What Rough Beast, Zug 2


Immer noch keine Apokalypse. Laangweilig!

Meint ihr?

Ha! Weit gefehlt.

Melanie

Melanie hat gerade den Entschluss gefasst, jetzt endlich mit der Remise anzufangen, als ihr Telefon vibriert. Es ist eine Nachricht von Berta.
‚Hallo Melanie, danke fürs Bescheidsagen! Ich bin heute noch bei Lamani, komm aber morgen wieder, dann ruf ich ihn gleich an, kannst du ihm ja sagen, falls er sich noch mal meldet, dankeschön und bis morgen!‘

Das wird schon alles seinen Lauf nehmen, denkt Melanie sich zufrieden.
Sie zieht sich ihre Schürze und Arbeitshandschuhe an und macht sich mit einer Schubkarre auf den Weg zur Remise, um dort einen Aushandlungsprozess mit der ortsansässigen Gruppe Achtbeiner über die Zukunft der Gartengeräte und Werkzeuge zu starten, die in den vorletzten zehn Jahren dort eingelagert wurden. Die Tiere zeigen sich erfreulich kooperativ und geben den Raum mehr oder weniger bereitwillig frei, und sie kommt gut voran.
Trotzdem lässt sie die Sache mit dem komischen Agententypen nicht los. Was, wenn er wirklich später wiederkommt, weil Berta ihn ja erst morgen anrufen wollte? Er wirkte auf eine bedrohliche Weise so, als würde er ihr von diesem Ausgang abraten. Vielleicht sollte sie dann besser nicht zuhause sein? Aber dann sollte sie wohl auch den anderen bescheid sagen, damit die auch nicht…? Aber wenn er dann irgendwas mit dem Haus macht? Sie muss wieder über sich lachen. Obwohl sie nie Horror liest, liest sie wohl zu viel Horror?!
Aber, denkt sie andererseits, vielleicht wäre es ja doch besser, wesentlich besser, wenn Berta ihn heute schon anriefe. Was hatte er noch gesagt, er hatte doch gesagt, hätte eine Nachricht… – sie greift nochmal nach ihrem Telefon und antwortet Berta:
„Meinst Du, Du schaffst es vielleicht doch heute Nachmittag schon? Der war wirklich komisch, mir wär lieber, er kommt nicht nochmal. Und mir ist noch eingefallen, er hat noch was gesagt; er meinte, er habe eine Nachricht von Habte oder so, sagt Dir das was?“

Berta antwortet nicht.

Gegen vier ist Melanie soweit mit der Remise fertig, wie sie sich vorgenommen hatte. Immerhin hat sie sich einen groben Überblick verschafft und relativ viel aussortiert, der Rest ist Feinarbeit.
Sie macht sich auf den Rückweg zum Haus und schaut dabei nochmal auf ihr Telefon – keine Nachricht von Berta. Sie ruft Berta kurzentschlossen nochmal an, erreicht aber wieder nur die Mailbox. „Berta, sag mal, ich will nicht nerven, aber, es wär glaub ich wirklich gut, wenn du den heute noch anrufst! Bis fünf, hat er glaub ich gesagt. Das wär echt gut!“
Sie legt auf.
Sie rechnet nicht damit, dass Berta das heute noch abhört, wahrscheinlich hat sie ihr Phon den Tag über nicht mal dabei.
Melanie geht nachdenklich zum Haus. Sie hat das Gefühl, sich …vorbereiten zu wollen, weiß aber nicht, wie und worauf und entscheidet sich stattdessen dafür, sich zu dem Kaffee, auf den sie auch den ganzen Nachmittag gefreut hat, schnell ein paar frische Scones zu backen.

Um Punkt fünf hört sie das Klopfen von der Tür.

