Generationenschiff (25)


So, hier, da ist noch ein Kapitel, es geht einfach immer weiter, und niemand kann mich aufhalten.

Hahahahah! Ha.

 

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Im dritten Kapitel debattiert der Besatzung der Humanity über die Vor- und Nachteile einer Landung auf Last Hope versus derer eines Weiterflugs zu einer anderen wirklich allerletzten Hoffnung, Piedra versucht vergeblich, mit Wu über ihren Verdacht gegen Smith zu reden und wendet sich deshalb an Tisha, die gerade gar keine Lust hat, mit so etwas behelligt zu werden, und im Übrigen ist Senator Bowman der Meinung, dass der Planemo vernichtet werden muss.

Im vierten Kapitel wimelt Tisha Piedra ab und sieht mit Jeanne zusammen ein Video von unfassbarer historischer Bedeutung, Nico und Banya fachsimpeln über die Erde und bekommen Besuch von Piedra, und in unserer Zeit versucht Jerry Martinez, die ihn ihre KI gesetzten Erwartungen zu dämpfen.

Im fünften Kapitel folgt Jeanne Kentubs Empfehlung, Tisha will dem Ruf der Natur eigentlich nicht folgen, und Piedra versucht vergeblich, Banya ihren Verdacht gegen Psmith zu erklären.

Im sechsten Kapitel gerät Piedra mit Psmith aneinander, Kentub und Jeanne mit Marchand, und Rodney mit Jerry Martinez.

Im siebten Kapitel verhört Jeanne erst Piedra und dann Tisha, Kentub und Jeanne gehen zu dem Fremden, und Jerry und Rodney diskutieren über die Rettung der Menschheit.

Im achten Kapitel verkündet Jeanne in einer Teambesprechung einige wichtige Neuigkeiten, Kentub versucht, mit dem Fremden zu diskutieren, und Jeanne ernennt ihn zum neuen Kapitän.

Im neunten Kapitel streitet sich Banja zuerst mit Piedra und sagt dann seinem Vater, dass er sie nicht will. Kentub hält das für keine gute Idee.
Später versucht Kentub, die Kampfhandlungen zwischen den verfeideten Fraktionen an Bord der Humanity zu beenden indem er Marchant seine Position nahebringt, während auf Last Hope die Dienerinnen des Ersten Staates von einem neuen Stern erfahren.

Im zehnten Kapitel verbünden Tisha und Piedra sich gegen Psmith, um dann von ihm überrascht zu werden (also, nicht in dem Sinne, das sie sich dafür verbündet haben… Ihr wisst schon. Ja, das ist eine blöde Formulierung. Ich gewöhn sie mir ab.), Rodney besucht die Einrichtung, in der die Kinder für die lange Reise vorbereitet werden, Banja meldet sich freiwillig, und Kentub ringt mit den Konsequenzen seiner Entscheidung.

Im elften Kapitel verabschiedet Banja sich von Nico, Kentub betritt Last Hope, und Rodney lernt Celia kennen.

Im zwölften Kapitel redet Psmith mit Tisha und Piedra, Kentub begegnet Jeanne auf Last Hope, seine Transportgelegenheit verstirbt, und Präsidentin Sima gibt ein Interview.

Im dreizehnten Kapitel sehen wir die Ereignisse zwischen Kentub und Marchant noch einmal aus Marchants Perspektive, Marchant rettet ihn auf Last Hope, und Psmith erklärt weiter seinen diabolischen Plan. Der Schuft.

Im vierzehnten Kapitel berät die Präsidentin über Methoden zur Konservation der Besatzung, Marchant und Kentub reiten auf Jeanne über Last Hope und werden verfolgt, und Psmith wird endlich fertig damit, seinen diabolischen Plan zu erklären. Der Schuft.

Im fünfzehnten Kapitel macht Jeanne der Besatzung eine Ansage, und Kentub und Tisha beraten anschließend mit ihr, wie sie die umsetzen, und in der weiteren Zukunft führen die fremden Kreaturen Jeanne, Kentub und Marchant in die Dunkelheit.

Im sechzehnten Kapitel versucht Jole mit den übrigen Kolonistinnen eine Entscheidung zu treffen, Tisha sägt an Kentubs Stuhl, Marchant ereilt schon wieder sein Schicksal, und Kentub versucht, eine Meuterei zu vermeiden, mit unwillkommenere Hilfe von Jeanne.

