Magnaflux (11)


Weiter gehts!

„… habe ich dem Adel den Einfluss auf die Ämtervergabe abgerungen, das war schwierig, aber für die Unteilbarkeit des Königtums unverzichtbar. Gab natürlich Aufstände, sogar aus meiner eigenen Familie! Heinrich und Ludolf haben sich gegen mich erhoben, zusammen mit anderen Fürsten und Herzogen. Durch überlegene militärische Stärke und Taktik konnte ich dann in der Schlacht auf dem Lechfeld diesen Streit für mich entscheiden und dabei … Na, ich weiß nicht, ob es zu viel gesagt ist, wenn ich meine, dass ich damit nicht nur das Reich, sondern auch das Christentum als Ganzes gerettet habe, aber es gibt auf jeden Fall solche, die das sagen, zumal ich wenig später die slawische Invasion zurückgeschlagen habe, trotz der durch die Aufstände und Kriege zuvor geschwächten Armee und geleerten Reichskassen. Deshalb habe ich einige Jahre warten müssen, bevor ich dann Italien erobert habe. Kennt Ihr die Geschichte von dem Scharmützel bei Genua? Ich habe da ganz alleine …“
Agata lächelte, nickte, hielt den Rücken gerade, und tat ihr Bestes, nicht in Ottos scheinbar unendlichem Redefluss zu ertrinken. Hin und wieder gelang es ihr sogar lange genug, den Kopf über Wasser zu strecken, um nach Luft zu schnappen und einzelne zustimmende, bewundernde, ehrfürchtige oder zur Abwechslung auch mal mitfühlende oder begeisterte Geräusche zu machen. Er schien nicht besonders darauf zu achten, wie sie reagierte, aber sie wollte kein Risiko eingehen und gab deshalb dennoch ihr Bestes.
„… dass Widukind mich totus orbis capot genannt hat?“
„Nein, wirklich?“
Agatas Latein war ein bisschen eingerostet, deshalb war sie sich beim Casus von totus nicht völlig sicher, auch wenn es für sie falsch klang, aber dass Kopf oder Haupt caput hieß, und nicht capot, das wusste sie genau.
„Es bedeutet König der ganzen Schöpfung!“
„Der ganzen Schöpfung? Aber für den Retter des Christentums sicher nicht zu viel Ehre, Majestät!“
Für einen Moment gefror sein Lächeln, und er zog den Kopf ein paar Zentimeter zurück und blinzelte.
Als das Lächeln zurückkehrte, war es nicht mehr das gleiche. Es war jetzt gütig-herablassend, geduldig, und es leuchtete nicht mehr so.
„Eure Majestät, ohne kleinlich sein zu wollen. Und wenn Ihr wollt“, das Lächeln gewann wieder an Strahlkraft, „Dann könnt Ihr gewiss auch schon Eure Kaiserliche Majestät sagen. Die Salbung in Rom ist schließlich nur noch eine Formalie.“
Sie tat ihr Bestes, ihr eigenes Lächeln ganz offen und begeistert zu lassen und mit nur einer Spur von Scham zu verdünnen.
„Oh, selbstverständlich. Bitte verzeiht mir, Eure Kaiserliche Majestät, es war nur … Ich fühlte mich Euch so nah, und … die … Begeisterung für Eure Erzählung und Eure Taten hat mich so mitgerissen, dass ich mich für einen Moment vergessen habe, Eure Kaiserliche Majestät. Es tut mir sehr leid, Eure Kaiserliche Majestät!“
„Ach du heiliger …“
Agata zuckte zusammen und sah sich reflexartig in der Richtung um, aus der Shaws Stimme gekommen war.
Tatsächlich stand dort, mitten in dem langen Tisch, auf dem die Fasanen, Spanferkel, Pasteten, Wein- und Bierkrüge, Kandelaber und anderen Elemente des Banketts aufgetürmt waren, die uniformierte Generalin und betrachtete mit weit aufgerissenen Augen durch ihre schmalen Brillengläser die dargebotene Szene. Agata musste ein Grinsen unterdrücken, als Shaw die Brille abnahm, und ein Tuch aus der Brusttasche zog, um sie zu putzen, obwohl die Gläser gewiss streifenfrei sauber waren.
