Yanis (34)


Vorletztes Kapitel! Aber keine Sorge, die nächste Geschichte ist schon in Vorbereitung.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, wähend Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Im 27. Kapitel lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, Yanis wird von den Abenteurer*innen angesprochen, die Icara verprügelt hat, und die Gräfin redet mit Laia.
Im 28. Kapitel führt Yanis auf dem Weg zum Turnier das Gespräch mit den Abenteurer*innen zu Ende, die sie anheuern wollen, und Laia bricht vom Schloss auf, um Yanis in die Falle der Gräfin zu locken. Dabei trifft sie in Yanis‘ Zimmer im Gasthaus eine*n Kolleg*in der beiden Abenteurer*innen.
Im 29. Kapitel kommt Yanis wieder bei der Person hinter dem Schreibtisch an, um am Turnier teilzunehmen. Sie wird in einen kleinen Raum geschickt, um sich vorzubereiten und erfährt von einem*r Knapp*in, dass eine Zeremonie geplant ist, an der sie ganz sicher nicht teilnehmen wird. Sie nimmt das nicht so gut auf. Wenig später trifft Laia mit Srechz ein.
Im 30. Kapitel vertreibt Yanis Srechz und bricht dann mit Laia zusammen zum Schloss auf.

Im 31. Kapitelunterhalten die beiden sich auf dem Weg über dies und das und Linsenpfanne und kommen schließlich beim Schloss an.
Im 32. Kapitel kämpft Yanis gegen Icara und vertreibt die Comentur. Und wir erfahren, wie Yanis und Icara einander kennengelernt haben.
Im 33. Kapitel besiegt Yanis im Shiu’Jurom die restlichen Wachen der Gräfin, und Aki tut sier Bestes, während der anschließenden Verhandlungen zu verbergen, wie erschöpft sie ist, und dass die Gräfin damit eigentlich wieder die Oberhand hätte.
Was heute geschieht

