Generationenschiff (3)


Es geht langsam, aber es geht. Viel Spaß mit dem dritten Teil unseres Fortsetzungsromans!

Was bisher geschah:

Im ersten Kapitel begleiteten wir Professor Rodney Advani zu einem Besuch bei Präsidentin Sima, um mit ihr über eine bedrohliche Entdeckung zu reden, lernten Kapitänin Tisha kennen, die ebenfalls gerade eine solche gemacht hat und dafür von Jeanne auf der Brücke eingeschlossen wurde, sahen Banja bei einer nicht sehr glücklichen Prüfung für seine Arbeit als Tinker zu, und wurden Zeuge, wie Jahre später  Jole und Kentub darüber beraten, wie sie mit den aktuellen Erkenntnissen über den Planeten umgehen, der das Ziel ihrer Mission sein sollte.

Im zweiten Kapitel hat Piedra zunächst einen Unfall bei einem Außeneinsatz und führt dann ein schwieriges Gespräch mit Psmith, und die Präsidentin entscheidet, die Idee einer KI zur Kontrolle der Mission weiter zu verfolgen.

Was heute geschieht:

85.66.149

Die Gestalter der Humanity waren aus guten Gründen sehr darauf bedacht gewesen, das Schiff kompakt und leicht zu konstruieren, um möglichst wenig Masse beschleunigen zu müssen.

Eine Konsequenz dieser Einschränkung war, dass kein Versammlungsraum vorgesehen war. Nur einer der Räume des Schiffes war groß genug, um alle Crewmitgliedern gleichzeitig Platz zu bieten: Das Arboretum.

Die Kapitäninnen und Kapitäne der Humanity waren über die Geschichte der Mission hinweg geteilter Meinung darüber gewesen, ob sie diesen Umstand als Vor- oder Nachteil bewerteten.

Jetzt gerade fühlte es sich für Kentub erfreulich an, dass die informelle Umgebung, die angenehme Wärme des Raumes, das saftige Grün der Blätter und der Duft der Pflanzen und des Bodens eine entspannende, ruhige Atmosphäre für das Treffen schufen, auch wenn es immer ein bisschen mühselig war, danach die Füße wieder sauber zu bekommen.

„Es ist zu riskant. Wir hätten keinerlei Reserven mehr für irgendwelche Eventualitäten, wenn wir jetzt noch den Kurs ändern. Wenn auch nur irgendeine Kleinigkeit schief geht, sind wir … gestrandet? Sagt man gestrandet, wenn man sich die ganze Zeit weiter bewegt?“

„Ein Geisterschiff?“ schlug Heik vor.

Jole nickte missmutig. „Meinetwegen.“

Und Kentub konnte nicht anders, als dem Gedankengang ein Stück weit zu folgen und sich vorzustellen, was es bedeuten würde, nicht mehr die Chance zu haben, zu entschleunigen und in ein Sternensystem einzuschwenken. Die Humanity würde einfach immer weiter reisen, vielleicht noch für hundert, zweihundert, vielleicht sogar dreihundert Jahre bewohnt, bis die letzten Systeme irreparabel versagten, das letzte Besatzungsmitglied verhungerte, verdurstete, erfror, erstickte oder sich aus Verzweiflung selbst das Leben nahm, bis sogar Jeanne endete, durch irgendeine Kombination von Schäden, die sogar ihre Selbstreparaturmechanismen nicht mehr zu beherrschen vermochten.

Oder würde es sogar noch länger dauern? Die Humanity war von ihren Erbauern nur auf zweihundert Jahre ausgelegt, aber mit etwas Glück und Erfindungsgeist und viel Leidensfähigkeit würde sich ihre Lebensdauer eventuell noch sehr weit ausdehnen lassen.

Und dann gab es immer noch den Fremden, von dem niemand wusste, wozu er in der Lage war, und was er zu tun bereit wäre. Könnten sie tausend Jahre weiter reisen, immer weiter durch die gleichgültige Leere des interstellaren Raums?

Es war ein bizarrer Gedanke, sowohl darin, wie enorm er ihr vorkam, als auch darin, wie absurd unbedeutend dies alles im Ergebnis wäre. Eine kleine Gruppe von Lebensformen durchquert einen vernachlässigbaren Teil der Milchstraße, um schließlich ein paar Dutzend Lichtjahre von ihrem Heimatsystem entfernt auszusterben und nichts weiter als Zeichen zurückzulassen, als eine leere Blechdose.

