Generationenschiff (26)


Ob irgendein zukünftiger Miguel Cervantes mal ein Buch über vie vielen Schriftsteller*innen von der traurigen Gestalt schreiben wird, die ihre Geschichte ins Internet kippen, wo sie niemanden interessieren außer … äh … den Windmühlen?

Hm. Vielleicht sollte ich an der Metapher noch ein bisschen

VORWÄRTS, SANCHO!

  Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Im 21. Kapitel ersteht Kentub von den Toten auf, oder bleibt eigentlich erst mal liegen, erwacht aber immerhin zum Leben, Banja betritt das Schiff der Fremden und trifft dort 1 alten Bekannten, und Kentub droht, an seinen Kolonist*innen zu verzweifeln, aber dann kommt 1 Raumschiff.

Im 22. Kapitel begegnen Kentub und Banja einander wieder, und Nimue und Psmith führen ein nicht unproblematisches Gespräch.

Im 23. Kapitel erleben wir eine entgleisende Demonstration gegen Präsidentin Simas geheime Projekte.

Im 24. Kapitel reden Kentub und Jole über das Hydrokulurset, Nimue und Psmith über Waffen, Rodney will mit der Präsidentin sprechen, und Jole und Piedra gehen auf eine Reise.

Im 25. Kapitel versucht Nimue vergeblich, schlafen zu gehen, Jole und Piedra versuchen weniger vergeblich, zu Nimues Siedlung zu reisen, und Nimue ist wiederum relativ erfolgreich mit ihrem Versuch, Psmith zu verprügeln, nachdem sie ihm in den Gang gefolgt ist.

Was heute geschieht

15. Juni 2056
Rodney hasste diese Mischung aus Nervosität und Müdigkeit, die er früher nur von Prüfungen gekannt hatte, aber jetzt vor allem mit dem Weißen Haus assoziierte.
Er saß mitten in der Nacht in einem kleinen, relativ schwach beleuchteten Raum, in einem im Verhältnis zu seiner wuchtigen dick gepolsterten Optik bemerkenswert unbequemen Sessel, und wartete, und er war nicht nur wirklich nervös, sondern auch wirklich mü
Oh.
Eine der Türen öffnete sich, und Präsidentin Sima betrat den Raum.
In einem Bademantel.
Damit konnte er nicht umgehen. Präsident*innen hatten keine Bademäntel zu tragen. Er schaute unwillkürlich kurz nach unten, obwohl er es gar nicht wissen wollte – und tatsächlich: Pantoffeln.
Vielleicht hätte er doch bis morgen warten sollen.
„Hallo, Rodney.“
„Mrs. President.“
Sie streckte die Arme aus, schloss die Augen, drehte den Kopf von links nach rechts, unterdrückte ein Gähnen, und sah ihm wieder ins Gesicht.
„Was gibts?“
