Yanis (27)


Heute lernen wir mal die unfreiwilligen Gästeunterkünfte in Schloss Kelthofen näher kennen, und ich sags, wie’s ist, ich würde mich an diesem Punkt sogar über Kommentare freuen, die mich darauf hinweisen, dass es eigentlich „Unterkünfte für unfreiwillige Gäste“ heißen müsste, damit der Bezug stimmt.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Im 26. Kapitel erwacht Yanis und stellt erschrocken fest, dass sie den Helm vergessen hat, wähend Icara in das Schloss der Gräfin eindringt und sie beim Frühstücken stört.
Was heute geschieht

Aki konnte ohne Übertreibung sagen, dass sier noch nie in sierem Leben so gelitten hatte. Es hatte in Akis Leben zugegebenermaßen bisher generell nicht so viel Leid gegeben, das war also kein allzu strenger Maßstab, aber es ging siem dessenungeachtet sehr schlecht nach einer Nacht in engen, dicken eisernen Hand- und Fußfesseln, einem eisernen Kragen und einem eisernen Helm, der mit einem engen Kinnriemen verschlossen war.
Immerhin waren die Ketten lang genug, dass Aki hatte liegen können, aber tiefer Schlaf war in dieser Montur trotzdem nicht möglich.
Das Eisen war dafür gedacht, seine Verbindung zu den astralen Strömungen zu unterbinden. Geschmiedetes Eisen erschwerte Zauberei ungemein, insbesondere in direktem Körperkontakt, insbesondere am Kopf. Und der Kinnriemen, zusammen mit dem Knebel, den sie siem außerdem noch angelegt hatten, verhinderte, dass Aki sprach.
Für eine*n Lehrmeister*in der Universität oder eine*n erfahrenere*n freie*n Magier*in hätte es vielleicht nicht gereicht, aber für Aki war es genug, ganz davon abgesehen, dass hier mit Illusionsmagie ohnehin nicht viel zu machen war. Die fingerdicken Metallteile hätte sier nicht einmal mit dem raffiniertesten aller Trugbilder losbekommen.
Akis Stimmung war also schlecht, sier war müde und verspannt, hatte Schmerzen überall und wunde Stellen, wo die Fesseln zu eng waren, was sich eigentlich auch wie überall anfühlte, und außerdem hatte sier ganz ordentliche Kopfschmerzen von dem verflixten eisernen Helm, und dass das Visier keinen Sichtschlitz hatte, machte nicht nur noch einmal schwerer, einen Zauber angemessen zu zielen, sondern desorientierte einfach auch allgemein und trug damit zu sierem Unwohlsein bei.
Sier konnte sich deshalb nicht recht entscheiden, ob Erleichterung und Hoffnung die angemessene Reaktion auf das Geräusch von Schlüsseln, von einem Riegel und dann von einer sich öffnenden schweren Tür war, die ein bisschen schief hing und deshalb über den steinernen Boden schabte, oder ob empörte Wut, genervte Resignation oder vielleicht auch verzweifeltes Flehen um Gnade besser gepasst hätten.
Aki entschied sich für eine Mischung, mit den Schwerpunkten auf Hoffnung, Genervtheit und ein bisschen Empörung. Für Verzweiflung und Betteln war die Lage nun doch noch nicht hart genug, dafür hatte ein*e Baron*in von Orenin doch zu viel Stolz.
„Willkommen in meinem bescheidenen Heim, tut mir leid, dass es ein bisschen unordentlich -“
„Die Gräfin von Kelthofen!“, verkündete die gruselig leere Stimme der untoten Person, die Aki und Laia gestern gefangen genommen und hier eingesperrt hatte.
„Ah, das ist gut, das ist – endlich! Was hat das hier zu bedeuten, Erlaucht? Wie behandelt Ihr Eure Gäste? Wir haben einen Friedensvertrag! Ich bin ein*e Baron*in! Ich erwarte, dass Ihr umgehend -“
„Ihr seid in mein Schloss eingebrochen“, wurde Aki schon wieder unterbrochen, diesmal von Gräfin Lyrida selbst.
„Keineswegs!“
Jemand – wahrscheinlich di*er Untote – flüsterte etwas.
„Ihr habt Eure gedungene Diebin in mein Schloss einbrechen lassen.“
Aki hörte richtig, wie sie genervt mit der Hand wedelte, während sie das sagte.
„Auch das ist nicht wahr! Laia ist überhaupt nicht eingebrochen, sie hat lediglich -“
„Verschwendet meine Zeit nicht mit Euren Lügen und Sophistereien!“, herrschte sie sien an.