Im siebzehnten Kapitel reitet Kentub auf Jeanne zu der toten Riesentermite zurück, die Präsidentin gibt ein Interview, und Banja zweifelt an seinen Entscheidungen.

Im achtzehnten Kapitel beendet Jeanne eine Meuterei, und erst Jole und Nimue und dann Jole, Kentub und Jeanne debattieren über die Zukunft der Kolonie.

Im neunzehnten Kapitel verhandelt Kentub mit Nimue über Ressourcen, diskutiert danach mit Jole und Jeanne die Zukunft der Kolonie, Banja möchte ein Held sein, eine Zeitung berichtet über die Machenschaften der Regierung Sima und Nimue begegnet mit Piri zusammen einem der Termitenwesen.

Im zwanzigsten Kapitel trifft sich die Besatzung im Arboretum, und Banja und Piedra führen ein Gespräch. Präsidentin Sima verschiebt die Wahlen. Und Piri und Nimue erhalten ein Geschenk, und geben eins zurück.

Im 21. Kapitel ersteht Kentub von den Toten auf, oder bleibt eigentlich erst mal liegen, erwacht aber immerhin zum Leben, Banja betritt das Schiff der Fremden und trifft dort 1 alten Bekannten, und Kentub droht, an seinen Kolonist*innen zu verzweifeln, aber dann kommt 1 Raumschiff.

Im 22. Kapitel begegnen Kentub und Banja einander wieder, und Nimue und Psmith führen ein nicht unproblematisches Gespräch.

Im 23. Kapitel erleben wir eine entgleisende Demonstration gegen Präsidentin Simas geheime Projekte.

Im 24. Kapitel reden Kentub und Jole über das Hydrokulurset, Nimue und Psmith über Waffen, Rodney will mit der Präsidentin sprechen, und Jole und Piedra gehen auf eine Reise.

Was heute geschieht

47.25.149
Nimue zitterte so heftig, dass sie es kaum schaffte, sich aus dem Thermoanzug zu befreien. Es war die Kälte, natürlich, aber es war auch Müdigkeit, oder präziser: Erschöpfung.
An Bord der Humanity hatte sie nie Temperaturen unter 15°C erlebt, deshalb konnte sie es ihrem Körper verzeihen, dass er mit -40°C nicht umgehen konnte, auch wenn es hier in der Kapsel immerhin …
„Alles okay?“, fragte Piri.
„Ja, geht schon“, antwortete sie. „Nur … müde.“
Sie streckte sich in Richtung des Displays und stützte sich auf der ausgeklappten Liege ab.
12°C.
Verdammt. Sie hatte gehofft, es wäre zumindest ein bisschen näher bei 0.
Aber sie hatte den ganzen Tag schon gefroren und sich immer wieder gefragt, ob mit dem Anzug etwas nicht stimmte. Eine Zeitlang hatte sie wirklich für möglich gehalten, dass Kentub ihr einen defekten angedreht hatte, aber dann war ihr klar geworden, dass sie denselben schon getragen hatte, bevor er überhaupt wusste, dass sie eine separate Kolonie anführen würde.
Und so blieb als Erklärung nur noch die Erschöpfung, und die kam ihr als Antwort auch gar nicht abwegig vor.
„Warum zitterst du, wenn du müde bist?“
„Naja… Manchmal werden Leute gereizt, wenn sie müde sind, manchmal schlafen sie ein, und ich schätze, manchmal zittern sie. Vor allem wenns kalt ist.“
Vielleicht hätte sie einfach bleiben sollen, dachte sie, während sie unter Aufbringung aller noch vorhandenen Willenskraft den verdammten Anzug weiter nach unten zerrte und strampelte. Wie schlimm wäre das schon gewesen? Kentub war ja kein blutrünstiger Tyrann. Nur eine alberne Marionette unter Jeannes Kontrolle…
Nein nein nein. Es gab Grenzen. Es gab Dinge, die Nimue einfach nicht zu akzeptieren bereit war. Und die anderen waren ihr freiwillig gefolgt, sie hatte niemanden gezwungen, und alle anderen hätten auch mitkommen können.
„Es ist doch gar nicht besonders kalt.“
„Naja… Ein bisschen schon.“
„Hm.“
Sie hatte die Besatzung nicht mehr gespalten als Kentub. Eher weniger. Na gut. Er hatte auch niemanden gezwungen. Aber nur, weil er sich nicht getraut ha-
Nimue fiel auf die Liege. Und entschied wenig später, dass sie damit eigentlich ganz zufrieden war.
Sie strampelte den Rest des Anzugs von sich und setzte alle Energie ein, die sie noch hatte, um die Decke über sich zu ziehen.
Das Zittern wurde noch intensiver – wie konnten das nur 12°C sein, es war erbärmlich kalt verdammt noch mal –, legte sich aber allmählich.
Das war immer die Phase, die ihr am besten gefiel, wenn die Wärme allmäh
Neinneinneinneinneinnein
„WARUM???“
NEINNEINNEINNEINNEIN!
„WARUM? HAB ICH NOCH NICHT GENUG GETAN?“
Nein. M-mh. Neinnein. Nicht mehr. Genug.
„Was ist das?“, fragte Piri.
„Psmith“, stöhnte sie.
„Was hat er denn?“
„LASST MICH EINFACH IN RUHE WARUM LASST IHR MICH“
Sie hörte das einfach nicht. Jemand anders konnte sich drum kümmern. Es waren genug andere da. Sie konnte einfach schon schlafen. Psmiths Geschrei war gar nicht so besonders laut hier drin. Piri konnte schweigen. Sie könnte es einfach überhört
„WARUM WARUM DENN JA ICH WEIß ICH GEHE ABE WARUM ICH HASSE EUCH ICH DACHTE ICH“
„Was hat er denn? Ist es gefährlich?“
Piri strampelte sich aus seinem Schlafsack.
„Bleib bitte hier.“
„Manno!“
Nimue stöhnte, und schloss die Augen, und atmete tief durch, und öffnete die Augen wieder, und stöhnte, und atmete tief durch, und zwang sich, die Decke wieder von sich zu schieben. Sie schauderte, als die kalte Luft über ihre Haut wehte, und sie schauderte noch einmal bei dem Gedanken, den scheußlichen Thermoanzug wieder überziehen zu müssen, und weiter zu frieren, und sie war so müde und hatte einfach so genug, aber sie wusste, dass sie die Verantwortung übernommen hatte, und dass sie jetzt da rausgehen musste und zeigen, dass sie die Verantwortung auch ernst nahm, wenn sie sie behalten wollte.

