17. Türchen: Die Insel


Ohgottohgottohgott (Christina, bitte analysieren Sie!), ist das knapp geworden. Es war nicht so geplant, aber es hat sich so ergeben. Hier ist das 17. Türchen.

Viel Spaß!

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Die Insel

Die Bohrplattform schien ein völlig anderer Ort, seit die Generatoren und der riesige Bohrer verstummt waren und keine anderen Vibrationen, Erschütterungen und Laute mehr wahrzunehmen waren als die der aufgewühlten schwarzen See tief unter ihm, und des Sturms, der darüber tobte.

Das gleichmäßige Rauschen und Klatschen der Wellen hätte beruhigend, vielleicht sogar idyllisch sein können, wenn die Plattform nicht auch noch in anderer Hinsicht ein völlig anderer Ort schien, seit Ingemar nicht mehr als interessierter Beobachter darauf herumlief, den zu beeindrucken und dem zu gefallen allen hier mit Nachdruck verordnet worden war, sondern er sich in einem Spind verstecken musste, dessen dünne Blechtür schmerzhaft in seine Finger schnitt, weil er keinen Schlüssel hatte, um sie zu verriegeln, und es nicht ertragen konnte, sie den Spalt weit offen stehen zu lassen, den sie immer sofort aufschwang, sobald er sie losließ.

Die Bohrplattform war ein völlig anderer Ort.

Und das Rauschen und Klatschen der Wellen und das Heulen des Sturms draußen – sogar das hätte er unter anderen Umständen vielleicht gemütlich gefunden – waren Laute, die die Schritte des Widersachers maskierten, und das schleifende Geräusch der Klinge seiner Axt auf dem Boden überdeckten.

Ingemar war immer wieder versucht, die Spindtür ein Stück zu öffnen, oder durch die Schlitze an ihrem oberen Ende zu spähen, um sicherzugehen, dass der Widersacher ihn nicht gefunden hatte, aber er wagte keine Bewegung, aus Angst, ihn auf sich aufmerksam zu machen.

Immerhin, dachte Ingemar, würden das Heulen des Sturms und das Rauschen und Klatschen der Wellen nicht nur die Schritte und das metallene Schleifen des Widersachers überdecken, sondern auch seinen eigenen hektisch pfeifenden Atem, und das Rascheln seiner Kleidung. Immerhin würden sie es dem Widersacher mit seiner Axt schwerer machen, Ingemar zu finden.

Es war finster in dem Spind, und sehr eng, und das Metall dämpfte noch einmal die Umgebungsgeräusche.

Ingemar musste seine Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien vor lauter Furcht und Frustration und der schieren Anspannung, keine Ahnung zu haben, ob nicht im nächsten Moment jemand die Tür von draußen aufreißen und mit einer riesigen zweischneidigen Axt ausholen würde, aber die zusammengebissenen Zähne hemmten seinen hektischen Atem, und rote Punkte traten vor seine Augen.

Ingemars Finger taten unerträglich weh, sowohl von dem einschneidenden dünnen Stahlblech des Spindes, als auch von der verkrampften Haltung, mit der er die Tür verschlossen hielt. Er übte viel mehr Kraft auf die vermaledeite Tür aus, als nötig gewesen wäre, aber er konnte sich nicht dazu bringen, auch nur ein Iota nachzulassen, als ob es dem Widersacher dadurch schwerer fallen würde, sie zu öffnen, wenn er Ingemar einmal gefunden –

Ingemar fühlte sich, als wäre sein Herz nicht nur bildhaft, sondern ganz buchstäblich stehengeblieben. Sein Atem stockte, und wäre er in der Lage gewesen, seine Luftröhre zu kontrollieren, hätte er gewiss einen sptitzen Schrei ausgestoßen.

Da draußen war es, leise, überdeckt vom Heulen des Sturms und dem Rauschen der schwarzen See unter der Plattform, aber doch unverkennbar: Das metallene Schleifen der Axt, und die harten Aufschläge der Absätze des Widersachers.

„Ingemar Arnbjörnson“, sagte die schnarrende Stimme des Ungeheuers in Menschengestalt. „Ingemar Arnbjörnson, sind Sie hier?“

Wieder Schritte, wieder das Schleifen der Axt. Beides näher. Viel zu nah. Ingemars Schließmuskeln ließen ihn im Stich, und ein Strom heißen Urins rann seine Hosenbeine hinab und tropfte auf das Stahlblech des Spindbodens.

„Ingermar Arnbjörnson“, schnarrte der Widersacher, „Ich werde Sie beeinträchtigen.“

Die Schritte und das Schleifen kamen noch etwas näher, bis Ingemar schließlich sogar hören konnte, wie der Widersacher Luft durch seine Nase sog, als hätte er eine Witterung aufgenommen.

„Ich werde Sie zu Tode beeinträchtigen.“

Und nun, schließlich, schrie Ingemar Arnbjörnson.

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4 Kommentare zu “17. Türchen: Die Insel

  1. Spannend und sehr bildhaft. Das Ausmass an offengelegten Informationen dünkt mich aber etwas ungünstig. Mir hätte es wohl besser gefallen, wenn entweder mehr über den Hintergrund verraten worden wäre oder weniger über den Widersacher.

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