Magnaflux (14)


Alle Wünsche sind verarbeitet. Solls trotzdem weitergehen?

Ihr dürft entscheiden.

#Demokratie #Rechtsstaat #Liebe #PulseOfEurope

14.
14.1
Agata wischte immer wieder die Hände an ihrem Habit ab, während sie mit Otto wartete. Durch die Kälte war das Gefühl, vor Nervosität fortwährend zu schwitzen, besonders unangenehm, und der kleine Kohleofen in der Kutsche, wenn auch sicher eine beeindruckte Ingenieursleistung, machte die Situation nicht besser. Tatsächlich hätte sie, alles in allem, wahrscheinlich am liebsten darauf verzichtet, denn der Restrauch, der nicht durch den Schornstein abgeführt wurde, reizte ihren Hals und verklebte ihre Nase, und die Metalloberfläche schaffte es, gleichzeitig unangenehm intensive Hitze abzustrahlen, ohne aber die beißende Kälte wohltuend zu lindern.
Immerhin redete Otto nicht, sondern starrte einfach nur angestrengt aus dem Fenster, als ob er durch das milchige grünliche Glas irgendetwas hätte erkennen können. Sicher war er einfach nur stolz darauf, Glasscheiben an seiner Kutsche zu haben.
Agata fand es tatsächlich milde beeindruckend, denn sie hätte getippt, dass Glasfenster erst ab dem 15. Jahrhundert oder so in Deutschland verbreitet waren. Vielleicht würde sie es nachschlagen, wenn sie wieder zurück in ihrer eigenen Zeit war.
Wenn.
Jetzt kam plötzlich Bewegung in den Kaiser. Hatte er doch etwas gesehen? Agata gelang es, durch das Glas eine undeutliche, sich aber zweifellos bewegende Form auszumachen.
Otto öffnete die Tür und verließ den Fahrgastraum. Kaum hatte er sie hinter sich geschlossen, erschien General Shaw.
„Hat er was gefunden?“, fragte Agata.
Shaw nickte, mit einer gehobenen Augenbraue und merkwürdig schiefem Mund.
„Was?“
„Es ist völlig absurd“, antwortete die Generalin. „Er hat ein Nugget gefunden, das aussieht, als bestünde es aus reinem Gold. Es lag einfach so auf dem Boden, nicht mal dreckig, und ungefähr so groß wie ein Gänseei.“
„WAS?“
„Ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich es nicht gesehen hätte. Ich habe so einen Verdacht, dass unsere … Freunde dahinterstecken.“
„Wenn Sie davon absehen könnten, die rätselhafte skrupellose Macht, die mich erklärtermaßen nur als Werkzeug benutzen und dann unabhängig vom Ergebnis ermorden will, als unsere Freunde zu bezeichnen, fänd ich das supernett.“
„Entschuldigung. Es scheint aber so, als hätten sie uns in diesem Fall zumindest geholfen, wenn auch auf etwas grobschlächtige Art.“
„Geholfen, ja… Naja. Solange ich am Ende irgendwie hier rauskomme, soll mir alles Recht sein, und wenn Otto halt Freude an seinem goldenen Ei hat, soll er es doch kriegen. Ich geh da jetzt raus und mach meine Arbeit.“
„Die, von der Sie gerade sagten, dass Sie unabhängig vom Ergebnis ermordet werden, nachdem Sie sie gemacht haben?“
Agata schob den Unterkiefer vor und starrte Shaw mit eng zusammengezogenen Brauen an.
„Was?“, zischte sie. „Sie haben mir doch selbst geholfen, so weit zu kommen? Haben Sie eine bessere Idee? Oder nörgeln Sie jetzt nur, um zu nörgeln?“
„Ich schlage nur vor, dass Sie nicht zu schnell handeln, um uns mehr Zeit zu geben, eine Lösung zu finden.“
„Was für eine Lösung soll das sein?“
„Ich sage nur, dass wir nichts überstürzen sollten, solange wir noch nicht genug Informationen haben. Wir wissen nicht, wer die fremde Macht ist, was ihre Ziele sind, ob sie uns die Wahrheit sagt, ob sie überhaupt existiert, oder ob der … Agent, der mit Ihnen Kontakt aufgenommen hat, auf eigene Faust operiert. Wir können uns nicht einmal sicher sein, ob sie uns überhaupt noch beobachtet.“
„Oooh….“, sagte eine unangenehm vertraute Kinderstimme, „Wann kann man sich schon mal über irgendwas wirklich sicher sein?“
Agata zuckte zusammen, und ihr Kopf rotierte hektisch auf der Suche nach der Quelle der Stimme. Shaw gelang es besser, ihre Contenance zu wahren, aber auch ihr Blick schwirrte durch den beengten Innenraum der Kutsche.
Vergeblich. Kai war nirgends zu sehen.
„Ich bin noch da“, sagte er aus dem Nichts, in einem leisen, getragenen Ton, als wäre er traurig darüber. „Ich werde immer noch da sein, auch wenn sich an euch niemand mehr erinnert und eure ganze Zivilisation vergangen, eure Sonne verglüht und eure Galaxis so weit expandiert ist, dass man seine Nase nicht mehr sehen kann, weil sie sich mit Überlichtgeschwindigkeit von den Augen entfernt. Ich werde immer da sein. Und wenn ihr eure Nasen noch eine Weile in der ungefähren Nähe eurer Augen behalten wollt, dann vergesst es nicht.“
Shaw stand auf und steckte ihren holografischen Kopf durch das Dach der Kutschenkabine. Agata konnte an der Bewegung ihres Oberkörpers erahnen, dass sie sich umsah, dann beugte sie sich wieder zu Agata hinab.
„Er ist nirgends zu sehen.“
Agata erfreute sich kurz an dem Gedanken, dass sich sogar Shaw offensichtlich nicht überwinden mochte, unter der Kutsche nachzusehen, obwohl sie sich natürlich genau so mühelos dorthin begeben konnte wie überall anders hin, und nicht in physischer Gefahr w…
„So besser?“
Agata zuckte zusammen und schnellte zurück, sodass sie sich den Hinterkopf am Holz der Kabine stieß.
Plötzlich saß Kai ihr gegenüber. Er lächelte so angeberisch und überheblich, wie es nur ein Zwölfjähriger konnte, offensichtlich hoch zufrieden mit seinem kleinen Streich.
Als Agata ihren Schreck überwunden hatte, ärgerte sie sich zuerst kurz, dass sie Shaws Gesichtsausdruck nicht rechtzeitig beachtet hatte. Jetzt war die Generalin wieder gefasst, auch wenn sie nicht ganz verbergen konnte, wie unangenehm es ihr war, neben Kai zu sitzen, Hologramm oder nicht.
„Ist alles klar?“, fragte der Junge.
„Ja. Klar“, antwortete Agata kleinlaut.
Shaws Kiefermuskulatur sah für einige Sekunden aus, als würde sie gleich die eigenen Zähne zerbeißen.
„Klar“, presste sie schließlich doch noch hervor.
„Gut“, sagte Kai. „Dann können wir ja an die Arbeit gehen.“
Er streckte einen Arm aus und legte ihn auf Shaws Schulter – und nun bekam Agata doch noch die Genugtuung, zu sehen, wie die Augen der Generalin größer wurden und die Farbe aus ihrem Gesicht wich, als der Stoff unter der Berührung nachgab und sie seine Hand tatsächlich fühlte.
Er war in der Bilderkammer. Er war gar nicht hier. Agata seufzte, halb erleichtert, halb verzweifelt.
„Dann … gehe ich jetzt an die Arbeit“, sagte sie, und konnte dabei nicht ganz leugnen, dass sie es genoss, zuzusehen, wie Shaw sich zwang, ihr keinen bittenden Blick zuzuwerfen, damit Agata sie nicht mit Kai alleine ließ.
Als sie die Hand an die Tür gelegt, den Hebel gezogen und die Kutsche geöffnet hatte, packte sie dann aber doch das schlechte Gewissen. Sie hielt inne und drehte sich noch einmal um.
Shaw saß immer noch mit versteinerter Miene da, Kai hatte den Kopf schief gelegt und schaute nachdenklich-vorfreudig-vergnügt zu der Generalin auf.
„Wir brauchen sie noch“, sagte Agata.
Shaw schaute sie mit einer beinahe überrascht gehobenen Augenbraue an, während Kai fragte:
„Wirklich?“, kaum, dass sie zu Ende gesprochen hatte, „Wofür?“
„Sie ist die einzige Unterstützung, die ich überhaupt habe.“
„Was ist mit mir?“, fragte Kai.
Sie sah ihn an.
Er grinste zurück.
Sie sah ihn an.
Er zuckte die Schultern und nickte.
„Wo warst du eigentlich?“, fragte sie ihn.
Sein Lächeln verschwand, und er machte eine abwinkende Handbewegung.
„Machen Sie Ihre Arbeit“, sagte er, und plötzlich klang er wieder gar nicht mehr wie ein Kind.
Sie wagte nicht, länger zu zögern, und kletterte aus der Kutsche. Die Kabine neigte sich bedenklich weit in ihre Richtung, als sie ihr Gewicht auf das schmale Trittbrett verlagerte, und sie dachte ein bisschen beleidigt, dass sie gar nicht so schwer war.
„Ehrwürdige Schwester!“, begrüßte Otto sie, und sie konnte in seinem Gesicht erkennen, dass er zufrieden war.
Agata war nicht völlig sicher, ob sie das erleichterte oder nicht, aber nun war es so.
Huldvoll ergriff sie seine ihr dargebotene Hand.
„Eure Kaiserliche Majestät.“
„Ehrwürdige Schwester, erlaubt Ihr mir, um Eure …“
Ein bläulicher Nebel, in dem entfernte lautlose Blitze zuckten, legte sich über Agatas Sicht, und für einen unendlichen Moment schwand ihr Bewusstsein.

