von oben (4)


Weiter gehts! Läuft echt gut, hab schon über 100 Seiten, habe großen Spaß. Hoffe, für euch ist es auch okay.

Viel Vergnügen!

Marni und Ebru mochten zum Glück beide ihr Wasser ganz gerne ohne Kohlensäure. Der Raum, in den die*der rothaarige Polizist*in sie führte, wirkte wie eine Besenkammer, die jemand einfach nur ausgeräumt hatte, um dann einen Tisch mit Computer und ein paar Stühle reinzustellen. Wahrscheinlich, weil er genau das war. Nicht mal die schlichte Feuchtraum-Röhre an der Decke als Beleuchtung hatten sie gegen irgendwas Netteres ausgetauscht.

Immerhin stand auch keine Schreibtischlampe auf dem Tisch.

Die*der Polizist*in nahm vor dem Computer Platz, gestikulierte in Richtung der Stühle, schaute auf Marnis Rollstuhl und murmelte: „Äh, soll ich Ihnen …“

„Schon gut.“

Marni schob einen der Stühle zur Seite und positionierte sich ihr gegenüber. Ebru blieb schräg hinter Marni stehen.

„Also dann…“, begann die*der rothaarige Polizist*in, angestrengt auf den Monitor schauend, während sie darauf herumklickte. Marni und Ebru saßen ihr natürlich gegenüber und konnten ihn deshalb nicht sehen. „Die Namen bitte. Oder den Namen, falls nur eine von Ihnen aussagen will?“

Marni hätte sich das gegenüber den beiden Typen nicht getraut, aber eigentlich hatte sie sich vorgenommen, es sich anzugewöhnen und es nicht mehr peinlich zu finden, deshalb sagte sie: „Ich heiße Marni Wolter, und meine Pronomen sind sie/ihr. Ich bin weiblich.“

 Die*der Polizist*in drehte sich von dem Monitor weg und schaute Marni halb verblüfft, halb amüsiert an.

„Das … Wow, ich wusste gar nicht, dass es das gibt“, sagte sie. „Meine Tochter würde Sie lieben!“ Sie zögerte und biss sich auf die Unterlippe. „Nein, Scheiße! Nicht meine Tochter. Vergessen Sie das, das war falsch. Lina würde Sie lieben.“

Marni lachte freundlich auf.

„Okay.“

„Ebru Yalçin, auch sie/ihr.“

Ebru war es eindeutig noch ein bisschen peinlich, aber immerhin machte sie mit.

„Tja, ich schätze… Ich bin dann Romy Mendel, auch so. Ähh…“

Sie klickte weiter unentschlossen herum, bevor sie zu tippen anfing, die Finger immer wieder suchend über der Tastatur kreisend.

„Ich denke, so geht das“, sagte sie schließlich. „Und … Sie werden auf Twitter bedroht?“

Marni atmete tief durch.

„Ich werde nicht auf Twitter bedroht“, sagte sie. „Ich werde ganz real bedroht, mit ganz echter Gewalt, von jemandem, der – und ich glaub, das ist kein generisches Maskulinum – meine Telefonnummer rausgefunden hat und uns beobachtet, hier, in Dorsum.“

„Kein was?“, fragte Romy Mendel.

„Generisch… Ach ich mein bloß, dass ich vermute, dass das wirklich ein Mann ist, aber ich weiß es natürlich nicht.“

„Warum vermuten Sie das denn?“, fragte die Polizistin.

„Naja, weil es zwar vorkommt, dass Frauen oder andere FLINTA einander bedrohen und misogyn beleidigen, aber es ist halt viel seltener, als dass es Typen machen.“

Die Polizistin nickte nachdenklich.

