What Rough Beast, Zug 7


Es beginnt! Oder es endet. Es beginnt, zu enden. Ihr kennt das.

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Melanie
Melanie versteht gar nichts, nicht einmal, wie Sprache hier funktioniert, was sie zu ihrer eigenen Überraschung aber nicht daran zu hindern scheint, an der Konversation teilzunehmen.
„Dabei sein? Wie, dabei? So vom Restaurant am Ende des Universums aus, aus der Ferne eine dekorative Explosion sehen bei ein paar gepflegten Cocktails?“ Sie lacht. „Oder eher irgendwo schreiend zwischen einstürzenden Häusern, Leichenteilen und Flammenseen kauern?“ Sie lacht ein bisschen schriller. „Nein nein nein ich will damit nichts zu tun haben. Ich habe grade die Remise aufgeräumt. Ich habe GRADE die Remise aufgeräumt!“ Sie schüttelt energisch den Kopf.

Die Fliege summt ein bisschen auf und ab, bevor sie antwortet: „Dann willst du vielleicht aufpassen, dass niemand die Remise wieder in Unordnung bringt…?“

Melanie nickt dankbar. Das klingt vernünftig. Das klingt wie das Vernünftigste, das sie seit langem gehört hat.

„Prima! Hast du sonst noch Fragen, irgendwas, was du vorher klären möchtest?“
Katharina
„Beim… Untergang? Sowas wie die Apokalypse?“ Katharina überlegt. Sie hat von luziden Träumen schon gelesen, sich die aber immer ganz anders vorgestellt. Auf einen wie auch immer gearteten Untergang legt sie allerdings wenig Wert. „Nein, eigentlich nicht. Ich würde ja unglaublich gern das antike Rom sehen. Oder Byzanz. Athen. Mesopotamien. Geht sowas vielleicht?“

Der Hund schüttelt den Kopf, dass seine Lefzen nur so um seine Nase herum fliegen, und ein bisschen schaumiger Speichel entschwebt in die weiße Leere.
„Das hier ist kein Zeitreisebüro“, sagt er in Katharinas Kopf. „Das hier ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen.“

„Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein“, entschuldigt sie sich.“ Beim Untergang dabei sein will ich aber trotzdem nicht.“ Sie sieht einer Speichelflocke hinterher und registriert zum ersten Mal die merkwürdige Szenerie, in der sie sich befindet. „Wer sind denn all diese Leute?“

„Andere besondere Menschen wie du“, antwortet der Hund in ihrem Kopf. „Naja, nicht wie du. Schon anders. Ihr seid alle natürlich auch anders. Aber hoffentlich jedenfalls Teil des Rudels.“
Desmond
Janeway sieht sich um. Träume sind für ihn immer eine gute Möglichkeit, über neue Geschichten nachzudenken und Inspiration zu finden. Er ist recht geübt darin, das Traumgeschehen und sein Bewusstsein davon zu kontrollieren, aber um sich überhaupt der Tatsache, dass er träumt, gewahr zu werden und bewusst aus dem Traumgeschehen herauszutreten, braucht er immer einen Anlass, einen Moment, eine Stimmung, ein Hilfsmittel, einen Weckruf. Vielleicht kann er sogar selbst einen solchen Weckruf auslösen, aber er ist sich nicht sicher.
Kurz macht sein Bewusstsein einen Versuch, sich aus dem reinen Erleben des Traums zu lösen, aber sein Mund beginnt zu sprechen und der Moment ist vorbei.

„Ist das hier der Bereich für Distinctive Premium-Guests?“
Meiserling schüttelt mit hängenden Schultern den Kopf.
„Das hier“, antwortet er, „ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen.“
Jack
Jack setzt sich wieder an seinen Rechner, aber es gelingt ihm nicht so recht, sich wieder zu konzentrieren. Also schaltet er den PC aus und geht ins Bett.

Er ist nur mittelüberrascht, als ihm Lämmergeier im Traum wieder begegnet.
Jack findet sich in einer weißen Unendlichkeit, umgeben von Gruppen anderer Menschen, größtenteils zwei, die einander gegenüber stehen, aber in manchen Fällen auch mehrere, manchmal sogar nur eine einzelne Person. Der Effekt erinnert an ein Spiegelkabinett, weil die anderen in alle Richtungen gleichmäßig verteilt im Nichts schweben, soweit Jack sehen kann, nur dass sie nicht alle gleich aussehen und Reflexionen von ihm selbst und dem ihm gegenüber schwebenden Lämmergeier sind, sondern anscheinend bunt gemischt allen Altern, allen Berufsgruppen, allen Hautfarben und Körperformen angehören. Recht weit weg meint er sogar ein Lama und woanders einen Hund erkennen zu können.
„Hallo“, sagt Lämmergeier zu ihm. Er steht sehr nah vor Jack, seine irritierenden verschiedenfarbigen Augen blicken direkt in Jacks. Er trägt immer noch seinen schlabbrigen Pullover und die dunkelbeige Cordhose, und er riecht auch immer noch nach Tabakrauch. Er lächelt melancholisch, breitet die Arme aus und sagt: „Es ist aus.“ Er lässt die Arme sinken, zuckt die Schultern. „Die Welt, wie wir sie kennen, endet heute Nacht. So viel zum Thema Arbeitssicherheit, hm?“ Er legt schmunzelnd den Kopf schief und einen Zeigefinger nachdenklich auf seine Unterlippe, und das Lächeln wird ein bisschen weniger melancholisch. „Hat nicht nur Nachteile, oder? Naja.“ Er schaut auf seine Füße und murmelt: „Wir werden sehen.“ Er hebt den Blick wieder zu Jack. „Aber du und ich, wir sind jedenfalls noch da. Hat sicher auch nicht nur Nachteile. Aber auch.“ Er verdreht die Augen kurz nach oben und murmelt: „Egal.“ Lämmergeier hebt die Hände und legt sie auf Jacks Schultern und schaut ihm wieder direkt in die Augen. Jack spürt natürlich den Impuls, zurückzuweichen, aber weil er frei im leeren Raum schwebt, weiß er nicht, wie er diesen mentalen Impuls in einen physikalischen übertragen soll.
„Wir haben früher oder später ein paar Dinge zu besprechen“, sagt Lämmergeier, „Aber die haben Zeit. Erst mal musst du eine Entscheidung treffen. First things first, wie der Franzose sagt: Möchtest du beim Untergang dabei sein, oder nicht?“

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