Yanis (32)


Die finale Konfrontation kommt immer näher. Ich weiß, ich sag das schon eine ganze Weile. Aber es stimmt. Ich schwörs.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, wähend Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Im 27. Kapitel lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, Yanis wird von den Abenteurer*innen angesprochen, die Icara verprügelt hat, und die Gräfin redet mit Laia.
Im 28. Kapitel führt Yanis auf dem Weg zum Turnier das Gespräch mit den Abenteurer*innen zu Ende, die sie anheuern wollen, und Laia bricht vom Schloss auf, um Yanis in die Falle der Gräfin zu locken. Dabei trifft sie in Yanis‘ Zimmer im Gasthaus eine*n Kolleg*in der beiden Abenteurer*innen.
Im 29. Kapitel kommt Yanis wieder bei der Person hinter dem Schreibtisch an, um am Turnier teilzunehmen. Sie wird in einen kleinen Raum geschickt, um sich vorzubereiten und erfährt von einem*r Knapp*in, dass eine Zeremonie geplant ist, an der sie ganz sicher nicht teilnehmen wird. Sie nimmt das nicht so gut auf. Wenig später trifft Laia mit Srechz ein.
Im 30. Kapitel vertreibt Yanis Srechz und bricht dann mit Laia zusammen zum Schloss auf.

 

Im 31. Kapitel unterhalten die beiden sich auf dem Weg über dies und das und Linsenpfanne und kommen schließlich beim Schloss an.

 

