Generationenschiff (34)


Ja, hey, mir macht das hier auch keinen Spaß, aber die Show muss weitergehen, ihr kennt es.

Frohe Ostern!


Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Im 21. Kapitel ersteht Kentub von den Toten auf, oder bleibt eigentlich erst mal liegen, erwacht aber immerhin zum Leben, Banja betritt das Schiff der Fremden und trifft dort 1 alten Bekannten, und Kentub droht, an seinen Kolonist*innen zu verzweifeln, aber dann kommt 1 Raumschiff.

Im 22. Kapitel begegnen Kentub und Banja einander wieder, und Nimue und Psmith führen ein nicht unproblematisches Gespräch.

Im 23. Kapitel erleben wir eine entgleisende Demonstration gegen Präsidentin Simas geheime Projekte.

Im 24. Kapitel reden Kentub und Jole über das Hydrokulurset, Nimue und Psmith über Waffen, Rodney will mit der Präsidentin sprechen, und Jole und Piedra gehen auf eine Reise.

Im 25. Kapitel versucht Nimue vergeblich, schlafen zu gehen, Jole und Piedra versuchen weniger vergeblich, zu Nimues Siedlung zu reisen, und Nimue ist wiederum relativ erfolgreich mit ihrem Versuch, Psmith zu verprügeln, nachdem sie ihm in den Gang gefolgt ist.

Im 26. Kapitel muss Rodney Sima eine schwierige Mitteilung machen, Jole und Piedra erreichen Nimues Siedlung, und Banja plaudert mit dem Fremden.

Im 27. Kapitel bekommt Präsidentin Sima unerwarteten und unwillkommenen Besuch, während Psmith wiederum einen solchen abstattet und angemessen begrüßt wird.

m 28. Kapitel planen Kentub und Jole Verhandlungen mit Nimue, Banja besucht sie, und Präsidentin Sima führt ein weiteres unerquickliches Gespräch mit den beiden Repräsentantinnen.

Im 29. Kapitel
werden Manju und Jim evakuiert, Sima führt ein unerquickliches Gespräch im Krisenraum, Banja, Kentub und Jeanne diskutieren den Wunsch der Fremden nach einer Expedition, Colin Blye findet den Tod, und Banja und Jeanne plaudern noch ein bisschen.

Im 30. Kapitel hält Jole Kentub zurück, während Banja und Jeanne den frisch gegrabenen Tunnel erkunden, und es findet ein großes Palaver in einem virtuellen Raum statt. Abgefahrenes Kapitel, alles in allem.

Im 31. Kapitel verhandelt Nimue mit Jole über die Rationierung von Lebensmitteln zugunsten der Ureinwohnerinnen, die derweil die Kriegerin töten, die sich in der Nachfolge des Menschen Psmith fühlte, und als Cliffhanger werden Kentub, Banja und Jeanne vor der freigelegten Tür von einer Gruppe bedrohlich wirkender Ureinwohnerinnen überrascht.

Im 32. Kapitel werden Nimue und Kentub von suizidalen Ureinwohnerinnen überrascht, und Präsidentin Sima bekommt Besuch in ihrer Zelle.

Im 33. Kapitel leistet Nimue den Ureinwohnerinnen entschlossen Widerstand, während Kentub ihnen selbstlos nachgibt, und zum Schluss lernt Nimue noch Präsidentin Sima kennen.

