Yanis 2 (4)


Ihr merkt das ja nicht so, aber bei mir läuft aktuell vor allem von oben. Von Yanis habe ich aber zum Glück auch noch einen gewissen Vorrat, deswegen wirds noch nicht knapp.

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Viel Spaß!

„Lass mich noch einmal so im Stich. Noch ein einziges Mal. Dann zeig ich dir, was ich mit Leuten mache, die Pakte nicht einhalten. Auch wenn sie schon tot sind.“
Die Gräfin saß in ihrem Bett, gekleidet in ein hellblaues rüschiges Nachthemd und eine weiße Perücke, über ihrem Schoß ein riesiges Tablett auf vier Beinen, das mit verschiedensten Backwaren, Käse, Wurst, Konfitüren, Pasteten, Kännchen, großen und kleinen Krügen und Tiegeln und verschiedenen Tassen für die unterschiedlichen Getränke so völlig überladen war, dass sie den filigranen kleinen Porzellanteller, von dem sie tatsächlich aß, auf ein eigenes, kleineres Tablett ohne Beine gestellt hatte, das näher an ihrem Körper vor dem größeren auf ihrer Decke lag.
„Ich hatte keine Wahl, Erlaucht.“
Sie bestrich ein Buttergebäck mit noch mehr Butter und kleckste mit einem kleinen Löffelchen Honig darauf.
„Natürlich! Du hättest bleiben können. Du hättest mich schützen können und deine Pflicht tun, statt feige zu fliehen. Das war deine Wahl. Du hast die falsche getroffen.“
Sie biss vorwurfsvoll ab und kaute empört.
Eusim Jachme stand mit einigen Schritten Abstand zu ihr neben dem Fenster, durch das das Licht der Morgensonne hereinfiel. Si*er rechter Stiefel schloss präzise mit dem Schatten des Fensterrahmens ab.
„Ihr versteht es nicht, Erlaucht. Ich kann in der Präsenz einer Göttin nicht bestehen. Ihr habt mir befohlen, den Kampf einzugreifen. Damit habt Ihr sie herausgefordert, und sie ist angetreten. Damit war meine Wahl für mich getroffen. Wäre ich geblieben, wärt ihr ebenso ungeschützt gewesen, aber für immer.“
Die Gräfin schwieg eine Weile und schaute langsam kauend in Erusim Jachmes tote Augen. Sie war sicherlich nicht die einzige Person auf der Welt, die eine Chance hatte, ein Wettstarren mit der Komentur zu gewinnen. Aber sie war eine von wenigen.
„Und auch das ist meine Entscheidung“, sagte sie schließlich, sehr deutlich und klar und sorgsam artikuliert.
Die Komentur schaute der Gräfin nun ihrerseits einige Sekunden lang schweigend in die Augen.
Und dann lachte die untote Kreatur.
Es war ein grauenvoll falsches Lachen, wie von einem Blasebalg erzeugt, nicht wie von einem Menschen. Auf sonderbare Art war es schlimmer dadurch, dass es fast wie ein echtes menschliches Lachen klang, und dass der Unterschied auf einer nicht artikulierbaren, weil nicht bewusst wahrgenommenen Ebene lag.
Aber die Gräfin war es gewohnt und ließ sich über ein unwillkürliches, nach außen nicht sichtbares Erschaudern hinaus nicht davon beeindrucken.
Sie strich einen Esslöffel Gänseschmalz auf ein Stück Schwarzbrot und schaute nachdenklich auf die graue fettige Masse.
„Wovon denkst du, dass es für dich von Nutzen wäre, wenn ich annähme, dass du es belustigend fändest?“, fragte sie. „Und warum?“
Furchtlos schob sie sich das Schmalzbrot in den Mund und schaute in das tote, leere Grinsen, mit dem die Komentur ihren Blick erwiderte.
„Mich belustigt vieles“, antwortete der tote Leib ihrer Leibwache. „So etwa die Vorstellung der Lebenden, dass sie Entscheidungen träfen. Ich habe keine Wahl. Ihr habt keine Wahl. Niemand hat eine Wahl.“
Die Gräfin hob abwehrend eine Hand in einer kleinen und gerade dadurch sehr herrschaftlichen Geste. Sie kaute ohne Hast zu Ende und schluckte.
„Ich habe kein Interesse an dem, was du für Philosophie halten magst“, sagte sie. „Nenn es wie du willst, aber du bist mir unterworfen, und wenn ich dir befehle, gegen eine Göttin zu kämpfen, dann kämpfst du gegen die Göttin, und wenn ich dir befehle, wie ein Huhn zu gackern und Mais vom Boden aufzupicken, dann will ich das überzeugendste Boooooack-boack-bock-bock-bock meines Lebens hören, denn das. Ist. Unser. Pakt.“
Das Grinsen des untoten Wesens wurde etwas breiter.
„Verflixt noch mal, sag mir, was du zu sagen hast, oder ich mache die Probe aufs Exempel für mein Beispiel mit dem Huhn. Ich dulde Unverschämtheit von dir so wenig wie von anderen!“
Sie nahm einen Schluck Kaffee.
Erusim Jachme nickte.
„Erlaucht, es ist, wie ich schon sagte. Ich kann in der Präsenz einer Gottheit nicht bestehen. Ich muss vor ihr fliehen, es ist meine Natur. Aber wie Ihr sehen könnt, bin ich zurückgekehrt, um Euch treu zu dienen wie immer.“
Die Gräfin presste die Lippen fest zusammen, während sie Erusim Jachme abschätzig musterte.
„Mir ist erst gedient, wenn diese wandelnden Zeichen deiner Schande und der Respektlosigkeit gegenüber meiner Autorität zwei Schritte unter der Erde liegende Zeichen deiner Schande und der Respektlosigkeit gegenüber meiner Autorität sind.“
„Euer Wille, Erlaucht, sei mein höchstes Begehr“, antwortete die Kreatur und löste sich in Rauch auf, der durch den Kamin davon zog.
„Ts“, machte die Gräfin, auch wenn sie nun alleine im Raum saß, und murmelte zu sich selbst: „Du hast kein Begehr mehr. Aber trotzdem viel Erfolg.“
Sie schenkte sich eine Tasse Tee ein und hielt die Tasse in beiden Händen vor den Mund. Genussvoll sog sie den Duft durch die Nase ein und brachte fast ein Lächeln zustande.

