Yanis (29)


Heute ist der erste Advent! Ob es deshalb wohl in unserem kleinen Fortsetzungsroman auch ein bisschen Weihnachtsstimmung gibt?

Nein.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, wähend Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Im 27. Kapitel lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, Yanis wird von den Abenteurer*innen angesprochen, die Icara verprügelt hat, und die Gräfin redet mit Laia.
Im 28. Kapitel führt Yanis auf dem Weg zum Turnier das Gespräch mit den Abenteurer*innen zu Ende, die sie anheuern wollen, und Laia bricht vom Schloss auf, um Yanis in die Falle der Gräfin zu locken. Dabei trifft sie in Yanis‘ Zimmer im Gasthaus eine*n Kolleg*in der beiden Abenteurer*innen.
Was heute geschieht

Die Person hinter dem Tisch betrachtete Yanis von unten bis oben mit einer Mischung aus Sympathie, Mitgefühl und Belustigung, von der Yanis nicht ganz sicher war, ob sie sie nett fand, oder beleidigend, oder beides.
„Ich vermute, Ihr habt auch kein eigenes Zelt dabei?“, fragte si*er
Yanis nickte.
„Das Gepäck ist zur Gänze … unglücklichen Umständen zu Opfer gefallen.“
Warum eine Geschichte ändern, auf die sie sich beim letzten Mal schon geeinigt hatten? Ein Vorteil darin, eine schlechte Lügnerin zu sein: Sie musste sich nur sehr wenige Lügen merken, weil die anderen ohnehin sofort durchschaut wurden.
„Wir haben ein paar Räume vorbereitet. Ich schicke Euch eine*n Knapp*in, di*er Euch bei den Vorbereitungen hilft.
Yanis war überrascht von so viel Großzügigkeit, nahm sich aber jedenfalls vor, sich davon nicht einlullen zu lassen. Würde es vielleicht mehr kosten? Sie hatte wieder kein Geld mehr, war aber zuversichtlich, dass Aki oder ihre neu gewonnen Freund*innen den Preis schon aufbringen konnten. Außerdem gab es doch gewiss irgendetwas zu gewinnen?
Sogar im schlimmsten Fall, dass sie von allen verlassen würde, blieb ihr also zumindest etwas, um eventuelle Schulden zu begleichen.
Sie war sich natürlich nicht völlig sicher, dass sie gewinnen würde. Ihr war klar, dass es gleich gute und bessere Kämpfer*innen gab. Nur wenige von ihnen waren keine Shiu’Hzim, aber sogar außerhalb des Ordens gab es ein paar.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine*r von ihnen an einem kleinen Turnier wie diesem teilnehmen würde, war gering, und für gewöhnlich wurde, soweit sie wusste, auch ein zweiter und dritter Platz irgendwie prämiert.
Es konnte also eigentlich nichts ernsthaft schiefgehen, und sogar wenn: Sie wurde schon von den Shiu’Hzim gesucht. Irgendwie würde sie es verkraften, einer schäbigen Grafschaft ein paar Taler zu schulden.
Und in Akis Geldbeutel war eine Menge Metall gewesen. Durchaus möglich also, dass das alles hier im Paket inbegriffen war, dass sie damit gek-
Eine Gruppe von drei Ritter*innen in Plattenrüstung kam ihr entgegen, die Helme unter den Armen, miteinander scherzend, laut lachend.
Yanis erkannte einen von ihnen. Sie ging ihnen entgegen und blieb schließlich stehen, machte aber keinen Platz für die drei.
„Du schon wieder!“, bellte der Junker von Sessgereit.
Yanis lächelte säuerlich und nickte.
„Woran habt Ihr mich erkannt?“
Der Junker prustete.
„Niemand würde es wagen, so schäbig am Turnier der Gräfin teilzunehmen.“
„Wahrscheinlich hat es auch noch nie jemand so schäbig wie ich gewonnen“, antwortete sie.
Die drei lachten brüllend auf, ohne einen Funken echter Freude oder Belustigung in ihrem Lärm.