Er seufzte. Hatte das sein müssen? Sie sah gar nicht aus wie die Präsidentin, sondern einfach nur wie … irgendsoein Mensch. Ausgerechnet jetzt. Er hätte warten sollen.
„Wir beobachten den Kometen ja schon sehr lange.“
Sie nickte.
„Und … Ich habe vorhin die letzten Daten durchgesehen, weil eine meiner Postdocs mich auf etwas hingewiesen hat, und … Also, ich habe es in den vorliegenden Daten überprüft, und auch neue Messungen angeordnet, aber dafür liegen die Ergebnisse noch nicht vor, aber ich wollte trotzdem nicht warten, und offen gesagt stelle ich das jetzt gerade infrage, weil es mir leid tut, dass ich Sie geweckt habe-“
„Rodney, worum gehts?“
„Der Komet-“
„Ja?“
„Er wird langsamer.“
Sima schloss den Mund, blinzelte, und dachte nach.
„Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Vielleicht bin ich zu müde, aber ich verstehs noch nicht. Wie kann er langsamer werden? Hat das was mit … Sonnenwinden zu tun? Aber die sind dafür nicht stark genug, oder? Ist das gut? Oder schlecht? Müsste er nicht schneller werden, wegen der Gravitation … der Sonne?“
Rodney schüttelte den Kopf.
„Sie verstehen nicht.“
„Ja, das habe ich gerade gesagt. Erklären Sie es mir. Dafür sind Sie hier.“
Er schüttelte noch mal den Kopf.
„Ich weiß“, sagte er, „Tut mir leid. Es ist nur … Also, das ist wirklich richtig peinlich, falls es nicht stimmt, deswegen will ich es nicht sagen, aber mir ist schon bewusst, dass ich es nur peinlicher mache, indem ich so lange drumrum rede, aber wir konnten es noch nicht überprüfen, und wir haben darüber beratschlagt, aber ich habe dann entschieden, dass wir nicht warten können, bis es feststeht, und wir Sie sofort informieren müssen, und deshalb muss ich es Ihnen jetzt erzählen, bevor wir ganz sicher sein können, und ich stehe wie der dümmste Idiot da, wenn es doch was anderes ist und“
„Was anderes als was? Rodney, Sie wissen, dass ich den Secret Service jederzeit anweisen kann, Sie rauszuwerfen, ja?“
Er nickte heftig.
„Sie haben Recht, es tut mir leid, also: Wir glauben … dass der Komet sich verlangsamt, nicht wegen Gravitation, oder Sonnenwinden. Der Komet verlangsamt sich …“ Rodney atmete tief durch, schloss die Augen und zwang sich, es zu sagen: „Weil er einen Antrieb hat.“
Sie blinzelte wieder.
„Oh.“
Sie schaute sich in dem langweiligen leeren Raum um, seufzte, massierte sich die Schläfen und fragte:
„Sie haben gerade gesagt, wovon ich denke, dass Sie es gesagt haben, oder?“
Rodney nickte.

