Yanis (26)


Heute erfahrt ihr mehr über die Person mit der verstörend leeren Stimme. Das ist doch schon mal was, oder?

Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Im 25. Kapitel dringt Laia mit Akis Hilfe in das Schloss der Gräfin ein, wird aber erwischt.
Was heute geschieht

Yanis erwachte mit einem so trockenen Mund, dass sie buchstäblich in den ersten Minuten, in denen sie noch benommen im Bett lag, nicht sicher war, ob sie ohne Hilfe die Zunge vom Gaumen lösen konnte.
Hatte sie gestern Abend nach … hatte sie da noch eine zweite Pastille genommen?
Ja, hatte sie wohl. Sie hatte eine Weile versucht, einzuschlafen, aber die Situation mit … mit der Agentin … hatte sie nicht losgelassen, und am Ende hatte sie entschieden, dass sie es sich nicht leisten konnte, die Nacht vor dem Turnier wach zu liegen.
Rückblickend kam ihr diese Entscheidung gar nicht mehr so zwingend vor, aber …
NEIN!
Yanis saß senkrecht im Bett, und stand einen Augenblick später schon daneben, die Benommenheit wie weggeblasen, während sie den scheppernden Beutel mit den Einkäufen von der Schmiede durchsuchte. Da war das Turnierschwert, da war ein Kettenhemd, da war …
alles, außer einem Helm, oder sonst irgendeinem Rüstungsteil, das ihr Gesicht verdeckte.
Sie hatte es vergessen.
Yanis wollte auf und ab springen und schreien und Möbel zerschlagen und sich auf den Boden werfen vor Wut und Frustration, Enttäuschung über sich selbst, aus Scham und aus Panik heraus, diese eine Sache, die sie gefunden hatte, die eine gute Sache, die sie in ihrem Leben noch hatte, durch eigene Unfähigkeit und Schwäche und Verantwortungslosigkeit und Feigheit ruiniert zu haben, und dann auch noch durch eine so triviale Versäumnis, durch eine einzige Sache, die sie ihr ganzes Leben selbstverständlich immer gehabt hatte, und die jetzt fehlte, um ihre Pflicht zu tun und den einzigen Menschen zu helfen, denen sie sich noch zugehörig fühlte: einen Shiu-verfluchten lächerlichen Helm!
Hastig wühlte sie in ihren Sachen, bis sie den Geldbeutel fand, den Aki ihr mitgegeben hatte. Leer. Natürlich. Sie hatte halt keine Ahnung, was Dinge kosten! Sie hatte dem*r Schmied*in gesagt, was sie brauchte, und dann hatte sie si*em das Geld gegeben, und si*er hatte sich nicht beklagt.
Kein Geld. Kein Helm. Und noch … Sie schaute zum Fenster, um den Stand der Sonne grob einzuschätzen … Wenige Stunden bis Mittag, vielleicht zwei, vielleicht drei, wenn sie Glück hatte. Immerhin war sie gestern recht früh eingeschlafen.
Sie keuchte, als hätte sie gerade noch mal die Flucht am Grund des Flusses durchlebt, und setzte sich auf ihr Bett.
Würde sie jetzt wirklich zu dem*r Magier*in kriechen müssen und ihn um mehr Geld anbetteln, weil sie es beim ersten Versuch nicht geschafft hatte, zu kaufen, womit sie beauftragt worden war?
Yanis hatte mal davon geträumt, eine Heldin zu sein, und eine Schlacht durch ihre Taten zu wenden. Und jetzt scheiterte sie daran, mit geschenktem Geld einen Helm für sich selbst zu kaufen.
Es war …
Es war …
Yanis wollte das Gesicht in den Händen vergraben, bekam aber die Fäuste nicht auseinander und schlug deshalb nur ein paar Mal hilflos den Kopf gegen die Innenseiten ihrer Fäuste, jedes Mal leise stöhnend, weil es durch die Narben in ihrem Gesicht wirklich weh tat.
Sie warf sich auf ihr Bett und trommelte darauf herum, was sich sehr albern anfühlte, aber trotzdem irgendwie gut tat, und immerhin bekam es außer ihr selbst auch niemand mit. Irgendwann rollte sie auf den Boden und lag keuchend da, und irgendwann glitt ihre Hand wieder in ihre Tasche und fand da den Beutel mit den Pastillen, aber …
„Nein!“, sagte sie.
‚Nein‘, dachte sie. ‚Neinneinneinnein!‘
Sie war vielleicht jetzt so weit, einzusehen, dass sie diese Sache nicht unter Kontrolle hatte. Aber sie war ganz sicher noch nicht so weit, einzusehen, dass sie so weit außer Kontrolle war, dass sie jetzt in dieser Situation eine von den Pastillen nehmen würde. Würde sie nicht.
„Nein!“, keuchte sie. „Neinneinneinnein.“
Sie schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch. Erinnerte sich daran, dass das alles sehr beschämend und furchtbar war, aber eigentlich nicht weiter schlimm. Sie würde jetzt zu dem*r Magier*in gehen, die Sache erklären, dabei HOFFENTLICH nicht sierer Agentin begegnen, dier Magier*in würde sie kurz auslachen, dann würde sier Yanis mehr Geld geben, sie würde gehen und einen Helm kaufen.
Ganz einfach eigentlich.
Nichts, was eine Shiu’Hzim an den Rand der Verzweiflung bringen sollte.
Sie atmete ein letztes Mal durch, öffnete die Augen, stand auf, verließ ihr Zimmer, und klopfte an siere Tür.