„Du kannst froh sein, dass es gegen die Regeln ist, außerhalb des Turniers andere Teilnehmende zu verprügeln, sonst würde ich dir jetzt so in den Arsch treten, dass du auf dem höchsten Turm der Burg die Wetterfahne putzen könntest!“
Yanis zuckte die Schultern.
„Wir können sicher warten, bis das Turnier angefangen hat, und dann sehen wir, wer welche Fahnen putzt. Und jetzt lasst mich durch.“
„Ist genug Platz da an der Seite“, knurrte eine*r der Begleiter*innen des Junkers.
„Eben“, antwortete Yanis. Und blieb stehen.
Der Junker trat vor, verschränkte die Arme und schaute auf sie herab. Nicht viele Leute konnten das, aber er war riesig und vermittelte zumindest den Eindruck, in jeder Dimension ungefähr doppelt so groß zu sein wie sie, auch wenn das natürlich nicht stimmen konnte. Zumindest in der Höhe nicht. Breite und Tiefe konnten durchaus sein.
Das machte Yanis keine Angst. Sie war Shiu’Hzim. Er konnte viermal so groß sein wie sie. Sie wusste, wo sie schneiden musste, damit er fiel.
Aber es gab etwas anderes, das ihr Sorgen bereitete, und der Junker mochte riesig sein, und ein Arsch mit bemerkenswert hässlichen Blumenkohlohren, aber so weit hatte er anscheinend auch mitgedacht, und sprach es aus:
„Ich bin ein Adliger. Ich kenne die Gräfin. Ich habe an diesem Turnier schon sechsmal teilgenommen. Du siehst aus wie eine Bettlerin, du hast nicht mal ein vernünftiges Paar Stiefel. Wir sind zu dritt, du halbes Hemd, was glaubst du, wie das ausgeht, wenn du dich mit uns anlegst und wir hinterher befragt werden, wenns darum geht, wer für den Regelverstoß rausgeworfen wird? Also scher dich jetzt weg, und stell dich auf was ein, wenn wir uns auf dem Platz begegnen, weil ich dich ganz sicher im Auge behalte!“
Yanis schnaubte angewidert, spuckte ihm vor die Füße – oder versuchte es. Mit ihren kaputten Lippen und der Kettenhaube vor dem Gesicht schaffte sie es aber immerhin, ihren Speichel irgendwo auf dem Bode zu platzieren. Und der Rotz vom Schnauben hing jetzt natürlich irgendwo in den Kettengliedern.
Er wusste noch nicht mal, dass sie außerdem ziemlich sicher festgenommen und an Yeshaga übergeben werden würde, sobald jemand sich die Mühe machte, sie offiziell unter die Lupe zu nehmen.
Verdammt.
Sie zuckte die Schultern und schob sich an di*er linken seiner beiden Begleiter*innen vorbei.
„Wir sehen uns auf dem Platz!“, rief sie ihm nach, und biss sich gleich danach auf die Lippen – aua, verdammt –, weil das tatsächlich noch armseliger war, als wenn sie gar nichts gesagt hätte.
Aber sie freute sich darauf, ihm bei dem Turnier wieder zu begegnen und ihm zu zeigen, wer von ihnen di*er Bettler*in war.
Und fragte sich sogleich, ob das ein sinniger Gedanke war. Der Junker war sicherlich reich, und sicherlich wirklich adlig. Vielleicht lebte er in einem Schloss ähnlich dessen der Gräfin.
Er war sicher weit davon entfernt, ein Bettler zu sein.
Und trotzdem hatte er keine Ehre. Echte Bettler*innen hingegen … Warum eigentlich nicht? Die konnten doch auch anständige Leute sein?
Die Kammer, die sie ihr zugewiesen hatten, war bescheiden, aber funktional, was Yanis‘ Vermutung bestärkte, dass sie kein besonders teures Extra für reiche Leute war, die keine Lust hatten, ihr eigenes Zelt mitzubringen, aber sie sah ein, dass sie einfach zu wenig von diesen Dingen verstand, um es gut einschätzen zu können.
Früher oder später würde sie es herausfinden.
Jetzt erst einmal stand sie da in der zwei mal drei Schritte großen Kammer und schaute auf die hölzerne Bank unter dem schmalen Fenster am gegenüberliegenden Ende, den Krug daneben, den kleinen Schemel davor und den Stiefelknecht neben der Tür.