**************************

Yanis träumte einen sehr, sehr bizarren Traum, in dem sie ihre alte Waffenmeisterin Goma küsste und dabei immer wieder verstohlene Blicke zu der zuschauenden Icara warf, in der Hoffnung, sie möge eifersüchtig werden. Gomas Zunge fühlte sich an ihrer klebrig und rau an, ähnlich der einer Katze, aber in dem Traum fand sie das nicht weiter ungewöhnlich, wie es oft die Art von Träumen war, erst dem wachen Auge ihre ganze Absurdität zu zeigen.
Als sie aufwachte, war sie zuallererst verwirrt, dann erleichtert, als ihr klar wurde, dass es nur ein sehr beunruhigendes Fantasiegespinst gewesen war, dann besorgt, als sie bemerkte, dass die tatsächlichen Ereignisse des letzten Abends auch beunruhigend waren, sowohl wegen ihrer Verschwommenheit, als auch wegen ihres Inhalts.
Zuerst kam die Erinnerung an ihr erstes Gespräch mit Urvi zurück. Das war verwirrend, aber gar nicht so schlimm.
Dann kam die Erinnerung an das Gespräch mit Laia, und das war ziemlich schlimm.
Und dann kam die Erinnerung an das zweite … Gespräch mit Urvi. Das war nicht direkt schlimmer als das mit Laia, aber es war auf eine sehr besondere, ganz andere Art schlimm. Fast wie der sonderbare Traum, nur mit dem Unterschied, dass es wirklich passiert war und sich nicht einfach in Nebel auflöste, wenn sie versuchte, danach zu greifen, sondern im Gegenteil ihren tastenden Gedanken fest standhielt und dabei nach und nach immer mehr Details preisgab.
Die Erinnerung an das Gespräch mit Laia machte Yanis wütend, und traurig, und ratlos, und machte, dass ihr Atem schneller ging und ihre Fäuste sich ballten.
Die Erinnerung an das Gespräch mit Urvi machte, dass ihr Gesicht ganz heiß wurde, sie die Hände davor schlagen wollte und sich am liebsten zu einem so kleinen verschämten Ball zusammenrollen wollte, dass niemand sie mehr fand und sie ganz verschwunden war.
Körperlich ging es ihr gut. Ihr Mund war sehr trocken und ihr Kopf fühlte sich auf eine sonderbare Art dumpf an, aber das war gar nicht so unangenehm und machte es leichter, nicht an ihr juckendes, nässendes Gesicht zu denken.
Leider half es ihr überhaupt nicht, die Scham zu vergessen. Hatte sie Urvi wirklich gesagt, dass sier schöne Hörner hatte? Hatte sie …
Yanis stöhnt und rollte sich wirklich auf dem Bett in ihrer Decke zusammen.
Sie blieb nur kurz in dieser Position, denn dann fiel ihr etwas ein.
Unwillig rollte sie sich wieder auseinander, nestelte fahrig den kleinen Beutel aus ihrer Umhängetasche und zählte nervös – ihr Mund war so trocken, sie konnte nicht mal richtig schlucken – die kleinen Pastillen. Es gab nicht viel zu zählen. Nur noch fünf. Wie viele waren es vorher gewesen? Sie hatte nur zwei genommen, glaubte sie. Höchstens drei. Aber jedenfalls waren es nur noch fünf.
Sie musste die alte Hexe besuchen. Oder?
Yanis graute davor, sich noch einmal vor ihr erniedrigen zu müssen. Das letzte Mal hatte Ikrezia ihren Säbel verlangt, und …
Aber was sollte sie sonst tun? Sie hatte ja nicht einmal eine Ahnung, was eigentlich in den Pastillen drin war.
Sie war in einer fremden Stadt in einer fremden Welt. Die einzigen Menschen, die wirklich kannte, lebten in einer viele Meilen entfernten Burg und waren auf der Jagd nach ihr. Die nächstbeste Wahl waren zwei Leute, von denen sie sich gerade im Streit getrennt hatte. Und die nächstbeste danach wahr wohl schon Urvi, und egal wie die Sache mit siem ausging, Yanis wollte sie nicht damit beginnen, dass sie sien um Hilfe bei der Suche nach Drogen anbettelte. Schon gar nicht nach sierem Erlebnis mit ihr gestern Abend.
Und so hatte sie am Ende keine Wahl.