Eine ganz andere Zeitrechnung
Die Dienerinnen des Ersten Staates hatten aus zahlreichen Begegnungen mit den Neuankömmlingen und ihren Hinterlassenschaften mehr neue Information gesammelt, als das Kollektiv in den letzten hundert Jahren aufgenommen hatte. Das Kollektiv hatte den Verkehr zwischen den beiden Staaten beinahe verdoppelt, und viele der Dienerinnen liefen ohne sichtbare Last zwischen dem Ersten und dem Zweiten Staat hin und zurück. Noch nie hatte eines der beiden Kollektive so viele Informationen in so kurzer Zeit verarbeiten müssen, noch nie waren so viele Informationen in so kurzer Zeit zwischen den beiden Staaten geflossen, und die Königin des Zweiten Staates hatte bereits begonnen, eine neue Kaste von Dienerinnen zu gebären, die weniger geeignet waren, physische Lasten zu tragen, dafür aber größere Mengen von Informationen in kürzerer Zeit aufnehmen und wieder ausscheiden konnten. Einige der ersten Versuche scheiterten und wurden von der Königin wieder verspeist, aber sie brauchte nur zwei Tage, bis die erste Datenträgerin am Leben bleiben durfte.
Die neuen spezialisierten Arbeiterinnen beschleunigten die Kommunikation zwischen, aber auch innerhalb der Staaten, und erleichterten es ihnen, schneller mehr über die Neuankömmlinge zu erfahren, und die erworbenen Informationen zu verarbeiten.
Die Informationen waren kein Wissen in dem Sinne, in dem Menschen das Wort gebraucht hätten. Die Staaten bildeten ineinander, und seit einiger Zeit auch miteinander, ein bemerkenswert flexibles Netzwerk individueller Reaktionen von Individuen. Kein einzelnes dieser Individuen verfügte über etwas, das auch nur näherungsweise als Intelligenz beschrieben werden konnte, und auch zusammen entstand aus ihnen nicht, was den Begriff Bewusstsein verdient hätte. Es gab keine übergeordnete Instanz, keine zentrale Steuerung. Nur eine biologische Maschine, die sich ohne es zu wissen eines Systems von Versuchen und Experimenten bediente, das beinahe wissenschaftlich wirkte, aber keinerlei Verständnis von einem Zweck oder einer Methodik hatte. Es diente dem Fortbestand der Staaten, weil es nicht anders konnte, und es entwickelte sich stetig weiter und verfeinerte seine Funktion, weil es nicht anders konnte, als den Pfaden zu folgen, die sich bewährt hatten, und die zu verlassen, die keinen Erfolg brachten.
So ist es nur eine anschauliche Vereinfachung, dass die Staaten über die Neuankömmlinge nachdachten, aber es ist doch eine deutlich handlichere Formulierung dafür, dass in den Staaten Interaktionen zwischen den einzelnen Exemplaren stattfanden, die in ihrer Summe Informationen über die Besatzung der Humanity und ihre Bewegungen auf Last Hope (für den die Staaten natürlich keinen Namen hatten) symbolisierten und verarbeiteten und die wiederum Ergebnisse im Verhalten der einzelnen Exemplare auslösten, die den Staaten zunächst weitere Informationen über das bisher unbekannte Phänomen verschafften und gleichzeitig eine Art einer initialen Kontaktaufnahme beinhalteten.
Es geschah nicht oft, dass die Staaten ein bisher völlig unbekanntes und rundum neuartiges Phänomen zu verarbeiten hattten, und noch nie hatten sie ein so folgenreiches verarbeitet. Die neue Klasse von Arbeiterinnen