Sie fragte sich noch, ob sie den Helm abnehmen wollte, und überhaupt, wie lange sie jetzt wohl warten würde, als die Tür sich schon wieder öffnete und ein Kind mit einem riesig voluminösen Schopf aus drahtigen schwarzen Locken eintrat.
„Tschuldigung“, murmelte si*er, während si*er die Tür hinter sich schloss.
„Wofür?“, fragte Yanis.
„Hätte erst klopfen sollen.“
Yanis schaute unter ihrem Helm hervor das Kind an und zuckte die Schultern. Das Kind schaute Yanis unter si*eren wallenden Locken hervor an und zuckte die Schultern.
Das Kind war höchstens zehn Jahre alt. Vielleicht sogar nur sieben oder acht. Yanis‘ Erfahrungen mit Kindern beschränkten sich fast völlig darauf, einmal selbst eines gewesen zu sein, und so konnte sie schlecht das Alter anhand der Größe abschätzen.
Jedenfalls stand es etwas ratlos vor ihr mit seinem Korb und dem Schwamm in der Hand.
„Die anderen haben Stiefel, die du putzen kannst, was? Und sehen überhaupt ein bisschen mehr wie edle Krieger*innen aus, die auf dem Turnier im ehrenhafte Zweikampf beweisen wollen, dass Shius Gunst ihnen gehört, hm?“
Das Kind schaute zu ihr auf und kniff die Augen zusammen, als würde si*er versuchen, Yanis durch den Helm und die Kettenhaube hindurch ins Gesicht zu schauen.
„Die erste Herausforderung ist ein Tumult. Zweikämpfe kommen erst später.“
„Tumult heißt …?“
„Alle gegen alle“, antwortete das Kind.
Yanis nickte.
„In Ordnung.“
„Da werden die ersten zehn aussortiert. Dann kommt Bogenschießen, Zweikampf mit dem Florett, Lanzenreiten, Zweikampf mit dem Zweihänder, Axtwerfen, und am letzten Tag in den Endentscheidungen Zweikämpfe mit dem Schwert.“
Yanis hörte mit wachsender Sorge zu. Sie hatte keinen Bogen. Sie hatte kein Florett. Sie hatte kein Pferd und keine Lanze. Sie hatte keinen Zweihänder. Sie hatte keine Axt.
„Darf man … einzelne Herausforderungen auslassen?“, fragte sie.
Sie hoffte, dass Aki irgendwann wieder auftauchen würde, und ihr dann wahrscheinlich die meisten Waffen irgendwie würde kaufen können, aber sie zweifelte immer noch sehr, dass sier ein passendes Schlachtross auftreiben würde.
Das Kind schaute nachdenklich.
„Du kannst aufgeben, schätze ich …?“
Yanis nickte. Und hatte genug davon, von ihrer besten Informationsquelle weiterhin nur als ‚das Kind‘ zu denken.
„Ich bin Yan- … Styri“, sagte sie, und streckte eine Hand aus.
Sie öffnete den Mund, um zu erklären, warum sie sich versprochen hatte, entschied aber im letzten Moment, dass eine Erklärung oft verdächtiger war als keine.
„Lorn“, antwortete Lorn, betrachtete Yanis‘ Hand nachdenklich, ergriff sie aber schließlich und schüttelte sie.
Dann schaute Lorn wieder mit zusammengekniffenen Augen in Yanis’ Gesicht, oder zumindest in dessen Richtung.
„Behältst du den Helm immer auf?“, fragte si*er.
Yanis unterdrückte ein Seufzen.
„Erst einmal“, antwortete sie. Ihr Blick blieb an einem Objekt in Lorns Korb hängen.
„Was ist das?“, fragte sie.
Lorn schaute überrascht ihrem Zeigefinger nach, zog die Stirn kraus, rief dann:
„Ach so, die Fackel?“
Yanis schluckte.
„Ja“, antwortete sie. „Die Fackel.“
Lorn grinste breit und zeigte dabei strahlend weiße kleine Zähne mit zwei auffälligen Lücken.