Würde vielleicht eines Tages, Millionen oder Milliarden Jahre später eine andere Lebensform die Humanity entdecken, kurz ihrer gedenken, ihr Leben erforschen, neugierig sein, sich fragen, wer sie gewesen waren?

Oder würde das Schiff vorher von einem anderen Objekt zerschmettert werden, in einen Stern fließen, oder einfach für alle Zeit weiter durchs All gleiten, ungesehen, unberührt, unverändert, bis seine Atome selbst zerfielen und in der Gleichgültigkeit des universalen Wärmetods versanken?

Kentub blinzelte, schüttelte langsam und nachdenklich ihren Kopf, und kehrte in die Realität zurück, in der Marchand gerade behauptete:

„… aber es ist ein Risiko gegen die völlig Sicherheit eines Scheiterns.“

„Das stimmt so nicht“, widersprach sie ihm, während sie sich ein bisschen zur Seite lehnte, um ihn zu sehen, vorbei an dem Brombeerstrauch, hinter dem er stand.

Ein großer Teil der Fläche des Arboretums war natürlich Sojabohnen gewidmet, aber als kleine Leckereien wuchsen auch einige Sorten Beeren, Obst, und natürlich auch das eine oder andere Gemüse.

„Nein? Wie stimmt es denn? Last Hope ist ein Eisplanet!“

„Jetzt gerade. Nicht immer. Auch Eisplaneten können bewohnbare Zonen haben, und aufgrund der gesammelten Daten vermute ich, dass Last Hope genug tektonische Aktivität aufweist, um unterirdisch dauerhaft lebensfreundliche Temperaturen aufzuweisen.“

„Können. Vermute. Unterirdisch. Wenn das beruhigend sein sollte, versuchs vielleicht besser noch mal.“

„Ich will niemanden beruhigen“, antwortete Kentub, „Ich will die Lage realistisch darstellen, und wir wägen hier nun mal nicht ein Risiko gegen sicheres Scheitern ab, sondern ein Risiko gegen ein anderes, bevor wir zu einer Entscheidung kommen. Wie eigentlich immer im Leben.“

Es half ihr, ihre Zehen in die saftige schwarze Erde zu graben, während sie sprach. Sie mochte das Gefühl, und je entspannter sie war, desto besser konnte sie sachlich bleiben.

„Wir müssen nicht unbedingt zu einer Entscheidung kommen, oder?“ fragte Marchand.

„Wie meinst du das?“

„Der Treibstoff wird von den Siedlern ohnehin nicht gebraucht, und die, die weiter reisen wollen, kommen mit weniger Ressourcen aus. Wir können teilen, und uns in zwei Gruppen trennen. Dann kann jeder und jede für sich entscheiden, welches Risiko sie eingehen will.“

Jole starrte mit zusammengezogenen Brauen auf seine Füße und atmete hörbar tief durch seine Nase, während er mit der linken Hand eine Blüte von einem Zweif abknipste und zwischen den Fingern drehte. Nach mehreren solchen Atemzügen, in denen auch niemand sonst ein Wort sagte, blickte er wieder auf.

„Dann gehen wir getrennt unter. Die Gruppe ist ohnehin schon zu klein. Wenn wir uns auch noch aufteilen, dann hat keine von beiden eine Chance.“

„Und dann ist da auch noch Jeanne. Wir haben sowieso keine Wahl. Sie würde niemals zulassen, dass wir uns aufteilen.“

„Wenn wir wirklich alle vereint gegen sie stehen, können wir es schaffen. Und wir haben noch den Fremden.“

„Von dem niemand weiß, was er für die richtige Entscheidung hält, und wie er dann reagiert.“

„Er war immer ein Gegengewicht zu Jeanne.“

„Aber er war nicht immer gegen sie.“

„Was genau hat er gesagt?“

Jole schürzte die Lippen und zuckte die Schultern.

„Du hast noch nie mit ihm geredet, oder?“

Kentub unterdrückte ein Seufzen, wandte ihr Gesicht noch ein bisschen mehr in den großen Scheinwerfer über ihr und fragte sich, ob sie es erleben würde, sich einmal in den Strahlen einer echten Sonne baden zu können, und wie die dann im Vergleich wegkämen.

