Yanis (28)


Ich schätze, dass das nächste Kapitel das letzte werden könnte. Aber keine Sorge. Erstens ist das nächste Kapitel für für nicht das nächste, das hier erscheint, weil ich dem Veröffentlichungstakt immer noch weit weit weit voraus bin (Ich werde nicht müde, das zu betonen, weil ich vorher jahrelang Generationenschiff geschrieben habe, wo teilweise Monate zwischen den Kapiteln lagen. What a difference a story makes.), zweitens schreibe ich zu Yanis ganz sicher noch weitere Bände, ihre Geschichte geht also weiter, und zweitens kommt außerdem sofort im Anschluss ein neuer Fortsetzungsroman. Den vielen vielen vielen Menschen, die hier mitlesen, droht also kein Engpass an meinen Geschichten.

Mein persönlicher bescheidener Beitrag zum Infektionsschutz. Dankt mir nicht. Ich bin einer von diesen stillen Helden, die kein Lob und keinen Applaus brauchen und lieber in den Schatten bleiben. Ihr kennt mich.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, während Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Im 27. Kapitel lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, Yanis wird von den Abenteurer*innen angesprochen, die Icara verprügelt hat, und die Gräfin redet mit Laia.
Was heute geschieht

Die armselige Racheaktion war es ihnen wert gewesen, und Yanis genoss diese kurze Zeit, in der sie sich mal nicht fortwährend wie ein hilfloses und ausgesprochen ungeschicktes Opfer widriger Umstände und zu oft auch der eigenen falschen Entscheidungen fühlen musste, sondern tatsächlich wie eine souveräne Person, die über ihr eigenes Leben bestimmte und nicht nur von anderen abhängig, sondern auch für andere wichtig war.
Auch wenns nur eine eher suspekte Gruppe fadenscheiniger Söldner*innen war, wenn nicht Schlimmeres.
„Was genau ist denn eure Mission, für mich, für euch selbst? Ihr wollt es Icara heimzahlen, dass sie euch gedemütigt hat?“
„Ja.“
„Wie?
„Das hat uns Urvi noch nicht ge-“, begann Yatom aber Holnu unterbrach si*en, ein bisschen zu laut:
„Das haben wir uns noch gar nicht so richtig überlegt … Kommt drauf an. Was nötig ist. Wir müssen eben einfach … einen gewissen Respekt erhalten.“
„Müsst ihr?“, fragte Yanis misstrauisch. Sie war sicherlich nicht der auffassungsstärkste Mensch auf der Welt, aber sogar sie merkte, dass mit den beiden etwas nicht stimmte, und natürlich freute sie sich, dass Yatom und Holnu ihr das Geld für einen Helm geliehen hatten, aber das hieß nicht, dass sie sie für gute Leute hielt. „Warum?“
Yatom schaute unsicher zu Holnu, und Holnu antwortete:
„Weil wir davon leben. Wenn Leute glauben, dass jede dahergelaufene … dass man uns einfach so verprügeln kann, wer heuert uns dann noch an, um auf die Karawane aufzupassen, oder auf den Hof oder …?“
Yanis nickte nachdenklich.
„Und wenn ihr jetzt zu mir lauft, nachdem Icara euch die Ärsche versohlt hat, und ich ihr dafür die Beine breche, dann meint ihr, eure Auftraggeber*innen haben wieder Respekt vor euch?“
Yatom machte eine Geste in Richtung Holnus, die sowas wie ‚Na siehst du?‘ hätte bedeuten können.
Holnu schnitt eine Grimasse und antwortete:
„Es geht nicht so direkt um uns beide persönlich. Wir sind ja nicht alleine. Es geht um Ur- um die Organisation.“
„Wer ist diese*r Urvi, von di*em ihr redet?“
„Spielt jetzt keine Rolle.“
Yanis blieb stehen.
Yatom und Holnu liefen noch zwei Schritte normal weiter, bevor sie es bemerkten, wurden langsamer, drehten sich zu ihr um, zögerten verwirrt, blieben schließlich auch stehen und trotteten widerwillig ein paar Schritte zu ihr zurück.
„Was eine Rolle für mich spielt, entscheide ich“, sagte Yanis. „Wenn ihr wollt, dass ich euer Problem löse, kommt mir nicht so, und verarscht mich nicht. Wer ist Urvi?“
Sie musste zugeben, dass es sich ganz gut anfühlte, mal mit Leuten zu tun zu haben, die noch schlechtere Lügner*innen waren als sie selbst. Dennoch gewann sie mehr und mehr den Eindruck, dass ihre Allianz mit Yatom und Holnu keine langfristige werden würde.
„Naja …“ sagte Yatom.
„Urvi ist …“, begann Holnu. „Also, wir sind nicht alleine. Wir arbeiten meistens für ein*e Auftraggeber*in, und das ist Urvi.“
Yanis verschränkte die Arme und schaute von Yatom zu Holnu.
„Ist ‚Auftraggeber*in‘ hier jetzt eine Beschönigung für was anderes? Ist das hier so eine Situation, in der Leute Urvi Geld zahlen, damit ihr ihnen nicht die Türen eintretet?“
Yanis hatte von so etwas gehört. Es war sogar im Strategieunterricht vorgekommen, denn militärische Streitmächte musste natürlich sowohl mit derartigen Banden umgehen, als auch sich teilweise in eine Rolle begeben, die schwer von der ihren unterscheidbar war.
„Ungefähr so“, antwortete Yatom.
Holnu warf ihm einen warnenden und ein bisschen genervten Blick zu.
Yatom schaute mit großen Augen zurück, schob die Unterlippe vor und zuckte die Schultern.
Yanis war sich nicht sicher, welche Schlüsse sie daraus jetzt ziehen konnte. Soweit sie es sah, hatte es keine Nachteile, die einzigen Menschen bei Laune zu halten, von denen sie aktuell wusste, dass sie zumindest in irgendeinem Sinne noch zu ihr standen. Immerhin hatte sie gar keine Ahnung, was aus dier Magier*in und sierer Agetin geworden war und ob sie die beiden jemals wiedersehen würde. Zumindest konnte sie keinen Grund erkennen, vor dieser Organisation Angst zu haben, wenn sie schon mit Icara nicht fertig wurden.
„In Ordnung“, sagte sie nach einer Weile nachdenklichen Schweigens. „Ich helfe euch, sobald ich kann, aber mit dem Helm ist das nicht erledigt. Könnt ihr sowieso wiederhaben, wenn das Turnier vorbei ist.“
„Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir den Helm zurückhaben wollen“, antwortete Holnu, „aber das ist auch nicht wichtig. Aber über den anderen Teil sollten wir noch mal reden. Wenn das Turnier vorbei ist, dauert für uns zu lange. Die Vergeltung muss zügig und entschlossen kommen.“
Yanis sagte: „Dann mache ich euch einen Vorschlag. Ihr sucht Icara, und wenn ihr sie gefunden habt, kommt ihr zu mir, und dann kümmern wir uns darum. Beim Suchen bin ich ohnehin keine große Hilfe.“
Die beiden sahen einander unsicher an, aber Holnu antwortete: „Darüber müssen wir mit Urvi noch mal sprechen, aber ich glaube, das sollte so gehen.“
Yanis winkte si*em zu. „Dann sprecht mit si*em. Ich denke, wir sind hier fertig. Ihr wisst, wo ihr mich findet.“