Fuuuuuck.
Sie hatte schon gehofft, dass das ein blöder Scherz war, oder irgendein Spinner auf der Durchreise, oder Einbildung, oder eins dieser fast enttäuschenden kleinen Dramen, die man akut für furchtbar aufregend und bedeutsam hält und dann folgt gar nichts daraus.
Aber er ist tatsächlich wieder da.
Zu ihrer Verwunderung hat Melanie plötzlich keine Zweifel, natürlich wird sie aufmachen, sie ist viel zu neugierig.
Sie geht zur Tür.

Davor steht natürlich wieder Spiridon Petuchow in seinem alten dunkelbraunen Anzug und schaut Melanie mit einem resignierten Lächeln an, das so etwas zu sagen scheint wie ‚Wir habens alle nicht leicht, was?‘
Was er tatsächlich sagt, ist: „Guten Abend. Ist Frau Bertha Wiesengrund zu sprechen?“
Vielleicht liegt es auch an seinem russischen Akzent, aber er klingt ein bisschen müde, wie jemand, der weiß, dass er gerade etwas Unnützes tut, der es auch nicht gerne tut, sich aber trotzdem damit abfindet, dass er es tun muss.
Melanie kommt nicht umhin zu bemerken, dass er es irgendwie schon wieder geschafft hat, seinen Fuß in die Tür zu stellen.

Melanie schüttelt bedauernd den Kopf.
„Nein, sie ist nicht da. Ich hatte sie kontaktiert und gebeten, sich bei Ihnen zu melden. Mehr kann ich nicht tun, fürchte ich.“
Sie schiebt die Tür so weit zu, wie sie kann, ohne seinen Fuß damit zu berühren, nur als Geste, dass sie sie gerne schließen würde.

Spiridon lächelt ein kleines Lächeln und tritt einen Schritt vor, sodass er nun direkt in der Tür steht. Melanie nimmt einen leichten Geruch nach altem Kleiderschrank und einem nicht mehr so richtig zeitgemäßen Rasierwasser wahr.
„Ich verstehe“, sagt er und nickt, „Mehr können Sie nicht tun. Macht es Ihnen was aus, wenn ich drinnen auf Frau Wiesengrund warte?“

„Das ergibt wirklich keinen Sinn. Sie kommt heute sowieso nicht mehr zurück, und sie hat mir ja auch versprochen, Sie morgen anzurufen.“

Spiridon nickt langsam, den Mund zu seinem Lächeln verzogen, aber die Unterlippe etwas vor und über die obere geschoben. Mit gesenktem Kopf schaut er unter seinen recht wulstigen Augenbrauen in Melanies Gesicht auf.
„Ja“, sagt er, „Ich verstehe. Es tut mir auch leid, wissen Sie, aber wahrscheinlich kennen Sie das aus Ihrem Beruf, es gibt Regeln, und Vorschriften, und sie kommen einem nicht immer sinnvoll vor, aber jemand hat sie sich überlegt, um Risiken zu minimieren, und man muss sich daran halten.“
Er zuckt die Schultern, den Kopf noch immer gesenkt.
„Verstehen Sie? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich drinnen auf Frau Wiesengrund warten lassen würden. Es wäre für alle viel einfacher so.“

Melanie sieht keine realistische Möglichkeit, zu verhindern, dass er reinkommt, wenn er das möchte. Sie kann sich aber nicht verkneifen, noch zu fragen: „Sie möchten also hier drin übernachten? Berta hatte wirklich nicht vor, heute noch heimzukommen.“, aber als sich sein Gesichtsausdruck daraufhin überhaupt nicht verändert, schiebt sie ein resigniert-ironisches „Na dann. Mögen Sie Scones? Ich habe gebacken.“ hinterher und macht kopfschüttelnd die Tür frei.

Katharina

Der Hund schaut mit halb offenem Maul und schräg heraushauender Zunge in die Linse – er guckt ein bisschen dumm, aber die merkwürdigen Augen kommen auf dem Foto gut zur Geltung. Nachdem Katharina ihr Foto gemacht hat, steht er auf, stupst seine Nase gegen ihr Knie und schaut weiter zu ihr auf, als würde er auf irgendetwas warten.