„… Ihr denn, ehrwürdige Schwester?“
Agata wurde auf denkbar unerfreuliche Weise klar, dass sie dem König oder ihretwegen auch gerne Kaiser nicht zugehört hatte. Sie schluckte und hatte gerade entschieden, dass Flucht nach vorne der einzige sinnvolle Weg aus dieser Situation war, als die holografische General Shaw durch die beladene Tafel hindurch einige Schritte auf sie zu tat und über den Lärm des Banketts rief:
„Er hat gefragt, wie Sie aus geistlicher Sicht zu der Kontinuität des Heiligen Römischen Reiches und des Kaisertums Karls des Großen stehen!“
„Ah, ja“, murmelte Agata, schaute sofort in Ottos Augen und tat ihr Bestes, zu improvisieren. „Nun, der … Herr hat Menschen geschaffen … um zu dienen, und … Menschen, um zu herrschen, und ich glaube, dass er Ih… Eurer Kaiserlichen Majestät den Kaiserthron gegeben hat, um die glorreiche Tradition Eurer Vorfahren fortzusetzen und die Christenheit in ein Goldenes Zeitalter zu führen.“ Sie versuchte, ermutigend zu lächeln und zu nicken. „Eure Kaiserliche Majestät, ich muss um Eure Verzeihung bitten, aber … Die Natur ruft. Darf ich mich für einen Moment entfernen.“
Sein huldvolles Lächeln machte Hoffnung, dass sie zumindest nicht völlig gescheitert war in ihrer Bemühung, ihm zu schmeicheln, auch wenn er sich wahrscheinlich mehr theologischen Tiefgang erhofft hatte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Er wirkte nicht wie jemand, der großen Wert auf Tiefgang legte.
„Selbstverständlich, ehrwürdige Schwester. Ich will dem Ruf der Natur nicht im Weg stehen.“
Erleichtert sprang sie auf, schob sich vorbei an Dienstboten, Höflingen, Soldaten und Feiernden und verließ den Bankettsaal.
General Shaw folgte ihr.
Agata suchte einen abgelegeneren Flur, fand keinen, und zog sich deshalb schließlich nach draußen zurück. Sie ignorierte den überraschten Blick der Wachsoldaten neben der Tür und stapfte fröstelnd die Mauer entlang, bis sie sich hinter einer Ecke verstecken konnte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, a…“
„Sie müssen den Kaiser heiraten.“
Agata seufzte und schnitt eine Grimasse.
„Ich weiß. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Sie es wissen. Haben Sie etwa heimlich gelauscht?“
Shaw nahm noch einmal ihre Brille ab und wischte mit dem Tuch daran herum.
„Wäre schön“, sagte sie, „Aber ich weiß es von … unseren fremden Freunden.“
Agatas Kinn fiel herunter.
„Sie haben die Inhibitoren getroffen?“
Die Generalin hauchte noch einmal auf die Brille, rieb mit dem Tuch darüber, und setzte sie wieder auf, bevor sie antwortete:
„Nicht persönlich.“ Sie zögerte, und für einen Moment sah sie fast ein bisschen schuldbewusst aus. „Sie haben Kacper infiltriert.“
Agata blinzelte.
„Wie? Infiltriert?“
„Ich würde nicht sagen, dass sie die Kontrolle übernommen haben, nicht komplett. Er ist noch da. Aber sie scheinen ihn zu beherrschen. Er sagte, sie hätten etwas aus ihm-“
Agata stöhnte laut auf.
„Oh um Gottes willen bitte sagen Sie es nicht ich hab mich so gefreut es erst mal nicht mehr hören zu müssen!“
General Shaw sah sie mit verwirrt zusammengezogenen Augenbrauen und in Falten gelegter Stirn an.
„Wir scheinen beide einiges verpasst zu haben“, sagte Agata. „Aber wie gesagt: Ich freu mich wirklich, Sie zu sehen.“
„Das haben Sie noch nicht gesagt.“
„Danke, ich freue mich gleich ein bisschen weniger, Sie zu sehen.“
Shaw nickte ihr zu.