„Misogyn weiß ich“, sagte sie, und Marni hätte es fast niedlich gefunden, dass sie dabei ein bisschen stolz klang. Fast. Wenn es ein*e Schüler*in gewesen wäre oder so. Vielleicht sogar, wenn es ein Elternteil gewesen wäre, oder ein*e Kolleg*in. Aber weil es eine Person war, deren Job hätte sein sollen, andere zu beschützen vor genau der Form von Gewalt und Hass, von der sie offensichtlich nur ganz vage irgendwie mal nebenbei was gehört hatte, schaffte sie es nicht ganz. „Aber was sind denn FLINTA?“

Ja gut, andererseits musste Marni zugeben, dass es auch echt unnötig gewesen war, die Polizistin so zu überfordern, die immerhin bisher noch nicht offen feindselig wirkte wie ihre beiden Kollegen. Vielleicht sollte sie nicht so sehr die abgehobene Akademikerin raushängen lassen … Sie konnte ja schlimm finden, dass ausgerechnet Polizist*innen von sowas nicht nur keine Ahnung hatten, sondern sich aktuellen Erkenntnissen in dem Bereich aktiv verweigerten, und trotzdem anerkennen, dass es nun mal so war, und sich entsprechend verhalten. Wenn es halt sein musste.

„Entschuldigung“, sagte sie. „Also, das sind Frauen und nicht binäre Personen, Intersex, Agender, also im Grunde alle, die keine cis Männer sind.“

„Boah“, sagte Romy Mendel. „Wenn das nicht so furchtbar unangemessen wär, würd ich Sie zum Abendessen einladen, Lina würde mir dafür die Füße küssen. Und Ihnen erst recht. Ich glaub, sie würde einfach den ganzen Abend unter dem Tisch verbringen.“

„Können wir dann vielleicht wieder über die Straftaten reden, wegen derer wir hier sind?“, fragte Ebru.

Und Marni stimmte ihr eigentlich mit vollem Herzen zu, war sich aber andererseits nicht sicher, ob es klug war, jetzt ausgerechnet diese Person auch noch zu verprellen. Schade, ungerecht, furchtbar, aber die Machtverhältnisse waren doch nun mal so, wie sie waren, und sie hatten sich nun einmal entschieden, herzukommen, und …

„Wenn wir die Sache hinter uns haben, freuen wir uns aber, Lina mal kennen zu lernen, wenn Sie meinen, dass sie sich freut“, sagte sie deshalb, so freundlich sie konnte. „Warum nicht?“, fragte sie mit einem kurzen warnenden Blick zu Ebru.

Ebru zuckte mit einem ‚Was denn? Ist doch wahr!‘-Blick die Schultern.

„Naja aber Ihre Freundin hat ja Recht“, sagte Romy Mendel. „Tut mir leid. Ich bin nur… Naja egal. Also, Sie werden bedroht.“

„Ja.“

Marni zeigte der Polizistin ihr Handy. Mendel beugte sich vor und spähte mit zusammengekniffenen Augen auf das Display, griff aber immerhin nicht nach dem Gerät.

Sie tippte, glich noch mal mit dem Handy ab und nickte.

„Verstehe, dass Ihnen das Angst macht“, sagte sie.

„Scheißegal, ob uns das Angst macht“, sagte Ebru.

Marni warf ihr noch einen Blick zu. Ebru warf einen zurück.

Dadurch verpassten sie beide die Reaktion der Polizistin. Danach saß sie aber jedenfalls mit verschränkten Armen vor ihrem Monitor und schaute zerknirscht-nachdenklich zwischen ihnen hin und her.

„Was hab ich Ihnen denn getan?“, fragte sie.

Ebru stieß ein verächtliches Schnauben aus.

„Ja klar …“, sagte die Polizistin. „ACAB, ne? Warum frag ich überhaupt …“

„Wetten, sie sagt gleich, dass das ja das gleiche ist wie Rassismus?“, fragte Ebru.

