Yanis (33)


‚Aha!‘, denkt ihr jetzt vielleicht, ‚Ganz zum Schluss gehen ihm also doch die Ideen aus! Jetzt weiß er nicht weiter, und wir müssen wieder Monate auf jedes neue Kapitel warten.“

Aber da würdet ihr euch irren. Denn Yanis ist schon lange fertig zu Ende geschrieben. Die Veröffentlichung bei WordPress ist einfach nur schon immer ein Krampf, und durch den neuen Editor noch mehr, und weil ich ja weiß, dass niemand dringend drauf wartet, hab ich einfach gedacht, keine Lust, kein Problem.

Aber heute gehts schon mal weiter. Bittesehr:

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, wähend Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Im 27. Kapitel lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, Yanis wird von den Abenteurer*innen angesprochen, die Icara verprügelt hat, und die Gräfin redet mit Laia.
Im 28. Kapitel führt Yanis auf dem Weg zum Turnier das Gespräch mit den Abenteurer*innen zu Ende, die sie anheuern wollen, und Laia bricht vom Schloss auf, um Yanis in die Falle der Gräfin zu locken. Dabei trifft sie in Yanis‘ Zimmer im Gasthaus eine*n Kolleg*in der beiden Abenteurer*innen.
Im 29. Kapitel kommt Yanis wieder bei der Person hinter dem Schreibtisch an, um am Turnier teilzunehmen. Sie wird in einen kleinen Raum geschickt, um sich vorzubereiten und erfährt von einem*r Knapp*in, dass eine Zeremonie geplant ist, an der sie ganz sicher nicht teilnehmen wird. Sie nimmt das nicht so gut auf. Wenig später trifft Laia mit Srechz ein.
Im 30. Kapitel vertreibt Yanis Srechz und bricht dann mit Laia zusammen zum Schloss auf.
Im 31. Kapitelunterhalten die beiden sich auf dem Weg über dies und das und Linsenpfanne und kommen schließlich beim Schloss an.
Im 32. Kapitel kämpft Yanis gegen Icara und vertreibt die Comentur. Und wir erfahren, wie Yanis und Icara einander kennengelernt haben.

