Magnaflux (4)


…und weiter gehts!

Einerseits schämte Agata sich, dass sie nicht mehr Aufwand investierte, die Zeit zu erkunden, in die sie gesprungen war, aber erstens hatte sie dafür später noch genug Gelegenheit, und außerdem war es nicht nur verständlich, sondern auch eingeplant, dass sie auf ihr eigenes Wohlbefinden achtete. Zeitreisen waren eine hohe Belastung für die Psyche, und die Erkenntnis, dass man als Auftragsmörderin instrumentalisiert worden war, sicherlich auch, obwohl das nicht Bestandteil des Mission Statements des Projekts war.

Leider. Wäre nett gewesen, sich darauf einstellen zu können. Sie hätte Schießstunden genommen, oder sowas.

Lukas‘ Wohnung war auch schon interessant genug.

„Ist das ein … Kühlschrank?“

Kacper deutete richtig, dass sie mit sich selbst redete, und antwortete nicht. Sie schlich um das Gerät herum, als könnte es sie beißen, bis sie sich schließlich doch entschied, es zu öffnen.

„Gütiger Himmel … Ist das … ein Huhn? Oder war mal eins?“

Kacper deutete diesmal falsch, dass sie mit sich selbst redete.

„Kacper? Das sieht aus wie ein totes Huhn. Und das da … oh Gott. Das … War das auch mal ein Tier? Wie macht man denn – oh Gott.“

Sie wagte kaum, die flache Kunststoffpackung zu berühren, aber die Neugier war stark in ihr, und so nahm sie sie am Ende doch in die Hand und betrachtete sie teils angewidert, teils fasziniert, teils morbide dazu hingezogen.

„Lyoner“, murmelte sie. „In Scheiben.“ Ihr Blick scannte über die Packung, bis er fand, was sie suchte. „Schweinefleisch, tatsächlich. Ich. Ih. Wirklich? Das ist Schwein? Wie kriegt man das denn so …? Ich darf gar nicht … Hm. Aber.“

Sie hatte noch nie Fleisch gegessen. Sie fand die Vorstellung scheußlich. Aber sie hatte bei dem Urlaub in Kanada auch die Vorstellung scheußlich gefunden, recycelten Abfall zu essen, und es trotzdem getan, und … Naja. Es war nicht unbedingt die beste Erfahrung ihres Lebens gewesen, aber sie war sicher, dass sie es bereut hätte, es nicht zumindest zu versuchen.

„Schweinefleisch …“ murmelte sie, beinahe mit so etwas wie Ehrfurcht. „Mein Gott, die müssen das arme Vieh ja richtiggehend… Na gut, es war ja eh schon tot.“

Sie war sich ernsthaft unsicher, was sie widerlicher fand. Das tote Huhn in seiner … surrealen Hühnerigkeit, so offensichtlich ein totes Tier, mit Beinen, Flügeln, und einem schlaffen Halsrest, wo der Kopf abgetrennt worden war. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, um ein unwillkürliches Auflachen zu verbergen. Ein richtiges totes Huhn, in einem Kühlschrank. Zum Essen.

Oder das tote Schwein, in seiner Plastikverpackung eingeschweißt, zerhackt, zermahlen, bis zur Unkenntlichkeit zerkleinert, mit Füllstoffen und Gewürzen in Form gepresst …

Sollte sie lachen, weinen, würgen, oder …?

Nachdenklich schaute sie von dem eingeschweißten Schwein zu dem Huhn auf seinem Teller im Kühlschrank.

War das Ding überhaupt schon essbar? Es sah nicht so aus, aber das hieß wiederum nichts. Hatte er es gekocht? Würde sie es kochen müssen?

Das Lyoner-Ding war garantiert essbar. Also, im weiteren Sinne. Es war nicht gesundheitsschädlich. Nicht sofort, nicht besonders, zumindest.

Es war auf jeden Fall einfacher. Sie konnte einfach eine dieser … Scheiben – Ein Schwein, in Scheiben, es war so absurd – herausnehmen und in den Mund stecken, und dann würde sie Schwein essen.

Bei dem Huhn wusste sie nicht einmal, wo sie anfangen sollte.

Also das Lyoner. Sie fummelte an der Kunststoffverpackung herum und riss sie auf. Es roch … immerhin nicht unangenehm. Würzig, salzig … Na gut, ein bisschen unangenehm schon. Aber sie versuchte, nicht daran zu denken.

„Kacper, das ist nicht besonders ungesund, oder? Es schadet nicht, wenn ich ein bisschen was davon esse?“

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, nahm sie einfach eine der Scheiben aus der Packung heraus, schloss die Augen, hielt die Luft an und schob sie sich in den Mund.

Hektisch kaute sie – es war schon ein bisschen scheußlich, die Konsistenz, das schmierig-fettige Gefühl im Mund, allein der Gedanke, dass – nein, nicht darüber nachdenken, nicht darüber nachdenken …

Sie zwang sich, den komischen Brei zu schlucken, aber als danach immer noch was davon in ihrem Mund war, gestand sie sich zu, ihre Erfahrung gehabt und genug getan zu haben, und spuckte den Rest aus.

Prustend und würgend stand sie in der Küche und trat Schritt für Schritt zurück, um nicht versehentlich auf die eigenen Schuhe zu spucken.