**************************

Der Himmel über Lichternach war in dieser Nacht bedeckt und die Feuerbolde boten über der Stadt ein so beeindruckendes Spektakel, dass es eine wahre Schande war, dass Laia kein Iota Aufmerksamkeit dafür erübrigen konnte. Ihr gingen ganz andere Fragen durch den Kopf, oder genauer: eigentlich nur eine.
‚Was jetzt was jetzt was jetzt was jetzt was jetzt?“
Laia wusste gar nicht so richtig, ob es für sie einfacher oder belastender wurde dadurch, dass Aki sich an dem Überfall ihrer Kutsche kaum zu stören schien und sogar erleichtert wirkte, dass nichts wirklich Schlimmes passiert war.
Sie konnte siem das nicht vorwerfen, denn sier wusste ja nicht, dass sehr wohl etwas Schlimmes passiert war. Und sogar wenn sier alles gewusst hätte, hätte sier es wahrscheinlich nicht so schlimm gefunden und sowas gesagt wie ‚Wenigstens wurde niemand verletzt‘, und natürlich stimmte das irgendwie, aber
50 goldene Taler!
Egal. Sie hatte entschieden, sich schnell unter einer nicht sehr liebevoll gestalteten Ausrede von Aki und Narubolan zu verabschieden, um Orno zu besuchen.
Und immerhin hatte sie dabei Glück. Es war zwar mitten in der Nacht, aber Laia sah schon von Weitem den Lichtschein aus den schmutzigen Fenstern des kleinen, ein bisschen schiefen Hauses, und als sie mit dem besprochenen Signal klopfte, öffnete die riesige Hehlerin nach wenigen Sekunden und schien sich sogar ein bisschen zu freuen, sie zu sehen.
„Laia!“
Sie lächelte, so gut sie konnte, was wahrscheinlich immer noch ziemlich sauertöpfisch und angestrengt aussah.
„Orno.“
„Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht!“
Laia zuckte die Schultern.
„Ging mir eigentlich ganz gut, war alles in Ordnung. Ich war mit Aki unterwegs. Wir haben … Abenteuer erlebt“, brachte sie den Satz einfallslos mit einem weiteren Schulterzucken zu Ende.
„Abenteuer?“ Orno hob eine Augenbraue und einen Mundwinkel. „Das klingt, als hättest du was Interessantes für mich?“
Laia verdrehte die Augen.
„Schön wärs. Wobei … Im weiteren Sinne.“
Orno hob die Braue weiter, während der Mundwinkel wieder sank.
„Das klingt jetzt schon nicht mehr so vielversprechend.“
Laia versuchte ein möglichst entwaffnendes Grinsen.
„Ich dachte, ‚interessant‘ wäre der Maßstab!“
Orno wiegte den Kopf von links nach rechts.
„Lass es uns ausprobieren.“
„Ich suche jemanden“, sagte Laia.
Orno verzog das Gesicht, als hätte sie Schmerzen.
„Fängt nicht so gut an.“
„Es ist wirklich wichtig, Orno!“
Orno schürzte die Lippen, verschränkte die Arme, schaute kurz zu dem schmutzigen Fenster, sah dahinter aber nur Finsternis, seufzte und blickte wieder zu Laia zurück.
„Erzähl.“
„Auf dem Weg hierher wurden wir überfallen.“
Orno lachte.