Was heute geschieht

„Was ist das?“, rief die Gräfin mit mehr Empörung als Besorgnis. „Wachen! Wachen!“
„Aki … was ist das?“, wisperte Laia.
„Ich weiß es nicht“, antwortete dier Magier*in, während von draußen die Tür aufgestoßen wurde und die Wachleute aus dem Vorraum hereinströmten. „Ich könnte mir vorstellen, dass es sich um ein kleines Mirakel handelt, provoziert durch das Eingreifen des*r Untoten. Wahrscheinlich wollte Shiu sich das nicht bieten lassen. Sie ist traditionell zu vielen Zugeständnissen bereit, wenn es gegen dämonische … Was mache ich hier eigentlich? Prioritäten, verflixt! Kannst du bitte einmal versuchen, möglichst viele von diesen Schlössern zu öffnen?“
Laia musste zugeben, dass Akis Vorschlag kein schlechter war, und dass sie wahrscheinlich sogar wirklich helfen konnte. Siere Ketten waren dafür gedacht, zu verhindern, dass sier sich selbst befreite. Einem entschlossenen Eingriff einer Person, die beide Hände und Werkzeug und Erfahrung mit Schlössern hatte, konnten sie wenig entgegensetzen.
Aber es war furchtbar schwer, sich jetzt auf etwas anderes zu konzentrieren als auf den Kampf, der sich gerade direkt neben ihnen zusammenbraute.
Die Wachleute waren noch sehr enthusiastisch in den Raum gestürmt, aber als sie sahen, was sie darin erwartete, wurden sie direkt sehr viel langsamer und bildeten schließlich einen zögerlichen Drittelkreis aus nervös von einem Fuß auf den anderen tretenden Bewaffneten um Yanis herum.
„Ergreift sie!“, rief die Gräfin. „Worauf wartet ihr?“
Laia seufzte und zwang sich, sich abzuwenden und möglichst unauffällig mit dem, was sie noch an länglichem Metall in ihrer Kleidung versteckt hatte, an den Schlössern zu arbeiten.
„Ich würd jetzt sofort die Käsepikser fallen lassen, wenn ich ihr wäre“, sagte die andere Kriegerin. „Könnt ihr kündigen?“
„Los jetzt!“, rief die Gräfin noch einmal.
„Die andere scheint es zu erkennen“, flüsterte Laia zurück, während sie mit einer gewissen Befriedigung das erste Schloss klicken hörte und den Bügel daraus hervorzog. „Passiert sowas öfter?“
Aki antwortete: „Ich habe Geschichten gehört von einer Art Kampfsegen, den sie auf ihre Ordenskrieger*innen … naja, egal. Den Kragen bitte jetzt, der Kragen ist das wich … Oh.“
Jetzt musste Laia sich doch noch einmal umdrehen.
Der Drittelkreis aus Wachleuten begann, noch immer widerwillig, sich um Yanis zu schließen, und sie … warf den Säbel nach einer der Wachpersonen; warf ihn mit so viel Kraft, dass er ihren Brustpanzer durchschlug wie ein Armbrustbolzen, sich bis an den Korb hineinbohrte und an ihrem Rücken ein gutes Stück herausragte.
Die Person starrte noch fassungslos auf den aus ihrer Brust ragenden Knauf des Säbels, während Yanis auf eine andere Wachperson zusprang und ihr einen Kinnhaken versetzte, der …
Laia konnte nicht hinsehen, aber das Geräusch klang unfassbar widerlich nass und … knirschend-splitternd, in Ermangelung eines besseren Begriffs. Sie wollte wirklich nicht wissen, was mit dem Kopf passiert war, den Yanis da gerade getroffen hatte.
Bevor die Person mit dem Säbel in der Brust zu Boden gefallen war, hatte Yanis vier ihrer Kamerad*innen auf unfassbar blutige Art getötet. Es konnte keinen Zweifel mehr daran geben, dass eine übernatürliche Macht ihr Kraft gab. Kein Mensch konnte so etwas.
Laia und Aki hatten ihre Versuche, die Schlösser zu öffnen, vorübergehend vergessen und starrten fassungslos auf das Blutbad, das vor ihnen eingelassen wurde.