„Das ist neu“, antwortete si*er. „Die Gräfin will den Tumult mit einer kleinen Zeremonie anfangen, heute Abend. Alle Teilnehmenden bekommen eine Fackel, marschieren damit auf die Mitte zu, entzünden damit das große Freudenfeuer zur Eröffnung, und dann beginnt das Turnier!“
‚Natürlich‘, dachte Yanis, und stieß ein paar Ausdrücke aus, die Lorns Mimik nach für si*en nicht grundsätzlich neu waren, mit denen si*er aber in dieser Situation so nicht gerechnet hatte.
Lorn blinzelte mit einer gehobenen Augenbraue misstrauisch-besorgt zu ihr auf.
„Alles in Ordnung?“ fragte si*er.
„Kann … Kanns-kannst du bitte … bitte mal einen Moment rausgehen?“, fragte Yanis zurück.

*****************************

„Name?“
„Styri von Niederangen“, antwortete Laia, und fügte auf den empört-misstrauischen Blick der Person hinter dem Tisch sofort hinzu: „Nicht ich! Wir wollen zu ihr! Ich bin eine Agentin der Freifrau von Berleningen, für die sie an dem Turnier teilnimmt.“
„Und wer ist si*er?“, fragte ihr Gegenüber.
„Meine Begleitung, was geht Euch das an? Wo finden wir sie?“
Laia hatte die Erfahrung gemacht, dass es oft genügte, sich wie eine ranghöhere Person aufzuführen, um als solche anerkannt zu werden.
Zumindest diesmal klappte es.
„Dort entlang, den Flur hinunter, die Treppe hoch, rechts und dann die zweite Tür links.“
„Danke!“
Während sie den Anweisungen der Person hinter dem Tisch folgten, sagte Laias Begleitung, die sich zwischenzeitlich mit dem wahrscheinlich nicht ganz echten Namen Srechz vorgestellt hatte: „Ich könnte mir vorstellen, dass du jetzt denkst, dass deine Freundin denknotwendig in der Lage sein müsste, dich vor mir zu beschützen, weil ich sie ja holen soll, um eine Shiu’Hzim zu besiegen, die für uns andere zu gefährlich ist.“
„Ach ja?“, meinte Laia, mit nicht völlig unbeabsichtigter Unverbindlichkeit.
„Das wäre ein Fehler.“
„Ach?“
„Ich habe die Armbrust noch griffbereit. Ich bin sehr geübt damit. Und ich habe das Thema angesprochen, um dich darauf hinzuweisen, dass ich sie benutzen werde, wenn du zum Beispiel auffällig hastige Bewegungen machen solltest, oder dich zu weit von mir entfernst, oder deiner Freundin irgendwelche Zeichen gibst.“
„Oh“, sagte Laia. „Das ist … ein guter Hinweis. Danke. Wie weit ist denn zu weit?“
„Das entschiede ich im Einzelfall nach Gesamtschau der Situation.“
„Ah … Und … Dir ist klar, dass sie dich dann trotzdem in noch kleinere, handlichere Teile zerschneiden wird, als man für möglich hält, wenn man dich so sieht?“
„Ich bevorzuge es, Probleme eines nach dem anderen zu konfrontieren.“
„Vernünftig. Schätze ich.“
„Ich tue mein Bestes.“
Die Beiden hatten das Ende der Treppe erreicht, und Laia sah ungefähr vor der beschriebenen Tür eine sehr junge Person stehen, die mit einem Korb in der Hand auf irgendetwas zu warten schien und vor allem durch eine erstaunlich voluminöse schwarze struppige Haartracht auffiel. Die Haare fügten fast noch mal einen vollen Kopf zu si*erer Höhe hinzu.
Aber erst einmal fiel Laia noch etwas anderes auf:
„Was ist das für ein Lärm?“
„Es klingt, als fände ein Kampf statt“, sagte Srechz. „Aber das Turnier hat noch gar nicht begonnen …“
„Si*er hat gesagt, ich soll draußen warten!“, rief ihnen das Kind entgegen.
Si*er klang defensiv, rechtfertigend, als würde si*er damit rechnen, gescholten zu werden.