Was heute geschieht

„Viele Wachen“, bemerkte Yanis, als sie vor der doppelflügeligen Tür ankamen, hinter der die Gräfin auf sie wartete. Tatsächlich war in dem Raum nicht viel Platz außer einem kleinen Durchlass zur Tür, vor der aber auch zwei Wachen standen. Fast ein Dutzend Bewaffneter wartete darin und musterte mit individuell unterschiedlich aufgeteilten Mischungen aus Entschlossenheit, Warnung, Sorge und Neugier die beiden Neuankömmlinge. „Ist sie immer so übervorsichtig, oder hat sie das alles nur für mich vorbereitet?“
Laia grinste, und war sich selbst nicht sicher, wie sehr es ein Angstgrinsen war.
„Ich bin nicht ganz sicher, wie sehr sie sich auch Sorgen um … deine … Ex-Kameradin macht.
Laia entschied, diese Gelegenheit zu ergreifen, und klopfte Yanis möglichst beiläufig aufmunternd-freundschaftlich auf den Rücken. Es war eine untypische Geste für sie, das wusste sie, aber ihr war kein unauffälligerer Weg eingefallen. Sie hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, noch einmal auf die Umarmung zurückzukommen, aber dann entschieden, dass es Yanis vor den vielen Wachen vielleicht peinlich gewesen wäre. Und die Wachen mussten es sehen.
„Au!“, rief Yanis, mit wenig Schmerz und viel Überraschung. Reflexartig drehte sie den Kopf und sich selbst, konnte aber natürlich bei aller Kraft und Geschicklichkeit nicht ihren eigenen Rücken sehen. „Was war das?“
Laia schaute besorgt und tat so, als würde sie die Finger suchend über das Kettengeflecht gleiten lassen.
„Hier ist ein Glied aufgebogen!“, sagte sie. „Ich denke, das wird dich gepikt haben.“
Yanis, die immer noch ihren Helm trug, legte den Kopf schief und machte ein nachdenkliches Geräusch.
„Das ist mir nicht aufgefallen“, murmelte sie, zu Laias Erleichterung nicht skeptisch oder sogar anklagend, sondern eher so, als wäre es ihr selbst unangenehm, so einen Fehler gemacht zu haben. „Ich habe es vor dem Anziehen noch überprüft!“
Laia zuckte die Schultern.
„Wir können alle mal was übersehen …“, sagte sie.
„Offenbar …“ stimmte Yanis nachdenklich zu.
„Können wir dann jetzt bitte durch?“, fragte Laia laut in den Raum, einfach um die Ordenskriegerin nicht doch noch misstrauisch zu machen, indem die Wachen einfach genau jetzt ohne weiteren Anlass zur Seite traten.
Die beiden vor der Tür machten Platz, eine*r von ihnen öffnete und kündigte sie an.
Sie traten ein.
Drinnen warteten weniger Wachen, aber dafür die blonde Shiu’Hzim mit dem schönen, aber kalten Gesicht, di*er Untote, di*er Laia und Aki gefangen genommen hatte, und die Gräfin.
„Warum tragt Ihr Ketten?“, fragte Yanis verwirrt, als ihr Bick auf Aki fiel.
Dier Magier*in lächelte tapfer und nur ein bisschen wehmütig.
„Denkt Euch nichts dabei“, antwortete sier. „Die Gräfin wollte nur sichergehen, dass ich sie nicht verlasse, bevor alles geklärt ist.
„Habt Ihr in Euren Baracken nicht einmal gelernt, wie man eine Audienz betritt?“, fragte die Gräfin, während sie so gut sie konnte aus ihrer sitzenden Position heraus an ihrer Nase entlang auf Yanis herabzublicken versuchte.
Die Kriegerin dreht den Kopf in Richtung der Gräfin, zögerte kurz, und nahm dann schließlich ihren Helm ab.
Die Augen der Gräfin weiteten sich, und sie sog Luft zwischen den Zähnen ein, als sie Yanis‘ Gesicht sah.
Die andere Ordenskriegerin fand ganz plötzlich irgendetwas sehr Interessantes auf einer ihrer Stiefelspitzen.
„Besser so?“, fragte Yanis.
„Es ist üblich, sich zu verneigen“, setzte die Gräfin nach.
„Es ist üblich, Körperteile zu verlieren, wenn man einen Streit mit Shiu’Hzim anfängt“, antwortete Yanis. „Wollen wir einfach alle kompromissbereit sein und zur Sache kommen?“
Die blonde Shiu’Hzim schnaubte belustigt, schaute aber nicht auf.
Die Gräfin warf ihr einen angewiderten Blick zu, bevor sie sich mit einem angestrengt-huldvollen Blick wieder Yanis zuwandte.
„Meinetwegen“, sagte sie und seufzte.
Sie schaute kurz misstrauisch-anklagend-fragend zu Laia, wie um zu sagen: ‚Warum steht sie noch??‘
Laia unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen und zuckte unauffällig die Schultern. Es war zum Glück nicht schwer, weil sie hinter Yanis stand.
Und auch die Schadenfreude war bald wieder verraucht, als sie sich daran erinnerte, wie gründlich die Gräfin vorgesorgt hatte.
Di*er Untote konnte offenbar nicht viel tun, und mit der blonden Shiu’Hzim konnte Yanis hoffentlich fertig werden.
Aber das gute Dutzend Wachen draußen vor der Tür machte ihr Angst.
Vielleicht hätte sie Yanis doch einfach das Betäubungsmittel verabreichen sollen, statt es nur für die Wachen vorzuspielen. Sie hätte so zumindest einiges an Blutvergießen verhindert.
Aber nun war es zu spät.
Obwohl …
Es war vielleicht nicht völlig zu spät, in dem Sinne, das sie die Nadel mit dem Gift immer noch hatte.
Aber sie hatte ihre Entscheidung getroffen, ihren Zug gemacht, und jetzt doch wieder in die andere Richtung zu stolpern, konnte kein Glück bringen.
Außerdem traute sie der überheblichen Gräfin nicht und versprach sich wenig davon, ihren Willen zu tun.
Yanis würde zeigen müssen, ob sie konnte, wofür Aki sie angeheuert hatte.
„Klappt nicht?“, fragte die blonde Shiu’Hzim die Gräfin.
Diese drehte sich zu ihr und breitete in einer Geste der Ratlosigkeit die Hände vor sich aus.
„Na dann … Yanis, ich nehme nicht an, dass du freiwillig mitkommst?“
Yanis lachte.
Die andere klopfte die Hände aneinander ab und zog ihren Säbel.