Die übrigen Wachleute entschieden sich, der Empfehlung von Yanis’ Ex-Kameradin zu folgen, zumindest ungefähr. Nicht alle hatten ihren Waffen fallengelassen, aber alle waren davongelaufen.
Die Gräfin war zwischenzeitlich aufgestanden und betrachtete mit einer Mischung aus Empörung und gefasster Resignation den Raum und alle, die sich noch darin befanden.
Yanis sah sich um und suchte vergeblich nach weiteren Gegner*innen, während sich ihre Haltung schon sichtbar entspannte, die gerade noch an eine in die Enge getriebene, sehr aggressive Löwin erinnert hatte, um den offensichtlichen und damit einfallslosen Vergleich nicht zu scheuen.
Jetzt sah sie nur noch aus wie eine wachsame, etwas weniger aggressive Löwin, die einen Büffel gerissen hatte und nun beabsichtigte, ihn gegen eine Gruppe Hyänen zu verteidigen.
Die fliehenden Wachen schien sie genausowenig als Ziele ihrer göttlichen Gewalt in Betracht zu ziehen wie die wehrlose Gräfin oder die bereits besiegte blonde Shiu’Hzim. was Laia still als Indiz dafür zählte, dass Aki Recht hatte und Shiu hier im Spiel war.
„Der Kragen!“, zischte Aki.
Laia begann, mit zitternden Fingern an dem zum Glück noch primitiveren Schloss des eisernen Kragens herumzufummeln.
„Ich denke, dann habe ich jetzt alle meine Karten gespielt“, sagte die Gräfin, „Und sie waren … schlechter als erwartet. Glückwunsch.“
„Wir sollten jetzt schnell unseren Vorteil nutzen“, raunte Aki ihr zu. „Nach allem was ich gehört habe, hält der Zustand nach dem Ende der akuten Gefahr nicht lange an.“
„Ja, dann mach ruhig“, antwortete Laia.
„Najaaa…“, sagte Aki. „Du bist diejenige von uns, die nicht mit Ketten gefesselt ist, und wenn ich richtig mitgezählt habe, hast du noch eine vergiftete Nadel irgendwo bei dir.“
„Ich weiß doch nicht mal, was wir eigentlich wollen!“, zischte sie zurück.
„Ja große Kish’Kukun, dann mach ich es halt.“
Klick!
Zwar mit noch immer zitternden Händen, aber durchaus zufrieden mit sich, zog Laia den Kragen von Akis Schultern – und setzte ihn direkt auf dem Boden ab. Das Ding war verdammt schwer.
Aki atmete tief durch und sagte, jetzt in seiner offiziellen Ansprache-Stimme: „Keine Sorge, Erlaucht. Wir haben keine Absicht, Euch zu schaden. Wir wollen nicht mehr als meine Freiheit, und die meines Vetters Narubolan.“
Die Gräfin schnaubte ein Lachen.
„Nur die Freiheit meiner Geisel, ja? Was ist mit Yoseqa? Würde Eure Familie ihn dann auch freilassen?“
„Mmmmmhja, seht Ihr, da haben wir schon unser kleines Problem. Das ist nämlich so …“
Während Aki erzählte und die Augen der Gräfin immer größer und die Falte zwischen ihren Brauen immer tiefer wurde, schlich Laia langsam zu der keuchenden Ordenskriegerin, die immer weiter in sich zusammensank und verwirrt um sich blinzelte, als das Schwarz aus ihren Augen wich.
„Alles … in Ordnung bei dir?“, fragte Laia sehr leise, sehr unsicher, und sehr darauf bedacht, noch genug Abstand zu der blutverschmierten Kriegerin zu halten, wenn auch sehr in dem Bewusstsein, dass genug Abstand in diesem Raum wahrscheinlich nicht möglich war, falls Yanis doch noch einmal von Shius Macht gepackt wurde und entschied, dass Laia das gleiche Schicksal verdient hatte wie die fünf Toten, die um sie herum am Boden lagen.
Yanis spähte verwirrt blinzelnd in ihre Richtung, als würden die schwarzen Schleier ihr selbst den Blick verhängen, und antwortete mit einem erschöpften, bitteren Lächeln:
„In Ordnung hätte ich jetzt wahrscheinlich nicht gesagt, aber … Noch am Leben. Immer noch am Leben.“
„Ist doch was, hm?“
Laia fand die Antwort nicht besonders gut, sah sich aber außerstande, eine bessere zu geben.