Katharina verschickt das Bild und einen kurzen Kommentar, dann sieht sie wieder den Hund an. „Das wars“, sagt sie, nicht unfreundlich. “ Abmarsch.“ Sie wendet sich wieder ihrem Handy zu.

Frida

Das Mädchen guckt ein bisschen misstrauisch ob Fridas plötzlicher Freundlichkeit, nickt aber nach kurzem Zögern und geht ohne Widerstand mit.
Bei der Tür zu Fritz‘ Käfig angekommen, klatscht sie begeistert in die Hände.
„Oooooooooohh ist der süß!“, ruft sie strahlend. „So ein toller Hund, den mag ich! Das ist ’ne Bulldogge, oder? Die fand ich schon immer super!“
Fritz, der platt auf dem Boden liegt, hebt ob der fremden Stimme kurz hoffnungsvoll den Kopf, scheint dann aber etwas an dem Mädchen wahrzunehmen, das ihm nicht gefällt. Er schiebt sich von der Tür weg, so weit er kann und rollt sich mit einem leisen Winseln zusammen, so gut ihm das trotz seines Leibesumfangs möglich ist.
„Darf ich den mal anfassen?“
Sie steht ungeduldig auf den Zehenspitzen am Käfig, die Finger durch die Löcher im Draht, und grinst Fritz begeistert an, während er sich offensichtlich sehr, sehr, sehr wünscht, irgendwo weit weg zu sein.

Frida ist irritiert. „Ähm Fritzi“, spricht sie in Gedanken mit dem Hund, „wir wollen alle immer nur das Beste und für uns individual Optimale, aber ich sag‘ mal, Deine Verhandlungsposition ist nicht die komfortabelste. Oder auch: Hund, sei froh, dass sich überhaupt wer für Dich interessiert, auch wenn es nur diese merkwürdige Göre ist.“
Fridas stille Ansprache scheint Fritz nicht zu erreichen, er drückt sich noch mehr an die Wand, das Mädchen Golda schaut irritiert zu Frida, dem Hund und wieder zurück.
„Ähm.“, sagt Frida, diesmal laut hörbar, aber mehr fällt Ihr nicht ein. „Was hat er denn?“, fragt Golda.
„Wenn ich das wüsste.“, denkt Frida. Natürlich müssen Tier und menschliche Adoptionsinteressenten zueinander passen. Und längst nicht immer ist das der Fall. Gerade bei Katzen ist es immer sehr individuell und für niemanden vorhersehbar, ob sie jemanden mögen oder nicht. Katzen sind da so kapriziös, wie es ihrem Klischee entspricht. Hunde hingegen sind erfahrungsgemäß dankbar-undifferenziert und mögen jeden, der sich ihnen gegenüber nicht offen feindselig ihnen zeigt. Eine Ausnahme stellen misshandelte Hunde dar. Diejenigen unter ihnen, die von ihren Vorbesitzern Gewalt erfahren haben, scheinen wittern zu können, wenn sie Menschen begegnen, die eine sadistische Ader haben. Aber das konnte Fritzis akute Abneigung gegen Golda eigentlich nicht erklären. Fritzi hatte ein sehr liebevolles, zugewandtes Herrchen gehabt und war viel Zärtlichkeit gewohnt. Deswegen war er ja nun unter Tierheimlebensbedingungen so depressiv geworden.
„Ähm.“, sagt Frida nochmal.