*************

„Worauf wartest du? Raus jetzt!“
Yanis schaute zweifelnd nach draußen in die Dunkelheit und betrachtete die Fackeln an den Mauern der Burg, der Anblick verwaschen durch die davor herabstürzenden dicken Regentropfen.
Sie streckte gerade eine Hand aus nach dem Griff an der Tür, als sie mit einem beherzten Stiefeltritt aus der Kutsche befördert wurde und kopfüber in eine Pfütze stürzte.
Es tat körperlich gar nicht so sehr weh, aber sie war jetzt nass und fror und lag am Boden und fühlte sich zu Unrecht bestraft.
„Gewöhn dich dran, deine Befehle nicht zweimal zu bekommen, Rekrutin!“, bellte die raue Stimme hinter ihr.
Die Tür schloss sich mit einem lauten Schlag, di*er Kutscher*in schnalzte mit den Zügeln, und die Zugpferde setzten sich in Bewegung.
Yanis rappelte sich auf und versuchte vergeblich, ihre nassen dreckigen Hände an der noch nasseren dreckigeren Hose abzuwischen, stolperte auf das große fackelumrahmte Portal zu und schlug den schweren eisernen Schlägel gegen die Platte.
Eine kleinere Tür in dem großen Portal schwang fast ohne Verzögerung auf, und Yanis blinzelte ehrfurchtsvoll auf zu der Heiligenvision, die vor ihr aufragte.
Das Licht der Fackeln schimmerte und tanzte auf dem goldglänzenden Plattenpanzer. Wie aus Stein gehauen stand die Shiu’Hzim da mit dem Speer in der Hand und schaute unter dem Helm mit der schwarzen Rosshaarbürste darauf auf das dreckverschmierte Kind vor sich hinab, als wäre sie Shiu selbst, die erschienen war, um über sie zu urteilen.
Yanis schauderte, nicht nur wegen ihrer nasskalten Kleidung.
„Ich … Ich bin die neue Rekrutin …?“, murmelte sie zögerlich.
Die Shiu-Hzim hob die freie Hand und wies sie einen Gang hinunter.
Yanis wagte nicht, weiter nachzufragen und schlich in die angezeigte Richtung.
Mit großen Augen schaute sie um sich und fühlte sich wie eine Ratte, die versehentlich in den Thronsaal geschlüpft war. Eigentlich ja sogar ziemlich akkurat.
Sie war wirklich in einer Burg.
In einer richtigen, riesigen, steinernen Burg. Sie war eine Shiu’Hzim-Rekrutin.
Eine sehr kleine, noch völlig ahnungslose, sehr schmutzige Shiu’Hzim-Rekrutin, aber sie war eine.
Sie stand in Yeshaga und würde herangebildet werden zu einer Dienerin Shius, zu einer Waffe im Dienste der Göttin.
Sie würde das Schwert des Ordens sein, eine gefürchtete Kämpferin auf dem Schlachtfeld. Vielleicht würde sie eine große Heldin werden, über die Lieder gesungen und Epen geschrieben würden.
Der Traum fühlte sich immer noch albern an, aber sogar der zynisch-realistische Teil ihres Verstandes musste zugeben, dass er von hier aus sehr viel weniger albern aussah als noch vor wenigen Tagen in ihrem Kojenbett in dem ranzigen Waisenhaus.
Dennoch fühlte er sich immer noch sehr fern an, wie sie hier frierend und einsam und verwirrt und durchaus auch ein bisschen ängstlich in dem riesigen Flur stand und nicht wusste, wohin, und sich gar nicht vorkam wie eine große Kriegerin.
All die Träume und Held*innentaten hätte sie ohne Zögern hergegeben, wenn sie dafür ihren Vater zurückbekommen hätte.
Aber niemand wollte Yanis‘ Träume, und niemand wollte Yanis‘ Heldentaten, und niemand war bereit, ihren Vater zurückzugeben.
Und so stand sie in dem zugigen Flur in den flackendern Schatten der Fackeln in ihren Wandhalterungen, vor ihr zwei Türen auf der Rechten und eine auf der Linken, ohne eine Ahnung davon, welche davon di*er Wachsoldat*in gemeint hatte.