Sie fügte hinzu: „Der Fremde äußert sich … auch abgesehen von der Sprachbarriere nicht sehr eindeutig. Und in diesem Fall besonders. Aber wir haben den Eindruck gewonnen, dass er in diesem Fall … nicht intervenieren würde, wenn Jeanne eine gemeinsame Mission erzwingen wollte. Oder sie sogar unterstützen.“

Sie sah in der folgenden Stille zu Jole, versuchte vergeblich, seinen Blick zu deuten und fragte schließlich:

„Oder nicht?“

Er strich sich durch einen imaginären Bart.

„Hmmm…“

„So klar war es dann ja wohl nicht!“ warf Marchand ein.

„Ja, eben“, bestätigte Jole. „Das versuchen wir beide übereinstimmend gerade zu erklären.“

Kentubs Füße waren noch nicht ganz bis zu den Knöcheln in der Erde vergraben. Aber sie waren auf dem Weg.

27.37.97

„Sind deine Schmerzen denn so schlimm?“

Zwei Sekunden lang sah Piedra Wu einfach nur an, verwirrt, und unsicher, was sie antworten sollte.

„Naja, nein, es geht nicht so sehr um die …“

„Du wirst es schon aushalten“, sagte er mit einem aufmunternden Lächeln und einem Klaps auf ihre Schulter. „Bestimmt tut es morgen schon viel weniger weh.“

Sie blinzelte ihn an.

„Äh, ja, aber weißt du, darum gehts mir gar nicht so sehr. Ich verstehe nur nicht, wieso die Schmerzmittel knapp sein sollen. Kann das sein?“

Wu zuckte die Schultern.

„Warum nicht?“

„Weil wir doch mitbekommen hätten, wenn jemand ernsthaft krank oder verletzt gewesen wäre, und weil schon ziemlich lange alle ziemlich okay sind, soweit ich weiß.“

„Nicht jeder erzählt dir von jedem kleinen Wehwehchen.“

„Aber wenn die Medikamente knapp sind, dann gibt Psmith doch sicher nicht für jedes kleine Wehwehchen welche raus, oder?“

„Vielleicht gibt’s in der Produktion Probleme. Hast du mal im Arboretum gefragt?“

„Naja, noch nicht … Aber Berku hat auch nichts von schlechter Ernte erzählt. Im Gegenteil, ich höre immer nur, dass er alles geradezu beängstigend gut im Griff hat.“

Wu zuckte wieder die Schultern.

„Wenn du willst, kann ich Psmith noch mal ansprechen und ihn fragen, ob er nicht doch noch ein bisschen was erübrigen kann.“

„Ja, aber … Nein danke, ich will ja gar nicht unbedingt für mich welche!“

„Warum reden wir denn dann die ganze Zeit drüber?“

Piedra schloss kurz die Augen, zählte bis drei und antwortete: „Du hast recht. Ich weiß auch nicht. Wie gehts dem Anzug? Ich kann nicht so gut laufen, und mit den Außeneinsätzen brauche ich wohl auch eine Pause, aber ich könnte versuchen, dir bei der Instandhaltung zu helfen, und der Verwaltung…?“

„Ach nein“; antwortete Wu nach kurzer Bedenkzeit. „Ich komm zurecht. Musste ich vor dir ja auch. Nimm dir ruhig ein paar Tage, um dich zu erholen und deine Wunde heilen zu lassen. Du kannst solange die Übungsunterlagen und Handbücher durchsehen, wenn du drauf bestehst.“

Piedra seufzte.

„Na gut. Wenn du meinst. Aber ich könnte wirklich. So schlecht gehts mir ja gar nicht.“

Er lächelte sie an.

„Wenn deine Schmerzen so schlimm sind, dass du Psmiths Rationierung misstraust, will ich dich lieber nicht den Anzug reparieren lassen, in dem ich als nächstes das Schiff verlasse.“

Sie verdrehte die Augen. „Es ist nicht, weil die Schmerzen so schlimm sind!“

Wu tätschelte ihre Schulter.

„Schon gut …“ sagte er in beschwichtigendem Tonfall. „Schon gut. Ruh dich erst mal aus, hm?“

Piedra ging, bevor sie in Versuchung geriet, ihn durch die Schleuse zu werfen. Ohne Anzug.