Als Piedra und Jole ihre Beine wieder über den Sattel des Schneemobils schwangen, so gut die klobigen Thermoanzüge das eben erlaubten, sah der Vorgang in ihren Schatten sehr, sehr bizarr aus, denn es war spät und die Sonne stand bereits sehr tief.
Die beiden beobachteten das fasziniert und vollführten sogar noch ein paar weitere Arm- und Beinbewegungen, nachdem sie abgestiegen waren.
„Whoa“, macht Piedra.
Jole verzichtete auf ein ähnliches Geräusch, aber auch xier wedelte mit dem rechten Arm hin und her und sah zu, was xieses zweidimensionales Abbild auf dem Schnee anstellte.
An Bord der Humanity hatte es natürlich auch Schatten gegeben, aber sie hatten nie so komischen Quatsch gemacht, weil es dort natürlich keine Sonne gegeben hatte, und keinen Planeten, der sie näher an seinen Horizont drehte.
Trotzdem hatten sie irgendwann genug davon, mit ihren Schatten zu spielen, und wandten sich wieder der Fährte zu, der sie gefolgt waren, und dem Loch, in dem sie verschwand.
„Das ist …“, begann Jole.
„Gruselig?“, schlug Piedra vor.
„Unangenehm“, beendete Jole xiesen Satz.
„Beängstigend?“, fragte Piedra.
„Vielleicht besorgniserregend.“
„Kentub hat dich mitgeschickt, weil du ein bisschen langweilig bist, oder?“
Jole nickte.
Piedra nickte mit.
„Ich hätte fast seinen Sohn geheiratet.“
„Ich weiß.“
„Schreckliche Vorstellung.“
Jole lachte auf.
„Oooohh ich weiß!“
„Ich wollte. Wirklich“, sagte Piedra, leise.
„Ich weiß“, antwortete Jole ebenso leise.
„Also, gehen wir dann jetzt da runter?“
„Ich fürchte schon.“
„Wir hätten doch eine Waffe mitnehmen sollen“, sagte Piedra.
„Glaub nicht. Sie verführen zur Gewalt.“
Ohne sich weiter absprechen zu müssen, setzten sie sich gleichzeitig in Bewegung, hinunter in die Dunkelheit. Lampen hatten sie immerhin dabei.
„Ha. Naja…“
„Nein wirklich“, sagte Jole. „Ich weiß schon, wie ich immer, wenn ich ein neues Skript verfasse oder ein neues Instrument entwickelt habe, auf Gelegenheiten warte, es endlich einzusetzen. Ich werde niemals jemandem erzählen, was für Quatsch mir dabei einfällt. Ich will gar nicht drüber nachdenken, wie das mit einem Gewehr sein muss.“
„Es ist wirklich dunkel da unten.“
„Ja. Ist dir auch gerade aufgefallen, dass wir das Schneemobil stehen gelassen haben?“
„Es kam mir so naheliegend vor, weil ich dachte, bestimmt ist es da unten eng, und so weit kann es nicht mehr gehen.“
„Mir kommen da gerade Zweifel.“
„Mhm. Mir auch.“
Wieder drehten sie sich bemerkenswert synchron um, und gingen zurück zu ihrem Fahrzeug.