14.2
„Jigeul jigeul han deoun nalssineun gyesoghaeseo geu kkeunjeog kkeunjeoghan geulib-eseo hangug-idoemyeo nameoji jumal-edo geuleohge hal geos-ibnida daebubun-ui hangug-indeul-eun jugan choego gion-i seobssi do-eseo do-e ileuneun yeolpung juuibo mich gyeong-goleul silsihago issseubnida.“
Agata blinzelte verwirrt, schaute sich um, spürte etwas Unerwartetes, schaute an sich herab, und sah das Maschinengewehr, und den Flecktarnanzug, die Stiefel, und das Koppel mit den verschiedenen Werkzeugen und der Handfeuerwaffe.
Sie hörte die Worte der blechernen Stimme aus dem riesigen Lautsprecher, und begann, sie zu verstehen. Es war Koreanisch. Es war … der Wetterbericht?
„Was…? Was ist…?“
Neben ihr stand ein Mann, der auch ein Maschinengewehr in der Hand hatte, und einen Feldanzug trug.
Nein.
Es war gar kein Mann. Es war ein Junge, ungefähr zwölf Jah- Es war natürlich Kai.
„Was ist das hier?“
„Die koreanisch-koreanische Grenze“, antwortete Kai. „Sie sind hier, um die Lautsprecher zu manipulieren. Ich gebe Ihnen den Text, den Sie …“
„Oh Mann.“

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