„Meine Güte“, erwiderte Marni, „Was soll denn das jetzt! Du wolltest doch auch, dass wir hierher gehen!“

„Ja aber von katzbuckeln hab ich nichts gesagt! Ich treff mich doch nicht privat mit der!“

„Ey! Und übrigens ist ‚Bastard‘ auch kein gutes Wort – soll ich Ihnen erklären, warum?“

Ebru  schaute auf die Polizistin herab und artikulierte übertrieben deutlich: „B-erufs-unfä-hig.“

Marni rechnete fast damit, dass es jetzt laut werden würde oder so, aber zu ihrer Überraschung lachte die Polizistin auf, senkte den Kopf, legte eine Hand über die Augen und sagte:

„Wenn Sie wüssten …“

„Naja, Sie werden ja sicher professionell genug sein, unsere Anzeige unabhängig davon aufzunehmen, ob Sie uns persönlich gut leiden können oder nicht? Wir müssen dafür nicht Ihre Buddies sein, oder?“

„Boah Ebru, lass doch einfach gut sein!“, sagte Marni schließlich doch noch. „Wir bringen das jetzt hinter uns und dann gehen wir und dann ist gut.“

„Okay“, sagte Ebru.

„Okay, sagte die Polizistin. „Ich vermute, Sie geben mir Ihr Handy nicht für eine genauere Untersuchung?“

Ebru lachte auf, sagte aber immerhin nichts.

„Lieber nicht“, antwortete Marni.

„Dann geben Sie mir vielleicht die Rufnummer von dem Account, der Ihnen geschrieben hat, die sehen Sie doch, oder?“

„Ja.“

„Und … Ihren eigenen Benutzernamen auf Twitter, und den von dem Account oder den Accounts, die Ihnen Nachrichten geschickt haben. Ich sprech dann mal mit … unseren Experten, was wir da machen können.“

Marni hatte eine ungefähre Vorstellung, was die ‚Experten‘ da sagen würden. Wahrscheinlich auch kein generisches Maskulinum. Sie bereute, hergekommen zu sein. Aber sie würde es jetzt zu Ende bringen.

„@vergessenaufraedern“, sagte sie, „Ist meiner. Mit A-E natürlich. Geht ja nicht anders.“

„Vergessenaufrädern…“, notierte die Polizistin mit einem Halbschmunzeln und einer fast gehobenen Augenbraue.

„Mir ist damals nichts Besseres eingefallen“, sagte Marni.

„Och, der ist doch gut. Bisschen traurig, aber … egal. Wir wollten ja bei der Sache bleiben. Also erzählen Sie mal, am besten ganz von Anfang an.“

Und das tat Marni dann auch.

Die Polizistin tat ihr Bestes, ihnen zu vermitteln, dass sie die Sache ernst nahm und sich drum kümmern würde, aber ihr Bestes war wirklich nicht besonders gut. Sie versprach immerhin, ab und zu mal bei ihrer Ferienwohnung vorbeizuschauen und nach dem Rechten zu sehen, aber Marni verließ das Gebäude trotzdem mit dem sehr klaren Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Das hatte sich echt nicht gelohnt.

„Weißt du, du musst dich auch nicht dauernd einmischen, auch wenn du’s gut meinst“, sagte sie zu Ebru, als sie weit genug weg waren, um sicher zu sein, dass kein*e Polizist*in sie mehr sah oder hörte.

„Was heißt einmischen?“, fragte Ebru. „War ich dabei in dem Gespräch oder war ich nicht dabei?“

„Naja, es ist aber im Kern meine Sa-“

„Werden wir beide bedroht oder nur du?“

„Na gut, da hast du auch wieder Recht. Aber es war ja auch nicht so, als hättest du besonders konstruktiv dazu beigetragen, dass wir Hilfe bekommen.“

„Hm. Immerhin hab ich keine Stiefel zum Abendessen eingeladen.“

„Ich hab sie doch gar nicht-“

„Stimmt, es war noch nicht besprochen, wer bezahlt.“

„Ach Mensch, ich wollte doch nur … Ich dachte halt, dass es vielleicht vernünftig wäre, nicht direkt einen Streit anzufangen mit der Person, die wir gerade um Hilfe bitte und der einzigen da, die immerhin halbwegs anständig mit uns umzugehen bereit war.“