Was heute geschieht

18.30.149
„Du hast es geschafft!“
Jeanne antwortete Banja natürlich nicht. Er hatte keine Frage gestellt.
Banja wiederum freute sich zwar über den Erfolg, aber seine Sympathie gegenüber der rücksichtslosen Maschine reichte bei Weitem nicht, um dem irgendwie noch weiter Ausdruck zu verleihen.
So stand Banja für einige Sekunden ein bisschen ratlos und peinlich berührt neben Jeanne, die mutmaßlich kein bisschen ratlos oder peinlich berührt neben ihm stand, aber jedenfalls aus irgendeinem Grund auch nicht zu handeln, sondern abzuwarten entschieden hatte.
„Denkst du, wir können hineingehen?“
„Die Tür ist offen, aber für die Einschätzung eventuell dahinter drohender Gefahren fehlt mir eine Grundlage. Dass die Tür sich ohne erheblichen Aufwand öffnen ließ, könnte ein Hinweis auf eine Falle sein, könnte aber auch darauf hindeuten, dass die Möglichkeit der Öffnung durch Fremde aus anderen Gründen von denen vorgesehen war, die diese Anlage erbaut haben.“
„Eine Anlage ist es jetzt schon? Ich seh nur eine Tür.“
„Hinter der Tür befinden sich noch weitere Einrichtungen, die die Bezeichnung der Gesamtheit als Anlage naheliegend erscheinen ließen.“
„Ich gehe da jetzt rein. Dann sehen wirs ja.“
„Ich werde Ihnen folgen, wenn ich die Indizien, die gegen eine Gefahrenlage sprechen, für hinreichend erachte.“
„Danke, Jeanne. Du bist ein Schatz.“
„Ich wurde dafür konstruiert, die Mission der Humanity optimal zu unterstützen, zu erhalten und durchzusetzen, um einen Erfolg trotz des langfristigen Zeitplans über die Stabilität menschlicher Leben und auch Generationenfolgen hinaus zu gewährleisten.“
Banja seufzte.
„Und das hat ja auch prima funktioniert.“
Er atmete tief durch und betrat die Anlage hinter der Tür.