Das Mädchen lacht.
„Er ist schüchtern“, sagt sie. „Wie sympathisch. Machen Sie mal die Tür auf? Dann kann ich ihn näher kennenlernen, bestimmt verstehen wir uns dann. Ich will, dass er es noch richtig schön hat, und ein tolles zu Hause! Ist ja nicht mehr viel Zeit, bevor N’De Ma-Nushgach kommt.“

Fridas Gedanken überschlugen sich. Während der für die rationalen, naheliegenden Schlüsse zuständige Teil ihres Gehirns noch abwägte, ob sie Fritz dieser offensichtlich geisteskranken jungen Frau überlassen konnte, immerhin ha-, brach die Erkenntnis des für instinktive Schlüsse zuständigen Areals über Frida hinein. Ihr Herz stockte und ihr wurde flau. Das war keine normale verrückte Frau, sie hatte im Heim so viele von ihnen erlebt. Das war anders. Hier konnte sie nichts ausrichten.
„Wer ist N’de Nushga’ch?“, stellte sie die naheliegende Frage. „Es klingt ein bisschen nach einem Klingonenführer. Aber es ist schlimmer, nicht wahr?“

Golda dreht sich um, und für einen Moment hat sie einen beinahe anerkennenden Ausdruck im Gesicht, bevor ihre Brauen sich zusammenziehen und sie ihren Mund zu einem verwirrten Lächeln verzieht.
„Was ist denn ein Klingenführer? Nee, das ist die neue Animeserie von Ken Joidike, haben Sie die Trailer nicht gesehen? Naja, ist ja egal, steht ja nicht jeder auf Anime. Darf ich Fritzi mal in den Arm nehmen?“

Es wäre so schön, wenn das Mädchen tatsächlich nur einen Scherz gemacht hätte. Ein paar Sekunden lang gibt sich Frida diesem Gefühl hin. Aber ihr Bauch sagt etwas anderes: „Von mir aus kannst Du Fritz in den Arm nehmen. Er wirkt auf mich nur nicht so, als wäre er damit einverstanden.“. Fritz jault zustimmend und drückt sich noch etwas mehr an die Wand. „Alles deutet darauf hin, dass er Angst vor Dir hat“, sagt Frida, die zu panisch ist, um noch Energie für Sugarcoding aufzubringen: „Das kann schon mal vorkommen, wenn die Hunde schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.“ Frida verkneift sich, zu erwähnen, dass sie bei Fritz davon allerdings nicht ausgeht: „Ähm, Fische, magst Du vielleicht auch Fische?“

Golda grinst. „Och, Fische sind cool, aber ich mag das mit den Aquarien nicht, das ist mir zu viel Arbeit, und wenn die Ozeane alle verkocht sind, macht das eh keinen Spaß mehr. Aber so ’ne Bulldogge fänd ich gut. Darf ich Fritzi mal anfassen??“

Frida fragt sich, wie die Szene, die sie gerade durchlebt, auf einen unbeteiligten Zuschauenden wirken würde. Vielleicht sieht es von außen aus, wie eine Tierheim-Alltagsituation. Eine neurotisch-verstörte Mitarbeiterin versucht einer neurotisch-verstörten Teenagerin einen neurotisch-verstörten, leider außerdem äußerlich nicht sehr anziehenden übergewichtigen Hund zu vermitteln. Der Hund, in Verkennung seines Marktwertes, ziert sich.
So könnte es sich aus der Außenperspektive darstellen. Innen ist Frida von nackter Panik ergriffen. In ihrem Schock, ist sie gleichzeitig ganz klar. Ohne, dass sie es ausgesprochen hat, steht für Frida fest, dass das Mädchen ihr und Fritz keine Wahl lassen wird. Sie wird mit ihm tun, was sie will. Vielleicht wirklich nur anfassen: „Mach, was Du willst, sagt Frida zu Golda.“Mir scheint, ich habe in der Angelegenheit nicht wirklich mitzureden. Wenn Du mit Deinem Mash’d Potates aus Fritzi in überkochenden Ozeanen Suppe kochen willst, dann können Fritzi und ich da nichts gegen ausrichten, oder?“