Wieder auf dem Flur, stand sie eine Zeitlang nur unschlüssig da.

War sie wirklich paranoid? Bildete sie sich Probleme ein?

Es kam ihr nicht so vor. Irgendetwas stimmte mit Psmith nicht. Warum sonst hatte er auf ihre Fragen so aggressiv reagiert?

Nur weil Wu ihren Verdacht nicht verstand, war dieser noch nicht unberechtigt. Wu war schon immer ein Mitläufer gewesen, der keinen Ärger wollte und jede Ausrede annahm, sich die Humanity schön zu reden.

Piedra erwog kurz, eine Nacht darüber zu schlafen und sich dann zu entscheiden, wie sie damit umgehen sollte, aber sie beschloss, dass nichts besser wurde, wenn sie sich jetzt wahlweise noch ein paar Stunden lang in ihre Paranoia hinein steigerte oder sich einredete, dass schon alles in Ordnung war und ihren inneren Wu zu finden.

Es kommt keine bessere Zeit mehr als jetzt, dachte sie, und machte sich auf den Weg zu der einzigen Person, deren Urteil sie in dieser Frage traute.

55.37.97

„Die Bearbeitung Ihrer Anfrage ist abgeschlossen.“

Tisha seufzte.

„Danke! Ich müsste nämlich jetzt wirklich dringend mal hier raus, und außerdem habe ich Durst, kannst du dann bitte die Tür wieder –“

„Ich stimme Ihrer Einschätzung zu, dass die Eigenschaften des empfangenen Signals eine gründlichere Untersuchung angemessen erscheinen lassen. Um eine Beunruhigung der Besatzung der Humanity zu vermeiden, wird dieser Umstand vertraulich gehandhabt. Die Untersuchung wird ausschließlich durch Sie durchgeführt, unter meiner Anleitung.“

„Was soll das heißen, unter deiner Anleitung? Ich bin Captain dieses Schiffes, und – ich bräuchte wirklich mal eine Toilette. Machst du bitte die Tür wieder auf, Jeanne?“

„Bis zu einer näheren Untersuchung des Signals und der Beantwortung der Frage, ob Ihre Annahme eines intelligenten Ursprungs gerechtfertigt ist, ist zur Vermeidung einer Beunruhigung der Besatzung der Humanity strickte Vertraulichkeit einzuhalten.“

„Jeanne, das ist nicht dein … Und du meinst, die Besatzung der Humanity wird nicht beunruhigt sein, wenn du mich noch ein paar Tage hier einsperrst und ich mich in einer Ecke dieses Raumes erleichtern muss?“

„Die Besatzung der Humanity kann nur durch Umstände beunruhigt werden, von denen sie Kenntnis erlangt.“

„Wie soll sie denn keine Kenntnis hiervon erlangen? Soll ich so tun, als würde bloß die Tür klemmen? Oder wollen wir ein Quarantäneprotokoll vorschieben? Das wird die Leute beruhigen!“

„Sarkasmus kann die Moral der Crew zermürben, insbesondere, wenn er vom Captain herrührt.“

„Die Crew kann mich nicht hören! Gerade darum gehts doch!“

„Ihre Reaktionen auf mich indizieren Ihren emotionalen Status, und dieser formt auch Ihren Umgang mit der Crew, Captain.“

Tisha sah in Richtung des Lautsprechers, öffnete den Mund für eine wütende Antwort, schloss ihn wieder, und begann, tief durchzuatmen.

„Du hast recht“, sagte sie schließlich, als sie sich hinreichend beruhigt hatte. „Lass uns gemeinsam konstruktiv drüber nachdenken, wie wir mit dieser Sache umgehen. Wäre es für das Vertrauen der Crew in uns beide nicht auch ein vielversprechender Ansatz, sie jetzt direkt zu informieren und auf dem Laufenden zu halten? Schätzt du das Risiko wirklich so hoch ein, dass sie die Nerven verlieren, nur weil wir vielleicht ein Signal von fremden Lebensformen aufgefangen haben? Die Humanity hat schon belastendere Szenarien überstanden.“

„Empirische Daten aus den Reaktionen der Besatzung auf vergangene Ereignisse sind in meine Bewertung der Risiken eingeflossen, Captain. Bitte beginnen Sie nun mit der weiteren Analyse des Signals.“

Jemand schlug von draußen gegen die Tür.

