Magnaflux (5)


Es geht ab wie die Feuerwehr, diesmal wirklich. Aber (6) könnte ein paar Tage länger dauern, da hab ich jetzt eine Grundsatzentscheidung zu treffen.

Bleibt dran!

„Dr. Bednarek?“

„Oh Gott, endlich!“

Agata hätte es für völlig ausgeschlossen gehalten, dass sie sich eines Tages einmal freuen würde, General Shaws Stimme zu hören, aber jetzt war es passiert.

Der Mensch denkt, und Gott lacht, hatte ihre Großmutter immer gesagt.

„Was war los? Haben wir die Verbindung verloren, ist alles in Ordnung mit Kacper, wussten Sie, dass das Haus zerstört wurde, und warum haben Sie mir nicht-“

„Wir haben … ein Problem“, sagte Shaw, sehr untypisch kleinlaut.

Agata zog die Augenbrauen zusammen.

„Was für eins? Ist es Kacper? Was hat er?“

„Keine Sorge, Dr. Bednarek“, sagte der Computer. „Es geht mir gut. Das Problem ist völlig anderer Natur.“

„Dann sagt es mir doch vielleicht endlich, oder hat die Kommissionspräsidentin entschieden, doch lieber statt historischer Attentate eine Gameshow zu machen?“

„Es gibt …“ Die Generalin stockte. „Wir sind nicht allein. Sie sollten sich beeilen.“

„…“ Agata schaute Shaw an, schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern. „Was? Warum? Was soll das heißen ‚Wir sind nicht allein‘? Ist das alles ein dummer Witz? Was ist los? Ich brauche Informationen, wenn ich Ihnen helfen soll!“

„Wir wissen es selbst noch nicht genau“, gestand Shaw ein, erkennbar widerwillig. „Aber wir vermuten … dass Sie gejagt werden.“

„GEJAGT?“

„Wir haben ein zweites Magnaflux-Ereignis gemessen, ungefähr zwanzig Minuten, nachdem Sie das Tonstudio verlassen hatten. Und in der ursprünglichen Zeitlinie ist das Gebäude nicht zerstört worden, niemand ist gestorben, ‚die Märkte‘ hätten eine recht erfolgreiche, wenn auch kurze Karriere durchlebt, bis sie sich 2023 getrennt hätten. Eine andere zeitreisende Person hat eingegriffen, und Kacper hält es für sehr unwahrscheinlich, dass das Zufall war.“

Agata war zu fassungslos, um irgendeine emotionale Reaktion zu spüren, deshalb setzte sie sich einfach wieder auf das Sofa.

„Was hält er für die wahrscheinliche Erklärung?“

„Wir haben nicht viel Zeit, Dr. Bednarek.“

„DANN ERKLÄREN SIE ES MIR!“

Jemand klopfte von oben gegen die Decke der Wohnung, und Agata warf die Handsteuerung des Fernsehers dagegen. Der kleine Kunststoffkasten zersprang in hundert Teile und regnete auf sie herab. Sie kam sich dumm vor, war aber entschlossen, es sich nicht anmerken zu lassen.

„Wir vermuten, dass eine uns unbekannte Macht, die ebenfalls über Zeitreisetechnologie verfügt, Sie geortet hat, natürlich zuerst über das Magnaflux-Ereignis, aber es ist auch weiterhin möglich, Sie über die Verbindung zu orten, über die wir Sie kontaktieren. Deshalb haben wir sie gekappt, bis wir zumindest eine plausible Mutmaßung für Sie hatten. Wir gehen davon aus, dass Sie in großer Gefahr sind, und dass jede Sekunde, dir miteinander reden, die Gefahr erhöht.“

Agata starrte die Generalin mit offenem Mund an.

„Was will diese unbekannte Macht?“

Shaw antwortete noch einmal mit spürbarem Widerwillen: „Wir vermuten, dass sie verhindern will, dass jemand die Zeitlinie beeinflusst. Wir wissen nicht, warum, aber wir sind überzeugt, dass es sehr ratsam ist, jegliche Begegnung mit ihr zu vermeiden.“

„Ich … Ich weiß gar nicht. General Shaw, Sie haben mich hierher gebracht, ohne mir vorher zu sagen, dass Sie es getan haben, damit ich jemanden für Sie töte, und jetzt bin ich hier, und Sie sagen mir, dass hier noch jemand ist – eine unbekannte Macht mit uns unbekannten Zielen und uns unbekannter Technologie -, der wiederum mich töten will und mich jagt und der offenbar einfach auf Verdacht ein ganzes Haus voller Musiker niedergebrannt hat, die absolut nichts mit all dem zu tun haben?“

„Ungefähr, ja“.

Shaw nickte.

„DANN HOLEN SIE MICH ZURÜCK! Holen Sie mich zurück. Jetzt sofort. Ich will zurück.“

„Negativ. Wir haben das besprochen. Wir werden Sie nicht zurückholen, bis Sie die Mission abgeschlossen haben.“

„Warum? Wir können jederzeit zurückkehren, wenn wir mehr wissen, und ich –“

„Wir werden die Verbindung nun wieder trennen, zu Ihrer eigenen Sicherheit. Wir empfehlen Ihnen, unverzüglich diese Wohnung zu verlassen, da sie nun kompromittiert ist. Wir gehen davon aus, dass die fremde Macht unser Signal orten kann.“

„Hören Sie, das mag jetzt überraschend für Sie sein – ich will absolut bitte nicht ster… General Shaw?“

Agata stand auf und drehte sich zweimal im Kreis.