„Es wird besser.“ Ihre Miene wurde ernster. „Aber ich ahne, worauf es hinausläuft, und das ist immer noch nicht gut.“
„Di*er Anführer*in war ungefähr so groß …“
„Nicht gut.“
„Hatte einen Kinnbart, ziemlich offensichtlich, aber so wie die Maske saß, eher keinen kompletten Vollbart.“
„Nicht gut.“
„So ungefähr schulterlange sehr helle weißblonde Haare, eher dünn.“
„Laia-“
„Würde sagen, si*er könnte ungefähr 40 bis 50 gewesen sein, trug Lederrüstungsteile, aber nur am rechten Arm, beiden Oberschenkeln und vor dem Oberkörper, ziemlich tiefe Stimme, recht buschige Augenbrauen, das linke Auge ist ein bisschen weiter offen als das rechte, kräftig-muskulös, sehr …“
„Laia!“
„Nur das eine Mal!“
„Was glaubst du, was es für Leute wie mich für Konsequenzen hat, wenn wir unsere Kund*innen verraten?“
„Niemand würde davon erfahren!“
„Du würdest davon erfahren, und ich würde davon erfahren. Das sind schon zwei zu viel.“
„Si*er hat mich ausgeraubt!“
Orno zuckte die Schultern.
„Wir alle verdienen irgendwie unseren Lebensunterhalt.“
„Fünf Goldtaler.“
Ornos Augen wurden noch größer, als sie ohnehin schon waren.
„Was hat si*er dir denn weggenommen, um aller Göt*innen Willen?“
„Etwas, das mir emotional sehr wichtig ist“, log Laia eiskalt, ohne zu zögern. Sie hatte sich die Lüge vorher überlegt, mit allem Für und Wider, und auch auf das Wider, das jetzt gleich unweigerlich kommen würde, hatte sie sich vorbereitet.
„Warum kannst du dann fünf Taler bezahlen? Woher hast du fünf Taler?“, kam unweigerlich das Wider.
„Was?“, fragte Laia in übertrieben gespielter Beleidigung. „Traus du’s mir nicht zu? Ich könnte sie geklaut haben!“
Orno zuckte die Schultern, sah sie aber weiterhin skeptisch an.
„Ich hab sie von Aki bekommen, für die Arbeit, wegen derer ich mit siem unterwegs war.“
„Zehn“, sagte Orno.
Laia lachte auf, sehr viel weniger übertrieben gespielt.
„Komm schon“, sagte sie. „Woher soll ich denn zehn Taler haben?“
Ornos rechte Mundwinkel zog sich wieder nach oben.
„Was?“, fragte die Hehlerin. „Traust du’s dir nicht zu? Du könntest sie geklaut haben.“
Laia verdrehte die Augen.
„Ich hab keine zehn. Außerdem sind zehn Taler völlig lächerlich für einen kleinen Hinweis. Fünf sind schon zu viel, aber ich weiß, wie ernst du deine Berufsehre nimmst, deshalb hab ich mich nicht getraut, dir mit weniger zu kommen. Ich kanns mir eigentlich nicht leisten, aber ich habe keine Wahl. Wirklich, es würde mir so viel bedeuten und ich schwöre, dass ichs niemandem verraten werden, egal was passiert.“
Orno sah ihr eine Weile nachdenklich in die Augen und seufzte schließlich, und sank dabei sichtlich in sich zusammen, eher resigniert als traurig.
„Was genau willst du wissen?“
„Wer ist es, und wo finde ich si*en?“

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