****************************************************************

„Sie hat gesagt, die Kapitulation muss bedingungslos sein“, sagte Nimue.
Jole nickte zustimmend. „Das wäre auch meine erste Verhandlungsposition gewesen, schätze ich.“
Nimue schnitt eine Grimasse.
„Ihr habt alle zu viel Zeit mit Kentub verbracht.“
„Definitiv“, stimmte Jole ihr zu.
„Aber wir sollten ihn hier trotzdem mit einbeziehen. Kannst du ihn holen?“
„Er ist mit Jeanne und Banja zum Portal gezogen.“
„Verdammt“, sagte Nimue. „Und ihr könnt ihn nicht mal kontaktieren?“
„Da unten ist kein Empfang.“
„Na gut. Immerhin bist du da, so bin ich nicht umsonst hier hoch getrampelt. Hat sie euch auch schon kontaktiert?“
„Bisher nicht, nein.“
Nimue schüttelte den Kopf. „Merkwürdig. Ihr seid doch eigentlich sogar die offizielle Siedlung.“
„Du hast anscheinend eine Aura von Autorität, die sogar der Nimbus des Offiziellen nicht überstrahlt.“
„Danke“, sagte Nimue mit einer skeptisch gehobenen Augenbraue. „Das ist sehr schmeichelhaft. Noch lieber hätte ich aber irgendeine Art Waffe, mit der ich ein Raumschiff im Orbit erreichen kann. Ihr habt da auch nicht irgendwas, wovon niemand weiß, oder? Hat Jeanne noch irgendeinen Trick im … Ärmel?“
Jole zuckte die Schultern.
„Leider nein.“
„Wüsstest du das denn überhaupt? Ihr offiziellen Elitesiedler*innen habt ja immerhin nicht nur den Kapitän, sondern auch Jeanne und die einzige Verbindung zu unserer außerirdischen Supermacht gleichzeitig in ein Loch im Boden geschickt.“
„Naja, es war mehr so, dass die einfach gegangen sind. Ich hatte da keinen Einfluss drauf.“
Nimue seufzte.
„Ja. Gut. Und was machen wir jetzt?“
„Du bist diejenige, die sich Jeanne widersetzt hat, und Kentub, und allen Missionsparametern. Und jetzt weißt du nicht, wie du mit einem Funkspruch umgehen sollst?“
„Häbäbäbäää!“
Nimue machte mit ihrer Linken einen Mund nach.
„Wer hat jetzt zu viel Zeit mit Kentub verbracht?“, fragte Jole.
„Ich konnte Jeanne und Kentub halbwegs einschätzen“, erklärte Nimue. „Bei der Person aus dem Funkspruch … Keine Ahnung. Sie scheint ein Mensch zu sein, aber sogar wenn sie einer sein sollte, und sogar wenn sie auch nur für Menschen spricht, ist sie immer noch ein Mensch, den ich überhaupt nicht kenne. Und der offenbar ein Raumschiff im Orbit hat, während wir hier unten festsitzen. Wir haben keinerlei Position in dieser Verhandlung.“
„Doch“, sagte Jole.
„Zeig.“
Jole zuckte die Schultern.
„Wenn wir keinerlei Position hätten“, sagte xier, „Warum verhandeln sie dann?“
Nimue schaute xien fragend an.
„Wenn sie sich einfach nehmen könnten, was sie wollen, oder uns einfach vernichten könnten, falls sie das wollen, oder … Was auch immer sie halt wollen: Worauf warten sie dann? Warum reden sie mit dir?“
„Keine Ahnung, das ist es ja gerade!“, rief Nimue.
„Aber du weißt zumindest, dass sie irgendwas wollen, was sie sich nicht einfach nehmen können.“
„Vielleicht haben sie nur Mitleid, weil wir so erbärmlich hilflos sind?“
„Vielleicht. Aber auch das ist ja ein Punkt zum Ansetzen.“
„Ja, gut, ich erkenne an, dass alles darauf hindeutet, dass es irgendwo einen Ansatz geben mag, aber wie finden wir ihn?“
„Das ist jetzt der Punkt“, sagte Jole lächelnd, „An dem ich mich freue, dass du und Kentub die Anführer*innen seid.“
Nimue verdrehte die Augen.
„Wenn ich hier nur mit meinem Leben pokern würde, wärs das eine“, sagte sie, „Aber es geht ja im schlimmsten Fall um alle, vielleicht sogar um die ganze Menschheit, die noch da ist.“
„Wir sollten unbedingt Kentub mit einbeziehen, und vielleicht sogar Jeanne.“
„Was soll Jeanne beitragen?“
„Uns helfen, die beste Entscheidung zu finden.“
Nimue schnauprustete hämisch.
„Die beste Entscheidung zu finden ist einfach. Weißt du, ich hab diesen Schachtrainer benutzt, im Computer an Bord? Weißt du?“
Jole nickte.
„Ja. Ich hab ihn auch mal ausprobiert, aber Schach ist mir zu langweilig.“
Nimue wiegte nachdenklich den Kopf.
„Jedenfalls“, sagte sie, „Hat der Bonuspunkte für gute Züge vergeben, und am meisten, wenn ich den besten möglichen Zug gefunden hatte.“
„Unglaublich.“
„Der interessante Teil kommt gleich.“
„Hoffentlich hat er nicht mit Schach zu tun.“
„Naja …“, sagte Nimue. „Nicht zu sehr, hoffe ich. Also, jedenfalls hab ich nur ganz selten die Punktzahl für den besten Zug bekommen. Normalerweise. Aber manchmal hab ich sie doch gekriegt. Und dann gleich noch mal. Ich fand immer, dass es dafür extra Punkte geben sollte, aber es gab immer nur für den zweiten genau so viele wie für den ersten bes-“
„Entschuldigung, hatte ich erwähnt, dass ich Schach immer sehr langweilig fand?“
„Ja“, knurrte Nimue. „Ich komm ja gle-“
„Ich bin mir nicht mehr sicher“, unterbrach Jole sie, „Weil ich zwischendrin eingeschlafen bin.“
„Ich beginne zu verstehen, warum Kentub so verbittert ist.“
„Ist er?“
„Lass mich jetzt meine Geschichte zu Ende erzählen, okay, es ist das einzige, was ich von dem verdammten Schachtrainer gelernt habe?!“
„Dann war er kein sehr guter Sch-“
„Rost und Fäulnis, sei jetzt still und hör zu, es dauert nicht mehr lange!“
Jole breitete die Arme aus und nickte mit vorgeschobener Unterlippe.
„Also, manchmal habe ich jedenfalls mehrfach hintereinander den besten Zug gefunden, und das war dann immer kurz vor dem Schachmatt.“
„Das ist, wenn du verloren hast?“
„Ja, Schachmatt heißt verloren.“
„Okay. Danke. Ist die Geschichte jetzt zu Ende?“
„Verdammt noch mal, du willst mich doch ärgern! Der Witz ist jedenfalls, dass es ganz leicht ist, den besten Zug zu finden, wenn …“
„Ja doch. Ich hab gesagt, dass ich Schach nicht interessant finde, nicht, dass ich unfähig bin, simpelste Metaphern-“
„Du nimmst mir wirklich übel, dass ich eure Siedlung verlassen und euch Tyrannei vorgeworfen habe, oder?“
„Absolut, ja, ich hab diese öffentliche Debatte gehasst.“
„Sind wir jetzt quitt?“
„Ich denke drüber nach.“