Desmond
Nach der Entscheidung, sich wieder zu erinnern, findet Desmond sein Hotel tatsächlich ohne Mühe. Vor der Rezeption steht ein junger Mann in einer dieser albernen Uniformen, die die Betreiber Mancher Hotels ihre Leute immer noch zu tragen zwingen, so richtig mit Schirmmütze und Epaulletten, aber es scheint ihm nichts auszumachen. Als Desmond durch die Tür tritt, plaudert der junge Mann noch mit der etwas älteren Frau hinter der Rezeption, doch sofort wendet er sich mit freundlichem Lächeln dem (mehr oder weniger) neuen Gast zu, tritt Desmond entschlossen entgegen und sagt:
„Guten Abend Herr Janeway, schön, Sie zu sehen!“
Außer seiner sicher gut gemeinten, aber nicht perfekt auf die Zielgruppe abgestimmten Herzlichkeit fällt Desmond an dem jungen Mann noch auf, dass er zwei verschiedenfarbige Augen hat. Während das rechte dunkelblau ist – tatsächlich auch für sich schon ungewöhnlich, so dunkelblaue Augen hat Desmond noch nie gesehen, soweit er sich erinnern kann – ist das linke dunkelbraun mit silbernen und goldenen Sprenkeln darin, die im Licht der Scheinwerfer der Hotellobby blitzen wie Metallicspäne im Lack eines Autos. Sonderbar, wie sich das Thema Autos durch Desmonds Abend zieht, obwohl er sich ja gar nicht für Kraftfahrzeuge interessiert.
„Es wird Sie sicher freuen zu hören“, sagt er junge Mann – auf seinem Namensschild steht „Meiserling“ – in einer bemerkenswerten Verkennung der Situation und einer wesentlich weniger bemerkenswerten kleinen Verkennung der passenden Terminologie, „dass wir Ihre Reklamation lösen konnten und Ihnen ein neues Zimmer anbieten möchte, inklusive Upgrade in die nächst höhere Kategorie. Das wäre dann ein Superior Room im Platinum-Bereich für die Special Esteem Category unserer Most Valuable Guests. Ich begleite Sie gerne, um Ihr Gepäck für Sie zu transferieren!“
Er hält inne und lächelt Janeway an, als wäre er selbst nicht ganz sicher, ob er Applaus, eine dankbare Umarmung oder einfach nur ein: ‚Dann mal los!‘, erwartet.

Janeway überlegt kurz, was Meiserling mit Reklamation meinen könnte. Vielleicht hat er beim Einchecken auf deutsch nicht die richtigen Worte gefunden.
„Sorry, can we switch to English for a second? I don’t recall making a complaint, and I’m definitely not a superior platinum guest. My room will be fine.“

Jack

Lämmergeier nickt freundlich, hebt aber die rechte Hand in einer Bitte um Geduld.
„Das freut mich. Mir ist einfach nur aufgefallen …“ Er schaut nackdenklich auf Jacks Schreibtisch und kommt schließlich näher. „Ich will Sie nicht unnötig aufhalten, aber Ihr Monitor könnte ein bisschen höher sein, glaube ich.“ Er geht neben Jacks Bürostuhl in die Hocke, eine Hand auf den Schreibtisch gestützt, ein gutes Stück näher als Jack als angenehm empfindet.
„Können Sie sich bitte mal so hinsetzen, wie Sie normalerweise arbeiten?“
Martin steht immer noch in der Tür, eine Hand an der Zarge, als würde er sich gleich damit aus dem Büro ziehen und in den Flur abstoßen wollen.

Zwei Dinge kann Jack nicht ausstehen: Wenn ihm fremde Menschen körperlich zu nahe kommen und wenn ihm jemand auf den Monitor glotzt. Um wenigstens das zweite abzuwenden drückt er schnell die Tastenkombination zum Sperren des Bildschirms. Dann rückt er seinen Stuhl etwas an den Schreibtisch heran und setzt sich aufrecht hin, eine Spur gerader, als er tatsächlich normalerweise arbeitet. „So?“

