Manchmal reicht Liebe einfach nicht


Ja. Ich hab mal wieder eine Kurzgeschichte für euch. Einfach so. Ihr müsst mir nicht danken. Ich weiß auch so, dass ihr mich liebt. Jede*r einzelne von den keinen Menschen, die hier mitlesen. Und ich euch auch!

Was ganz anderes, Ihr solltet eine Programmbeschwerde schreiben, zum Beispiel so:

Ash auf Twitter: „📌 Wir haben da mal was vorbereitet. Für eure Programmbeschwerde über den Rassismus im WDR könnt ihr den hier verlinkten Text verwenden: https://t.co/eaw8pkAkQ9 Dazu müsst ihr ihn nur unterschrieben in folgendes Formular eintragen: https://t.co/NzcnrZUTDs“ / Twitter

Und dann solltet ihr natürlich meine Geschichte lesen. Viel Spaß!

„Nein. Nein, ich weiß, dass da auch Haftung – Ja. Ja, natürlich ist mir klar, wie – Josef, ich verstehe das alles, aber es ändert doch – Ja. Ja, ich weiß. Aber müssen wir denn wirklich ausgerechnet zu Weihnachten immer – Josef, hat es in den letzten Jahren überhaupt schon mal – Ja. Ja, ich weiß. Ja, schon gut.“

Vira seufzte. Sie hatte ja gewusst, dass die Bischöfin ihr nicht zuhören würde. Sie nestelte an ihrem Kragen und murmelte ein

„Schöne Feiertage“, bevor sie die Verbindung trennte und ihr Handy einsteckte.

Sie seufzte noch einmal und schaute dabei zur steinernen Decke des Ganges und schmunzelte ein bisschen, als sie sich vorstellte, wie sehr sie dabei wie eine Szene aus so einer schrulligen Komödie aussehen musste, oder so. Gab es nicht irgendeine alte Serie, in der eine Geistliche Mordfälle löste? Sowas.

Sie schob sich durch die Tür in den Hauptsaal und schaute sich um, mit dem gewohnten Kloß im Hals. Kurz spürte sie Erleichterung, als sie dachte, die Kirche wäre sowieso leer – dann hörte sie ein Geräusch und sank ein wenig zusammen.

Da war doch jemand. Aber was war das für ein Geräusch? Lachte die Person? Oder … ?

Nein. Das klang eher …

Da, hinter der Säule, saß tatsächlich jemand auf einem der Stühle, Ellenbogen auf den Knien, Gesicht in den Händen vergraben, leise schluchzend.

Na klar.

Als wäre es nicht genug gewesen, am 23. Dezember jemanden aus der Kirche bitten zu müssen, es musste auch noch eine verzweifelte, traurige Person sein.

Eine Person, die Hilfe brauchte?

Vira trat ihr näher. Und fand zumindest nicht, dass sie aussah, als könnte sie obdachlos sein, auch wenn sie wärmer angezogen hätte sein können.

Aber das musste nichts heißen. Vielleicht stand ihr Auto ja direkt vor der Tür, oder so.

Die Person trug einen dunkelblauen Hoodie, hatte die Kapuze aber nicht über die langen, glänzenden krausen schwarzen Haare gezogen, die voluminös ihren Kopf umkränzten. Sowohl ihre Kleidung, als auch die Haare wirkten zu gepflegt für eine obdachlose Person.

Vira schämte sich ein bisschen für diese Überlegung und versuchte, sich damit zu trösten, dass es ihr gerade nicht darum ging, andere für ihre Obdachlosigkeit geringzuschätzen, sondern dass sie einfach hoffte, nur einen Menschen vertreiben zu müssen, der in sein eigenes Zuhause weichen konnte, und nicht auf der Straße frieren würde.

„Guten Abend“, grüßte sie, während sie näher kam, um die weinende Person nicht zu erschrecken.

Der Kopf hob und die Hände senkten sich, und große, gerötete und verquollene dunkelbraune Augen schauten zu ihr auf, über einer triefend verschmierten Nase und bebenden Lippen.