„Hallo?“ Es war Piedras Stimme. „Hallo, ist da jemand drin? Tisha? Bist du da?“

Tisha war für einige Herzschläge hin und her gerissen zwischen der Freude, gefunden worden zu sein und jemandem ihre missliche Lage erklären zu können, und der Frustration, gefunden worden zu sein, und jemandem ihre missliche Lage erklären zu müssen.

„Hallo?“ Piedra klang jetzt schon merklich ungeduldig und bewirkte damit, dass Tishas Frustration die Oberhand gewann. „Hallo? Ich weiß, dass da jemand drin ist! Die Tür geht nämlich nicht auf.“

Tisha seufzte, schnitt eine Grimasse, und überlegte, was sie antworten wollte. Falls überhaupt.

6. Mai 2043

„Mir ist noch nicht klar, warum wir nicht versuchen können, den Kometen zu zerstören, statt all diese Ressourcen in ein Projekt zu schütten, das dreißig Personen rettet. Wie schwer kann das denn sein?“

Rodney unterdrückte ein Seufzen. Er tat das oft in letzter Zeit.

„Der Komet ist eigentlich kein Komet, Senator Bowman, sondern ein Planemo, was eine Kurzform für die Sammelbezeichnung ‚Objekt Planetarer Masse‘ ist. Und Sie hören vielleicht öfter mal in Ansprachen Ihrer politischen Gegner oder gut gemeinten Dokumentationen im Fernsehen, dass die Menschheit über das Potential verfügt, die Erde zu zerstören, aber dummerweise verfügen wir im Wortsinne nicht mal über das Potential, ein Objekt von der Masse der Erde nennenswert von seinem Kurs abzubringen.“

„Aber Sie haben gesagt, wir haben dreißig Jahre Zeit. Das heißt doch, dass wir Ihren Plamemo-“

„Planemo.“

„Wie Sie wollen. Wir müssen seinen Kurs doch nur um ein paar Zehntelgrad oder so ändern, damit er die Erde verfehlt. Und andererseits reden Sie davon, dass das Raumschiff auf fast Lichtgeschwindigkeit –“

„Maximal .1c, realistischerweise. Das ist zwar auch schon sehr schnell, aber –“

„Darf ich bitte mal ausreden, Herr Professor?“

„Nur zu.“

„Ich bin vielleicht kein Experte wie Sie, aber ich habe mich schon auch ein bisschen vorbereitet, und wenn ich das richtig verstehe, dann müsste das Raumschiff ja auch eine erhebliche Masse mitbringen, allein schon durch den Brennstoff zum Abbremsen am Ziel, und diese riesige Masse auf … sehr hohe Geschwindigkeit zu beschleunigen, braucht doch bestimmt gar nicht so viel weniger Energie, als ein noch etwas größeres Objekt um ein paar Zehntelgrad vom Kurs abzubringen!“

Es gelang Rodney diesmal nicht ganz, sein Seufzen zu unterdrücken.

„Das Objekt ist nicht ‚etwas größer‘, seine Masse unterscheidet sich um mehrere Größenordnungen von der des Schiffs. Und Sie müssen den Zeitvorteil berücksichtigen. Das Raumschiff für die Siedlerinnen und Siedler müsste lediglich kurz vor dem Zusammenprall starten. Bis dahin hätten wir Zeit für die Entwicklung und Konstruktion, und für Tests der notwendigen Komponenten. Das Raumschiff, das das Objekt erreichen und von seinem Kurs abbringen soll, müsste … idealerweise morgen starten, oder spätestens in ein paar Jahren, denn es muss das Objekt erreichen, darauf landen, sich daran fixieren und dann beschleunigen, und jedes Jahr Verzögerung bedeutet, dass wir das Objekt umso stärker von seinem Kurs ablenken müssen.“

„Es braucht einen Namen, oder? Wir können nicht dreißig Jahre lang immer ‚das Objekt‘ sagen, oder ‚der Komet‘.“

Rodney ersparte allen Beteiligten die Frage warum nicht, obwohl er sie für sehr angemessen hielt, denn er sah keinerlei Gefahr, dass irgendjemand hier in absehbarer Zeit nicht wissen würde, was er meinte, wenn er von ‚dem Objekt‘ sprach, oder von ‚dem Planemo‘.