Laia wirkte eventuell mit ihrer jetzt schon viele Tage langen Erfahrung viel mehr wie eine echte Agentin des Adels, als sie für möglich gehalten hätte …
„Warum?“, fragte Laia. „Wer ist da drin mit ihr?“
„Niemand“, antwortete das Kind. „Ich glaube … Sie ist einfach ziemlich sauer?“
„Warum?“, fragte Laia noch einmal.
Das Kind zuckte die Schultern.
„Ich weiß auch nicht. Ich hab ihr nur die Zeremonie erklärt, mit der das Turnier eröffnet werden soll, und sie hat geflucht und mich rausgeschickt!“
Si*er klang immer noch, als empfände sie das Ganze mehr als ein Verhör denn als einen Informationsaustausch unter Gleichen.
Laia entschied sich zunächst dagegen, diesen Irrtum aufzuklären. ‚Wer weiß, wofür’s gut ist?‘
„Ist die Tür verschlossen?“, fragte Srechz.
„Nein. Geht gerne rein, wenn Ihr wollt“, antwortete das Kind.
„Ist deine Freundin gefährlich?“
Laia lachte auf.
„Du weißt noch, über wen wir reden, und warum ihr sie haben wollt?“
Srechz‘ Nickhäute flackerten ein paar Mal hinab und wieder hinauf, und si*er öffnete si*eren Mund in einer Art Gähnen, das vielleicht auch Drohgeste war, oder irgendeine andere Art von Mimik, die Laia gerade nicht deuten konnte.
„Ich meinte, ob sie zu situationsunangepasster Gewalttätigkeit neigt.“
„Ist mir bisher eigentlich nicht aufgefallen“, antwortete Laia, „Aber sie mag mich, und wer weiß schon, was Ordenskrieger*innen für situationsangepasst halten?“
Noch mal die Gähngeste.
„Bitte öffne die Tür!“
„Ist das eine Repetierarmbrust?!“, rief das Kind begeistert. „Darf ich sie mal sehen?“
„Bitte halte Abstand“, sagte Srechz. „Du darfst sie sehen, aber fass sie nicht an. Laia, bitte öffne die Tür.“
Laia seufze, trottete zur Tür, klopfte, und öffnete sie vorsichtig.
„Hallo, ich bins!“, rief sie dabei zaghaft in den Raum. „Alles in Ordnung?“
Die Kriegerin stand in der kleinen Kammer hinter der Tür, oder zumindest nahm Laia an, dass sie es sein musste. Sie konnte nicht völlig sicher sein, denn sie trug jetzt ein Kettenhemd und einen Helm mit Kettenhaube, die ihr Gesicht völlig verbarg. Aber anhand der Statur, der Haltung und Spuren von Stimme, die in ihrem Schnaufen zu hören waren, war Laia sich ziemlich sicher.
Neben der Kriegerin befanden sich in dem Raum noch die zersplitterten Überreste irgendeines hölzernen Möbels und die Scherben eines tönernen Kruges, sowie ein Wasserfleck auf dem Steinboden, da, wo er gestanden hatte.
„Laia?“ fragte die Kriegerin erschrocken, und jetzt war Laia sich völlig sicher, dass sie es war.
„Ich hab mich doch gar nicht so sehr verändert, denk ich!“
Die mächtigen Schultern der Kriegerin hoben und senkten sich unter dem Kettenhemd, während sie immer noch keuchte, vielleicht nicht nur vor körperlicher Anstrengung, schien es Laia.
„Können wir das mit der Umarmung vielleicht noch mal versuchen?“, fragte die Kriegerin.

Lesegruppenfragen

  1. Hättet ihr gerne mehr Details über die physische Umgebung gehabt?
  2. Kommt es mir nur so vor, oder frage ich das unter jedem Kapitel? Naja. Überlegt ihr euch mal zu jedem einzelnen Kapitel jede Woche vier Fragen, in dem Wissen, dass die dann doch niemand beantwortet. Dann werdet ihr schon sehen, wie verlockend es ist, die hin und wieder zu recyclen.
  3. Findet ihr Yanis‘ Reaktion auf die geplante Feuerzeremonie … verständlich? Unterhaltsam? Oder wie hat die auf euch gewirkt?
  4. Wie fandet ihr die Figur des*der Knapp*in?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s