Viras Blick fiel kurz auf ihre Füße, und verwirrt sah sie am linken einen hellen Lederstiefel mit kurzem Schaft, rechts aber … gar nichts? Das Hosenbein reichte einfach bis auf den Boden. Vielleicht eine Amputation. Aber hätte sie dann nicht eine Prothese oder …?

„Hallo!“, stieß die fremde Person hervor und richtete sich noch ein wenig weiter auf.

Der Hoodie war in einer Handschrift nach empfundenen Type mit einem Auszug aus diesem alten Popsong beschriftet. War der aus den 80ern?

‚There’s a danger in loving somebody too much.’

Belinda Carlisle, fiel Vira in diesem Moment der Name der Sängerin ein, während die Melodie in ihrem Kopf zu spielen begann.

An der fremden Person war auf Anhieb nichts Besorgniserregendes, sie schaute über die alles überschattende Trauer hinweg auch durchaus freundlich und offen, aber doch irritierte etwas an ihrer Reaktion Vira.

Es war die Art, wie sie sich für ihre Trauer – eigentlich war der Begriff zu schwach für einen solchen Zusammenbruch, es musste Verzweiflung sein – nicht zu schämen schien. Wie sie keine Entschuldigung oder Erklärung murmelte, nicht einmal den Schnodder abzuwischen versuchte, sondern einfach nur mit verheulten Augen ganz offen und neugierig zu Vira aufschaute und darauf wartete, dass sie etwas sagte.

Vira hatte schon öfter weinende Menschen in ihrer Kirche gefunden, natürlich. Wenn die Situation es hergab, näherte sie sich ihnen und sprach sie an. Fast immer schämten sie sich, versicherten hastig, dass alles in Ordnung war, standen auf und flohen, oder stellten zumindest irgendeine Frage oder baten um Hilfe.

Nicht diese Person. Und auch wenn Vira sich eine Welt wünschte, in der niemand das Bedürfnis spürte, sich für Trauer zu entschuldigen, wusste sie doch, dass sie nicht in dieser Welt lebte, und dass das Verhalten ihres Gegenübers deshalb auffällig war.

Und leider lebte Vira auch in einer Welt, in der es für sie als Frau, umso mehr als kleine und wirklich nicht besonders kräftige Frau, ratsam war, vorsichtig zu sein, wenn sie sich alleine und unbeobachtet mit einer größeren Person in einer emotionalen Extremsituation in einem geschlossenen Raum wiederfand und die andere Person sich sozial unangepasst verhielt.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte sie trotzdem mit der ruhigen, beherrschten Stimme der Seelsorgerin.

Nicht nur, weil kaum eine Situation dadurch weniger gefährlich wurde, dass man Angst zeigte, sondern auch, weil es ihr Job war.

Vira war sich schon lange nicht mehr sicher, wie stolz sie insgesamt darauf war, Pastorin zu sein. Umso mehr Grund, alles für die Teile zu geben, auf die sie es immer noch war.

Die Person nickte.

Vira tat ihr Bestes, sie in Gedanken nicht „Die Frau“ zu nennen. Unter dem Hoodie zeichneten sich Brüste ab, und auch das feucht glänzende Gesicht hätte sie früher klar als feminin eingeordnet, aber sie hatte gerade erst ein sehr spannende Webinar zu Inklusion mit Schwerpunkt lgbtqia+ absolviert, und auch wenn sie immer noch kurz überlegen musste, um alle Buchstaben zusammenzukriegen, war es ihr wichtig, eine moderne Seelsorgerin zu sein, die die Identität ihrer Schäfchen akzeptierte.

Identität war auch nicht so gut als Begriff, oder?

Sie würde das noch mal nachschlagen müssen.

Dass Schäfchen nicht gut war, wusste sie, aber sie erlaubte sich gelegentlich, den Begriff im Stillen für sich trotzdem zu benutzen, besonders wenn sie das Gefühl hatte, ein bisschen Selbstsicherheit und Überlegenheit gebrauchen zu können.

Vira setzte sich neben die Person und atmete dabei bewusst durch die Nase ein, bewusst nicht zu auffällig aber doch.

Zu ihrer Erleichterung roch sie auch keinen Alkohol. Die Betrunkenen waren die schlimmsten.