***************

Laias Haut kribbelte, als sie das Schloss verließ, und es lang nicht mal vorrangig daran, dass sie den Verdacht hatte, von dem*r Untoten beobachtet zu werden, di*er der Gräfin diente.
Vielmehr fühlte sie sich selbst ganz indirekt unwohl in ihrem eigenen Handeln.
Ja, die Ordenskriegerin hatte sich bereit erklärt, für Aki zu kämpfen.
Ja, sie hatte sich nicht immer völlig tadellos benommen, und Laia hatte schon prinzipiell keine besondere Sympathie für Shiu’Hzim.
Ja, sie stimmte Aki zu, dass dies die einzige realistische Möglichkeit war, sie beide zu retten.
Falls die Gräfin Wort hielt.
Aber das änderte nichts daran, dass sie gerade auszog, um aus schierem Eigennutz (na gut, und um Aki zu retten, aber das war ja irgendwie auch eigennützig) eine Person, die sie vielleicht irgendwie im weiteren Sinne als eine Person betrachtete, die im Begriff sein könnte, eine Freundin von ihr zu werden, in eine Falle zu locken. Eine Person, die sich eine Umarmung von ihr gewünscht hatte, als es ihr schlecht ging.
Laia fühlte sich nicht wohl mit ihrem Handeln.
Aber Laia hatte schon oft Dinge tun müssen, mit denen sie sich nicht wohlfühlte, aus Eigennutz. Für Menschen wie sie war Eigennutz auch etwas Anderes als für die großen, reichen und adligen Personen. Menschen wie Laia kämpften nicht um ein bisschen mehr politischen Einfluss, eine weitere Festung, eine weitere Mühle, 5.000 goldene Taler mehr in irgendeinem Panzerschrank, sondern um ein Abendessen, um ein Dach über dem Kopf, um wärmende Kleidung im Winter, ums Überleben.
Und auch wenn sie gerade Pech gehabt haben mochte, für Laia gehört die Ordenskriegerin als Shiu’Hzim eindeutig auf die Seite der Großen, und das hatte garantiert nichts damit zu tun, dass Laia gerade im Begriff war, sie in eine Falle zu locken, um die eigene Haut zu retten.
Natürlich hatte Laia nicht vor, sie einfach sich selbst zu überlassen. Sie würde ihr Bestes tun, um Yanis zu helfen … nachdem sie sie ans Messer geliefert hatte.
Laias Haut kribbelte jetzt noch mehr als beim Verlassen des Schlosses, und sie entschied, nicht weiter darüber nachzudenken, was sie zu tun im Begriff war.
Sie trat in das Gasthaus, stieg die Treppe empor, und mit jedem Schritt wurde die Last auf ihren Schultern größer und die Klammer enger, die ihre Brust zusammenschnürte.
Ihr graute immer näher und konkreter vor dem Gespräch, das sie gleich führen würde, wenn sie das Zimmer der Kriegerin erreicht hatte.
Es war ja nicht so, dass sie keine Routine im Lügen gehabt hätte. Aber sie hatte viel weniger Routine darin, Leuten wichtig zu sein, das Vertrauen von Leuten zu genießen, und sie dann anzulügen.
Übung macht die Meisterin, dachte sie, und klopfte an Yanis’ Tür.
Niemand antwortete.
Verflixt.
War die Kriegerin schon aufgebrochen, und falls ja, wohin? War sie unterwegs zu dem Turnier? Suchte sie vielleicht Laia und Aki? Oder lag sie einfach immer noch in ihrem Bett, in einem ähnlichen Zustand wie gestern Abend, oder einfach mit einem bestialischen Kater, oder …?
Laia beschloss, sich nicht mit Vermutungen abzugeben und es einfach selbst herauszufinden. Der schlichte Riegel der Innentür des Gastzimmers war kein Hindernis für sie, und so stand sie wenige Herzschläge später in dem verlassenen Zimmer – oder genauer: dem von Yanis verlassenen Zimmer.
„Was zum …“
Die riesige Person auf dem Stuhl hob die geöffnete rechte Hand mit dem Handrücken zu Laia und schloss sie zweimal in einer sachte heranwinkenden Bewegung.
Im Hinblick auf die Armbrust in der linken Hand der Person zog Laia einerseits ernsthaft in Erwägung, wie gewünscht einzutreten, fühlte sich aber andererseits auch motiviert, über Alternativen nachzudenken.
Anscheinend hatte sie zu lange nachgedacht. Die linke Hand hob sich, und mit einem nicht mal besonders lauten, aber unerwarteten und vor allem sehr besorgniserregenden Knacken schlug ein Bolzen in den Türrahmen über ihr ein.
„Es ist eine Repetierarmbrust“, sagte die Person in dem Stuhl. Ihre Stimme war rau und leise und mehr wie ein Flüstern mit einer Aussprache, die teilweise deutlich zu erkennen gab, dass sie keine menschlichen Mundwerkzeuge hatte. „Ich kann also noch mal schießen.“ Sie schaute nach unten und ihre lange gespaltene Zunge zuckte, bevor sie hinzufügte: „Ich sollte einfach aufhören, Warnschüsse abzugeben. Die meisten Leute gehen davon aus, dass die Gefahr damit vorüber ist. Ich könnte dann noch einen zweiten Warnschuss …“ Sie seufzte. „Aber du machst diesen Fehler nicht, oder? Du verstehst das Problem der unendlich fortschreitenden Problematik versus leider endlicher Munition? Du siehst ziemlich klug aus, finde ich.“
Sie lächelte Laia hoffnungsvoll an.
Laia entschied, ihr Gegenüber nicht zu enttäuschen. Schließlich war sie ja auch wirklich sehr klug. Sie trat ein.