Ob es wohl Absicht war, dass ihr niemand genauer gesagt hatte, wohin sie musste? War es eine Art Prüfung? Wollten sie sehen, wie sie sich entscheiden würde? Ob sie sich entscheiden würde?
Wenn es eine Prüfung war, stellte Yanis sich vor, konnte es doch eigentlich nur um Entschlossenheit und Mut gehen? Falls nicht noch plötzlich irgendwo ein*e Angreifer*in aus irgendeiner dunklen Ecke auf sie zuspringen sollte …
Sie wählte einfach die zweite Tür auf der rechten Seite aus, überlegte auf dem Weg dahin, ob sie klopfen sollte, oder ob sie noch mehr von was auch immer sie hier testen wollten demonstrierte, indem sie einfach eintrat.
Sie trat einfach ein.
Und fand sich in eine Schlafstube mit sechs auf dem Boden liegenden Strohsäcken wieder, von denen vier belegt waren. In zweien lagen Personen, auf zweien saßen sie und unterhielten sich, hielten inne, als sie eintrat, und schauten zu ihr auf. Alle waren erheblich älter als Yanis selbst, schätzungsweise zehn bis vierzehn Jahre alt.
„Was ist das für ein Geruch?“, fragte eine*r von ihnen.
„Stinkt nach Frischling, oder?“
„Oooahhh“, murrte eine der liegenden Personen, rieb sich die Augen und richtete sich auf. „Könnt ihr mal die Fresse halten und die Tür zu machen? Und was riech hier so, habt ihr eine tote Ratte irgendwo verst… Ach so“, unterbrach sie sich, als ihr Blick auf Yanis fiel. „Die tote Ratte ist selbst reingekrochen.“
„Warum beleidigt ihr mich?“, fragte Yanis.
Nicht dass es völlig neu für sie gewesen wäre, dass Menschen unfreundlich waren. Aber sie hatte von den Diener*innen Shius mehr erwartet.
„Warum beleidigt ihr mich“, äffte di*er erste der anderen nach.
Yanis presste missbilligend die Lippen zusammen, zog die Stirn kraus und entschied sich für einen sachlichen Ansatz.
„Di*er Wachsoldat*in hat mich hierher geschickt. Wisst ihr, ob ich in diesem Zimmer richtig bin?“
„Mach die Tür zu!“ blaffte die Person, die von der toten Ratte gesprochen hatte, sie an. „Von außen!“
„Mir ist schlecht“, stöhnte die zweite.“
Yanis verdrehte die Augen, schloss die Tür wieder, und drehte sich zu der anderen auf der gegenüberliegenden Seite um.
Zu ihrer Überraschung fand sie sie offen, und in ihrem Rahmen stand ein*e andere*r junge*r Rekrut*in, ungefähr in Yanis‘ Alter.
„Hallo“, sagte sie.
„Hallo“, sagte Yanis.
Die andere Person lächelte. Es war ein wirklich beeindruckendes Lächeln mit leuchtenden Augen und strahlend weißen Zähnen und viel echter Freundlichkeit. Vielleicht war es das netteste Lächeln, das Yanis je gesehen hatte. Oder zumindest das hellste.
„Ich bin Icara. Nett, dich kennenzulernen.“
Yanis hatte so lange keine menschliche Wärme mehr empfangen, dass sie sich richtiggehend schmelzen fühlen konnte unter diesem Lächeln. Es war kein gänzlich angenehmes, aber auch kein völlig unangenehmes Gefühl.
„Ich bin Yanis“; antwortete sie. „Ich bin neu hier, und ich weiß nicht, wo ich hingehöre.“
Sie hatte es nicht für möglich gehalten, aber das Lächeln wurde noch strahlender.
„Ooooohh“, machte Icara. „Süß! Keine Angst, Frischling!“ Yanis wurde kurz aus ihrem geschmolzenen Zustand ein wenig wieder verhärtet, als di*er andere den Begriff wiederholte, mit dem si*ere Kamerad*innen Yanis gerade eben beleidigt hatten. „Ich weiß genau, wohin du gehörst. Komm rein! Du bist ja ganz nass! Sicher ist dir kalt, oder?“
Yanis sah di*en andere*n Rekrut*in dankbar an und musste sich richtig zusammenreißen, um die Tränen der Dankbarkeit und der Rührung zurückzuhalten.
Sie nickte stattdessen stumm und schlurfte auf die offene Tür zu, in Icaras Arme.