„Mhm…“ Der Mann nickt und betrachtet Jack nachdenklich. Er fährt mit ausgestrecktem Zeigefinger den Winkel von Jacks Knien und Ellenbogen nach, ohne ihn zu berühren, nickt, tritt zwei Schritte zurück, betrachtet Jack nachdenklich. „Ich glaube tatsächlich“, sagt er. „Man hat früher mal gesagt, dass der Blick zum Monitor genau geradeaus gehen soll, aber heute sind die meisten Arbeitsmediziner eher der Meinung, dass ein leichter Winkel im Genick vorteilhaft ist, deshalb empfiehlt man, dass der obere Rand des Monitors auf Augenhöhe sein sollte. Haben Sie schon mal einen toten Menschen gesehen?“

Jacks dumpfes Gefühl wird zur Panik. Es ist weniger die außergewöhnliche Frage sondern vielmehr die aufdringliche Art Lämmergeiers, die Jack schaudern lässt. Er rückt mit seinem Bürostuhl ein Stück zur Seite und sagt, ohne auf die Frage einzugehen: „Hören Sie mal, ich habe wirklich viel zu tun. Könnten Sie mich bitte weiter arbeiten lassen?“

„Ja!“, stimmt Martin von der Tür aus sehr erleichtert zu. „Genau, Herr … Lassen Sie uns doch-“
„Tut mir leid“, sagt Lämmergeier. Er spricht nicht besonders laut, aber Martin verstummt trotzdem sofort. Die Fachkraft für Arbeitssicherheit lächelt Jack schief an. „Ich mach das ja nicht, um Sie zu ärgern. Ich bin von Ihrer arbeitgebenden Gesellschaft nach § 2 I DGUVV2 benannt, um die arbeitsmedizinische Betreuung dieses Betriebs entsprechend §2 III in Verbindung mit Anlage 2 zu DGUVV2 sicherzustellen, und wenn ich meiner Verpflichtung nicht nachkomme, verstoße ich damit nicht nur gegen die mir damit auferlegten gesetzlichen Pflichten, sondern auch gegen meinen Arbeitsvertrag. Am besten tun Sie einfach, was ich sage, und niemand wird verletzt, okay?“
Er lacht.

Niemand verletzt? Jack kommt dieser Satz wie eine Drohung vor. Aber wahrscheinlich war es gar nicht so gemeint. Wenn ihm diese merkwürdige Person nur etwas mehr Raum ließe… Er schluckt trocken und wendet sich dann zu Martin:
„Könntest du bitte weitermachen? Nachdem mein Bildschirm jetzt passt braucht ihr mich ja nicht mehr. Und mir geht’s grad echt nicht… Ich meine, ich kann gerade wirklich nicht.“
Nachdem er schon ahnt, dass von diesem Kriecher Martin keine große Hilfe zu erwarten ist schaut sich Jack verzweifelt nach seiner Kollegin Julia um.

„Wie jetzt ich?“, fragt Martin. „Naja“, er lacht verlegen. „Ich kann doch nicht deine … Arbeitsmedizin machen. Wenn du einfach schnell die Fragen beantwortest…?“
Lämmergeier entfernt sich noch einen Schritt von Jack, seitlich am Schreibtisch entlang, um den Monitor genauer betrachten zu können.
„Der ist sogar höhenverstellbar, aber er geht nicht höher, oder? Die sind fast immer trotzdem zu niedrig für Menschen über 1,80m, ich verstehe gar nicht, was die Hersteller sich dabei denken, es ist ganz merkwürdig, gerade heute, wo es doch immer mehr größere Menschen gibt, ich empfehle Ihnen deshalb einen Monitorständer, die gibt es so als Podest, teilweise auch mit Schubfächern für Unterlagen, fragen Sie sich manchmal, wie Sie sich im Holocaust verhalten hätten, oder auch als so Arme, die sind natürlich flexibler und angenehmer, aber“, er lächelt noch mal so schief wie vorhin, „Arbeitgeber mögen sie oft nicht so gerne, weil sie teurer sind. Und es muss sie natürlich jemand montieren, aber das ist doch sicher kein Problem, oder?“