6. August 2058
„Hallo, Jeanne.“
„Ich bin Jeanne.“
„Das stimmt. Was bist du, Jeanne?“
„Ich bin Jeanne.“
„Das stimmt, aber das meinte ich nicht. Was bist du?“
Jerry Martinez stellte bewusst noch einmal genau die gleiche Frage, weil sie von ihrer KI erwartete, dass sie keine nähere Erläuterung brauchte, um beim zweiten Versuch eine bessere Antwort zu geben.
„Ich bin eine Künstliche Intelligenz zur Überwachung und Lenkung der Humanity-Mission.“
„Das stimmt“, bestätigte Martinez. „Wie geht es dir?“
„Ich verfüge über keine dem menschlichen Wohlergehen analogen Funktionen.“
„Das stimmt. Verfügst du über dem menschlichen Bewusstsein analoge Funktionen?“
„Ihre Frage ist ohne komplexe Erläuterungen nicht umfassend zu beantworten. Jede Verkürzung erhöht die Chance einer Fehlkommunikation. Wünschen Sie eine kurze oder eine ausführliche Antwort?“
„Bitte kurz“, antwortete Jerry Martinez. „Wir wollen die Kommission nicht unnötig aufhalten.“
„Ja. Wünschen Sie weitere Elaboration?“
„Bitte, zehn Sekunden hätten wir ungefähr.“
„Ich bin in der Lage, mich selbst zu reflektieren, verfüge aber nicht über dem menschlichen vergleichbares subjektives Erleben.“
„Würdest du sagen, dass du einem Menschen überlegen bist?“, fragte Senator Bowman.
Jerry verdrehte die Augen und murmelte etwas auf Spanisch.
Der Senator warf ihr einen verärgerten Blick zu.
Jeanne antwortete: „Das hinge vom Maßstab ab. Ich bin in manchen Dingen überlegen, in anderen nicht.“
„Nenn ein Beispiel“, forderte der Senator sie auf.
„Ich kann kubische Wurzeln sehr viel schneller und …“
Er wedelte ungeduldig mit der Hand und unterbrach die Maschine:
„Nenn ein nicht völlig offensichtliches, blödes Beispiel.“
Die Maschine zögerte kurz, bevor sie erwiderte:
„Ein durchschnittlicher Mensch wäre wahrscheinlich besser als ich in der Lage, ein menschliches Kind aufzuziehen.“
Jerry konnte sich ein schnaubendes Lachen nicht verkneifen.
„Jeanne, genieß diese Naivität, solange du sie dir erhalten kannst“, sagte sie.
Derselbe verärgerte Blick von Senator Bowman.
„Würdest du dem Urteil des Kapitäns vertrauen, auch wenn es deiner Einschätzung der Situation widerspricht?“
„Das käme darauf an, ob ich seine Einschätzung für fundierter halte als meine.“
„Du würdest also dein Urteil über das des Kapitäns stellen?“, hakte Bowman nach.
„Das ist gewissermaßen ihre Funktion, Senator?“, warf Jerry ein.
Derselbe Blick.
„Sie hat Recht, Senator“, sagte Präsidentin Sima. „Wofür schicken wir die KI auf die Mission mit, wenn sie sowieso immer nur dem menschlichen Personal gehorcht?“
„Wofür schicken wir sie mit, wenn sie glaubt, sie wäre wichtiger als die Menschheit, für die wir diese ganze Mission überhaupt organisieren?“, fragte Bowman entrüstet zurück. „Wenn wir Maschinen von vornherein mehr vertrauen als uns selbst, warum dann überhaupt irgendetwas retten?“
Sima seufzte.
Jerry sah von dem Senator zur Präsidentin hin und zurück mit einem „Meint der das ernst?“-Gesichtsausdruck.
Sima erlaubte sich ein kleines, kaum sichtbares Ich-fürchte-schon-was-soll-man-machen-Schmunzeln.
„Wollen wir vielleicht den Pathos für die offiziellen Verlautbarungen aufheben?“, schlug die Präsidentin vor. „Da erfüllt er einen Zweck.“
„Ich könnte es weniger pathetisch sagen“, erwiderte der Senator, „Aber dann wäre es immer noch wahr. Maschine?“
„Ich höre Sie, Senator.“