*************

Es wäre, wenn es nicht um so viel gegangen wäre, einfach eines der beeindruckendsten Schauspiele gewesen, das die Zuschauenden je gesehen hatten. Laia wusste es nicht so besonders zu schätzen, sie interessierte sich nicht für solchen Kram, aber sogar sie musste für sich im Stillen zugeben, dass die beiden Shiu’Hzim ein erstaunliches Spektakel boten, und eine Eleganz, Körperbeherrschung und Talent zeigten, das sie zu ausgezeichneten Einbrecherinnen oder auch Akrobatinnen hätte machen können, wenn es ihnen gelungen wäre, sie zu sinnvolleren Fertigkeiten zu wenden.
Die Bewegungen der Waffen und der Körper waren oft zu schnell, um ihnen mit dem Auge zuverlässig zu folgen, und ihr Takt so erbarmungslos, dass dem Verstand keine Zeit blieb, sich im Nachhinein zusammenzureimen, was seine überforderten Sinne verpasst hatten.
So war Laia sich manchmal unsicher, ob sie geblinzelt hatte oder nicht. Zu plötzlich veränderte sich die Konstellation der zwei Kriegerinnen, zu schnell folgte Sprung auf Finte auf Schlag auf Ausweichmanöver auf Tritt auf Stich.
Yanis war im Nachteil, denn mit ihrem Turnierschwert konnte sie nur durch einen kräftigen Hieb Schaden anrichten, musste ihrerseits aber jedem Treffer durch die scharfe Klinge und die gefährliche Spitze von Icaras Säbel ausweichen. Und kürzer war es außerdem.
Sie kämpfte deshalb sichtlich defensiver, das konnte sogar Laia erkennen.
Immerhin trug Icara keine Rüstung, sonst wäre der Kampf vielleicht wirklich hoffnungslos gewesen.
„Du wirst doch mit ihr fertig, falls sie gewinnt, oder?“, raunte die Gräfin ihrer Komentur zu.
„Ich sollte nicht“, war die Antwort.
Laia sah zu, wie die beiden umeinander tanzten, sog gelegentlich hörbar Luft durch die Zähne, die sie so fest zusammenbiss, dass ihr schon jetzt die Kiefermuskeln wehtaten.
Gelegentlich landete Yanis einen oberflächlichen Treffer, und ihre Gegnerin verzog ihr Gesicht in eine Maske des Zorns oder grunzte wütend, oder beides.
Gelegentlich landete ihre Gegnerin einen oberflächlichen Treffer, und ein Schnitt erschien in Yanis‘ Kettenhemd oder auf einem ihrer Hosenbeine, und rote Flecken begannen, sich auszubreiten.
Laia hatte einige Kämpfe gesehen im Laufe ihres Lebens, aber noch nie so einen, deshalb traute sie sich eigentlich kein Urteil zu, aber Sorge und Angst flüsterten ihr zu, dass Aki und sie auf die falsche Ordenskriegerin gesetzt hatten.
Aber während der Kampf voranschritt, wurde das Flüstern der Hoffnung deutlicher, denn die blonde Kriegerin begann, sogar für Laia sichtbar zu ermüden. Ihre Bewegungen wurden etwas langsamer, ihre Schläge und Stiche etwas weniger schwungvoll und unberechenbar. Sie keuchte lauter, und ihr Gesicht zeigte bei immer mehr Bewegungen Schmerz. Hin und wieder meinte Laia sogar, zu sehen, wie sie bei einer Bewegung versuchte, einen Muskel oder ein Gelenk zu schonen, das Yanis zuvor mit ihrem Turnierschwert getroffen hatte.
Und immer wenn das geschah, war Yanis da, wohin die Schonbewegung ihre Gegnerin geführt hatte, und schlug wieder zu, auf genau die gleiche Stelle.
Irgendwann war es so weit. Die blonde Kriegerin fiel auf eine Finte herein, Yanis nutzte die Gelegenheit, die Parierstange ihres Turnierschwerts in ihren Unterarm zu rammen, und der Säbel fiel laut scheppernd auf den steinernen Boden.

