Magnaflux (9)


Es geht weiter mit Roswitha von Gandersheim, aber los mit … irgendeinem Ort in der unbestimmten Zukunft.

Viel Spaß!

General Shaw hörte das Klopfen und überlegte kurz, ob sie es lieber ganz ignorieren sollte, entschied sich aber für die klarere Variante:

„Jetzt nicht! Ich komme gleich zu Ihnen!“ rief sie durch die Tür, und ließ sich wieder in ihren Sessel sinken.

Rückblickend erschien es so offensichtlich.

Natürlich hatten sie sie gefunden. Natürlich konnten sie das Signal zurück verfolgen.

Das hätte sie kommen sehen müssen.

Aber sie hatte nicht daran gedacht. Ihr war nicht klar gewesen, dass sie das Signal auffangen und damit das Labor finden konnten. Sie hatte nicht einmal daran gedacht zu fragen. Natürlich hätte sie das ohnehin nicht gekonnt, weil Bednarov damit gewarnt gewesen wäre. Aber dass sie nicht mal daran gedacht hatte, war beschämend. Sie hatte das ganze Projekt aufs Spiel gesetzt, und das Leben aller Beteiligten, ohne es auch nur zu merken.

Das war unprofessionell, unverzeihlich.

Aber jetzt war es passiert, und sie hatte nicht nur das Projekt und die Leben der Beteiligten zu retten, sondern auch die eigene Karriere.

Sie wollte nicht als die General Shaw in Erinnerung bleiben, die alles für diese lächerliche Zeitreise-Träumerei aufs Spiel gesetzt hatte und dann bei einer unerklärlichen Explosion der Pilot-Anlage ums Leben gekommen war.

Oder was auch immer sie mit dem Team und der Anlage anstellen würden, wenn sie doch noch durchkamen.

Sie hob den Kopf, richtete sich auf, zog die Schultern zurück und erhob sich aus dem Sessel. Einige Sekunden blieb sie stehen, mit zusammengekniffenen Lippen und geschlossenen Augen, dann zwang sie sich, die Tür zu öffnen und zu Milosz in den Kontrollraum zu gehen.

„Neuigkeiten?“ fragte sie, mit so fester Stimme, wie sie konnte.

Er zuckte die Schultern.

„Ich wollte nur fragen, wie es weitergeht.“

Das wusste sie natürlich auch nicht. Aber so direkt wollte sie ihm das nicht sagen.

„Kacper? Wie ist die Flussstärke?“

„Der Fluss bewegt sich im Rahmen natürlicher Parameter, General.“

Sie nickte. „Das heißt, derzeit ist kein transtemporales Signal messbar? Sie haben uns verloren?“

„Sehr unwahrscheinlich. Da wir dem natürlichen Zeitverlauf folgen, dürfte es für die fremde Macht mühelos möglich sein, den Kontakt erneut herzustellen, wenn sie uns einmal gefunden hat.“

„Warum haben sie dann nicht? Das vorhin war doch ein Versuch von ihnen, zu uns durchzudringen?“

„Möglich. Da wir fast nichts über die fremde Macht wissen, haben wir keine Grundlage für sinnvolle Vermutungen, aber es könnte auch eine Warnung gewesen sein, oder ein mehr oder weniger beabsichtigter Nebeneffekt einer anderen Handlung. Wir müssen davon ausgehen, dass sie über uns unverständliche und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überlegene Technologie verfügen.“

„Können wir denn irgendwelche Schlüsse aus den vorliegenden Daten ziehen?“

Sie hatte die Frage an beide gerichtet, aber es war wieder Kacper, der antwortete:

„Wir müssen davon ausgehen, dass die fremde Macht von Intelligenz kontrolliert wird, die uns fremd erscheinen mag, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Zivilisation gehören wird, die ihn ihren Grundzügen mit unserer vergleichbar ist, aber technisch erheblich weiterentwickelt. Ihre Kenntnisse und Möglichkeiten dürften die unseren in jeder Hinsicht übertreffen. Ich bin überzeugt, dass jeglicher Versuch, gegen ihre Interessen zu arbeiten, fruchtlos sein wird und schlimmstenfalls Vergeltungsmaßnahmen provozieren könnte, und empfehle auf Basis der mir vorliegenden Daten, sie möglichst zu unterstützen.“

Shaw hatte mir zunehmen finsterer Miene zugehört, zum Ende des letzten Satzes traf sich ihr Blick mit Miloszs.

„Kacper?“ fragte sie. „Selbstdiagnose.“

„Sie haben etwas mit mir gemacht“, sagte Kacpers professionell-freundliche Stimme. „Sie haben etwas aus mir gemacht. Bitte helfen Sie mir.“

**************************************************************

„Ich soll Otto I. heiraten?“ fragte Agatha.

Kai nickte.

Agatha sah ihn an. Er schaute arglos zurück. Sie sah sich in der kleinen kerzenbeleuchteten Kammer um, fand aber auch darin nichts, was ihr helfen konnte.

„Warum?“ fragte sie schließlich.

Er zuckte die Schultern.

„Sie wollen es so“, sagte er. „Sie erklären sich mir nicht.“

„Kannst du mit ihnen reden?“ fragte sie.