Die Gräfin keifte irgendetwas, und di*er Untote hatte plötzlich Bolas in der Hand, zögerte noch, und Yanis machte sich bereit, auszuweichen, und si*er warf – und die Zeit schien in diesem Moment stehen zu bleiben.
Yanis spürte die Berührung Shius, und es war – zu viel für Worte. Zu viel auf einmal. Sie fühlte sich mit einem Schlag wieder angenommen, zugehörig, sicher, furchtlos, ohne Zweifel und Sorgen. Auf einmal musste sie wieder genau, was ihr Zweck war, ihre Mission. Auf einmal hatte sie wieder Kraft, einen gewaltigen Vorrat, der aus einer unerschöpflichen Quelle ständig nachsprudelte. Auf einmal spürte sie die Wunden nicht mehr, die Icara ihr zugefügt hatte.
Nicht einmal die inneren.
Auf einmal war da diese göttliche Macht in ihr, diese göttliche Gewissheit, die schiere Freude, Shiu zu dienen und ihre Feind*innen zu zerschmettern.
Yanis wollte laut lachen und laut weinen und triumphierend schreien und sich brüllend auf den Feind stürzen.
Mit Leichtigkeit trat sie zwischen den wie durch Melasse lachhaft träge auf sie zu wirbelnden Bolas hindurch und durchtrennte mit der Waffe eines der Seile.
‚Shiu!‘, rief sie im Stillen, wie ein Stoßgebet, aber in der gleichzeitig fassungslosen und völlig zweifelsfreien Gewissheit, dass es gehört und beantwortet werden würde, ‚Ich bin dein! Gib mir Kraft!‘
‚Ich weiß, meine Tochter‘, antwortete die Göttin. ‚Vergiss es niemals.‘
‚Niemals!‘, antworte Yanis.
Di*er Untote floh im Angesicht der Macht, die ihm gegenüberstand, und Yanis lachte, und lachte sorglos weiter, als die Flügel der Tür aufsprangen und die Wachen der Gräfin in den Saal strömten.
Sterbliche.
Erbärmliches Gewürm, Insekten unter dem Stiefel der Göttin und der Ihren.
‚Für dich, Shiu! Ich schenke dir meinen Sieg!‘
Etwas wie Belustigung klang mit in der telepathischen Stimme der Göttin, als sie antwortete: ‚Noch hast du ihn nicht einmal errungen, und er gehört ohnehin schon mir. Aber ich weiß die Geste zu schätzen.‘
Die Wachleute strömten nun schon viel zögerlicher, denn sie sahen Yanis und ahnten, was vor ihnen stand, auch wenn sie vielleicht keine genaue Vorstellung von Shiu’Jurom hatten.
‚Na kommt schon na kommt schon na kommt schon holts euch!‘
Aber sie kamen nicht, sie standen nur unentschlossen herum und traten von einem Fuß auf den anderen, während sie möglicherweise in Betracht zogen, irgendwann mal so etwas wie einen Kreis um Yanis zu bilden, wenn es sich so ergeben sollte, bei Gelegenheit.
‚Elende Feiglinge.‘
Yanis warf ihren Säbel.
Irgendjemand musste hier ja was tun, sonst würde nie was passieren.
Sie sprang auf eine der anderen Wachpersonen zu, ohne weiter darauf zu achten, was mit dem Säbel passierte. Sie wusste, dass er getroffen hatte.
Dem*r nächsten Gegner*in schlug sie einfach mit der Faust ins Gesicht – und lachte begeistert, als sie unter ihrer Hand Knochen nachgeben fühlte und das Geräusch des brechenden Kiefers hörte.
Yanis selbst empfand keinerlei Schmerz. Sie hatte nicht einmal einen nennenswerten Widerstand gespürt, als sie den Schädel der Wachperson zertrümmert hatte.