Nimue schloss die Augen, atmete einmal tief durch, murmelte sich selbst beruhigende, aufmunternde und motivierende Worte zu, so gut sie konnte, und öffnete den Eingang zu ihrer Kapsel.
Draußen hatte sich eine kleine Traube aus den Mitgliedern ihrer Kolonie gebildet – ein Gedanke, der sie gleichzeitig stolz und auf eine sonderbar angenehme Art nervös machte, aber auch schrecklich einschüchterte und zumindest in diesem Moment ermüdete.
Sie standen alle inmitten der Kapseln und der ersten notdürftig errichteten … Gebäuden der Siedlung mit verschiedenen Lampen und sahen einer Gestalt nach, die tiefer hinab in die Höhle stapfte und dabei immer noch hörbar, aber nicht mehr verständlich, vor sich hin fluchte.
„Psmith?“, fragte sie.
„Ja!“
Nimue seufzte. Und senkte den Kopf. Erinnerte sich daran, wo sie war und dass alle sie beobachteten, und hob den Kopf wieder.
„Weiß jemand, was los ist, oder wo er hingeht?“
Kopfschütteln, Schulterzucken vereinzeltes „Nein.“
„Er hat einfach angefangen, zu brüllen, seine Sachen gepackt, und … Ja. Siehst du ja.“
„Ja“, grunzte Nimue. „Seh ich.“
Sie stöhnte, und zwang sich, gerade stehen zu bleiben und eher visionär in die Ferne zu blicken als ratlos ins Nichts zu starren.
„Ich muss da jetzt hinterher, oder?“, fragte sie niemand Bestimmtes.
„Warum?“, fragte Piri.
„Naja“, sagte Nimue. „Naja.“
„Du magst ihn doch nicht mal!“
„Aber“, sagte Nimue. „Aber.“
„Wir können ihn doch einfach gehen lassen.“
„Ja schon“, sagte Nimue. „Ja schon.“
„Wo will er denn hin?“, fragte Piri.
Nimue stöhnte.
„Siehst du?!?“, stieß sie hervor. „Deshalb! Genau deshalb! Verdammter Mist.“
Sie sah sich kurz um, dachte darüber nach, ob sie jemanden oder etwas mitnehmen sollte, entschied sich aber doch, ihm einfach nachzulaufen.
Immerhin schien er es nicht besonders eilig zu haben. Er stapfte zwar entschlossen weiter hinab in die Dunkelheit, aber er rannte nicht.
Nimue rannte, und deshalb geriet sie auf dem glatten Boden fünfmal mit rudernden Armen ins Rutschen und stürzte zweimal.
Es war in dem klobigen ungewohnten Thermoanzug umständlich aufzustehen, und sie war sich sehr bewusst, dass wahrscheinlich immer noch die ganze Siedlung ihr nachsah, während sie vorsichtig und so eilig es halt ging Arme und Beine gegen das Eis stemmte und sich wieder empor schob, bis sie sich wieder ganz aufrichten konnte, und war darob dankbar für die Dunkelheit, Lampe hin oder her.
Nach dem zweiten Aufstehen gelang es ihr, ein gutes Gleichgewicht aus Eile und Vorsicht zu finden, und sie holte Psmith ein.
Und erkannte, dass erst jetzt der wirklich unangenehme Teil des Abends begann. Er beachtete sie nicht.
Sollte sie versuchen, ihn körperlich aufzuhalten?
Sie streckte den rechten Arm nach seiner linken Schulter aus – und hielt inne.
Hatte sie ihn jemals angefasst? Seit er zurückgekommen war?
Wollte sie jetzt damit anfangen?
Wie würde er reagieren? Diese Frage fiel ihr erst nachrangig ein. Sie hatte nicht gezögert, weil sie befürchtete, dass er herumwirbeln und ihr in die Nase beißen würde.
Sie hatte gezögert, weil sie trotz der dicken Handschuhe fürchtete, ihn zu berühren. Weil etwas mit Psmith nicht stimmte.
Und das war sogar schon so gewesen, bevor die Fremden ihn geholt hatten.
„Psmith!“, rief sie stattdessen, viel zu laut dafür, wie nah sie hinter ihm lief, aber vielleicht war das ja besser so.