Aki hätte sich schon gefreut, mal einen Satz zu Ende sprechen zu können, befürchtete aber, nicht in der Situation zu sein, sich solche Forderungen leisten zu können.
„Ihr seid zu mir hinabgestiegen“, sagte sier stattdessen, nachdem sier sich zu einem neuen Ansatz entschieden hatte. „Wahrscheinlich habt Ihr einen Grund. Darf ich ihn erfahren? Ich bin sicher, dass wir diese Sache hier -“
„Ich bin mir auch völlig sicher“, unterbrach sien die Baronin. … natürlich … „Ich weiß auch schon, wie!“
„Ich bin ganz Ohr. Ihr seht es nicht, aber unter diesem Haufen Eisen ist nichts als Ohr, ich schwöre.“
„Ich habe Besuch bekommen von einer Shiu’Hzim, die ihrerseits eine andere Shiu’Hzim sucht, die wiederum mit Euch unterwegs sein soll. Ist das soweit klar?“
Aki zögerte.
„Sagen wir, ich verstehe, was Ihr sagt.“
Aki hatte sich entschieden, noch nicht zu entscheiden, ob sier bereit war, zuzugeben, dass sier mit einer Shiu’Hzim unterwegs war.
Die Gräfin schien das zunächst noch in Ordnung zu finden, denn sie insistierte nicht.
„Ich stelle mir nun vor“, fuhr sie stattdessen ihrer Sache sicher und völlig unbeeindruckt von Akis raffinierter Nicht-Antwort fort, „dass es für mich sehr nützlich würde, mich der Dankbarkeit Yeshagas und des Ordens zu versichern. Und wie durch ein Wunder habe ich gerade jetzt die zwei Personen in meinem Kerker, die mir dabei helfen können. Ich bin sicher, Ihr versteht, worauf das hinausläuft?“
Aki hörte das Grinsen in ihrer Stimme, wie von einer Katze, die die Maus im Maul trug, was ja in der Tat ziemlich genau ihrer Situation war.
Dabei war Aki gerade selber ziemlich erleichtert, denn sier war in diesem Moment klar geworden, dass die Gräfin gar keinen so tiefen Groll gegen sien hegte, wie sier befürchtet hatte, weil sie natürlich noch gar nicht wusste, dass Yoseqa tot war.
Sier erschrak kurz, als sier sich fragte, ob die untote Person eventuell Gedanken lesen konnte, aber falls si*er es konnte, gab si*er es nicht zu erkennen. Aki konnte hoffen, dass si*er, sogar falls si*er die Fähigkeit haben sollte, nicht stark genug war, das Eisen zu überwinden, das in diesem Fall Aki nicht nur behinderte, sondern auch schützte.
Sier spürte zumindest auch keine magischen Einflüsse auf sieren Verstand.
„Verstehe vollkommen“, antwortete Aki. „Grundsätzlich jedenfalls. Was genau ich tun soll, würde ich aber schon gerne noch von Euch hören. Und ich möchte in jedem Fall noch einmal protestieren gegen meine Behandlung hier. Die Fürstin wird davon hören!“
„Die Fürstin hört viel, macht das mit ihr aus. Solange Ihr mir die Hzim liefert, halte ich Euch nicht auf. Und macht Euch klar, dass es keinen Sinn hat, tapfer di*en Held*in spielen zu wollen – ich habe Eure Freundin die Einbrecherin in einer separaten Zelle, und was schätzt Ihr, wie viel ich ihr bieten muss, damit sie redet? Ich würde wetten, dass es reicht, wenn ich ihr sage, dass sie eine Hand behalten darf.“ Das hörbare Grinsen in der Stimme der Gräfin wurde breiter „Vielleicht lasse ich mich sogar auf beide hoch handeln. Ich bin keine grausame Person.“
„Natürlich nicht … Aber damit ich jetzt auch wirklich richtig verstehe: Euer Angebot ist, dass ich Euch die Hzim ausliefere, die ich angeblich irgendwo in der Tasche mit mir herumtrage, und dann lasst Ihr uns gehen? Ich würde nämlich darauf bestehen, dass wir beide befreit werden.“ Während Aki sprach, fragte sier sich, ob es nicht ein Fehler war, auf diese Weise zu erkennen zu geben, dass siem etwas an Laias Wohlergeben lag. Nun gut, zu spät. „Und das ist es?“
„Das ist es. Wo Ihr die Hzim habt, ist mir dabei egal, solange hinterher ihre Kameradin sie hat und nach Yeshaga zurückgeben kann.“
„Bekomme ich ein bisschen Bedenkzeit?“
„Tsk!“ Die Gräfin seufzte. „Eine Stunde. Ich rede solange mit Eurer Freundin und finde heraus, ob ich auf Eure Kooperation überhaupt angewiesen bin.“