Es war ein wahrgewordener Traum, sie fühlte den Segen ihrer Göttin, die Freude Shius an ihrem Dienst, und mit Begeisterung zerschmetterte sie alle ihre Gegner, ihr einziges Bedauern, dass diese lächerlichen Figuren mit der göttlichen Kraft sogar in dieser Anzahl keine Herausforderung waren.
Ein*e besonders entschlossene*r Gardist*in lief mit gehobenem Schwert auf sie zu. Yanis trat vor und ergriff das Handgelenk der Schwerthand ihres*r Gegner*in in der lachhaft langsamen Bewegung. Sie spannte die Muskeln ihrer Hand und fühlte die Knochen unter ihrem Griff zerbrechen, als hielte sie eine Handvoll Kekse.
Während die Miene der Person zu einer schmerzverzerrten Grimasse wurde und si*er Schwert zu Boden fiel, stieß Yanis ihre ausgestreckte linke Hand durch si*eren Torso hindurch.
Die übrigen lächerlichen Figuren erkannten ihre Chancenlosigkeit und flohen in wildem Entsetzen.
‚Soll ich …?‘, fragte Yanis.
Shius Antwort war unmissverständlich und bestimmt:
„Nein. Sie haben kapituliert, wir haben keinen Zwist mehr mit ihnen.“
Die Stimme der Göttin in Yanis‘ Kopf klang noch immer freundlich und … Yanis konnte weder in Worte, noch in Gedanken fassen, wie gut es tat, sich endlich wieder angenommen und sinnvoll zu fühlen. Sie wollte glucksen vor Begeisterung, befürchtete aber, damit das Bild zu beschädigen, das sie als geweihte Shiu’Hzim insbesondere während des Shiu’Jurom zu bieten hatte.
Vorfreudig sah Yanis sich nach weiteren Gegner*innen um, aber es waren keine mehr da.
Und sie fühlte, wie das Shiu’Jurom von ihr wich.
‚Nein! Warte! Bitte bleib bei mir!‘
Shiu sprach immer nur in untypisch geduldiger Freundlichkeit mit ihr.
‚Es ist vorbei, Tochter. Du hast sie besiegt. Die Abscheulichkeit ist geflohen. Unsere Arbeit ist getan.‘
‚Aber‘
‚Entwürdige dich nicht im Augenblick deines Triumphes.‘
Die Geduld der Göttin hatte auch ihre Grenzen.
Und dann fiel alles wieder auf Yanis herab.
Die Müdigkeit.
Der Schmerz.
Die Wunden, die Icara ihr zugefügt hatte.
Die Einsamkeit und Ziellosigkeit.
Die Selbstzweifel.
Sie hörte dien Magier*in irgendetwas mit der Gräfin besprechen, brachte es aber nicht über sich, den Worten zu folgen.
Die Göttin war wieder fort, und Yanis hatte sich am Ende vor ihr erniedrigt.
Und außerdem war da noch …
Die Überreste, und die Erinnerungen.
Nachdem der Rausch des Shiu’Jurom von ihr abgefallen war, sah sie vor allem die grausam zugerichteten Leichen wehrloser Menschen um sich liegen.
Ja, sie hatten sie angegriffen und sie waren bewaffnet gewesen, aber vor Shius göttlicher Gewalt waren sie wehrlos gewesen.
Und nun war Yanis ein bisschen schlecht im Angesicht der Folgen ihrer enthemmten Brutalität, sie war erschöpft, hatte Schmerzen und schämte sich für ihren Kontrollverlust, sowohl den jetzigen, als auch den vorausgegangenen.
„Alles … in Ordnung bei dir?“, hörte sie die leise, zögerliche Stimme der Agentin dier Magier*in neben sich.
Laia hielt Abstand von ihr und stand sichtbar in fluchtbereiter Position, als wäre Yanis ein tollwütiger Hund.
Sie hatte Angst vor ihr, nicht nur die etwas distanzierte Unsicherheit, die Yanis zuvor schon öfter von ihr gespürt hatte, sondern wirklich körperliche Angst davor, von Yanis in Stück gerissen zu werden.
Und Yanis konnte es sogar verstehen.
Ach verdammt.