51.25.149
„Denkst du, wir sollten das Schneemobil irgendwann stehen lassen, damit sie uns nicht kommen hören?“
Jole sah Piedra zwar nachdenklich, aber eindeutig eher befremdet an.
„Warum sollen sie uns nicht kommen hören? Wir haben doch nicht vor, in die Siedlung zu schleichen und Piri zu entführen, oder habe ich was missverstanden?“
„Ich dachte ja nur. Gerade wenn sie nicht mit uns rechnen, sind sie ja vielleicht sogar erst mal erschrocken, wenn sie uns kommen hören, und greifen uns an, oder so.“
„Zum Glück haben sie keine Waffen … Und ich denke auch, dass sie genau so überrascht und erschrocken sein dürften, wenn sie uns erst kommen hören, wenn wir mitten in ihrer Siedlung stehen und Buh rufen.“
„Vielleicht, wenn wir nicht direkt Buh rufen, sondern irgendwas Netteres … Aber im Ernst, glaubst du, wir können rechtzeitig anhalten, wenn wir die ersten Kapseln oder … Hütten sehen? Geht immerhin ziemlich bergab, und sind wir nicht auch relativ schnell?“
„Es kommt dir schnell vor, weil du nur den Boden und die Wände in der unmittelbaren Nähe sehen kannst; eigentlich sind wir nicht besonders schnell. Und bestimmt haben sie auch irgendwo Licht, deshalb glaub ich eigentl… Siehst du, da!“
„Ich bin tatsächlich ein bisschen erleichtert. Mich macht das total rasend, dieses … ganze Planetenzeug.“
Jole lachte auf.
„Es ist eine ziemliche Umstellung, oder?“
Piedra nickte.
„Ich habe die ganze Zeit gedacht, dass wenigstens die Luft irgendwie … frischer und toll wäre, und jetzt stecken wir die ganze Zeit in diesen stinkigen Anzügen, oder in den winzigen stinkigen Kapseln.“
„Falls es dir ein Trost ist, ich habe den Eindruck gewonnen, dass das Leben schon auf der Erde so funktioniert hat.“
„Tu nicht so, Jole. Ich hab dieselben Bücher und Videos gesehen wie du.“
„Du bist jünger.“
„Ja, zwölf Jahre.“
Jole zuckte die Schultern.
„Ich nehme, was ich kriege.“
Als die beiden die zweite Siedlung erreichten, wurden sie bereits erwartet.
Heik, Nico, all die, die sich abgewandt hatten von der Struktur, in der sie alle ihr ganzes Leben verbracht hatten, standen da, zwischen den Kapseln und dazwischen herumliegenden Ausrüstungsgegenständen, und sahen die beiden an, erkennbar unsicher, welche Reaktion jetzt angemessen wäre, und was Jole und Piedra wohl bringen mochten.
Sonderbar, dachte Jole, wie klein diese Gruppe war. Wie absurd wenige. Wie wenige sie schon ursprünglich gewesen waren. Wie wichtig es ihnen trotzdem gewesen war, offensichtlich, sich abzuspalten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
So fragil, die Menschheit. So unbedeutend, und auf fast kitschige Art veranschaulicht in dieser albern kleinen Gruppe von Menschen, die sich hier in der eisigen Kälte in diesem kleinen Fleckchen Licht in der Dunkelheit des von fremden Wesen gegrabenen Tunnels zusammendrängten und misstrauisch die Neuankömmlinge beäugten.
„Wu“, murmelte Piedra.
Er nickte ihr zu und versuchte ein unsicheres Lächeln.
„Hallo“, sagte Jole.
„Hallo“, antworteten einzelne Stimmen aus der Gruppe.
„Äh… Alles in Ordnung?“
Nicken, vereinzelte zustimmende Vokalisierungen.
Jole seufzte.
„Wo ist denn Nimue?“
Die Anführerin würde doch wohl nicht als einzige schlafen?
Die anderen schauten verlegen zur Seite, nach unten, traten von einem Fuß auf den anderen.
„Sie ist gerade nicht hier. Sie ist … den Tunnel erkunden gegangen.“
„Ernsthaft?
„Komm“, sagte Wu, „Was soll das? Sagen wirs ihr doch einfach.“
„Xiem“, berichtigte Jole.
„Tut mir leid“, sagte Wu. „Also, Nimue ist Smith gefolgt. Er fing plötzlich an zu schreien und lief weiter den Tunnel hinunter. Sie ist ihm gefolgt.“
Jole schaute ungläubig verwirrt in die Runde.
„Und niemand von euch ist mitgegangen? Sie ist alleine mit Psmith in die Dunkelheit dieses gruseligen Alien-Baus verschwunden, und keiner von euch ist ihr gefolgt? Was macht ihr überhaupt hier? Ist das nicht gefährlich?“
Wu verschränkte die Arme vor der Brust, und um ihn herum begannen die anderen zu murmeln.
„Sie hat gesagt, dass wir hier bleiben sollen“, antwortete er.
„Wie lange ist es her, dass sie gegangen ist?“
Er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.
„Fünf Minuten vielleicht, keine Ahnung. Wenn ihr wirklich was passiert ist, was denkst du, was wir machen können, wir haben nicht mal Wa-“
„Sag es nicht, Wu, halt einfach die Klappe, ja?“
„Nimue!“
„Hallo.“