„Mach bitte die Tür zu, ja?“
Laia schloss die Tür hinter sich.
„Ich bins nicht“, sagte sie.
Die Person in dem Stuhl stieß ein krächzendes Zischhüsteln aus, das wahrscheinlich ihre Version eines Lachens war, nickte, und hob die freie rechte Hand, um sich neben dem Kamm in ihrem Nacken zu kratzen.
„Ich weiß. Die Beschreibung, die ich habe, ist nicht besonders ausführlich, aber sie reicht, um dich auszuschließen. Aber erzähl mir jetzt nicht, dass es Zufall ist, dass du gerade jetzt in gerade dieses Zimmer eingebrochen bist. Ich bin bei dem Wetter ein bisschen träge, aber dafür reichts gerade noch.“
„Jetzt schon?“, fragte Laia. „Es ist doch noch nicht mal besonders kalt!“
„Es ist doch noch nicht mal besonders kalt“, äffte die Person mit der Armbrust sie nach.
„Also, schicken die Shiu’Hzim jetzt Kopfgeldjäger*innen, um ihre Kamerad*innen einzufangen?“
Die Zunge der Person in dem Stuhl zuckte ein paar Mal nervös aus der Lücke zwischen ihren Kiefern, und ihre Nickhäute flatterten über ihre Augen.
„Sie ist also wirklich eine?“, fragte sie.
Laia nickte.
„Soweit ich weiß. Sie hats uns ziemlich überzeugend versichert.“
Die Person züngelte weiter und schwieg ein paar Sekunden lang.
Laia nutzte die Gelegenheit für eine eigene Frage. Die Armbrust war noch auf sie gerichtet, und sie konnte nicht leugnen, dass sie das verunsicherte, aber die Atmosphäre kam ihr noch nicht besonders feindselig vor, und so fand sie noch einmal den Mut, ihrer Neugier Worte zu geben.
„Aber wenn du nicht mal wusstest, wer sie ist … Was machst du dann hier?“
Wieder das krächzende Zischeln, das wahrscheinlich ein Lachen bedeutete.
„Ich arbeite für jemanden, di*er es nicht mag, wenn si*ere Leute nicht respektiert werden, weil si*er es sich nicht leisten kann, das Gesicht zu verlieren. Weil si*er davon lebt, respektiert zu werden. Das war redundant, oder? Erklärungen kommen mir immer redundant vor, deshalb weiß ich nie genau, wann ich sie zu redundant gemacht habe.“
„Und … Yanis hat si*ere Leute falsch behandelt?“
„So einfach ist es nun auch wieder nicht.“
Laia wartete kurz ab und gab der anderen Person noch die Möglichkeit, es weiter auszuführen, bevor sie schließlich fragte: „Sondern? Gütige Götter! Ich weiß, du hast hier die Armbrust, und ich glaube dir einfach mal, dass du wirklich mehrfach damit schießen kannst, insofern musst du mich keine Fragen stellen lassen, aber wenn du schon tust, dann antworte doch bitte wenigstens auch irgendwie nützlich!“
„Erst du!“, antwortete Laias Gegenüber. „Wo ist sie?“
„Wenn ich das wüsste, müsste ich jetzt sehr viel weniger Angst vor Bolzen in wichtigen Körperteilen haben.“
Die andere Person hob ihre Armbrust zur Decke, zog mit der freien Hand den Bolzen heraus, beugte sich ein wenig zur Seite und legte die Waffe neben sich auf den Boden. Den Bolzen behielt sie in der Hand, aber unter diesen Bedingungen empfand Laia ihn gleich als viel weniger bedrohlich.
„Damit die Angst durch nicht länger ablenkt. Aber versuch bitte nicht wegzulaufen. Du würdest eine freundliche Geste, doch sicherlich nicht mit einem Verrat vergelten?“
Laia war sich nicht sicher, ob sie es als einen Verrat empfunden würde, vor einer Person wegzulaufen, die sie mit einer Armbrust bedroht hatte und mittelbar immer noch bedrohte. Eigentlich war sie sich sogar ziemlich sicher, dass nicht. Immerhin hatte sie in der letzten Zeit sehr viel über das Thema Verrat nachgedacht. Aber weil sie dabei ohnehin schon eine Entscheidung zugunsten des Konzepts getroffen hatte, sah sie keinen Sinn darin, jetzt ihr Leben zu riskieren, um noch eine Kehrtwende hinzubekommen.
„Wenn sie bei dem geblieben ist, was wir besprochen haben, dann finden wir sie wahrscheinlich bei dem Turnier der Gräfin. Falls sie da nicht ist, habe ich aber auch keine Idee mehr.“
Die Person beugte sich noch einmal ein Stück zur Seite, um die Armbrust wieder aufzuheben und stand dann mit einem leisen Keuchen etwas mühsam auf. Si*er war riesig, wie Laia jetzt erst richtig erkennen konnte. Si*er konnte in dem Raum nicht einmal ganz aufrecht stehen, und auch deutlich vorgebeugt mit gebeugten Knien wurde si*eren Kamm immer noch ein bisschen von der Decke zur Seite geknickt.
„Ich mag Feiglinge. Machen alles sehr viel angenehmer. Vielen Dank. Dann lass uns doch einmal gemeinsam zu dem Turnierplatz gehen und das Beste hoffen!“
Laia fühlte sich immer noch nicht so richtig wohl in ihrer Haut. Aber sie folgte.

Lesegruppenfragen

  1. Ich hab mich gefragt, ob es geschickt ist, die beiden Abenteurer*innen hier beinahe halbwegs sympathisch darzustellen. Wie nehmt ihr das wahr?
  2. Und Yanis Umgang mit ihnen?
  3. Wie findet ihr die Person, die Laia mit der Armbrust bedroht?
  4. Und Laias Reaktion?

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