unter schwarzen Schwingen


War einst eine alte Frau,
vielleicht nicht weise, aber klug.
Ihr Haar nicht weiß, aber schon grau,
von den Jahren, die sie sie trug.

War ein kleines Haus im Wald,
das sie von eigner Hand errichtet.
Das Haus war warm, wenn’s draußen kalt,
und vor Regen abgedichtet.

War eine Rabenschar beim Haus,
Und jeden Morgen streute
sie Saat für die Raben aus,
was diese sehr erfreute.

An manchen Tagen brachte ihr
ein besonders großer Rabe
ein kleines, totes Nagetier.
als dankbare Gegengabe.

Über uns auf schwarzen Schwingen kreisen Raben, suchen Aas.
Wir freuen uns ihres Gefieders, hoffen für sie, sie finden was.
Sei es Maus oder auch Reh, großes oder kleines Tier,
wir gönnen ihnen gern ihr Mahl. Wir wünschen nur, es sind nicht wir.

War ein Dorf am Waldesrand,
Nicht sehr groß, aber apart.
Ein Vogt herrschte übers Land,
vielleicht nicht böse, aber hart.

Kam ins Dorf ein junger Mann,
nicht sehr klug, doch äußerst schön.
Sah ihn des Vogtes Tochter an,
Und um beide wars geschehn.

Der Vogt, selbstsüchtig, doch nicht dumm,
sah auch nicht schlecht, er war nicht blind,
So kam er nicht drum herum
zu sehen: Seine Tochter trug ein Kind.

War ein Herzog in der Fern.
Er war nicht schön, doch hatte Gold.
Und der Vogt wollte so gern,
dass sie ihn ehelichen sollt.

Nun war sie keine Jungfrau mehr,
würde bald ein Kind gebärn,
Und so zürnte der Vogt ihr sehr.
Er wollt‘ des Herzogs Gold so gern.

War auch der Vogt ein reicher Mann,
fand er doch: Nicht reich genug!
So brauchte der Vogt einen Plan
gegen das Kind, das sie nun trug.

Über uns auf schwarzen Schwingen kreisen Raben, suchen Aas.
Wir freuen uns ihres Gefieders, hoffen für sie, sie finden was.
Sei es Maus oder auch Reh, großes oder kleines Tier,
wir gönnen ihnen gern ihr Mahl. Wir wünschen nur, es sind nicht wir.

Ging des Vogts Tochter in den Wald,
sprach: „Hexe, hör, ich trag ein Kind.
Ich will, dass es stirbt, und bald.
Brau mir einen Trank geschwind!“

Die alte Frau war hilfsbereit,
Sie nickte, und sie sprach: „Es sei.“
Der Trank wirkte nach kurzer Zeit.
Des Vogtes Tochter war nun frei.

Die junge Frau dann aber schlich
Zurück zum jungen Mann.
Er fuhr sie an: „Maid, sprich!
Was wird aus uns? Sag an!“

Sie gestand ihm alles gleich,
er war außer sich vor Wut.
Er wurde rot, er wurde bleich.
Er schlug sie, und nahm seinen Hut.

War ein kleines Haus im Wald,
das der schöne Mann besuchte.
„Hexe, komm raus, na los, wirds bald!“
brüllt er, klopft‘ an die Tür, und fluchte.

„Weib, du tötetest mein Kind!“
Er packte sie, und hob sie
schüttelte sie, und würgte sie,
behandelte recht grob sie.

„Ihr Kind, ihr Körper, ihr Entschluss!“
Seine Gewalt ertrug sie.
Das bereitete ihm Verdruss,
Er holte aus – erschlug sie.

Über uns auf schwarzen Schwingen kreisen Raben, suchen Aas.
Wir freuen uns ihres Gefieders, hoffen für sie, sie finden was.
Sei es Maus oder auch Reh, großes oder kleines Tier,
wir gönnen ihnen gern ihr Mahl. Wir wünschen nur, es sind nicht wir.

Ihr Körper war noch nicht ganz kalt,
als die Rabenschar sie fand.
Die schwarzen Vögel fraßen bald
den Stoff, aus dem ihr Leib bestand.

Des Vogts Tochter ward gefunden
in einem nahen Fluss.
Von Strom und Fisch und Stein geschunden
Zu des Vogts Verdruss.

Er hatte nur das eine Kind,
so scheiterte sein Plan.
„Mach dich auf den Weg und find
den Strolch“, wies er die Häscher an.

Der schöne Mann war schnell gefasst,
Er kam nicht aufs Schafott.
Er wurd ersäuft, dann am Palast
ausgestellt, zum Spott.

Flog eine Rabenschar hinab,
sich an ihm zu ergötzen.
Biss ihm Ohr’n und Augen ab
und hackte ihn in Fetzen.

So fand der alten Hexe Seel‘
schlussendlich ihre Rache?
fragt ihr, doch ihr geht fehl.
Ihr missversteht die Sache.

Über uns auf schwarzen Schwingen kreisen Raben, suchen Aas.
Wir freuen uns ihres Gefieders, hoffen für sie, sie finden was.
Sei es Maus oder auch Reh, großes oder kleines Tier,
wir gönnen ihnen gern ihr Mahl. Wir wünschen nur, es sind nicht wir.

Hier endet nichts für niemand gut,
Na gut, doch, für die Raben.
Der Vogt hat nur noch seine Wut,
wo sie die Augen haben.

Und alle andern sind nun tot,
das ist kein schönes Ende.
Ich enttäusch euch, ohne Not,
und reibe mir die Hände.

Und die Moral von alledem,
habt ihr euch sicher schon gedacht:
ist, das mach ich mir sehr bequem:
dass Rache nichts gut macht.

War ein kleines Haus im Wald,
verlassen nun, und leer,
darinnen ists, wie draußen, kalt.
Niemand Kluges wohnt dort mehr.

War eine alte, kluge Frau,
nichts half ihr ihr Verstand.
Ihr Geist war scharf, ihr Haar war grau,
tot durch des Dummkopfs Hand.

War ein junges Liebespaar,
nicht sehr klug, doch schön.
Die Welt verschlang es ganz und gar.
Es ist um sie geschehn.

War ein reichter Vogt, der dacht‘
er könnt noch reicher sein.
Auch ihm hat Klugheit nichts gebracht.
Er lebt verbittert und allein.

Über uns auf schwarzen Schwingen kreisen Raben, suchen Aas.
Wir freuen uns ihres Gefieders; hoffen für sie, sie finden was.
Sei es Maus oder auch Reh; großes oder kleines Tier,
und so sehr wir es bedauern, wissen doch: Schon bald sinds wir.

Uns zeigt diese Geschichte so,
dass ihr es mir nicht vergesst,
ich schreib es euch: Homo
homini lupus est.

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