Die anderen Kollegen im Raum sind in ihre Arbeit vertieft oder geben dies zumindest vor. Also muss Jack wohl selbst versuchen, den lästigen Arbeitsmediziner möglichst schnell loszuwerden. Am einfachsten, denkt er, geht das wohl, indem er einfach kooperiert.
„Also gut. Ich werde sofort so einen Monitorständer bestellen. Welche Modelle zur Verfügung stehen können sicher die Assistentinnen sagen. Und für’s erste…“
Jack steht auf, geht ans andere Ende des Büros zum Drucker und nimmt eine Packung Druckerpapier. Dann hebt er seinen Monitor an, legt das Papier darunter und baut so eine improvisierte Monitor-Erhöhung.
„So sollte es erst mal passen, oder? Und was wollten Sie noch?“

Lämmergeier nickt mit einem komplizenhaften lächeln, tritt wieder ein bisschen näher und legt einen Zeigefinger auf den Papierstapel.
Jack nimmt von ihm einen intensiven, aber nicht nur unangenehmen Geruch wahr, vor allem nach Zigarillorauch, so leicht parfümiert, aber auch nach irgendeinem würzigen After Shave oder so.
„Sehen Sie“, erläutert er, „Das ist tatsächlich eine beliebte Lösung in vielen Büros, aber nur, weil viele nicht wissen, dass die Berufsgenossenschaften – und übrigens auch viele Versicherungen – von dieser Praxis dringend abraten.“
Sein Zeigefinger auf dem Papierstapel beginnt eine leichte tippende Auf- und Ab-Bewegung, während er leise, wie um die anderen nicht zu stören, erklärt:
„Es ist nämlich so, dass männliche Küken eierproduzierenden Betrieben zu hunderttausenden automatisch zerkleinert werden, und fragen Sie sich auch manchmal, was man in diesen Maschinen noch alles zerkleinern könnte?, und diese Papierstapel stellen auch eine Brandlast dar, die insbesondere direkt unter dem Netzteil des Monitors leider nicht brandschutzkonform ist.“
Der Finger kommt wieder zur Ruhe, und langsam gleitet die Hand und mit ihr der ganze Arm zurück zu ihrem Besitzer, bis sie wieder locker an Lämmergeiers Seite hängen.
„Ich fürchte deshalb, dass Sie besser erst einmal so weiter arbeiten sollten wie bisher, bis Ihre arbeitgebende Gesellschaft eine dauerhafte Lösung gefunden hat. Sicher dauert es ja auch nicht lange, bis das umgesetzt ist. Ich nehme es einfach in meinen Bericht auf und maile ihn Ihnen in cc, dann haben Sie auch eine Grundlage, auf die Sie sich berufen können, falls Ihr Vorgesetzter Schwierigkeiten macht.“
Wieder so ein konspiratives Lächeln.
„Ich weiß ja, dass die sich oft schwer tun, wenns ans Budget geht.“

Jack liegt eine Bemerkung auf der Zunge, dass Papier gar nicht mal so leicht entflammbar ist, zumindest im Stapel. Doch dann würde er nur eine Diskussion über Arbeitssicherheit und Brandschutz lostreten, und eigentlich ist es ihm egal. Und was bitte haben entflammbare (oder eben nicht entflammbare) Papierstapel mit männlichen Küken, dem Holocaust oder toten Menschen zu tun? Gruselig, dieser Typ…
Ohne Lämmergeier direkt anzusehen antwortet er:
„Ich hatte bisher noch nie Probleme mit Genehmigungen, wenn es um Arbeitsmaterial und Büroausstattung geht. Wie gesagt werde ich mir gleich so einen Ständer bestellen. Aber wenn es Ihnen dann besser… Ich meine, wenn Sie möchten, können Sie das gerne in den Bericht aufnehmen.“
Er hebt seinen Monitor mit einer Hand an und zieht das Papier wieder hervor. Jetzt ist die Neigung natürlich falsch, aber darum würde er sich später kümmern.
„Gibt es sonst noch etwas, womit Sie mich, ähm, was ich für Sie tun kann?“

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