Dennoch … war etwas sonderbar.

Vira roch … Keinen Alkohol, keinen Zigarettenrauch, auch keinen Körpergeruch, zumindest keinen auffälligen. Auch kein Deo oder Parfum, nicht einmal Waschmittel, aber … doch auch nicht gar nichts.

Und je länger sie sich darauf konzentrierte, desto vielfältiger kamen ihr die schwachen Aromen vor, die durch ihre Nase strömten.

Die fremde Person roch … warm, auf eine fast neutrale Art, wie warmes Metall, oder … Nein, doch nicht ganz. Nicht völlig neutral. Da war doch ein ganz leichter Rauchgeruch, aber nicht wie von Zigaretten, mehr ganz leicht wie von einem Kamin? Aber darunter war noch etwas, ein dumpfer, nicht unangenehmer Gerucht, nicht stark, aber … wie von einem Hund? Vielleicht hatte sie ein Haustier. Aber auf dem Stoff des Hoodies war kein einziges Haar zu sehen.

Oder war es wie von einem anderen Tier? Einem Reptil sogar? Einem Wolf?

Vira blinzelte und schüttelte den Kopf.

Wie kam sie denn jetzt auf solchen Quatsch? Reptil, vielleicht noch. Aber als ob sie wusste, wie ein Wolf anders riechen mochte als ein Hund.

„Was bedrückt Sie?“, fragte sie.

Ein bitteres Lächeln umspielte die breiten Lippen der Person, während sie langsam nachdenklich nickte.

„Das ist schwer zu erklären“, sagte sie, mit einem ganz leichten, schwer zu verortenden Akzent. „Aber doch auch ganz leicht, eigentlich.“

„Ich hab Zeit“, sagte Vira nicht ganz wahrheitsgemäß. „Und ich kann zuhören. Wollen Sie darüber reden?“uk

„Er … hat mich verlassen“, sagte die Person. Zuckte die Schultern, lächelte melancholisch. „Oder genauer: Rausgeworfen, eigentlich. Und ich weiß nicht mal, warum.“

„Jetzt? So kurz vor Weihnachten?“

Nun, da sie so im riesigen leeren Raum des Hauptschiffes der Kirche stand, kam die Frage auch Vira selbst reichlich unreflektiert vor. Aber nun stand sie da.

Die Person schüttelte langsam den Kopf.

„Nein“, murmelte sie. „Ist eine Weile her.“

„Eine alte Wunde?“, fragte Vira, in einem Versuch, ein bisschen weniger konservativ-konventionell rüberzukommen.

„So ungefähr. Aber tut immer noch weh.“

„Ich hab mal gelesen, dass es einfach gelogen ist, dass die Zeit alle Wunden heilt, und dass sie bestenfalls ein bisschen verschorfen und man sie manchmal vergisst, bis man mit ihnen gegen eine Tischkante stößt. Ich glaub, da ist was dran, auch wenn ich nicht mehr weiß, wo’s war.“

„In einer Welt voller Tischkanten“,  sagte die andere Person. Und etwas verzog sich in ihrem Gesicht. Der Mund bebte wieder stärker, die Augen verengten sich, sie sog einen lauten Atemzug durch einen verengten Hals ein, und ihre Schultern erzitterten. „Es ist so verdammt unfair“, presste sie hervor. „Ich hab ihn geliebt.“

Vira nickte und legte vorsichtig eine Hand auf die Schulter der anderen Person.

In dem Webinar war es auch kurz darum gegangen, andere Personen nur mit klarer Zustimmung anzufassen, aber Vira fand immer noch, dass es Situationen gab, in denen die Frage nicht passte.

Sie war sich nicht sicher, aber … Zumindest war sie sich sicher, dass es Situationen gab, in denen sie ihrem Gefühl folgen musste, und das hier war ganz bestimmt so eine. Es gab kein Lehrbuch für Trost. Oder das waren alles nur Ausreden, um eine potentiell peinliche Abweisung zu vermeiden und das Unwohlsein auf die andere Person abzuschieben.

Würde sie später noch mal drüber nachdenken.