„Uähh… Äh. Wie können die nur sowas …? Jeden Tag…?“

Naja. Wahrscheinlich gewöhnte man sich irgendwie daran. Wer wusste schon, was Leute in zweihundert Jahren von ihrer Ernährung halten würden? Der Vorgang des Essens war in sich so widerlich und bizarr, dass nicht viel dazu gehörte, ihn widerlich und bizarr zu finden, ob es nun um ein ganzes totes Tier ging, ein zermahlenes, oder um Pflanzen oder Kiesel.

Aber Tiere zu zermahlen und dann zu essen war schon wirklich komisch.

Und warum dann eigentlich keine Menschen? Man hätte ja welche nehmen können, die durch Unfälle oder natürliche Ursachen ohnehin schon verstorben waren, man hätte sie natürlich nicht schlachten müssen. Aber warum eigentlich nicht? Schon klar, warum nicht. Aber warum Schweine und Hühner?

Naja.

Sie zuckte die Schultern, schloss die Kühlschranktür und wandte sich in Richtung Wohnzimmer. Da stand der Fernseher. Den wollte sie natürlich auch ausprobieren. Sie kannte alte Videos aus dieser Zeit, sicher. Aber es war bestimmt noch mal etwas anderes, es in der Zeit zu sehen, aus der es stammte, auf dem Fernseher, für den es gedacht war, und vielleicht sogar live. Vielleicht war es sogar ganz anders. Wenn sie bedachte, wie lachhaft falsch viele historische Erkenntnisse und Deutungen zwangsläufig waren und wie anders Dinge im richtigen Kontext wirkten …

Sie ging zu dem Gerät und suchte nach Schaltern, fand aber keine. Offenbar schon berührungssensitiv? Aber wo? Wie? Sprachsteuerung war in dieser Zeit noch zu unüblich gewesen, als dass sie sich davon etwas erwartet hätte.

Sie erinnerte sich, dass es solche kleinen Handsteuerungen gegeben hatte, die Infrarotsignale an einen Empfänger im Gerät sendeten und immer zwischen den Sofakissen verschwanden, und begann, in den Sofakissen zu wühlen.

Sie selbst hatte Sofakissen nie richtig verstanden. Entweder wollte man auf einem Sofa sitzen, oder nicht, und was war denn der Sinn darin, dann noch so ein dutzend kleiner Zusatzelemente zu haben, die verrutschen und nerven und Handsteuerungen verstecken konnten? Und hässlich waren sie außerdem. Und dreckig bestimmt auch. Sie versuchte, nicht über Hygiene in dieser Zeit nachzudenken.

Sie hatte gerade eine Scheibe Schwein gegessen. Wer war sie, sich anderen Menschen im Hinblick auf Hygiene überlegen zu fühlen?

Da war die Steuerung! Ein kleiner schwarzer Kunststoffkasten mit Gummiknöpfen drauf. Sehr albern. Aber als sie ihn auf den Fernseher richtete und probehalber einen der kleinen Knöpfe drückte, knackte tatsächlich etwas in dem Gerät, und ein Bild erschien.

Es war ein Bild von einem Auto. Ein Volkswagen, wenn sie das Logo nicht missdeutete, und eine seriöse Männerstimme erzählte ein bisschen was und sagte dann gewichtig „Volkswagen – das Auto“.

Sie drückte eine andere Taste, und jemand in einer bizarren Verkleidung rappte darüber, wie reich er war und wie viele Autos er hatte. Jetzt waren keine Volkswagen mehr zu sehen.

Sie drückte eine andere Taste.

Und ließ die Steuerung des Geräts fallen.

Es war ein Bild von einem Haus. Oder genauer, von der rauchenden Ruine eines Hauses.

Es war ein Bild von der rauchenden Ruine eines Hauses, das sie kannte.

„…befindet sich der Sänger der Band noch in Behandlung, ist jedoch laut einem Sprecher der Veterinärklinik außer Lebensgefahr“, berichtete ein sichtlich überforderter und verunsicherter Sprecher im Vordergrund, der ein albern großes Mikrofon vor seinen Mund hielt. „Alle Menschen, die sich im Haus befanden, sind offenbar ums Leben gekommen. Die Behörden haben uns bisher keine Einzelheiten mitgeteilt, wie es zu dem Unglück kam, haben aber auch einen terroristischen Hintergrund nicht ausgeschlossen. „Die Märkte“ waren für ihr konsequentes Eintreten gegen Extremismus jeder Art sowie zuletzt insbesondere Rassismus bekannt. Anhänger der Band vermuten deshalb einen oder mehrere Täter aus der Neonazi-Szene. Noch scheint jedoch alles offen. Überraschend ist, wie aus Polizeikreisen verlautet, vor allem die Brutalität, mit der der oder die Täter vorgegangen sein müssen. Ein Unfall scheint insofern ausgeschlossen, doch sicher ist zum jetzigen Zeitpunkt nur eins: Dieser Vorfall wird Jena, Thüringen und Deutschland noch lange beschäftigen. Ich bin Theo Klimmer für MDR Thüringen. Zurück ins Studio.“

Er war sichtlich bemüht, ernst, aber gefasst in die Kamera zu schauen. Agata hätte es bestimmt lustig gefunden, wenn sie nicht so erschüttert gewesen wäre.

Das Haus. Sie war gerade vorhin noch in diesem Haus gewesen. Es war nicht viel länger als eine Stunde her. Das war das Haus mit dem Tonstudio.

Und warum antwortete Kacper ihr eigentlich nicht?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s