warten.

Sie saß über der ersten Seite der ersten Arbeit und ärgerte sich über die Nazi-Troll-Ärsche, bis Ebru schließlich rief: „Fertig!“

„Und, ist gut geworden?“, antwortete Marni erleichtert, weil sie jetzt immerhin nicht mehr auf die verflixte Klausur starren musste. Sie hasste das Gefühl, eigentlich arbeiten zu müssen, es aber nicht zu tun.

Die Bantan war wirklich köstlich, und Marni aß viel zu viel davon, war darauf aber immerhin satt genug, um keinen Nachtisch mehr zu wollen. Sie sahen noch zwei Folgen The Boys und gingen dann schlafen.

Marni behauptete, sie hätte für heute genug gearbeitet, und dachte dabei ‚Oh what a tangled web und so …‘, aber immerhin schlief sie am Ende zufrieden in Ebrus Armen ein.

Und wachte dann mitten in der Nacht auf, ohne so recht zu wissen, warum.

Sie hörte einen Hund bellen, hatte aber eher das Gefühl, dass das Bellen nicht das war, was sie geweckt hatte.

Sie drehte sich um, kuschelte sich an Ebru, freute sich über ihr zufriedenes Seufzen und schlief auch selbst schnell wieder ein.

Und wachte am nächsten Morgen viel zu früh wieder auf, aber immerhin wusste sie diesmal direkt, wovon.

Jemand hämmerte regelrecht gegen die Tür.

„Jaaaaa schon gut, komme!“, rief sie.

Neben ihr stöhnte Ebru unzufrieden.

„Ich geh schon“, sagte Marni, zog sich hastig was über, schwang sich in ihren Rollstuhl und machte sich auf den Weg in Richtung Tür.

Ebru nuschelte ihr irgendetwas vage Dankbares hinterher.

Marni machte die Tür auf, vor der ihre Vermieterin stand, eine kräftig gebaute Frau Ende 60, die grauen Haare zu einem strengen Dutt gebunden, sogar mit einer Schürze um, ob nun aus eigener Überzeugung, oder um die Erwartungen der Feriengäste an eine Bäuerin zu erfüllen.

Kurz blinzelte sie konsterniert ins nichts, dann senkte sie den Blick zu Marni und fing sich sichtbar, um ihre Überraschung nicht zu deutlich auszudrücken.

Marni wartete geduldig und nur ein bisschen verärgert. Sie kannte das.

„Guten Morgen“, fragte sie, und merkte erst dabei, dass sie gar nicht sicher war, ob es nicht vielleicht angemessen wäre, ein bisschen ärgerlich zu sein, auch ab vom Ableismus ihrer Vermieterin. Immerhin hatte sie sie geweckt um … Marni hatte ihre Watch auf dem Nachttisch in der Ladeschale gelassen. Na gut, aber sogar sie als Stadtkind konnte daraus, dass die Sonne noch sehr niedrig am Himmel stand, schätzen, dass es vor sieben sein musste. Das gehörte sich doch einfach nicht! „Was gibts denn?“, fragte sie trotzdem erst einmal neutral freundlich. War eher ihr Stil, fand sie.

„Ich …“ Erst jetzt fiel Marni auf, dass Vermieterin ein bisschen schwer atmete und ein ganz rotes Gesicht hatte. „Ich wollte fragen“, fing sie an und begann, in einer Tasche ihrer Schürze zu fummeln, während sie sprach, „ob Sie irgendwas mitbekommen haben.“

Sie zog ein kariertes Stofftaschentuch hervor und tupfte sich damit die Stirn.

„Mitbekommen?“, fragte Marni.

„Heute Nacht“, sagte die Vermieterin.

Marni hatte vergessen, wie sie hieß. Es war irgendwas typisch Norddeutsches gewesen. Jansen? Nee, aber sowas in der Art.

„Ich … fürchte nicht“, sagte Marni. Sie wusste natürlich noch, dass sie aufgewacht war, aber … „Was ist denn passiert?“

„Ähja“, sagte die Vermieterin und schaute auf das Taschentuch, steckte es ein, schaute auf ihre Schuhe. „Wie soll ich das erklären? … also, irgendwer hat wohl … Also, denkense sich bitte gar nix dabei, dass muss ja nix heißen. Kann ja alles Mögliche sein. Ich denk halt, vielleicht diese Wölfe, die se jetzt unbedingt über all wieder haben wollen, oder so.“

Marni bemerkte, wie ihr Gesicht immer verwirrter wurde, und zwang sich, ihre Mimik wieder ein bisschen zu zügeln, um der offensichtlich irgendwie betroffenen Frau nicht das Gefühl zu vermitteln, sie würde sich über sie lustig machen.

„Also, jedenfalls muss einer von denen die Muhnica gerissen haben.“

„Muhnica?“

Marni wusste nicht, ob sie lachen oder weinen oder sich gruseln  oder ekeln oder die Kamera suchen sollte.

„Ach naja“, sagte die Vermieterin, „Den Namen hat sich der Hagen ausgedacht, der hat da immer so einen komischen Humor, das ist ja…“

„Ist … War Muhnica eine Kuh, oder wie?“

Die Vermieterin nickte.

„Und die ist tot?“, fragte Marni.

Sie kam sich dabei selbst fast ein bisschen herzlos vor, aber es war alles so verwirrend, und sie wollte schon verstehen, was nun eigentlich los war, wenn sie dafür schon unbedingt so ungemütlich hatte aufwachen und aufstehen müssen.

„Ja“, nickte die Vermieterin.

„Und … Irgendwer hat die umgebracht? Also gewaltsam?“

„Ja!“ Die Vermieterin nickte noch heftiger, auf eine Art, die Marni den Verdacht vermittelte, dass sie nicht genauer weiterfragen wollte. „Bestimmt einer von diesen Wölfen …“, murmelte die Vermieterin nachdenklich. „Die sind ja jetzt echt überall, hab ich gelesen. Verrückt, dass die die unbedingt überall haben wollen. Aber sie haben nix mitgekriegt?“

„Nee“, antwortete Marni, „Tut mir leid. Nix.“

Sie hätte ihr vielleicht von dem bellenden Hund erzählen können, aber es hätte nichts genützt, und ganz offen gesagt war sie auch nicht scharf drauf, noch länger mit der Bäuerin zu reden. Es war auch ziemlich kalt draußen, merkte sie gerade fröstelnd.

„Kann ich dann … noch was für Sie tun? Tut mir leid, ich will nicht unhöflich sein, es ist nur …?“

Die Vermieterin guckte kurz ein bisschen verdrossen, dann setzte sie wieder ihr Werbelächeln auf und schüttelte den Kopf.

„Neinnein, schon gut! Und machen Sie sich bloß keine Sorgen, sowas passiert auf dem Land, aber wir kriegen das schon alles hin! Hat für Sie gar nix zu bedeuten! Schönen Tag noch!“

„Ja …“, murmelte Marni, und schloss langsam die Tür. „Danke, Ihnen auch.“

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