„Normalerweise werden solche Sachen doch nach dem Entdecker benannt, oder? Wie wäre ‚Advanis Komet‘?“

Rodney nickte.

„Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, dass ich nicht heiß drauf bin, dem Objekt, das die Menschheit auslöschen wird, meinen Namen zu geben, deswegen würde ich zumindest warten, bis die IAU ihre Entscheidung offiziell getroffen hat. Könnten wir vorläufig bei 2043 J386 bleiben?“

Der Senator schnaubte ein Lachen und grinste Rodney süffisant an. „Träumen Sie weiter.“

Lesegruppenfragen

  1. Findet ihr, ich hätte mehr zum Arboretum schreiben sollen?
  2. Hattet ihr zeitweise Schwierigkeiten, zu verfolgen, wer in den längeren Gesprächen was sagt, oder war das klar?
  3. Fandet ihr Rodneys Erläuterungen in der letzten Szene einigermaßen überzeugend, oder muss ich da noch was machen?
  4. Na was glaubt ihr? Schaff ich noch ein Kapitel in diesem Jahr?
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4 Kommentare zu “Generationenschiff (3)

  1. 0. Zum Satz: ‚Oder würde das Schiff vorher von einem anderen Objekt zerschmettert werden, in einen Stern fließen, oder einfach für alle Zeit weiter durchs All gleiten, ungesehen, unberührt, unverändert, bis seine Atome selbst zerfielen und in der Gleichgültigkeit des universalen Wärmetods versanken?‘
    Ist hier tatsächlich fliessen oder eher fliegen gemeint?

    1. Persönlich hätte ich gerne mehr darüber gelesen, aber ich weiss nicht, wie relevant das Arboretum für die Geschichte ist und folglich wie viel Text darüber angemessen ist.

    2. War etwas schwierig, da ich nicht wusste, wer Heik und Marchand waren.

    3. War überzeugend, was aber nicht heisst, dass es mich überzeugt hätte. 😉

    4. Selbstverständlich!

  2. 1. Ich hab es in dem Moment nicht vermisst, aber jetzt wo Du’s sagst…. nein, im Ernst, ich fände es schön, irgendwann mehr darüber zu erfahren, aber hier hätte ich eine sehr lange Beschreibung wahrscheinlich eher diagonal gelesen, weil ich gespannt war, was bei dem Meeting rauskommt.

    2. Ja. Aber das hab ich generell beim Lesen oft, ich weiß nicht, ob man darauf Rücksicht nehmen sollte.

    3. Jaaaa, aber ich habs beim Lesen auch nicht wirklich kritisch in Frage gestellt, weil man durch die verschiedenen Zeitebenen ja schon weiß, dass sie auf ihn hören werden.

    4. Dir wär das zuzutrauen, aber aus meiner persönlichen Perpektive auf die kommenden hektischen Wochen hätte ich vollstes Verständnis, wenn nicht. (In der Hoffnung, dass das jetzt nicht pädagogisch backfire-t.)

    5. Für mich funktioniert die Geschichte wirklich prima bisher. Ich mag (wie ja fast immer) alle Charaktere, die Du mir bisher ernsthaft vorgestellt hast, und ich bin wirklich ungeduldig neugierig auf die verschiedenen spannenden Plotlinien, und ich will mehr darüber wissen, wie alles funktioniert. In einem Buch würd ich jetzt schon nicht mehr aufhören können.

  3. @phntst: 0: Da war sicherlich fliegen gemeint, aber sogar das wäre ein doofes Verb, deswegen ändere ich das gelegentlich mal ganz. Danke sehr!
    3. Ich … weiß, was du meinst. Ich mach was anderes.
    @madove: Danke sehr! Ich kann dir versichern, dass deine Antwort zu 4. nicht der Grund war, aus dem es nicht geklappt hat.

  4. 1. Ich hätte sehr gern mehr darüber erfahren. Wäre aber nicht enttäuscht, wenn es bei dieser einen Erwähnung bleibt.
    2. In diesem Kapitel ging’s eigentlich besser. Dafür hatte ich im letzten Kapitel glaub was durcheinander gebracht. Sehr peinlich. Kommt die billige Ausrede, dass die Kapitel zeitlich doch etwas weiter auseinander liegen und ich Geschichten gerne am Stück durchlese, eigentlich zu spät?
    3. Hab’s zumindest geschluckt.

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