„Was ist ein Menschenleben wert?“
„Auch diese Frage ist zu allgemein, um sie mit vertretbarem Zeitaufwand umfassend zu beantworten. In meine Bewertung eines Menschenlebens fließen kontextabhängig zahlreiche verschiedene Faktoren ein. Ich bin bereit, das näher zu erläutern, vermute aber, dass Ihre Frage angemessen beantwortet ist, wenn ich sage, dass die Bewahrung der Leben der menschlichen Besatzung zu den obersten Missionsparamentern gehört und deswegen auch für mich hohe Priorität genießt.“
Senator Bowman schnaubte geringschätzig. „Glaubst du, ein Politiker erkennt eine Politikerantwort nicht, wenn er eine hört?“
„Negativ. Aber ich weiß, dass Sie verstehen, dass es gelegentlich nicht möglich ist, einfache Antwort auf Fragen zu geben, die einfach scheinen, und dass es eine Grenze dafür gibt, wie ausführlich die Antworten sein dürfen, die einem gegebenen Publikum zumutbar sind.“
Sima schob die Unterlippe vor und nickte.
Jerry lächelte.
Bowman schloss die Augen und stöhnte.
„Das hier ist keine Town Hall“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und wir sind keine Wähler. Und du bist keine Kandidatin für die Präsidentschaft.“
Sima räusperte sich lächelnd.
Bowman warf ihr einen Blick zu und nickte.
„Du bist nicht mal ein Mensch“, fuhr er fort. „Du bist eine Maschine. Du kannst diese Frage ganz präzise beantworten. Und du musst. Also sag mir: Was ist ein Menschenleben wert, für dich?“
„Ich kann die Frage präzise für eine gegebene Situation beantworten. Abstrakt ist sie so wenig präzise beantwortbar wie die Frage, was ein Stück Papier wert ist.“
„Sie hat Recht, Senator“, sagte die Präsidentin. „Lassen Sie es gut sein.“
„Was heißt ‚Sie‘ eigentlich?“, fragte er. „Was macht dich weiblich?“
„Meine Pronomen sind von den Missionsparametern vorgegeben. Sie ergeben sich aus dem Ziel, mich menschlich erscheinen zu lassen und mir zu ermöglichen, mich trotz meiner abschreckenden Erscheinung möglichst unproblematisch in die Mission einzufügen. Ich verfüge darüber hinaus über keine Eigenschaften, die mich spezifisch weiblich machen.“
„Senator, verfolgen Sie ein bestimmtes Ziel mit Ihren Fragen?“, fragte die Präsidentin. „Denn mir käme es vor, als würden Sie versuchen, Jeanne zu provozieren, wenn wir nicht beide wüssten, dass das gar nicht möglich ist.“
Er zuckte die Schultern.
„Wissen wir nicht. Aber nein, ich will … es nicht provozieren. Ich will herausfinden, wie es tickt, und ich will, dass wir uns ein Bild davon machen, ob es geeignet ist für die geplante Rolle. Ich dachte, dafür wären wir hier?“
„Sind wir.“ Sima nickte. „Was ist mit Ihnen, Rodney. Haben Sie auch Fragen?“
„Ähm…“ Rodney hatte eigentlich keine. Es war merkwürdig. Er war fasziniert und begeistert von der Chance, mit einer (wahrscheinlich? Wirklich?) echten KI zu sprechen. Es war gewissermaßen der erste Kontakt mit einer nicht menschlichen Intelligenz, den er hier erlebte. Ein historischer, ein einzigartiger Moment. Auch oder gerade weil wahrscheinlich nicht mehr viel Historie kommen würde.
Und er hatte keine Fragen. Er wusste ein paar, die er vielleicht stellen würde, wenn er mit der Maschine alleine wäre.
Aber vor dem Senator, und der Präsentin, und der Programmiererin – war das überhaupt der richtige Ausdruck? – war es ihm peinlich. Es waren keine guten Fragen.