„General Shaw? GENERAL SHAW!“

Wieder das Klopfen von oben.

„ICH KOMM GLEICH RAUF ZU EUCH!“ brüllte sie.

Niemand klopfte.

„General Shaw?“ fragte Agata noch einmal, in normaler Gesprächslautstärke.

Aber niemand antwortete. Sie hatten wieder die Verbindung gekappt.

Agata hatte nicht die Zeit, sich darüber zu ärgern. Ob es ihr gefiel oder nicht, zumindest im Ergebnis hatte Shaw Recht: Sie musste jetzt diese Wohnung verlassen.

Sie schnaubte missmutig, stand auf und ging zur Tür. Ohne so recht zu wissen, was sie sich davon versprach, spähte sie zuerst durch die kleine Linse darin. Zum Glück war das Treppenhaus leer. Agata öffnete die Tür, steckte den Kopf hinaus, schaute und lauschte noch einmal nach links und rechts – alles ruhig.

Sie hasste, dass es nur diese eine Möglichkeit gab, das Mietshaus zu verlassen, und dass sie einem eventuellen Verfolger unweigerlich begegnen würde, wenn er auch schon im Haus war.

Trotzdem wurde natürlich durch Abwarten nichts besser. Eilig stieg sie die Treppen hinab, wiederholte das unwürdige Schauspiel mit dem Nach-rechts-und-links-Spähen an der Haustür zur Straße, und eilte davon, so unauffällig sie konnte.

Und begann zu überlegen, wie sie so schnell wie möglich einen Menschen finden und töten konnte, um ihre eigene Haut zu retten.

Das Finden könnte der schwierigere Teil werden, weil sie befürchtete, jetzt eine Weile nichts mehr von Kacper und Shaw zu hören. Es wäre reichlich schwachsinnig, sie zu einem neuen Versteck zu jagen, um dann sofort wieder eine Verbindung aufzubauen und es damit zu kompromittieren.

Aber war es nicht noch schwachsinniger, von ihr zu erwarten, dass sie einen Menschen umbrachte, ohne ihr die dafür nötigen Informationen zu liefern? Sie wusste nicht mal, wo Christian Weirich wohnte, auch wenn sie hoffte, das auch mit den begrenzten Mitteln dieser Zeit ohne große Mühe herausfinden zu können. Er war immerhin prominent, und sie verkörperte jemanden, der persönlich mit ihm bekannt und wohl sogar ein Geschäftspartner war.

Trotzdem hatte sie Shaw so verstanden, dass jede Minute, die sie sparen konnte, eine weniger war, in der eine geheimnisvolle „fremde Macht“, sie töten konnte.

Und dann hatte sie immer noch keine klare Vorstellung, wie sie Weirich am besten töten sollte. Schusswaffen waren zu dieser Zeit in Deutschland nicht so einfach zu kaufen, soweit sie wusste. Und sie konnte auch eh nicht mit ihnen umgehen.

Vielleicht wäre ein Messer die bessere Wahl? In den verschiedensten Varianten problemlos legal überall zu bekommen, einfach in der Bedienung, unauffällig zu tragen. Erforderte aber natürlich Nähe zum Ziel, und brachte alleine dadurch schon Risiken mit sich.

Ganz zu schweigen von den psychischen Hindernissen.

Jemandem ein Messer in … Ja, da ging es schon los: Alleine die Überlegung, wo sie es hinstecken sollte, überforderte sie? Hals? Oh Gott. Herz? Merkwürdigerweise eine weniger unangenehme Vorstellung, aber auch leicht zu verfehlen. Sie wusste, dass das Herz irgendwo links im Brustkorb lag, aber nicht so weit links, wie es oft dargestellt wurde? Wenn sie da überhaupt richtig informiert war. Ohr? Oh Gott. Und sie wusste nicht mal, ob sie damit eine tödliche Verletzung bewirken konnte, oder zu viel Knochen im Weg zum Gehirn war. Auge? OH GOTT! Und das gleiche Problem.

Außerdem konnte man ein Messer von unten durchs Kinn…? Aber das stellte sie sich noch schwieriger vor als ins Herz, und auch scheußlich, und damit waren alle letalen Trefferzonen, die ihr zu einem Messerangriff einfielen, aufgezählt.

Nein, halt. Sie hatte mal ein Spiel gespielt, in dem sie das Messer bei Schleichangriffen immer von hinten in den Kopf steckte. Aber das war bestimmt nur was für Expertinnen, und sie war keine. Beziehungsweise für was anderes.

Oder Gift? Psychologisch viel weniger problematisch, aber auch schwerer zu zielen. Es sei denn, sie verabreichte es nicht mit dem Essen, wie sie es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Aber wie sie es sich vorstellte, gab es nur so etwas wie Rattengift frei zu kaufen, das sie ins Essen mischen musste? Andererseits konnte sie doch auch einfach eine Kanüle mit Luft füllen und dann injizieren? Aber dafür müsste sie genau eine Vene treffen, oder?

Verdammt.

Warum musste es denn so kompliziert sein? Sie wollte doch bloß jemanden umbringen!

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