„Was ist passiert?“, fragte die Kriegerin.
„Shiu’Jurom“, antwortete ihre Ex-Kameradin. „Du hast sie einfach in Stücke gerissen. Ich wusste ja, dass du ein Monster bist, aber …“
Yanis schaute ungläubig auf die Reste, die um sie herum verstreut lagen.
„Das hab ich gemacht …“, murmelte sie. „Ich erinnere mich sogar … Aber …“ Sie sah auf in Laias Gesicht. Laia gab sich große Mühe und schaffte es, nicht zurückzuweichen, war sich aber nicht ganz sicher, wie viel Angst sie trotz bester Absichten noch im Gesicht hatte.
„Keine Sorge“, sagte Yanis, „Es ist vorbei. Ich bin … sehr müde. Ich … Wirklich sehr. Meinst du, ich kann mich kurz einmal hinsetzen?“
Laia konnte sehen, wie die Knie der Kriegerin zitterten, wie zusammengesunken sie da stand.
Mit einem besorgten Grinsen in Richtung der Gräfin und der blonden Shiu’Hzim zischte sie Yanis zu:
„Das wäre jetzt gerade eigentlich … leider noch nicht die beste Zeit dafür. Meinst du, du kannst noch ein paar Minuten?“
Yanis stieß einen Laut irgendwo zwischen einem Keuchen, einem Lachen und einem Schluchzen aus.
„Ich bin nicht sicher“, antwortete sie, als könnte sie es selbst nicht ganz glauben.
Aber sie sah wirklich aus, als könnte ein unbedachter Atemzug sie umwerfen.
Laia biss die Zähne zusammen, sammelte ihr ganzes Vertrauen in die Welt, die Gött*innen und Yanis selbst, und trat langsam, Schritt für Stritt, mit vor sich ausgestreckten leeren Handflächen auf sie zu.
„Alles gut“, murmelte sie dabei, als wäre Yanis ein nervöses Pferd. Es war nicht so, dass Laia sich dabei nicht auch selbst lächerlich vorgenommen wäre, aber sie hatte einfach furchtbare Angst, genau so zu enden wie die fünf Wachleute, wenn sie eine zu schnelle Bewegung machte. „Alles gut, ich will dir nichts tun, ich will dir nur helfen.“
„Das weiß ich doch“, antwortete Yanis mit einem angestrengten Lächeln.
Xinu, Kararos und alle Heiligen. Laia fiel ein, dass sie immer noch die vergiftete Nadel trug. Die für Yanis gedacht gewesen war.
Naja.
Bestimmt war das nicht so schlimm.
Sie hatte sie ja nicht mal in der Hand.
Und sie selbst hatte nie die Absicht gehabt, sie so zu benutzen, wie die Gräfin sich das vorgestellt hatte.
Bestimmt würden Shiu und Yanis ihr das nicht übel nehmen.
Ja gut, sie hatte Yanis angelogen und ihr … gewisse Teile der Wahrheit verschwiegen, um sicherzustellen, dass sie tun würde, als Aki und Laia von ihr brauchten, aber …
Sie hatte ja schließlich wirklich nur die besten Absichten, und darauf kam es doch an.
Oder?
Laia schloss die Augen und seufzte erleichtert, als sie Yanis schließlich erreicht und sich selbst gezwungen hatte, einen stützenden Arm um sie zu legen. Sie hatte immer noch Angst, aber der größere Teil fiel von ihr ab, als die Kriegerin sich ihrerseits auf die Schulter der sehr viel kleineren und leider auch sehr viel weniger kräftigen Laia lehnte. Sie konnte fühlen, wie erschöpft Yanis war, und wie alle ihre Muskeln zitterten und bebten.
Es war wirklich ein Wunder, dass die Kriegerin es irgendwie schaffte, nicht zusammenzubrechen, und Laia wusste genau, dass sie vielleicht zwei Drittel von Yanis‘ Gewicht für eine kurze Zeit tragen konnte, und noch viel weniger für länger.
Sie war also darauf angewiesen, dass sie noch eine Weile durchhielt. Und dass niemand merkte, dass eine rat- und hilflose Diebin und sehr sehr viel Disziplin alles war, was ihr einziges Druckmittel gegen eine ganze Stadt voller Untertan*innen ihrer Gegnerin noch knapp aufrecht erhielt.
‚Alle Gött*innen und alle Heiligen, wir sind verloren‘, dachte Laia.