*************

„Ich liebe dich immer noch!“, rief Icara.
Und Yanis hielt in der Bewegung inne und starrte sie mit zusammengezogenen Brauen und halb offenem Mund an. Während sie sich innerlich das dämlichste Kalb schalt, das Yeshaga je hervorgebracht hatte, konnte sie doch nicht anders.
Yanis‘ Waffe schwebte kurz vor Icara, die die Gelegenheit nutzte, ihren Säbel wieder aufzuheben und an ihr vorbei zu treten.
Yanis sprang zurück, musste aber einem schnellen Schlag Icaras ausweichen und verlor dadurch das Gleichgewicht. Icara war da, stieß sie zu Boden und stand nun über ihr, ein ungläubiges Grinsen auf ihrem Gesicht.
„Wirklich?“, spie sie auf Yanis hinab. „Das kann nicht dein Ernst sein?“
Yanis fiel keine gute Erwiderung ein, deshalb brachte sie stattdessen ein Bein um Icaras und zog es so unter ihr weg. Während Icara fiel, sprang sie wieder auf die Füße, trat den Säbel aus ihrer Hand und beschloss nach kurzer Überlegung, den langfristigen Vorteil zu suchen, statt den kurzfristigen zu ergreifen.
Sie sprang dem Säbel nach, hob ihn auf, wirbelte herum und stand nun mit Säbel in der Rechten und Turnierschwert in der Linken ihrer unbewaffneten ehemaligen Geliebten gegenüber.
„Nicht gerecht!“, zischte Icara. Natürlich. „Du hast einen Kettenpanzer, und ich nicht!“
Yanis lachte bitter auf. Sogar jetzt schaffte Icara es noch, sich von Anfang an im Nachteil zu sehen, während Yanis‘ Blut aus einem guten Dutzend Schnitten an ihr herunterlief.
Sie schüttelte den Kopf, warf Icara eine verächtliche Kusshand zu und konnte sich einen kurzen Blick in Laias Richtung nicht verkneifen.