*********************

„War sie blond, arrogant, und wundersch… gutauss… a…uf eine etwas langweilige Art attraktiv?“, fragte Yanis.
„Und sehr betrunken.“
„Naja, nicht so betrunken, sie war schon noch sehr schnell und fast überhaupt ni-“
„Versuch gar nicht erst, es dir schönzureden, dass wir trotzdem keine Chance hatten.“
Die beiden machten eine entschuldigende Geste in Richtung des*r Schmied*in, di*er eine ‚Gar kein Problem‘-Geste zurück machte, und traten zu Yanis nach draußen, an die Außenwand des Gebäudes, um niemandem im Weg zu stehen.
„Sie ist eine Hzim“, sagte Yanis. „Ihr müsst Euch da also nicht schämen.“
Die Augen des*r linken Söldner*in mit der Armbrust am Gürtel wurden größer.
„Woher wollt Ihr das-“
„Yatom, wie langsam bist du eigentlich, guckst du sie dir vielleicht mal an, bevor du solche Fragen stellst?“
„Oh.“
Yanis nickte.
Yatom war eine schlanke Person, nicht besonders hoch gewachsen, aber sehr drahtig und sehnig, mit krausen schwarzen Haaren und einem dichten Vollbart, der si*er bis zur Brust hinab reichte.
Si*ere Partner*in war etwas korpulenter, etwas höher, bartlos, und Yanis bemerkte, dass si*er rechter Arm in einem auf den Stumpf gesetzten Haken endete.
Von beiden ging ein nicht unbedingt stechender, aber doch auffälliger Geruch nach Rauch, Tabak und Alkohol aus. Yanis‘ Nase war nicht fein genug, um zu sagen, ob von beiden gleichmäßig, oder ob sich das irgendwie verteilte. Jedenfalls war sie sich ziemlich sicher, dass beide durchaus ein Bad vertragen hätte, auch wenn sie jetzt gerade nicht in der rechten Position war, sich darüber zu erheben.
„Du meinst, das hier ist …“, begann Yatom.
„Ja genau“, antwortete sein*e Freund*in.
Yatoms Augen verengten sich.
„Wenn Ihr Eure Finger behalten wollt, lasst sie lieber weiter locker hängen, und haltet sie vor allem fern von dieser Armbrust“, sagte Yanis. „Ich habe noch nicht entschieden, ob ich Euch traue.“
Di*er Abenteurer*in murrte, ließ die Hand aber sinken.
„Was macht Ihr hier?“, fragte Yanis. „Warum sucht Ihr mich?“
„Zwei von uns liegen immer noch flach“, antwortete di*er andere, di*er mit der Hakenhand. „Sie hat uns einfach zusammengeschlagen, und das lassen wir uns nicht gefallen.“
„Wir haben ihr nichts getan!“, fügte si*ere Kamerad*in hinzu. „Und sie hat uns einfach überraschend attackiert, die niederträchtige Hündin, fast wie hinterrücks, das ist ehrlos!“
„… fast wie?“, fragte Yanis.
„Tut jetzt nichts zur Sache“, antwortete wieder di*er andere, di*eren Namen Yanis immer noch nicht kannte, und fuhr fort: „Jedenfalls haben wir uns hinterher umgehört, und die Wirtin konnte uns sagen, dass die … Kriegerin jemanden sucht, eine andere Hzim, und sie hat sie sogar beschrieben, und da dachten wir, wir fragen einfach mal selbst und schauen, wer so jemanden gesehen hat, und … Ja. Jetzt haben wir Euch gefunden. Und wir dachten, wer kann besser geeignet sein, es ihr heimzuzahlen, als eine andere Hzim, die auch ein Hühnchen mit ihr zu rupfen hat.“
„Woher wisst Ihr, dass ich irgendetwas mit ihr zu rupfen habe?“
Di*er Abenteurer*in zuckte die Schultern.
„Sie sucht Euch. Ihr flieht vor ihr. Da haben wir gedacht, dass Ihr bestimmt nicht beste Freund*innen seid.“
„Aber klingt das, als wäre ich perfekt dafür, es ihr heimzuzahlen?“, fragte Yanis mit einem Lächeln. „Immerhin fliehe ich ja vor ihr.“
Noch ein Schulterzucken.
„Vielleicht schaffen wirs ja zusammen?“, erwiderte di*er Abenteurer*in und grinste dabei hoffnungsvoll zu Yanis auf. „Wir sollten uns irgendwo zusammensetzen, um das in Ruhe zu besprechen“, fügte si*er hinzu. „Hier auf offener Straße muss das nicht sein.“
„Ich sehe noch nicht so richtig, was ich mit Euch zu besprechen habe“, antwortete Yanis.
„Ja … Es ist doch eigentlich offensichtlich! Wir können Euch helfen. Ihr könnt uns helfen. Gemeinsam kriegen wir diese Hzim schon klein.“
Yanis lachte.
„Die ist schon klein genug, das schaffe ich alleine. Allerdings …“ Es hatte ein bisschen gedauert, aber jetzt wurde es ihr klar. „Wenn Ihr mir wirklich helfen wollt … Dann könnte ich eventuell tatsächlich auch etwas für Euch tun. Wisst Ihr, wo sie ist?“
„Naja, wie gesagt. Wir würden die Details ungern hier in der Öffentlichkeit diskutieren.“
„Ich habe nicht viel Zeit“, antwortete sie. „Ich bin für das Turnier angemeldet und muss mittags dort bereit stehen. Und ich brauche noch einen Helm. Wie wärs? Den könntet Ihr mir kaufen, als erste Geste, zu beweisen, dass Ihr es ehrlich meint. Ein Kassidion am besten, mit Kettenhaube, und achtet darauf, dass sie das Gesicht verdeckt.“
Di*er Abenteurer*in schob die Unterlippe vor.
„Wisst Ihr, was das kostet?“
„Keine Ahnung“, antwortete Yanis wahrheitsgemäß. „Aber ich denke, wir werden gleich wissen, ob es Euch Eure armselige kleine Racheaktion wert ist.“

