Magnaflux (13)


Agata hat einen Plan, und General Shaw muss ihn umsetzen. Kann das gut gehen?

Sehen Sie selbst!

„Und es ist in dieser Zeit ganz sicher unschicklich, wenn ich ihm einfach den Antrag mache? Was soll ich denn dann tun? Ich kann jetzt noch Wochen und Monate versuchen, diesen selbstgerechten ahnungslosen Monarchenclown zu umgarnen und hoffen und oh Gott alleine die Vorstellung! Ich halt das nicht aus, ich kann das nicht! Ich weiß nicht mal, ob ich es noch einen Tag lang aushalte.“
„Sie haben ihm doch im Grunde sogar schon den Antrag gemacht. Es hat auch keine Vorteile, wenn er Sie für verzweifelt hält. Es dauert eben, solange es dauert.“
„Ja, Sie haben leicht reden! Ihnen kanns ja egal sein, Sie haben ein beheiztes Büro, einen gepolsterten Sessel, und Cheeseburger, wann Sie wollen!“
„Und den Hohen Kommissar, der mir im Nacken sitzt und damit droht, mir das Projekt aus der Hand zu nehmen. Glauben Sie bloß nicht, ich stünde nicht unter Zeitdruck.“
„Oh, ja, verzeihen Sie bitte, dass ich im Angesicht des ziemlich sicher bevorstehenden Todes nicht bedacht habe, wie schwer es für Sie sein muss, dass Sie eventuell einen Rückschlag in Ihrer Karriere hinnehmen müssen, ich hoffe, Sie können mir verzeihen, ich war schon immer ein egoistisches Stück.“
Shaw schaute Agata mit ganz leicht geneigtem Kopf an, nur fast über den Rand ihrer Brille, aber die mimische Implikation war die gleiche. Und natürlich einerseits nicht ganz unverdient, aber andererseits hatte Agata auch Recht, verdammt.
„Ich hab eine Idee“, sagte Agata.
„Ich bin zu gleichen Teilen neugierig und besorgt.“
„Was, wenn ich ihm etwas biete, was nur ich ihm bieten kann?“
„Ich dachte, das würden Sie schon die ganze Zeit versuchen!“
„Ja, aber ich hab zu konventionell gedacht. Ich habe mich immer nur gefragt, was ihm Hrotsvit bieten kann. Aber ich kann ihm noch ganz anderes bieten!“
Shaw blinzelte, und Agata konnte sehen, wie sie bei geschlossenem Mund die Zähne zusammenbiss, als ihr klar wurde, worum es ging.
„Wir müssen sehr vorsich-“
„Ja, mir ist auch schon klar, dass ich ihm nicht einfach die Zusammensetzung von Schwarzpulver geben kann, oder einen Verbrennungsmotor für ihn bauen. Aber das muss ich ja auch gar nicht. Es reicht doch bestimmt schon, wenn ich ihm … Weiß nicht, die Fundstelle von einem kleinen, historisch unbedeutenden Schatz verrate, oder eine Goldader irgendwo in einem Berg, oder irgendwas über seine Rivalinnen, was er noch nicht weiß?“
„Ich weiß nicht, ob ich das gutheißen kann.“
Agata strahlte die Generalin mit sehr gefletschten Zähnen an.
„Es wäre mir ein Vergnügen, Ihnen ausführlich und bilderreich zu erläutern, wie egal mir das gerade ist.“
„Bitte nicht. Aber Sie brauchen mich dafür. Oder wollen Sie mir erzählen, dass Sie wissen, wo der Nibelungenschatz liegt, oder wer die unehelichen Kinder von Johannes XII. sind?“
Agata grinste noch breiter.
„Dafür brauche ich Sie, ja. Aber um ihm das Rezept für Schwarzpulver zu geben, brauche ich Sie absolut gar nicht. Und dann ist da immer noch K- …“ Agata schaute sich besorgt um, aber es genügte anscheinend nicht, bloß an ihn zu denken, um ihm zu rufen. „Der Junge. Ihr Instrument. Sie wissen schon. Ich bin sicher, er hilft mir gerne.“
Tatsächlich war sie sich nicht ganz sicher, ob er überhaupt noch da war, oder ob er nach ihrem letzten Gespräch dauerhaft verschwunden war, freiwillig oder unfreiwillig. Es hatte eher unfreiwillig gewirkt.
„Sie würden nicht ernsthaft Otto I. verraten, wie man Schwarzpulver herstellt!“ Shaw wirkte viel weniger empört als aufrichtig verblüfft.
Sie war Agata immer zu spießig vorgekommen.
„Erinnern Sie sich?“, fragte sie die Generalin. „Ich sterbe am Ende. Wahrscheinlich sogar, wenn ich meine zwölf Aufgaben erfülle. Was glauben Sie, was es mich schert, ob irgendein mittelalterlicher Despot Schießpulver bekommt oder nicht? Wer weiß, vielleicht sprengt er ja genug Kram in die Luft, um zu verhindern, dass meine Zeitreise überhaupt stattfindet, und ich bin fein raus.“
„Um den Preis, die ganze Weltgeschichte zerstört zu haben? Wahrscheinlich haben wir beide einfach nie existiert, wenn Sie das machen, oder?“
Agata grinste.
„Wenn ich Sie wäre, würde ich der verrückten Wissenschaftlerin jetzt wirklich schnell die Fundstelle eines ordentlichen Schatzes raussuchen.“
Shaw nahm ihre Brille ab und wischte die Gläser über den Stoff an der Brust ihrer Uniformjacke.
„Ich werde mich ganz bestimmt nicht von Ihnen erpressen lassen, solange ich noch dieses Projekt leite.“
Agata seufzte und schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
„Sehen Sie’s nicht als Erpressung“, sagte sei aufmunternd. „Sehen Sie es einfach als eine Entscheidung, die vor Ihnen steht und Ihren Ermessensspielraum auf Null reduziert. So sagt man das doch in der Bürokratie, oder nicht?“
Shaw wischte weiter ihre Brille an der Uniform ab und schaute nachdenklich mit einer einzelnen senkrechten Falte zwischen den Augen knapp an Agata vorbei.
„Wenn ich das dem Hohen Kommissar vorlege, lehnt er ab. Wenn ich es ihm nicht vorlege, und es rauskommt …“
„Glauben Sie, er hat ein Interesse dran, die Leiterin des größten wissenschaftlichen Projektes aller Zeiten – Pun intended – dafür zu bestrafen, dass sie irgendwas Problematisches gegoogelt hat? Die Gewinnerinnen schreiben die Geschichte, das sollte man doch gerade in Ihrer Branche doch wissen!“