‚Um Himmels Willen, lass dich nicht ablenken!‘, dachte Laia, als die Kriegerin zu ihr herüberschaute.
Icara versuchte tatsächlich, die Gelegenheit zu nutzen, indem sie auf Yanis zustürzte, vielleicht auch im Vertrauen darauf, dass ihre ehemalige Geliebte oder Freundin oder beides oder was die zwei halt gewesen sein mochten sie nicht einfach erstechen würde.
Zumindest mit Letztem hatte sie Recht.
Mit Ersterem nicht so.
Yanis ließ sich nicht überraschen. Sie ließ im letzten Moment das Turnierschwert fallen, trat ein Stück zur Seite und rammte Icara, unterstützt durch den Schwung des eigenen Angriffs, den Korb des Säbels ins Gesicht.
Das Geräusch war gleichzeitig sonderbar unspektakulär und irritierend ekelhaft. Laia schloss unwillkürlich kurz die Augen und war gleich noch einmal froh darüber, als sie weitere Laute wie von stumpfen Schlägen auf einen menschlichen Körper hörte.
„Jetzt tu endlich was!“, rief die Gräfin. „Ich werde nicht einfach zusehen, wie ein einzelne dahergelaufene Flüchtige meine Pläne durchkreuzt. Du wirst nicht einfach zusehen.“
„Ich sollte …“
„Ich sage dir, was du solltest, armseliger Schatten! Wir haben einen Pakt, und du wirst ihn einhalten!“
„Sie ist -“
„Muss ich es noch einmal sagen?“, fuhr die Gräfin die untote Person an.
Die Komentur sank ein wenig in sich zusammen – und hielt ohne eine sichtbare Bewegung, die zwischen dem einen Moment und dem anderen vermittelt hätte, plötzlich eine Bola in der Hand.
„Was soll das?“, fragte die Gräfin. „Du sollst die Shiu’Hzim angreifen, nicht ein entlaufenes Rind einfangen!“
Di*er Untote warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, während mit einer Bewegung si*erer Handgelenke die Kugeln an ihren Seilen zu rotieren begannen.
Yanis stand mit ihren beiden defensiv erhobenen Waffen da und tat sichtbar ihr Bestes, ihre Aufmerksamkeit zu teilen zwischen dieser neuen Bedrohung und ihrer anderen Gegnerin, die die Gelegenheit nutzte, langsam auf sie zuzuschleichen.
Erusim Jachme warf.
Und etwas geschah.
Laia konnte nicht genau erfassen, was es war, aber etwas veränderte sich. In Yanis. Im Raum. In allen, die hier standen. In der Welt?
Es war ein bisschen wie die Stille in der Taverne, wenn Wachleute eintraten, aber weniger … körperlich.
Die Welt hielt inne, und alle konnten spüren, dass etwas zugegen war, dem sie am besten nicht zu nahe kamen, weil es sie verurteilen konnte. Würde. Musste. Etwas, dem sie nicht trauen konnten, weil es grundsätzlich … anders war.
Na gut, vielleicht war es doch nicht wie die Stille, die die Wachleute auslösten. Aber ein bisschen vielleicht doch, ihr fiel zumindest kein besserer Vergleich ein.
Der Moment schien viel zu lange zu dauern, und Laia konnte sich hinterher nicht erinnern, wie das möglich gewesen war, aber es fühlte sich sehr deutlich danach an.
An seinem Ende schaute Yanis unter ihren verbrannten, immer noch rot geschwollenen Brauen hinweg auf, die Waffen immer noch in der Hand, und hinter ihr zerschmetterte eine der Kugeln an ihrem Ende des zerschnittenen Seils eine Vase, die anderen beiden prallten laut gegen die Wand, hinterließen und fielen klackend zu Boden.
Yanis‘ Gesicht hatte sich verändert. Der nachdenklich-konzentrierte Ausdruck war einem breiten zahnigen Grinsen gewichen, das durch den weit vorgeschobenen Unterkiefer und den halb geöffneten Mund auf eine irritierend raubtierhafte Art bedrohlich wirkte. Ihre Augen waren das Gruseligste, was Laia je gesehen hatte. Sie waren vollständig schwarz, mit einem furchtbaren matt-feuchten Schimmern, und Laia musste ihren Blick abwenden. Zu stark war das Gefühl, dass ihr Kopf zunächst zu schmerzen beginnen würde, wenn sie zu lange hinschaute, und irgendwann am Ende vielleicht einfach platzen.
Di*er Untote wandte sich mit ausgebreiteten Armen zur Gräfin um, sagte: „Ich habe Euch gewarnt, Erlaucht“, und verschwand in einem desorientierenden Gewirr aus Schatten, Nebel und Rüschen.
Die blonde Kriegerin stieß, noch am Boden liegend, ein hämisches, wenn auch unangenehm feuchtes Lachen aus.
„Jetzt seid ihr am Arsch“, keuchte sie.

Lesegruppenfragen

  1. Na klar, gleich als erstes will ich wissen: Wie fandet ihr die Kampfszene? Ich bin ja kein Fan von so Action, weder lesender, noch schreibender Weise. Hab ichs trotzdem einigermaßen hinbekommen?
  2. Fandet ihr das Eingreifen und die Flucht Erusim Jachmes unangenehm antiklimaktisch, oder wie habt ihr das empfunden?
  3. Laias Nichtganzverrat, mit der ungiftigen Spitze, habt ihr das verstanden? Zu früh, zu spät, gerade recht?
  4. Was haltet ihr von der Gräfin?

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