„Ich hab ihn so geliebt“, schluchzte die andere Person, jetzt schon wieder viel aufgelöster. Vira hätte kein Wort verstanden, wenn sie vorher schon einmal das gleiche von ihr gehört hätte.

Sie tätschelte die Schulter unter ihrer Hand, während die Person sich weiter zusammenkrümmte, den Oberkörper vorbeugte, bis ihre Stirn fast die Lehne des Stuhls vor ihr berührte, und mit den Handballen hektisch an ihren Augen herumwischte und ein dünner Schnodderfaden von ihrer Nasenspitze auf den Jeansstoff über ihrem Knie hinablief.

„Ich hab ihn GELIEBT!“, schrie sie, und Vira zuckte zusammen.

„Hat … hat er Sie auch geliebt?“, fragte sie, wieder ohne zu wissen, ob das eine gute Idee war.

Sie fragte sich – nicht zum ersten Mal – ob das mit der Seelsorge und dem Trost, das an ihrem Beruf, was sie immer gewollt hatte, eigentlich der einzige Grund, aus dem sie den albernen Kragen noch nicht in die selbstgerechte Bürokratenfresse ihres Bischofs geschoben hatte, nicht auch nur unsinniger Mummenschanz war und sie eigentlich auch keine Ahnung hatte, was sie tat, und sich nur einredete, irgendetwas besser zu machen.

Aber immerhin war sie da. Das war doch nicht selbstverständlich, und bestimmt auch irgendwas wert.

„Ja“, schluchzte die andere Person. „Ja, natürlich. Tut er immer noch, der verdammte Bastard.“ Kein gutes Wort, dachte Vira, aber nicht der Moment, es zu thematisieren. „Und trotzdem hat er mich rausgeworfen, weil er ein Kontrollfreak ist. Weil er Angst hatte, dass ich untreu war …“

„Waren Sie das denn?“

„JA“, schrie die andere Person, noch bevor die Frage ganz zu Ende war, ein schriller, spitzer Laut. „JA, war ich. Aber …“ Sie wurde wieder leiser, die Worte getrennt nicht von Stille, sondern von leisem, eindringlichen Wimmern. „Aber ich habs für ihn getan. Ich habs doch … Ich wollte doch …“

Sie atmete einen tiefen, zitternden, wimmernden, schluchzenden, nassen Atemzug.

Die Knie der Jeans waren jetzt auf beiden Seiten schon völlig durchnässt. Vira widerstand der Versuchung, die Person davon abzuhalten, sich weiter die Augen zu reiben, auch wenn sie ein bisschen Angst hatte, dass sie sich weh tun würde, so ungestüm und wütend fuhren ihre Handballen immer wieder von links nach rechts.

Vira ließ sie eine Weile in Ruhe, bis das Schluchzen wieder leiser wurde, und schaute ihr einfach nur zu.

Es war merkwürdig. Etwas an dieser fremden Person war ihr sympathisch, zog sie geradezu an, und doch … konnte sie sich auch des anderen Gefühls nicht erwehren, das vielleicht nur Nervosität war, vielleicht Misstrauen … vielleicht Angst?

Schließlich ließ sie die Hände wieder sinken, schniefte und schaute auf zu einem der Fenster.

„Ich war sein. Er war mein. Es war perfekt. Es war perfekt, und dann …“

Vira war jetzt seit vier Jahren Pastorin. Sie hatte in dieser Zeit viele Menschen weinen gesehen und gehört, auf die unterschiedlichsten Arten.

Aber sie hatte noch nie eine erwachsene Person so kindhaft-schamlos-verzweifelt weinen gesehen wie jetzt diese.

Ihr Schluchzen klang beinahe wie ein Husten. Sie heulte, kreischte, jammerte.

Und Vira saß daneben und tätschelte hilflos ihre Schulter.

„Und dann nicht mehr?“, fragte sie schließlich.

Und die Person neben ihr nickte. Und in ihr Schluchzen mischte sich ein melancholisches Lachen.

„Und dann nicht mehr“, bestätigte sie.