„Immer gern. Wollen wir jetzt wieder darüber reden, wie Sie das Missionsziel erreichen können, um die … Inhibitoren, haben Sie gesagt? … davon abzuhalten, die gesamte Einrichtung zu zerstören oder noch schlimmeren Schaden anzurichten?“
„Ich würde vor allem gerne darüber reden, wie wir sicherstellen, dass die Inhibitoren ist richtig, ja, mich nicht direkt nach dem Erreichen des Ziels töten, wie sie es geplant haben“, erwiderter Agata. „Ich möchte nämlich nicht so gerne getötet werden.“
„Die Fremden scheinen nicht viel von menschlicher Motivation zu verstehen, wenn sie Ihnen das gesagt haben.“
Agata stöhnte noch einmal.
„Kann ich bitte ein Hologramm bekommen, das mir nicht fortwährend erzählt, dass die Inhibitoren irgendwas aus irgendwem gemacht haben, und dass sie nicht viel von Menschen verstehen?“ Auf Shaws verwirrt leeren Blick sagte sie: „Schon gut. Vergessen Sie es einfach.“
„Es wäre sehr viel einfacher, wenn Sie diese Angelegenheit ernst nehmen und sich wie eine Erwachsene verhalten könnten, Dr. Bednarek. Es geht um das ganze Projekt, und ich weiß nicht wie viele Menschenleben.“
Agata gönnte sich noch ein Seufzen.
„Es wäre sehr viel einfacher, die Angelegenheit ernst zu nehmen und mich wie eine Erwachsene zu verhalten, wenn Sie nicht so ein verknöchertes Miststück wären“, sagte sie mit dem zuckerigsten Lächeln, das sie hinbekam.
Shaw stand für zwei Atemzüge nur so da, nickte, und sagte:
„Das habe ich wahrscheinlich herausgefordert. Wollen wir dann beide versuchen, uns professionell zu verhalten und an einer Lösung zu arbeiten, statt an cleveren Repliken?“
„Man kann ansonsten über Sie sagen, was man will, aber vielleicht sind Sie wirklich die Erwachsenere von uns“, sagte Agata.
„Ich fände es schön, wenn wir übereinkommen könnten, dass Sie nicht mehr über mich sagen, was Sie wollen.“
„Abgemacht.“ Agata streckte die Hand aus und ließ sie dann schnell wieder sinken, als ihr klar wurde, dass der Versuch unweigerlich ein peinliches Ende nehmen musste. „Haben Sie denn Tipps für mich? Sicher muss man einige Kaiser verführen, um an die schicken Schulterklappen zu kommen, die Sie da tragen?“
„Zuallererst“, sagte Shaw, ohne auf den Verdacht einzugehen, „ist Otto I. zu dieser Zeit bereits verheiratet, was Ihr Vorhaben gerade in dieser eher konservativen Epoche deutlich erschweren dürfte.“
Agata schluckte und massierte sich die Schläfen.
„Er ist schon verheiratet? Wirklich?“
Shaw nickte. „Ja. Er hat 951 nach Christus die Ehe geschlossen mit … mit …“ Die Generalin schob empört den Unterkiefer vor. „Ich weiß es eigentlich“, sagte sie. „Der Name beginnt mit einem A. Sie war Königin von Italien, und sie … Ich komme nicht drauf, wie … Ich …“ Shaw blinzelte. „Nein. Jetzt bin ich mir gar nicht mehr … Ottos erste Ehefrau war Edgitha, aber sie ist 946 gestorben. Deshalb hat … Er hat 951 … Adelheid, genau. Adelheit von Burgund. Aber sie ist kurz danach gestorben, fällt mir gerade ein.“
„Wie, fällt Ihnen egrade ein? Gerade waren Sie sich noch sicher, dass er schon verheiratet ist!“
Shaw schaute sie wieder so verwirrt und leer an wie zuvor. „Ich muss mich vertan haben. Mir war entfallen, dass Adelheid kurz nach der Hochzeit einem Attentat zum Opfer gefallen ist.“
Agata biss sich auf die Unterlippe.
„Ist zufällig überliefert, ob der Täter ein Kind war? So ein zehnjähriger Junge vielleicht?“
Shaw nickte. „Ja, so ist es aufgezeichnet. Ungewöhnlich, oder?“
Agata nickte mit. „Total. Kanns mir auch überhaupt nicht erklären.“

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