Banja atmete tief durch, legte eine Hand auf den Schalter, schloss die Augen, atmete noch einmal tief durch – und öffnete die Tür.
Sein Hals war wie zugeschnürt, und Atmen war anstrengend. Er wusste nicht einmal richtig, warum. Die Fremden hatten ihm nie weh getan, ihn nie für irgendetwas bestraft oder sonst etwas getan, wovor er Angst haben konnte. Dennoch fühlte er sich jedes Mal, wenn der Fremde ihn zu sich rief, als stünde ihm eine Prüfung bevor. Banja hatte Prüfungen immer gehasst. Er war in Prüfungen nie gut gewesen. Sogarwenn Gepetto der Prüfer war, und Gepetto war ein Mensch, und wahrscheinlich der geduldigste und freundlichste Mensch, den Banja kannte.
Die Fremden waren … nichts davon. Sie waren auch nicht direkt ungeduldig oder unfreundlich. Oder vielleicht doch, und er wusste es nur nicht. Sie waren eben in jeder Hinsicht … Fremd.
Die Masse aus Tentakeln und wirbelnden Lichter in der Flüssigkeit hinter der durchsichtigen Wand – Banja hatte keine Ahnung, ob es derselbe Fremde war, der den Rest der Besatzung der Humanity über die letzten Jahrzehnte begleitet hatte, oder ein anderer, ob das überhaupt immer derselbe Fremde gewesen war, und ob die Frage überhaupt irgendeinen Sinn ergab – begrüßte ihn mit einem bewegten Farbmuster, das sich in menschlicher Sprache am besten approximieren ließ als:
„Willkommen zurück, Fremder.“
Banja war sich allerdings bei dem letzten Wort nicht ganz sicher, wie sehr sein eigener Wunsch, Ironie zu erzeugen, der Vater der Übersetzung war. Fremd war – und war das nicht Ironie genug? – eigentlich ein Konzept, für das die Fremden keinen Begriff hatten. Das Lichtmuster beschrieb etwas, das nicht zu den Fremden gehörte und nicht vollständig unter ihrer Kontrolle stand. Eigentlich fand Banja, dass „fremd“ dafür keine schlechte Übersetzung war.
„Danke“, sagte Banja.
Er hatte nie eine gute Antwort auf „Willkommen“ gefunden.
„Warum hast du mich gerufen?“, fragte er nach ein paar Sekunden, die ihm sehr viel länger vorgekommen waren.
Natürlich konnte Banja keine Lichtmuster erzeugen, und er sah auch nirgends ein Gerät dafür, wie Jeanne es getragen hatte, aber der Fremde schien ihn dennoch zu verstehen.
Soweit Verstehen ein Konzept war, das zwischen den beiden Spezies Sinn ergab.
„Zeit ist eine Konstante, und Raum ist ein Fluss“, blinkte der Fremde. „Auch ein Fluss kann gelenkt werden in die rechte Bahn, und eine Strömung folgt aus den Gezeiten.“
Banja war sich in der Übersetzung immer besonders unsicher, wenn es um Strömungen, Flüsse, Gezeiten und Wasser ging, weil die Sprache der Fremden zu diesen Themen einen weit größeren Reichtum und erheblich höheres Maß an Präzision enthielt, als je eine menschliche Sprache entwickelt hatte.
Wenig überraschend ging es in der Sprache der Fremden oft um Strömungen, Flüsse, Gezeiten und Wasser.
„Was wollt ihr lenken?“, fragte Banja.
„Die harten Schalen“, blinkte der Fremde. „Strömungen im Eis.“
„Die Termiten?“, fragte Banja nach ein paar Sekunden Bedenkzeit. „Die großen insektenähnlichen Kreaturen, die auf Last Hope … die auf dem Planeten unter uns leben?“
„Ein Tropfen färbt einen ganzen Ozean, doch kann er nicht zwei Pfützen färben.“