*********************

Laia hatte es tatsächlich die ganze Nacht nicht geschafft, zu schlafen. Das lag nicht mal an der harten Pritsche, sie hatte schon auf härterem Untergrund geschlafen. Es lag vielmehr an der Situation, und an den Vorwürfen, die sich machte.
Sie hatte einfach die ganze Nacht durchgegrübelt und -gehadert.
Weil sie sich wie eine Anfängerin hatte überraschen lassen, weil sie nicht vorsichtig genug gewesen war, weil sie die Gefahr unterschätzt hatte, obwohl Aki sie ja eigentlich gewarnt hatte.
Sie hatte sich zu sehr auf die vermaledeite Unsichtbarkeit verlassen, obwohl sie darüber nachgedacht hatte, wie gefährlich das war.
Sie war einfach faul gewesen und träge und zu selbstsicher, und sie konnte froh sein, dass sie das immerhin vorläufig nur ihre Freiheit gekostet hatte, nicht mehr.
Und so hatte sie die ganze Nacht auf der Pritsche wach gelegen und sich geärgert und sich zwischendurch gelegentlich Sorgen um Aki gemacht.
Wusste die Gräfin von der toten Geisel? Würde sie vielleicht durch unmittelbare Vergeltung ein Exempel statuieren wollen?
Aber dann würde sie doch bestimmt die Gegengeisel töten, nicht Aki. Es gab doch bestimmt Regeln für sowas.
Hoffte sie jedenfalls.
Leider hatte sie keine Ahnung von den Regeln, nach denen der Adel spielte.
Schritte näherten sich, ein Schlüssel drehte sich in der Tür, und sie sprang von ihrer Pritsche auf. Sie wusste selbst nicht genau, warum, aber es gefiel ihr besser, ihre Kerkermeister*innen stehend zu empfangen, und insbesondere dieser gruseligen fahlen Gestalt wollte sie wirklich nicht in hilfloser Position begegnen, falls die überhaupt dabei war. Es war ja immerhin Tag …?
Sie war dabei.
In Begleitung einer Person von ungefähr Laias Größe in einem absurd ausladenden, völlig verziert verrüscht verschmückten Kleid, deren weiße Haare in einem fast bis zu den Knöcheln fallenden dicken Zopf zusammengeflochten waren, und deren dunkel-ockerfarbene Haut neben der aschigen Blässe der untoten Kreatur beinahe aus sich heraus zu glühen schien.
„Sehr schön. Du bist auf“, sagte die Person mit dem Zopf. „Ich bin Lyrida, Gräfin von Kelthofen. Und du?“
„Laia. Freundin von Aki. Wie geht es siem? Ist alles in Ordnung?“
Die Gräfin lachte, und die untote Person neben ihr setzte mit kaum wahrnehmbarer Verzögerung ein breites Grinsen auf, das ihre Augen nicht erreichte, und hüstelte ein bisschen.
„Es geht siem prächtig“, antwortete Lyrida von Kelthofen. „Und wenn du willst, dass das so bleibt, musst du nur einen kleinen Auftrag für sien erledigen.“
„Was für einen Auftrag?“, fragte Laia. „Was soll das heißen?“
Die Gräfin lächelte huldvoll, als hätte Laia eine völlig alberne Frage gestellt, die keinerlei Sinn ergab, aber von jemandem wie ihr war nun mal nichts anderes zu erwarten, da musste man Verständnis haben …
„Sier möchte, dass du die Shiu’Hzim holst. Yanis. Die verbrannte. Sobald sie hier ist, könnt ihr gehen.“
Laia schaute die Gräfin nachdenklich an und vermied es dabei sorgsam, den Blick auf die fahle Figur neben ihr gleiten zu lassen.