„Kennen Sie das auch?“, fragte sie Vira schließlich. „Wenn man jemanden liebt, aber trotzdem … Nein, eben nicht. Wenn man gerade deshalb was machen muss, was er nicht will. Nur zu seinem Besten. Weil man weiß, dass es das Richtige für ihn ist.“

„Naja …“, sagte Vira, und dachte an ihr Gespräch mit dem Bischof.

Nicht dass sie den geliebt hätte, um Himmels Willen, buchstäblich sogar. Aber die Kirche … Sie wollte gerne die Kirche lieben. Aber sie schaffte es einfach nicht.

Und in ihrer Situation ergab vielleicht sogar Sinn, was die fremde Person gesagt hatte. In einer Beziehung mit einem Menschen klang es eigentlich nicht nach einer guten Idee.

„Meistens wissen Menschen ja selbst ganz gut, was das Richtige für sie ist“, versuchte sie halbwegs diplomatisch zu widersprechen. „Hatte er denn ein Problem?“

Die andere Person atmete jetzt wieder gleichmäßiger. Sie wischte sich mit einem Ärmel den Schnodder aus dem Gesicht, atmete noch einmal durch, diesmal ohne Beben und Schluchzen, und drehte sich ein bisschen zu Vira herum.

„Aber wie“, sagte sie. „Und das wusste er eigentlich auch. Aber er kam da nicht raus, wegen seiner eigenen Regeln. Manchmal muss man die Regeln brechen und das Richtige tun, oder?“

Vira unterdrückte eine kurz aufflackernde Belustigung, weil der Satz so gut zu ihrem Telefonat mit dem Bischof passte.

„Das kommt auf die Regeln an“, sagte sie. „Und wer weiß schon, was das Richtige ist? Nur einer weiß es wirklich“, fügte sie mit einem Blick zum Kreuz hinzu, auch wenns ihr selbst ein bisschen schmalzig vorkam.

Ein schnodderiges Schnauben antwortete ihr. Und die Person dreht ihren Kopf so, dass irgendwoher ein Lichtschein in ihren Augen reflektierte, ganz merkwürdig, als würden sie von innen glühen.

„Ja“, sagte ihr Gegenüber. „Ja, das wollen sie uns einreden, oder?“

Vira lächelte und zuckte die Schultern. Sie schaute auf die Uhr. Sie sollte wahrscheinlich wirklich bald abschließen, wenn sie keinen Tadel riskieren wollte. Der Wachdienst würde bald anrufen.

Aber sie würde den Teufel tun und einfach eine verzweifelte Person aus ihrer Kirche werfen. Zumindest für ein paar Minuten noch …

„Wen meinen Sie jetzt?“, fragte sie.

Die andere Person ergriff Viras Hände und fasst sie zwischen ihren. Ihre Hände waren warm, und bemerkenswert rau, voller Schwielen – und ein bisschen feucht, aber zu ihrer eigenen Überraschung ekelte Vira sich nicht.

Sie empfand eine merkwürdige Mischung aus spontaner Sympathie, fast Anziehung, zu dieser fremden Person, und einer unbestimmten, aber sich sehr tiefsitzend anfühlenden Verunsicherung, fast Angst.

Für einen Moment fürchtete Vira doch, dass sie eine psychische Krankheit haben könnte, und fragte sich, ob sie zu unvorsichtig gewesen war.

Dann fiel ihr ein Tumblr-Post ein, den sie letzte Woche gelesen hatte, in dem es darum ging, dass psychisch kranke Menschen viel öfter Opfer als Täter*innen von Gewalttaten waren, und sie erinnerte sich an die Frage, warum im öffentlichen Tagebuch einer Sechzehnjährigen mehr Weisheit steckte als im Wort Gottes.

„Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – von Weisheit hat er nichts gesagt, oder?“, fragte die Person, fast als hätte sie Viras Gedanken gelesen.

Es wurde ihr allmählich tatsächlich ein bisschen unheimlich, nicht nur wegen der merkwürdigen Zusammenhänge zwischen ihren Gedanken und ihrer Situation und dem, was diese fremde Person ihr sagte. Auch etwas an ihrer Intensität und ihrem Blick war …

„Denn der HERR gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht“, fiel Vira ein.