**************************************

„Ihr sagt mir also im Grunde, dass Ihr Ihre Geisel getötet habt und jetzt im Gegenzug von mir erwartet, dass ich meine freilasse, einfach so?“
Aki tat sier Bestes, der Gräfin aufmerksam zuzuhören, während sier gleichzeitig siere Magie um das Eisen herum leitete, die Illusion aufrecht erhielt, die Yanis immer noch wie eine Bedrohung aussehen ließ, obwohl sie nur mit Mühe und schwer auf Laia gelehnt überhaupt noch stehen konnte, und viel zu viel darüber nachdachte, wie sehr sier nicht darüber nachdenken wollte, was hier gerade passiert war, wieso der vorher so edel eingerichtete Saal jetzt nach Fäkalien und Blut stank und überall mit kleinen und großen roten Flecken übersät war.
Der Gestank war wirklich erstaunlich. Aki war nicht klar gewesen, wie sehr auch frische Leichen stanken.
Aber sier war sich natürlich auch nicht völlig sicher, ob das für alle frischen Leichen galt, oder nur für die, die zuvor buchstäblich auseinandergerissen worden waren.
Und schon wieder hatte sier doch zu viel darüber nachgedacht.
Die Gräfin schaute auch schon, als wäre sie kurz davor, Aki zu schelten für die späte Antwort.
Sier schaffte es aber doch noch, ihr zuvorzukommen:
„Nicht ganz einfach so“, antwortete sier mit einer hoffentlich gut und jedenfalls bewusst kalkulierten Mischung aus selbstbewusster Überlegenheit und freundlicher Konzilianz. „Ich erwarte von Euch, dass Ihr die Geisel freilasst, nachdem ich Euch erklärt habe, dass der Tot der anderen Geisel ein Unfall war und nachdem wir Eure Shiu’Hzim besiegt und Eure Wachen in die Flucht geschlagen und zumindest gut argumentierbar Euch selbst als Geisel genommen haben. So gesehen ist unsere Geisel zwar vielleicht tot, aber andererseits …“ Sie zwinkerte ihr zu, während sie angestrengt darauf achtete, Yanis‘ Haltung aufrecht und kampfbereit und ihre Augen weit offen und wachsam erscheinen zu lassen. „ … Lang lebe die Geisel!“
Sie erwiderte Akis Lächeln gequält.
„Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Perspektive ganz von der Hand weisen könnte. Aber damit ich sie wirklich verstehen kann, bevor ich meine Entscheidung treffe: Womit genau droht Ihr mir?“
Aki hatte diese Frage befürchtet, und es wäre auch gar nicht so leicht gewesen, sich auf eine Antwort festzulegen, wenn sien nicht die lähmende, kalte Schwere des Eisens, sier Zauberspruch und … alles andere abgelenkt hätte.
„Mir gefällt eigentlich keine der sich anbietenden Alternativen“, antwortete sier. „Wenn wir Euch töten, haben wir den Krieg fast mit Sicherheit provoziert, den wir eigentlich vermeiden wollten. Wenn wir Euch mitnehmen, haben wir eine sehr wertvolle Geisel, aber auch über eine lange Strecke … und ich hoffe, Ihr versteht mich richtig, wenn ich mir keine diplomatischere Formulierung ausdenke als: Euch am Hals. Und auch dann bräuchten wir natürlich ein Übel, mit dem wir drohen könnten, und nun ja, Gräfin, ich denke, wir kennen beide das Prinzip politischer Geiseln gut genug, um zu wissen, welches Übel das am Ende immer ist, auch wenn es sich sonderbar unkultiviert anfühlt, es auszusprechen. Wenn Ihr insistiert, kann ich mein Unwohlsein dabei aber gewiss überwinden.“
„Schon gut“, knurrte die Gräfin. Sie atmete tief durch und schaute eindringlich in Yanis‘ und Laias Richtung.
„Wenn ich nun noch Zweifel an der Umsetzbarkeit Eurer Drohung hätte, wie würdet Ihr die wohl ausräumen, hypothetisch?“
„Zweifel?“
Aki hob eine Augenbraue, als wäre das die abwegigste Idee auf der Welt, die er deshalb bis gerade eben auch nie in Betracht gezogen hätte.
„Ihr habt eine verletzte Hzim. Ich habe eine verletzte Hzim. Ihr habt eine*n Magier*in, dier gefesselt ist und nicht zaubern kann, und … eine Gemeine, die zumindest bisher keine nennenswerten Kampffertigkeiten demonstriert hat.“
‚Oh weh‘, dachte Aki. ‚Die eine Annahme, die ich leicht widerlegen könnte, um uns gefährlicher erscheinen zu lassen, darf ich jetzt auf keinen Fall widerlegen.‘
Immerhin kam sier die andere, blonde Hzim zu Hilfe, indem sie stöhnte:
„Auf mich solltet Ihr nicht bauen, ich bin fertig. Ich kämpfe heute nicht mehr. Und ich steh so bald auch nicht mehr auf.“
Aki war etwas irritiert von ihrer Haltung. Sie wirkte fast schadenfroh gegenüber der Gräfin, als wäre sie stolz auf Yanis‘ Sieg. Vielleicht weil Yanis zuvor den Kampf gegen sie selbst gewonnen hatte?
Aki hielt viel auf siere geistigen Fähigkeiten, aber jetzt gerade war siere Kapazität schon zu ausgelastet, um auch noch über dieses Rätsel nachzudenken.
„Wir haben eine Hzim, die Eure Hzim besiegt hat, und die jetzt direkt da vor Euch steht, bereit, Euch nicht standesgemäß zu behandeln, falls es erforderlich werden sollte, und auf die Gefahr hin, taktlos zu erscheinen, muss ich sagen, dass ich es ziemlich bald als erforderlich betrachten müsste, wenn Ihr nicht einzulenken bereit seid, Erlaucht, denn ich kann nicht davon ausgehen, dass Eure Untergebenen dauerhaft alle Versuche aufgegeben haben, Euer Schloss zu verteidigen.
Die Zeit drängt. Verzeiht mit also bitte, wenn ich etwas drastischer …“
Die Gräfin hob genervt eine Hand in Akis Richtung, während sie sich die andere an die Stirn und leicht über die Augen hielt.
„Bitte nicht. Es war gerade alles so nett.“