„…“
Banja sah die in der Flüssigkeit schwebende Kreatur an. Bis heute wusste er nicht, ob sie auch Gesichtsausdrücke interpretierten, aber da er ziemlich sicher war, dass sie zumindest grob seine Gedanken lasen, war die Frage eher von akademischer als wirklich praktischer Relevanz.
„Es sei denn, man teilt ihn in zwei kleinere Tropfen, oder?“
Da Banja nicht in der Lage war, so etwas wie einen Tonfall aus den Lichtern der Fremden zu deuten – falls es überhaupt so etwas wie einen Tonfall darin gab –, deshalb hatte er keine Ahnung, ob sein Gegenüber genervt oder sarkastisch klang, als es antwortete:
„Zwei Quellen sind verschlungen. Der alte Feind naht, und neue Quellen müssen entstehen, bevor der Strom versiegt.“
Da war er wieder.
„Der alte Feind“, sagte/dachte Banja an den Fremden in seinem Tank. „Ihr sprecht immer von dem alten Feind, und wenn ich dann frage, weicht ihr aus.“
„Verständnis“, blinkte der Fremde, „Ist ein dreischneidiges Schwert.“
„Seit wann benutzt ihr denn Schwertermetaphern?“, fragte Banja, und erhielt natürlich keine Antwort. „Ihr glaubt, dass jemand uns jagt, oder euch, und dass wir gemeinsam … sie besiegen können? Oder aufhalten?“, fragte er stattdessen.
Die Antwort half ihm wieder nicht viel weiter: „Der Schwarm findet Stärke in seiner Einheit wie seiner Vielfalt.“
Deswegen ignorierte er sie, nahm sie aber als vage Bestätigung seiner Deutung: „Aber … Eure Schiffe erreichen Beschleunigungen, die nach allem, was ich über Physik gelernt habe, gar nicht möglich sein dürften. Ihr konntet tote Menschen zum Leben erwecken, obwohl ihr nicht mal so richtig wusstet, was Menschen überhaupt sind. Ihr könnt Sachen, die ich nicht mal aus Science Fiction kannte, und … Was glaubt ihr denn, wie dreißig von uns euch mit einer Bedrohung helfen können, vor der ihr fliehen müsst? Was erwartet ihr denn von uns?“
„Der Schwarm findet Stärke in seiner Einheit wie seiner Vielfalt. Strömungen im Eis, die harten Schalen, drei Quellen zu einem Strom.“
„Es geht um die Termiten? Aber … Die haben noch nicht mal Werkzeug? Ihr wollt einen Krieg gegen eine mutmaßliche Trans-Warp-Zivilisation mit Termiten gewinnen? Der Plan könnte von meinem Vater sein!“
Er breitete ratlos die Arme aus und ließ sie wieder fallen. Er schnaubte. Er schüttelte den Kopf. Er verdrehte die Augen.
„Vielleicht braucht ihr uns wirklich.“
„Die Teile der Symbiose steuern nicht gleiche Elemente bei. Symbiose braucht Differenz.“
Symbiose war Banjas nächstbester Versuch, ein Konzept in ein ihm verständliches Wort zu fassen, das gemeinsame Existenz unter Austausch wichtiger Ressourcen in gegenseitiger Abhängigkeit oder zumindest intensiver Reziprozität zu umfassen schien.
Er war sich alles andere als sicher, ob er das richtig deutete. Vielleicht wäre aus Parasitismus, Ausbeutung, Sklaverei, Manipulation oder Ausschlachten treffend gewesen.
Hoffentlich nicht.
Er hatte bis heute noch nie eine der Fremden etwas essen sehen, und er war sich zumindest ziemlich sicher, dass sie weder ihn noch Psmith gegessen hatten. Aber er wusste natürlich überhaupt nicht, ob oder wie lange das so bleiben würde.