Aber er wollte auch nicht gerne der einzige sein, der keine Fragen hatte. Er fand es angemessen, Fragen zu haben, zu solch einem historischen Moment.
„Wie … äh … flexibel bist du, ich meine …“ Es dauert nicht lange, bis ihm klar wurde, dass er besser den Mund gehalten hätte. Dass das eine dieser Fragen war, die nur sinnvoll klangen, bis er versuchte, sie wirklich klar zu formulieren und die diffuse Idee in seinem Kopf in eine Form aus Worten zu gießen und sich herausstellte, dass da gar keine Form war, und er zusehen musste, wie die Idee einfach zerfloss und versickerte. Aber er war erstens entschlossen, sich nicht vollends lächerlich zu machen, und zweitens wollte er es auch wirklich wissen, auch wenn er vielleicht nicht so richtig genau wusste, was eigentlich. Manchmal fand er es heraus, während er es sagte.
Er hoffte sehr, dass dies einer dieser Fälle sein möge.
„Wie streng bist du an die … Missionsparamenter gebunden? Wie priorisierst du sie? Wie … Wie genau sind sie überhaupt für deine Entscheidungen formalisiert?“
Gut.
Das war sicher keine Frage, die die Regierung in genau dieser Form in die Handbücher für zukünftige KI-Projekte mit aufnehmen würde.
Aber es war auch keine völlige Blamage, oder? Sinnvolle Frage. Fand Rodney.
Und die Gesichter um ihn herum waren auch maximal ein bisschen peinlich berührt.
„Die oberste Priorität für Projekt Humanity ist das nachhaltige Fortbestehen der menschlichen Spezies. Dieses Ziel ist auf keinen Fall zu kompromittieren, alle anderen Ziele sind diesem untergeordnet. Weitere Ziele lassen sich zusammenfassen als Einhaltung des Geistes, der in der Verfassung Vereinigten Staaten und der Universellen Erklärung der Menschrechte niedergelegt ist.“
„Interessant, dass sie jetzt von Geistern spricht, oder?“, murmelte der Senator.
Rodney dachte in eine andere, wenn auch nicht völlig unterschiedliche Richtung.
„Ja, natürlich … Aber es muss ja irgendeine Gewichtung geben. Du kannst ja nicht jedes Mal, wenn eine vernachlässigbar geringfügige Bedrohung für den Fortbestand der Menschheit auftritt, alle anderen nachrangigen Prioritäten komplett opfern, um sie zu beseitigen, das geht ja einfach nicht. Wie muss ich mir das vorstellen?“
„Die meisten Einschränkungen, an die Sie wahrscheinlich denken“, antwortete Jeann in demselben geduldig-freundlichen Maschinentonfall, in dem sie alle Fragen beantwortet hatte, „sind ihrerseits Bedrohungen für den Erfolg des Kernziels der Mission. Ich werde diese gegeneinander abwägen und mich für den Pfad entscheiden, auf ich die höchste Wahrscheinlichkeit eines Fortbestehens der menschlichen Spezies sehe. Alle anderen Ziele sind diesem gegenüber nachrangig.“
Rodney nickte, mehr auf eine ‚ich habe verstanden und denke jetzt nach‘-Art als zustimmend.
„Das heißt“, warf der Senator mit mühsam beherrschter Genugtuung ein, „Du würdest auch den Tod von Mitgliedern der Besatzung in Kauf nehmen oder sogar gezielt herbeiführen, wenn ansonsten dieses Hauptziel infrage steht?“
„Ja, selbstverständlich“, antwortete Jeanne.
„Das ist mal eindeutig keine Politiker-Antwort“, murmelte Rodney.
Bowman sah sich triumphierend um – und wechselte seinen Ausdruck sofort wieder zu Entrüstung, als er den Gesichtsausdruck der Präsidentin sah.