******************************

Es war nicht so, dass Narubolan sich besonders auf die Mahlzeiten mit der Gräfin und den anderen freute. Im Gegenteil. Sie waren ein sehr lästiger Albtraum aus Höflichkeitsregeln gegenüber Menschen, für die seine einzige Existenzberechtigung darin bestand, dass sie ihn töten würden, wenn etwas schieflaufen sollte.
Aber Narubolan war eine große, kräftige, hungrige Person, und auch wenn er sich nicht auf die Zeremonie drumherum freute, freute er sich doch sehr auf das Essen, das ihm dabei serviert wurde.
Eigentlich wäre es jetzt schon vor über einer Stunde so weit gewesen, und Narubolans Magen knurrte. Er hatte schon zweimal die Glocke geläutet, aber niemand reagierte.
Er hatte sogar schon versucht, seine Tür zu öffnen, aber sie war abgeschlossen. Das war eigenartiger, als man hätte denken können, denn normalerweise war sie offen. Er durfte sich innerhalb des Schlosses meistens relativ frei bewegen, weil die Gräfin Erusim Jachme zutraute, alle Flüchtigen in kurzer Zeit mühelos wieder einzufangen – völlig zurecht.
Aber heute hatte jemand seine Tür verschlossen, und heute war das Mittagessen verspätet oder – er wagte kaum, es sich vorzustellen – würde vielleicht sogar ganz ausfallen.
Narubolan begann schon, über Szenarien nachzudenken, in denen er der letzte Überlebende irgendeiner absurden Katastrophe war, die über Schloss Kelthofen hereingebrochen war, als er einen Schlüssel in seinem Türschloss hörte.
„Na endlich! Oh, Ihr glaubt gar nicht, welche Freude Ihr mir macht, ich hatte schon Aki bist du das?? Und wer in Gerkus Namen sind diese Leu– oh Kararos.“
Narubolan unterbrach sich und verstummte, als er die blutverschmierte Person in dem zerschnittenen Kettenhemd sah, deren Gesicht anscheinend eine gute halbe Stunde in einem Ofen verbracht hatte. Während er noch betroffen auf den Boden starrte, erreichte ihn der Geruch.
Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Was ist passiert? Was ist los?“, fragte er Aki fassungslos.
„Es ist … Also, eigentlich ist es ganz einfach, aber die Geschichte, die du bräuchtest, um es komplett zu erfassen, ist doch einigermaßen kompliziert.“
„Außerdem würde sie auf unangenehme Weise so klingen, als hätte Aki keine Ahnung, was er tut, und hätte einfach nur rücksichtslos ganz viele Menschenleben riskiert, für einen sehr unklaren Erfolg.“
Die Gräfin, die auf eine für Narubolan auffällige, weil ungewohnt unprätentiös hinter Aki stand, schnaubte.
„Nicht jetzt, Laia, das können wir später diskutieren. Also Kurzfassung:“ Aki breitete in großer Geste die Arme auf, mit breitem Zirkusdirektor*innengrinsen. „Wir sind hier, um dich zu befreien, und ich glaube, ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass wir es geschafft haben!“
Die Gräfin stieß noch ein Schnauben aus, diesmal am Ende sogar ein bisschen stimmhaft.
„Fürs Erste“, ergänzte die Person, die die mit dem verbrannten Gesicht im Arm hielt und, wenn Narubolan sich nicht völlig täuschte, sie auch maßgeblich aufrecht hielt. Aki hatte sie … Laia genannt?
Er bereute seine erste empört-angewiderte Reaktion ein bisschen. Dieser Mensch musste einiges durchlitten haben und verdiente nicht noch zusätzliche Missachtung.
„Danke … schätze ich“, sagte Narubolan. „Aber wenn Ihr mich befreit – gewaltsam, nehme ich an?“ Sie sahen alle drei nicht aus, als wären sie vor allem durch raffinierte diplomatische Verhandlungen so weit gekommen. „Hat das dann nicht potentiell verheerende politische Konsequenzen?“
Noch ein Schnauben von der Gräfin, wieder stimmhaft, diesmal mit sehr klar verächtlichem Unterton.
„Erklären wir später“, antwortete Aki. „Jetzt erst mal sehen wir zu, dass wir hier raus kommen!“
„Was mit …“ Narubolan sah sich besorgt um. „… der Komentur?“
Das vierte Schnauben der Gräfin war wieder rein frikativ, schaffte es aber dennoch, verächtlicher zu klingen als die vier davor zusammen.
Aki winkte ab. „Kein Problem. Erklären wir auch später. Jetzt komm erst mal mit.“
„Darf ich wenigstens noch packen?“
„Nur das Wichtigste.“
Narubolan seufzte.
Es war nicht, dass er Akis Bemühungen nicht zu schätzen wusste, er wollte wirklich nicht undankbar sein.
Aber diese Befreiung kam jetzt wirklich zeitlich ein bisschen ungelegen. Er war völlig unvorbereitet und hatte seit Stunden nichts mehr gegessen!

Lesegruppenfragen

1.Wie beim letzten Mal eigentlich: War euch die Shiu’Jurom-Schilderung zu blutig, nicht blutig genug, …?

2. Wie steht ihr dazu, dass Shiu tatsächlich direkt mit ihr gesprochen hat, und wie?

3. Hättet ihr an Akis Stelle die Verhandlungen ähnlich geführt? Warum oder warum nicht?

4. Und weil das hier im Grunde schon das erste Ende vor dem Epilog ist: Wie ist euer Eindruck vom Ende und damit vom Verlauf der Geschichte?

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