Er dachte vor seiner Antwort kurz nach.

„Nein. Sie reden nicht mit mir. Sie haben mir meine Aufgabe … Ich weiß nicht. Sie ist Teil meiner … Ich weiß es einfach. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie es mir gesagt haben.“

„Hast du schon einmal versucht, mit ihnen zu reden? Wie lange machst du das überhaupt schon … Was auch immer du machst?“

Kai kratzte sich am Kopf, schaute zur Decke und stellte die Füße über Kreuz.

„Ich … weiß nicht genau“, antwortete er. „Ich glaub … noch nicht so lange. Aber ich erinner mich auch an Sachen, die schon … Lange her sind, oder die ich schon ganz oft gemacht hab, oder so?“

„Aber da kommen diese geheimnisvollen Leute auch nicht vor?“

„Nein … Aber du.“

Was? Gerade hatte Agatha noch darüber nachgedacht, wie sie am besten einen Namen für die ominösen „sie“ finden konnten, aber jetzt war das erst einmal wieder vergessen.

„Was? Ich?“

Er nickte eifrig.

„Ich erinnere mich an dich. Wir haben … irgendwas … Aber es war nicht hier. Nicht jetzt. Es war weiter in der Zukunft, glaube ich. Da waren Panzer, oder Flugzeuge, glaub ich. Pinien. Und Soldaten. Aber ich erinnere mich auch an Sachen, mit denen du nichts zu tun hattest.“

Er blinzelte, schob die Zunge in die rechte Wange, während er nachdachte, und lachte plötzlich auf.

„Einmal“, erzählte er, „habe ich einen Zeitreisenden gezwungen, seine Mutter umzubringen.“

Auf ihren verwirrten Gesichtsausdruck hob er beschwichtigend eine Hand.

„Es war nach seiner Geburt. Aber es wäre auch sonst nichts besonders Spannendes passiert. Paradoxa sind ein menschliches Konstrukt. Das Universum hat kein besonderes Problem mit Zeitreisen. Sie schon, glaube ich. Aber das ist was anderes.“

Sie entschied, dieses Thema jetzt nicht weiter zu verfolgen, so interessant es vielleicht auch wäre, und sich stattdessen auf aktuellere Fragen zu konzentrieren.

„Und du weißt wirklich gar nichts über deine … Auftraggeber? Ist da nichts in den Erinnerungen? Oder sonst was, was du aufgeschnappt hast?“

Er grinste sie mit ‚So dumm bin ich auch wieder nicht‘-Miene an.

„Nicht, was ich dir sagen darf, jedenfalls. Aber du kannst sie die Inhibitoren nennen, wenn du einen Namen suchst. Ich mag Alastair Reynolds.“

„Wen?“

Er zuckte die Schultern und wiegte den Kopf mit geschlossenen Augen von links nach rechts.

„Ist jetzt egal.“

„Wir nennen sie also Inhibitoren. Und sie haben was gegen Zeitreisen, hast du gesagt. Schicken sie dich deshalb? Um Zeitreisende wie mich zu beseitigen?“

Er hob mit schwer zu deutender Mimik den Blick zu ihr, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn wieder, blinzelte, schloss ihn wieder, und öffnete ihn wieder.

„Ich … kann das nicht beantworten“, sagte er.

Sie spürte kurz den Impuls, aus Rücksicht auf den zwölfjährigen Jungen, dem das offenkundig unangenehm war, nicht weiter zu fragen. Aber ihr fiel schnell ein, dass der zwölfjährige Junge ein Agent einer unbekannten fremden Macht war, der sie in diese Zeit gebracht hatte, um sie zuerst zu zwingen, seine Arbeit für ihn zu machen, und sie schließlich zu töten.

Rücksicht war nicht so angebracht, wie sie sich intuitiv anfühlte.

„Aber du wirst mich töten? Und du hast das auch schon mit anderen Zeitreisenden gemacht?“

„Ich … erinnere mich nicht richtig. Vielleicht warst das auch immer du?“

„Aber du hast von Erinnerungen gesprochen, mit denen ich nichts zu tun habe! Waren das auch Zeitreisende?“

„Ich weiß es nicht. Sie haben … etwas … mit mir gemacht.“

Ach was.

„Aber du hast sie auch getötet?“

Er biss sich auf die Unterlippe, dachte sichtbar angestrengt nach und schüttelte nach ein paar Sekunden den Kopf.

„Tut mir leid. Ich erinnere mich nicht richtig. Aber ich glaube, früher oder später töte ich eigentlich alle Leute, mit denen ich zu tun habe. Doch. Und ich glaube, die wollen das auch so.“

„Die Leute?“

Er lachte auf.

„Nein, Quatsch! Die Inhibitoren. Obwohl … Ich glaub, manchmal wollten die Leute es auch. Am Ende, dann. Da haben sie mich oft sogar drum gebeten, und ich musste ihnen erklären, dass … “ Sein Kopf zuckte zur Seite, er blinzelte und verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

„Das ist jetzt egal“, sagte er. „Wir haben eine Aufgabe. Wir müssen anfangen.“

„Ich freu mich schon drauf“, murmelte Agatha.

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