„Und ich soll dann bitte dankbar und lieb sein, weil sie nur halb unanständig ist und nur ein bisschen Scheiße mit uns umgeht oder wie?“

„So schlimm fand ich sie jetzt echt nicht …“

„Marni!“

„Nee, so mein ich das doch nicht! Ich meinte bloß, dass es auszuhalten war und dass wir das realistisch sehen müssen. Nee, das mein ich auch nicht, du siehst das ja nicht unrealistisch, Entschuldigung. Ich fand halt einfach, dass du an ein paar Stellen auch nicht unbedingt auf sie hättest losgehen müssen.“

„Interessante Metapher, wenn sie die mit der Macht und der Pistole und dem Schlagstock ist.“

„Ich versteh dich ja. Du hast recht. Tut mir leid. Und ich muss ja sogar zugeben, dass es auch so einigermaßen geklappt hat.“

„Ja danke auch.“

„Ebru …“

„Ja. Du kannst ja auch nichts dafür. Eigentlich. Aber ich hätte mir von dir ein bisschen Solidarität gewünscht, und dann widersprichst du mir auch noch, vor der. Das hätte auch echt nicht sein müssen.“

Marni hatte aufrichtig keine Ahnung. Sie sah keine Möglichkeit, sinnvoll zu beurteilen, wer von ihnen beiden sich hier falsch verhalten hatte, oder ob vielleicht beide, oder keine, oder …? Weil sie komplett verstand, was Ebru meinte, aber eigentlich schon fand, dass sie selbst Recht hatte? Aber dann war sie halt auch nicht von Rassismus betroffen und hatte bisher keine eigenen schlechten Erfahrungen mit der Polizei, naja gut, keine richtig schlechten zumindest, aber schon während sie das dachte, wurde ihr klar, dass ihre letzte schlechte Erfahrung mit der Polizei keine zehn Minuten zurücklag und sie vielleicht mal überlegen sollte, woran es lag, dass sie trotzdem sowas denken konnte, und was das über ihre Position in diesem Streit aussagte, und … Jo.

„Okay“, sagte sie. „Tut mir leid, du hast Recht. Das hätte ich nicht machen sollen. Wollte ich eigentlich auch nicht. Mach ich auch nicht wieder. Ich hatte in dem Moment Angst, weil wir hier glaubich echt in Gefahr sind und ich das Gefühl hatte … Aber das war falsch. Und es tut mir leid.“

„Danke“, murmelte Ebru. „Danke. Ist gut. Ich hab vielleicht auch ein bisschen … Und es ist ja auch wirklich deine Entscheidung. Ich mein, wenn du dich wirklich mit … dieser anderen Person treffen willst, wer auch immer die jetzt ist, halt ich dich natürlich nicht auf, aber geh bitte nicht mit ner Polizistin essen.“

Marni lachte und nickte.

„Ist gut.“

Als sie zu Hause ankamen, sah Marni, dass sie auf Twitter eine neue Followerin hatte, @SeeH000nd. Der angepinnte Tweet lautete: „Fährt kein Bus, deshalb nicht da – armes-Dorfkind-Antifa“

Wenn sie ein bisschen weiter runter scrollte, fand sie neben dem üblichen Quatsch und diversen allgemeinen Antifa-Tweets und Retweets hin und wieder auch Erfahrungsberichte einer wohl eher jungen Person, die sich gerade als nicht binär in einer sehr binären Dorfgesellschaft zurecht zu finden versuchte. Zwar wurde wenig überraschend nirgends ausdrücklich erwähnt, dass die Mutter der Person Polizeibeamte war, aber Marni hatte trotzdem einen Verdacht, wer das sein könnte, deshalb erzählte sie Ebru erst mal lieber nichts davon und machte stattdessen das Abendessen.

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