Es war ganz sonderbar, wie jemand abgesehen von unwesentlichen Details genau wie eine echte Person aussehen konnte, dabei aber doch aus jeder Faser schreien: Monster! Monster! Monster!
Laia musste allerdings zugeben, dass sie einige echte Personen kannte, die wirklich Monströses getan hatten und taten, und dass sie gar nicht so sicher war, ob sie vor echten Monstern mehr Angst haben sollte als vor echten Personen.
Bis auf Weiteres ließ sich aber jedenfalls nichts daran ändern. Sie hatte Angst vor dem Monster, wirklich große Angst. Und sie brauchte jetzt so viel Ruhe und Vernunft und Ausgeglichenheit, wie sie irgendwie aufbringen konnte.
„Ich verstehe noch nicht“, sagte Laia. „Ihr wollt Yanis haben, und dann lasst Ihr uns gehen?“
Die Gräfin nickte.
„Das ist die Vereinbarung, die ich mit deinem*r Freund*in dem*r Baron*in geschlossen habe. Ich kann sien natürlich nicht gehen lassen, deshalb muss du die Hzim holen. Du würdest Akkado doch nicht hier im Stich lassen?“
„Auf keinen Fall“, antwortete Laia, ohne vorher auch nur nachzudenken. „Aber ich tu mich auch ein bisschen schwer damit, Yanis einfach so in Eure Arme zu führen? Und wir haben ja sowieso nur Euer Wort, dass Ihr dann auch Euren Teil der Vereinbarung einhaltet. Was wollt Ihr denn überhaupt mit ihr?“
Die Gräfin lächelte.
„Ach … Nur ein paar Fragen, ich habe ein paar Dinge mit ihr zu besprechen … Und dann würde ich sie ihrem Orden übergeben.“
Laia schluckte, und die Gräfin musste ihr Erschrecken in ihrer Mimik gelesen haben.
„Nun schau nicht so!“, tadelte sie. „Du weißt genau, dass diese alberne Eskapade sowieso nicht mehr lange gehen kann. Wie lange kann eine völlig vernarbte Person mit so auffälligem Äußeren sich vor dem mächtigsten militärischen Orden der Welt verstecken. Alles, was du tun würdest, ist, deinem*r Freund*in – und dir selbst gleich mit – einen riesigen Gefallen zu tun und … dem natürlich Lauf der Dinge etwas auf die Sprünge zu helfen.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief und lächelte versonnen. „Eigentlich verhilfst du damit sogar dem Recht und der Ordnung zum Sieg.“
‚Na, genau davon hab ich ja schon immer geträumt‘, dachte Laia.
„Ich wüsste nicht einmal, wie ich sie dazu kriegen könnte, hierher zu kommen. Sie ist eine Hzim. Ich kann sie schlecht zwingen?“
Die Gräfin lachte, und die untote Kreatur stimmte diesmal etwas natürlicher ein, aber es klang immer noch eher nach einem*r mittelguten Schauspieler*in, di*er lange geübt hatte, möglichst echt auf Kommando lachen zu können.
„Meine Liebe“, sagte die Gräfin. „Ich glaube, du bis nicht halb so schwerfällig, wie du gerade tust. Natürlich weißt du das! Du tust, was Deinesgleichen doch zur zweiten Natur geworden sein müsste: Du lügst!“

Lesegruppenfragen

  1. Ich hab die Szene mit Aki ja bewusst weiterhin eher lustig gehalten. Hat euch das irritiert, in Anbetracht der Folter-Thematik?
  2. Wie kam das Gespräch zwischen Yanis und den zwei Abenteurer*innen bei euch rüber?
  3. Die Gräfin verhält sich gegenüber Laia sehr herablassend klassistisch. Findet ihr das der Geschichte angemessen, oder hats euch eher gestört?
  4. Würdet ihr auf das Angebot eingehen?

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