‚Oh Gott ja wunderbar, genau das hab ich jetzt noch gebraucht!‘, dachte Nimue, als sie aus ihrem Tunnelabenteuer mit Psmith zurückkehrte und Jole und Piedra dort inmitten der anderen stehen sah. ‚Hoffentlich haben sie auch gleich noch Kentub mitgebracht, und Jeanne, und der Tag ist komplett!‘
Jole sprach gerade einigermaßen aufgebracht, und Nimue konnte sie noch nicht so richtig verstehen.
„… es her, … gegangen ist?“
Wu schüttelte den Kopf und antwortete:
„… Minuten vielleicht, ….“ Während sie näher kam, konnte sie immer besser verstehen. „Wenn ihr … passiert ist, was denkst du, was wir machen können, wir haben nicht mal Wa-“
„Sag es nicht, Wu“, unterbrach sie ihn, „halt einfach die Klappe, ja?“
„Nimue!“, rief Jole, und wirkte immerhin aufrichtig erfreut.
„Mama!“; rief auch Piri, und eilte zu ihr. Sie legte eine Hand auf seine Schulter. Auch er freute sich sichtbar.
Piedra schien sich noch nicht so ganz sicher zu sein.
„Hallo“, sagte Nimue.
Für ein paar Herzschläge sahen alle einander an und wussten nicht so recht, was sie sagen sollten, aber dann erinnerte Nimue sich daran, dass sie sich entschieden hatte, eine Führungsrolle zu übernehmen und es deshalb wahrscheinlich eine gute Idee war, sich die Kontrolle über das Gespräch nicht nehmen zu lassen.
„Was wollt ihr hier?“, fragte sie.
‚Harte Schalen, Flüsse im Eis, die Kontamination schreitet voran.‘
„Was?“
„Was?“
Nimue blinzelte und schüttelte den Kopf.
„Ich hab dich nicht verstanden, was hast du gesagt?“
Jole schaute sie zweifelnd an, zuckte schließlich die Schultern und wiederholte:
„Wir sind hier, um über ein … Handelsarrangement zu reden. Wir br“
‚In die Tiefe, die harten Schalen, eine Verbindung muss entstehen. Die erw‘
„Gah!“
Jole bekam große Augen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
Piri schaute besorgt zu seiner Mutter auf.
„Ist … alles okay bei dir?“, fragte Jole.
Nimue sah sich um und widerstand der Versuchung, sich einmal komplett um sich selbst zu drehen. Sie sah gerade sowieso schon verwirrt genug aus. Und sie war ziemlich sicher, dass sie die Stimme nicht wirklich hörte. Sie war direkt in ihrem Kopf.
„Ja, ja, ist alles okay. Ich bin nur … Ich hab wirklich lange nicht mehr geschlafen, und ich bin unterwegs ausgerutscht und …“ Hab mir den Kopf gestoßen? Nimue zögerte, während sie darüber nachdachte, ob es besser war, eine mögliche Kopfverletzung vorzuschützen, um den Eindruck zu vermeiden, sie wäre einfach allgemein nicht mehr Herrin ihrer Sinne, oder ob sie vielleicht noch eine Chance hatte, das Ganze als kurzen Aussetzer zu überspielen.
Und verdammt noch mal, warum musste sie sich überhaupt über sowas Gedanken machen, während Kentub sich seit Jahrzehnten ununterbrochen wie ein Neunjähriger aufführte und trotzdem unangefochten Kapitän war. Na gut. Bis jetzt.
„Nimue?“, fragte Piri.
Zeit, den Satz zu Ende zu bringen.
Höchste Zeit.
„Also ich glaube es geht mir gut, bin nur sehr müde, und das ist vielleicht nicht die beste Zeit, eine längere“
‚In der Tiefe, Flüsse im Eis. Die harten Schalen. Ströme, die zusammen fließen.‘
Jole zuckte heftig zusammen, als Nimue sich unterbrach und schrie:
„VERDAMMT NOCH MAL ES REICHT JETZT! Ich gehe schlafen, wir machen morgen weiter. Piri, kommst du? Oh Gott jetzt guck nicht so ES GEHT …“ Nimue atmete tief durch. „Es geht mir gut. Komm schon. Wir gehen schlafen. Bis morgen, Jole, Piedra. Ihr kommt sicherlich irgendwo hier unter.“
Sie streckte ihre Hand nach seiner aus, und es tat weh, zu sehen, wie er kurz zögerte, bevor er sie langsam ergriff und dabei schaute, als hätte er Angst, gebissen zu werden.
„Ich hab dich noch nie gebissen“, murmelte sie. „Noch nicht ein einziges Mal.“

Windmühlenfragen:
1. Nervt euch das, dass der Fremde / die Fremden nicht klarer sagen, was sie wollen?
2. Kommt euch Nimues Wut zum Schluss einigermaßen angemessen und nachfühlbar vor?
3. Habt ihr schon mal jemanden gebissen? Warum oder warum nicht?
4. Habt ihr eine Theorie, was der Fremde / die Fremden zu sagen versuchen?

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