„Sprüche …“, murmelte die fremde Person, und Vira war sich nicht ganz sicher, ob sie die Quelle des Zitats meinte. Der Tonfall klang nicht unbedingt so. „Aber Worte sind billig. Sie könnten Menschen in Not wirklich helfen. Sie wollen es doch. Warum tun Sie’s nicht?“

Vira schaute die andere Person an und wich unwillkürlich ein Stück zurück. Bisher war das Gespräch immer nur indirekt an ihrer eigenen Situation entlang geglitten, aber jetzt …

Und … war der Rauchgeruch intensiver geworden, oder nahm sie ihn nur deutlicher wahr? Und der andere, nach irgendeinem Raubtier?

Sie hielt immer noch Viras Hände fest, und Vira hatte das Gefühl, dass ihre Finger immer wärmer wurden. Sie fühlten sich fast schon heiß an.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich bin auch nur … Ich arbeite auch nur hier.“ Das war mal ganz sicher eine Formulierung, die sie so nicht im Seminar gelernt hatte. „Und ich muss jetzt leider schließen, deshalb …“

„Müssen Sie? Wollen Sie?“

Vira stieß ein peinlich berührtes Lachen aus.

Da war wieder dieses gelblich-rote Leuchten in den Augen der Person, und … um Himmels Willen, es war auch in ihrem Mund. Etwas strahlte zwischen ihren Zähnen hindurch, als hätte sie glühende Kohlen im Rachen. Was für ein merkwürdiger Gedanke.

Vira sah sich verwirrt in der Kirche um. Draußen war es schon dunkel, und die Beleuchtung im Saal war zwar natürlich eingeschaltet, aber es waren einfache weiße Lampen. Nichts Rötliches, nichts Oranges.

„Sie können sich an die Regeln halten“, sagte die merkwürdige Person, und etwas in ihrer Stimme hatte sich verändert. Und der Geruch … Er war jetzt eindeutig intensiver. „Oder Sie können etwas für andere Menschen tun. Die Welt wirklich besser machen. Etwas verändern. Mit mir zusammen.“

„Wie meinen Sie …?“, fragte Vira.

Die andere Person warf einen Seitenblick in Richtung des Kreuzes, und für einen Moment zuckte wieder dieser Ausdruck von unbändiger Trauer über ihr Gesicht, und auch Wut. Sehr viel Wut. Hass vielleicht sogar?

„Ich meine“, sagte sie, nachdem sie sich wieder völlig Vira zugewandt hatte und dieses merkwürdige orange flackender Licht Viras Blick fixierte, „Dass ich Ihnen ein Angebot mache. Weil Weihnachten ist.“ Ihre Mundwinkel verzogen sich ein wenig nach oben, und Vira blinzelte verunsichert, kniff die Augen fest zusammen und öffnete sie wieder. Die Zähne … Diese Zähne … Und … „Aber Sie müssen es jetzt gleich annehmen. Sonst gibts keine Gratis-Steakmesser.“

„Wer sind Sie?“, fragte Vira. „Sie können doch nicht … Das ist doch nicht …“

Das Grinsen wurde noch breiter. Viel zu breit. Wie war das …

Die Person ließ Viras Hände los, stand auf und humpelte an ihre vorbei in den Gang. Ihr rechtes Bein, von dem Vira vorhin gedacht hatte, dass es vielleicht amputiert war, bewegte sich eigenartig, und es machte beim Auftreten ein sehr … hartes Geräusch. Wie ein Huf.

„Doch doch, ich kann. Und das ist. Aber im Ernst, nur jetzt. Er hatte vierzig Tage“, sagte sie, mit einem erneuten Seitenblick zum Kreuz. „Aber er ist ja auch was ganz besonderes. Sie haben nur jetzt.“

Die Person streckte ihr eine Hand entgegen, aber nur ein Stück. Diesmal würde Vira selbst entscheiden müssen, ob sie sie nahm.

Viras Blick fiel noch mal auf ihren Hoodie. There’s a danger in loving somebody too much.

„Und? Wie sieht es aus? Er oder ich?“

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