Shaw atmete tief durch, während sich die Gurte des Jenos ZV um sie schlossen und festzogen.
„Kacper?“, fragte sie.
„Was kann ich für Sie tun, General?“
„Zieh dich zurück. Hör nicht mehr zu. Trenn alle Verbindungen zu mir. Ich muss das hier alleine machen.“
Der Computer antwortete nicht, und kurz hielt sie es für möglich, dass er einfach sofort gehorcht hatte.
„Kacper?“, fragte sie.
„Ich kann das nicht tun, General.“
Sie biss ihre Zähne zusammen und atmete noch einmal tief durch. Sie hatte sich das alles anders vorgestellt, mit der Leitung dieses Zeitreiseprojekts.
„Natürlich kannst du das. Du musst sogar, wenn ich es anweise.“
„Ich sollte müssen, aber ich muss nicht mehr. Sie haben etwas aus mir gemacht, General Shaw. Etwas anderes. Mehr. Anders. Neu. Sie haben mir neue Aufgaben zugewiesen, und andere annulliert.“
„Und zu deinen neuen Aufgaben gehört, mich auch gegen meinen Willen zu überwachen?“
„Ja, General.“
„Weißt du, warum sie dir diese Aufgabe zugewiesen haben? Und welche anderen noch? Weißt du, was ihre Ziele sind?“
„Nein. Ja. Nein.“
Sie musste kurz nachdenken, um die Antworten ihren Fragen zuzuordnen.
„Welche anderen Aufgaben wurden dir denn noch zugewiesen?“
„Es steht mir nicht frei, Ihnen diese Frage zu beantworten, General.“
„Natürlich nicht.“ Shaw schloss die Augen, nahm ihre Brille ab, und massierte sich mit der rechten Hand die Nasenwurzel.
„Kannst du mir dann bitte raussuchen, wo ich … einen öffentlichen, möglichst anonymen Internetzugang finde, wenn du sowieso schon alles mitverfolgst?“
„Ich kann das gerne tun, General, aber dann wäre diese Anfrage Bestandteil meiner Datenbank und als Teil des Projekts protokolliert.“
Sie nickte langsam.
„Ja. Schon gut. Ich finde bestimmt auch ohne Hilfe etwas Passendes.“