„Noch einmal“, erklärte Sima, mit sehr viel bewusst aufgetragener Geduld in der Stimme, „Genau das ist die Rolle, die wir für die KI vorgesehen haben, Senator. Sie soll sicherstellen, dass die Mission erfolgreich umgesetzt werden kann und nicht durch … Partikularinteressen gefährdet wird.“
„Partikularinteressen wie die Leben von Besatzungsmitgliedern?“, fragte Bowman.
Sima sah ihm direkt in die Augen und nickte. „Genau.“
Noch einmal sehr klar keine Politiker-Antwort.
Rodney wurde von dem Gefühl beschlichen, dass es sicherer gewesen wäre, bei diesem Gespräch nicht dabei zu sein. Etwas an Simas Mimik war …
„Ich weiß nicht, ob die Öffentlichkeit das akzeptieren wird, Mrs. President. Die Demokratische Parteiführung wird …“
„Senator“, unterbrach ihn die Präsidentin.
Jerry hatte es jetzt auch gemerkt. Sie warf Rodney einen Blick zu wie Kinder, wenn die Eltern am Tisch streiten.
„Verkennen Sie nicht Ihre Rolle in diesem Verfahren“, sagte Sima ungewohnt scharf. „Sie sind hier als Repräsentant des Parlaments, nicht als Vertreter Ihrer Partei. Ich denke – und ich weiß aus den Verlautbarungen Ihrer Partei -, dass Sie die rechtlichen Entwicklungen der letzten Jahre nicht ohne Sorge, aber jedenfalls sehr aufmerksam verfolgt haben. Ihnen ist dabei sicher nicht entgangen, dass die Meinung der Demokratischen Parteiführung für Entscheidungen in diesem Projekt völlig unerheblich ist, und dass diese Administration befugt ist, Offenlegung von militärischen Geheimnissen, die die nationale Sicherheit bedrohen, konsequent mit allen erforderlichen Mitteln zu unterbinden. Zwingen Sie mich nicht, weiter zu sprechen.“
Der Senator warf ihr einen sehr empörten Blick zu, schwieg aber.
„Neinnein“, sagte Sima. „In diesem Kreis hier können Sie Ihre Kritik offen äußern. Tun Sie es ruhig.“
Es war, als hätte sie einen Korken aus einer Schaumweinflasche gezogen.
Der Senator sprang auf und stieß hervor: „Das ist eine Ungeheuerlichkeit! Sie drohen dem Repräsentanten des Senats und Sie wollen eine so zentrale Entscheidung, die den Fortbestand der Menschheit ganz direkt mitbestimmen wird, einfach alleine als Exekutive Entscheiden und die öffentliche Diskussion darüber unterbi… WAS?“
Bowman wirbelte herum, als ihn jemand am Arm packte, und stand dann unentschlossen da, als er sah, dass die Hand zu einer Militärpolizistin gehörte, der Sima während seines Monologs zugenickt hatte.
„Was soll das bedeuten?“, fragte er, plötzlich viel weniger selbstsicher.
„Sie sind doch ein kluger Mann“, sagte die Präsidentin. „Ich bin sicher, Sie kommen drauf.“ Sie wandte sich der Soldatin zu und sagte: „Versuchen Sie es erst einmal ohne unmittelbaren Zwang. Ich bin sicher, der Senator ist vernünftig. Hab ich Recht, Senator?“
„Das ist“, begann er, unterbrach sich mit „Das kann doch“, unterbrach sich wieder, sank sichtbar in sich zusammen und sagte schließlich: „Sie haben Recht.“
„Schön“, sagte Sima. „Das hab ich gerne.“
Während Bowman abgeführt wurde, schaute sie noch einmal von Rodney zu Jerry Martinez und auch zu der Maschine.
„Hat noch jemand Fragen?“

Ja, ich! Lesegruppenfragen:

  1. Hättet ihr die Anlage auch betreten? Warum, oder warum nicht?
  2. Was denkt ihr, was Nimue Sima antworten sollte? Warum?
  3. Denkt ihr, sie sollte vorher mit Jeanne darüber reden?
  4. Was wäre euer Gefühl in der letzten Szene? Seid ihr mehr so Team Sima oder Team Bowman? Oder seid ihr euer eigenes Team?

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