**********

„Ja große Kish’Kukun, dann mach ich es halt.“
Aki trug die Forderung vor, Narubolan freizulassen, während sier gleichzeitig die Hände in sieren Ketten und aus ihnen heraus zu winden versuchte, in dem Bewusstsein, dass sier tolldreistes Unterfangen zwar jetzt gerade erfolgversprechender aussah, als irgendein vernünftiger Mensch hätte erwarten können, siere Pläne aber trotzdem immer noch auf sehr fragilen Füßen standen, wenn überhaupt auf irgendwas.
Aber etwas auf Luft und Licht und Schatten aufzubauen, war für Illusionist*innen andererseits gar nicht so abwegig wie für die meisten anderen Menschen.
Natürlich packte die Gräfin Akis Plan sofort an der schwächsten Stelle und fragte, ob auch ihre Geisel freigelassen würde.
Aki entschied nach nur kurzem Zögern, sier Bewusstsein sierer überlegenen Position zu demonstrieren, indem sier gar nicht erst versuchte, irgendetwas schönzureden:
„Mmmmmhja, seht Ihr“, begann dier Magier*in, zugegebenermaßen noch nicht ganz so überlegen wie gedacht, „Da haben wir schon unser kleines Problem. Das ist nämlich so:“
Aki seufzte und zwang sich. Durch da jetzt.
„Yoseqa hatte einen Unfall, bei dem er schwer verletzt wurde, und er ist am Ende gestorben. deshalb sind wir hier. Es war ein Unfall, niemand wollte es, aber nun ist es passiert. Wir wussten, dass Ihr uns das niemals glauben würdet, und nun bin ich hier – ohne das Wissen meiner Väter, um das auch gleich ganz klar … Also, sie haben mit dieser Sache hier nichts zu tun. Das war allein meine Idee, und ich übernehme die Verantwortung dafür. Es muss zu keinen weiteren Problemen kommen, wenn Ihr einfach Narubolan freigebt. Ihr könnt dann sicherlich auch ein neues Geisel-Arrangement mit meinen Vätern besprechen, ganz sicher auch ohne Störung durch mich, weil ich ziemlich sicher bin, dass ich für die nächsten zehn Jahre in einem Turmzimmer in Schloss Orenin eingesperrt sein werde.“
Während Aki sprach, waren nicht nur die Augen der Gräfin immer weiter geworden, sondern immerhin auch ihre Ketten. Das Schloss, das Laia noch hatte öffnen können, bevor … alles passiert war, schien immerhin eine gewisse Rolle gespielt zu haben, auch wenn leider immer noch eine Menge Ketten schwer und eisern um Aki hingen. Immerhin hatte die Gräfin siem den Helm abgenommen, wahrscheinlich in einem Anflug von zivilisierter Rücksichtnahme zumindest auf den äußeren Schein.
Was wieder zeigte, wie gefährlich Rücksichtnahme sein konnte.
Aki sah aus dem Augenwinkel, wie Yanis schwankend da stand und wie Laia sich langsam und furchtsam an sie heran tastete, und sah die Gefahr, dass sie in wenigen Augenblicken wieder genauso hilflos vor der Gräfin stehen würden wie vor einer halben Stunde.
Yanis war das einzige, wovor irgendjemand hier in diesem Schloss Angst haben musste, und sobald der Gräfin klar wurde, dass dazu kein Anlass mehr bestand, verlor Aki siere Verhandlungsposition.
Zwar hatte die Gräfin akut keine Wachleute mehr, aber sie würde bestimmt irgendwie eine*n oder zwei auftreiben können.
Natürlich hatten sie an der Universität auch gelernt und geübt, im Notfall trotz eiserner Fesseln zu zaubern.
Es war schwer, und es war schmerzhaft, und auf Dauer tat es wirklich nicht gut, aber es war möglich, wenn es sein musste.
Zumindest ein bisschen.
Wenn es nicht zu viel Eisen war.
Aki musste jetzt hoffen, dass es nicht zu viel war. Immerhin brauchte sier auch nur eine kleine Illusion.
Die Kriegerin musste einfach ein bisschen gerader stehen, ein bisschen weniger wie kurz vor dem Umkippen wirken. Das war alles.
Das Gute an kleinen Illusionen war, dass sie nicht viel Kraft brauchten, und damit ideal waren für Situationen, in denen ein halber Zentner Eisen einen Großteil der Kraft aufsog.
Das Schlimme an kleinen Illusionen war, dass sie sehr viel Präzision und Konzentration brauchten.
Eine Person unsichtbar zu machen, erforderte einiges an Kraft, gerade über lange Zeit, war aber eher einer der einfacheren Illusionszauber.
Die Wimpern einer Person illusionär zu verlängern, erforderte fast überhaupt keine Kraft, war aber ein Kunststück, das ein*e Meister*in der Illusionsmagie erforderte, zumindest bei einer lebendigen Person mit aktiver Mimik.
Was Aki gerade vorhatte, war irgendwo dazwischen, und sier musste selbst erkunden, worin genau die Täuschung bestehen sollte, natürlich auch abhängig davon, wie viel Kraft sier trotz des Eisens aufzubringen vermochte.
Nicht viel, stellte Aki fest, und es wurde nicht leichter dadurch, dass sier nicht einfach die Augen schließen und sich in meditativer Trance vollständig auf den Zauber konzentrieren konnte, sondern im Gegenteil nach außen hin so wirken, als dächte sier gerade an nichts anderes als das Gespräch mit der Gräfin.
Je weniger Verdacht sie schöpfte, desto höher war natürlich auch die Chance, mit dem Trick durchzukommen.
Zu sierem Glück war die Gräfin noch mit einem Vortrag darüber beschäftigt, wie unverschämt es von Aki war, zu wagen, einfach eigenmächtig Narubolan befreien zu wollen, und wie lächerlich unsinnig schon als Idee.
So konnte sier sich immerhin halbwegs darauf fokussieren, die Astralströme um die Kontaktpunkte der Ketten und Schellen herumzulenken, auf die Ordenskriegerin, und so ihre Haltung für die oberflächliche Betrachterin gerade das entscheidende Stück aufrechter, die Augen noch ein bisschen schwärzer, die Miene ein bisschen aggressiver und bedrohlicher zu machen, und die relativen Positionen der Kriegerin und Laias ein bisschen weniger so aussehen zu lassen, als wäre die zweite das einzige, was die erste aufrecht erhielt.
Es war nicht viel.
Aber vielleicht brauchte es ja auch gar nicht viel.
Es musste reichen.

Lesegruppenfragen

  1. Wie fandet ihr die Schilderung von Yanis‘ übernatürlich Gewalttaten? Hättet ihr die gerne detaillierter gehabt, oder weniger detailliert? Hat dieses Kapitel euer Bild von Yanis (oder irgendwem sonst) verändert?
  2. Ich hab ein bisschen rumgebastelt, bis ich die teilweise Öffnung von Akis Fesseln durch Laia okay fand,und bin immer noch nicht völlig zufrieden damit. Wie war euer Eindruck?
  3. Und die Verhandlung zwischen Aki und der Baronin?
  4. Hättet ihr gerne mehr dazu gehabt, wie anstrengend die Zauberei für Aki ist, und warum, und so weiter?

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