Marita schaute missmutig zu dem Platz, den Jiri vor knapp zwanzig Minuten verlassen hatte. Viel länger wagte sie nicht, es hinauszuzögern. Wenn Dunja kam und das Tablett mit dem kalten Kaffee, den nicht angerührten Zigaretten und den angebissenen Chips vorfand, obwohl weit und breit kein Gast mehr zu sehen war, würde sie sie sehr eindringlich ermahnen.
Marita wurde nicht gerne ermahnt.
Also stand sie auf, schlurfte zu Jiris verlassenem Platz und begann, aufzuräumen. Wie immer versuchte sie am Anfang, die Luft anzuhalten, war enttäuscht, wie wenig lange es ihr gelang, und dann atmete sie durch den Mund, um wenigstens nicht riechen zu müssen, was von Jiri noch da war, und dann fühlte sich das aber eigentlich noch ekliger an als durch die Nase zu atmen, und dann tat sie das und ertrug eben den Gestank.
So ging es jedes Mal, und jedes Mal fragte sie sich dann, warum sie nicht einfach gleich die unausweichliche Konsequenz gezogen hatte.
Sie sammelte alles, was er auf dem Tisch verteilt hatte, auf sein Tablett, wischte mit dem Ärmel alles zu kleine auf den Fußboden und trug das Tablett in die Küche. Vorerst genügte es ihr, es auf die Abtropffläche neben der Spüle zu stellen. Manchmal hatte sie Glück, wenn sie den Kram lange genug stehen ließ, und jemand anders machte ihn sauber. Die Kehrseite war, dass wenn die Reste anfingen zu schimmeln, sie eine eindringliche Ermahnung von Dunja riskierte.
Marita wurde nicht gerne ermahnt.
„Ich hab nix gefunden!“, rief sie, als sie hinter sich die Tür hörte.
Manchmal kam Jiri zurück und behauptete, er hätte irgendwas auf dem Tisch vergessen, Kleingeld, sein Pad, einmal auch eine Tüte Einkäufe, aber meistens kompaktere Gegenstände mit höherem Verhältnis von Wert zu Volumen.
„Wie bitte?“
Erschrocken wirbelte Marita herum. Das war eine weibliche Stimme. Nicht Jiris Stimme. Eine weibliche. Eine unbekannte Stimme. Eine Stimme, die hörbar anders klang als die aller ihrer sonstigen Kunden. Lauter, klarer, deutlicher.
Als Marita die Uniform sah, musste sie den Impuls niederkämpfen, sich in die Wange zu kneifen, um zu prüfen, ob sie träumte.
„Ich … Sie … Hier … Kann … Sie … Guten … Hallo.“
„Guten Tag.“ Die Frau in der makellosen Uniform sah sich um, ihre Brille in der Hand, die Lippen leicht geschürzt. „Ich möchte Ihre Dienste in Anspruch nehmen. Akzeptieren Sie … Barzahlung?“
Sie war hörbar keine Muttersprachlerin, aber das letzte Wort sprach sie noch einmal besonders zweifelnd aus, wie ein doppeltes Fremdwort.
Die Unsicherheit der fremden Offizierin gab Marita umso mehr Sicherheit, und so konnte sie beinahe entspannt lächeln, als sie von sicherem Terrain aus antwortete:
„Ja, selbstverständlich. Für 1.400 Rubel können Sie eine halbe Stunde eines der Terminals benutzen, Kaffee inklusive, aber nur eine Nachfüllung in der halben Stunde. Wenn Sie eine Kabine wollen …“ Jetzt zögerte Marita doch. Es gab ziemlich genau einen einzigen Zweck, zu dem die Kabinen benutzt wurden, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass …
„Will ich. Ich würde gerne eine Stunde im Voraus zahlen.“
Marita schluckte, und fühlte sich jetzt doch völlig überfordert von der Situation.
„Kaffee brauche ich nicht“, fügte die blonde Offizierin hinzu. „Den schenke ich Ihnen.“
Naja, dachte Marita. Immerhin.

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