Etwas stimmte nicht mit ihm.
„Geh weg!“, sagte er.
Er klang nicht aggressiv, aber das machte es kaum besser. Er klang ungefähr so müde, wie sie sich fühlte. Nur auf eine unterschwellig bedrohliche Art, wie ein zugeklapptes Rasiermesser.
„Wenn du glaubst, dass ich dich davon abhalten will, uns zu verlassen, hast du mich sehr missverstanden.“
„Lass mich einfach in Ruhe, mir ist egal, was du willst.“
„Sag mir einfach schnell, wo du hingehst, dann kannst du deine Ruhe haben, und musst uns nie wieder sehen.“
„Verlockend. Aber du siehst schon, wohin ich gehe.“
Nimue zögerte.
„Du gehst … da runter? Zu den … Dingern?“
Psmith blieb ruckartig stehen; so plötzlich, dass Nimue beinahe wieder ins Rutschen gekommen wäre. Er wirbelte zu ihr herum und musste nachkorrigieren, weil sie ihn versehentlich fast überholt hatte.
Er trat näher an sie heran – zu nahe – sie wich zurück – er folgte – sie wich zurück – er folgte – sie stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Er sah sie an, kein Grinsen mehr, sehr ernst, sehr wütend, sein Mund ein schmaler Strich in seinem Gesicht, seine Augenbrauen fast komplett verschmolzen.
„Ja“, knurrte er, „Ich gehe da runter.“
Er kam noch ein Stück näher.
„Ich gehe da runter, zu den Dingern, und du w-“
Sie schlug ihn ins Gesicht. Es war ein sehr befriedigendes Gefühl. Tat auch weniger weh, als sie erwartet hatte. Sie hatte weit ausgeholt, und ihn eigentlich sogar nur mit Handrücken und Teilen ihres Unterarms getroffen, aber der Schlag traf ihn in einem sehr günstigen Winkel, und er taumelte aufheulend zurück, beide Hände übers Gesicht geschlagen, rutschte aus, fiel um, wälzte sich über den festgetretenen Schnee, und blieb schließlich jammernd liegen. Einzelne roten Flecken im Weiß bestätigten auf erfreuliche Weise Nimues Zufriedenheit mit ihrem Schlag.
Sie nickte, ging ein paar Schritte näher an Psmith heran und schaute zu ihm hinab.
„Willst dus noch mal versuchen?“, fragte sie.
Er stöhnte, und grunzte, und schniefte, und stöhnte, und schüttelte den Kopf.
Er rollte sich herum und rappelte sich auf Hände und Knie auf.
„Nein, schon gut“, presste er hervor.
„Schön. Sagst du mir denn jetzt, wo du hingehst?“
Er richtete sich weiter auf, auf die Knie, stemmte eine Hand auf den Schnee und versuchte, weiter aufzustehen.
„Nein.“
Nimue schubste ihn um. Es war lächerlich einfach, und sie spürte gleichzeitig den köstlichen Kitzel der Überlegenheit und Macht, und auch die Scham, die aus ihrem Rückenmark in ihr Gesicht stieg, darüber, wie gut es sich anfühlte, Gewalt auszuüben.
Aber wenn es irgendjemand verdient hatte, dann Psmith.
Er hatte sie alle vergiftet, der dämliche Drecksack.
„Wohin gehst du?“
Ér rappelte sich wieder auf, und lachte.
„Komm doch mit, wenns dich interessiert.“
Sie widerstand der Versuchung, ihn noch zu treten, war sich dabei aber kein bisschen sicher, ob sie darauf stolz sein sollte, oder sich eher schwach und unentschlossen fühlen.

Lesegruppenfragen:
1. Kennt ihr das auch, dass ihr friert, wenn ihr müde seid?
2. Hättet ihr Psmith getreten?
3. Konntet ihr überhaupt verstehen, warum es plötzlich so gewalttätig wurde? Waurm oder warum nicht?
4. Fandet ihr den Einschub über die beiden Staaten irgendwie gut, oder eher unpassend?

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