Keine Reaktion.
Keine Zeit.
Sie versuchte, die Tür einfach zu öffnen, aber sie war verschlossen.
Yanis klopfte noch einmal, ohne Hoffnung.
Sie stieg hinab ins Erdge-
Nein, halt. Sie ging zurück in ihr eigenes Zimmer, zog sich die Gugel so tief ins Gesicht, wie konnte, und stieg hinab ins Erdgeschoss, aber auch da war keine Spur von einem*r Magier*in zu sehen.
Yanis mied den Schankraum, weil da eine große offene Feuerstelle war. Zwar war es draußen noch nicht kalt genug, dass sie dringend benötigt wurde, aber meistens brannten ein paar kleine Scheite darin, der Atmosphäre halber.
Yanis fühlte sich nicht wohl im Schankraum.
Sie fing eine Schankperson im Flur ab, di*er ihr sagte, dass dier Magier*in gesten Abend noch das Gasthaus verlassen hatte, und seitdem nicht mehr gesehen worden war.
Nein. Nein. Neinneinnein. Nein. Nein.
Yanis war kurz vor einem Stoßgebet an Shiu, aber sie wusste, was die Göttin von weinerlichen Versager*innen hielt, die sie um einen Helm anbettelten, weil sie es nicht geschafft hatten, selbst einen zu kaufen, obwohl jemand ihnen das Geld dafür mitgegeben hatte, weil sie …
Yanis verzichtete darauf, ihre Göttin anzusprechen und entschied stattdessen, sich selbst zu helfen, so gut sie eben konnte, auch wenn das aktuell wirklich nicht besonders gut zu sein schien.
Sie blieb eine Weile im Flur stehen und fragte sich, was sie nun tun konnte. Warten, bis dier Magier*in und die Agentin wieder hier waren, kam nicht infrage. Die Zeit reichte nicht, und sie hatte ja keine Ahnung, wo die beiden waren und wann sie zurückkehren würden.
Tatsächlich hatte Yanis sogar ein bisschen Angst, dass die beiden einfach gar nicht wiederkommen würden.
Vielleicht hatte Laia di*er Magier*in von Yanis‘ Auftritt gestern Abend erzählt, und die beiden hatten einfach entschieden, dass es keinen Sinn hatte, mit so einer Person eine schwierige Mission zu erfüllen.
Vielleicht trauten sie es Yanis nicht zu, scheuten die Konfrontation und hatten sich deshalb einfach heimlich aus dem Staub gemacht.
In dem Fall wäre natürlich jedes Bemühen, doch noch an dem Turnier teilzunehmen, völlig umsonst, und sie könnte einfach in ihr Zimmer zurückkehren, noch zwei Pastillen nehmen und irgendwann morgen vielleicht wieder aufwachen und sich dann überlegen, was sie jetzt machen sollte, mit ihrem Kettenhemd, ihrem stumpfen Turnierschwert, und ihrer völligen Lebensunfähigkeit.
Yanis beschloss, zu der Schmiede von gestern zurückzugehen. Ja, da war immer noch die vermaledeite Esse, aber vielleicht würde sie ja di*en Schmied*in dazu kriegen, draußen mit ihr zu reden, und an jeder anderen Stelle rechnete sie sich noch weniger Chancen aus, denn, und das ließ sich gar nicht genug betonen, sie hatte wirklich überhaupt gar kein Geld mehr, und nicht mal irgendetwas, was sie plausiblerweise zum Tauschen hätte anbieten können, gegen eine Maske, einen Helm, oder eine Kettenhaube.
Und di*er Schmied*in würde sich vielleicht noch erweichen lassen, nachdem si*er gestern gut an ihr verdient hatte. Und wenn nicht … Nun, sie würde erst einmal hoffen, dass sie zu dieser Entscheidung gar nicht erst kommen würde.
Sie stapfte also durch den Hinterausgang aus der Gaststätte und versuchte, den Weg wiederzufinden, der zu der Schmiede führte. Es klappte nicht völlig mühelos, aber doch recht gut, und so stand sie einige Zeit später in der richtigen Gasse. Drei Häuser vor der Schmiede, die sie gerade suchte, blieb sie stehen, und horchte überrascht und ein bisschen ungläubig.
Neben di*er Schmied*in standen zwei bewaffnete Personen, von denen eine anscheinend gerade im Begriff war, eine gesuchte Person zu beschreiben.
„… ungefähr so groß, kaum noch Haare, ein entstelltes Gesicht voller Brandnarben, war hier so jemand? Hat vielleicht nach Turnierwaffen gefragt, oder Rüstungen, oder so?“
Yanis zog sich unwillkürlich ein Stück seitlich von dem Eingang zurück, um nicht gesehen zu werden, lauschte aber noch weiter.
„Ich glaub, das wär mir aufgefallen“, antwortete di*er Schmied*in lachend. „So jemand war hier nicht. Warum, was wollt ihr denn von der Person?“
„Hm… Wir dachten, sie kann uns helfen. Sagen wir, wir haben eine gemeinsame Feindin. Unser Freund wird die nächste Woche im Bett verbringen müssen ihretwegen.“
„Unsportlich“, murmelte di*er andere. „Das war kein gerechter Kampf. Wenn sie uns nicht so …“
„Ist gut, Jatom, si*er will nicht unsere ganze Lebensgeschichte hören. Danke für die Antwort, und alles Gute noch!“
Yanis stand da und fragte sich, ob das jetzt so eine Gelegenheit zum Ergreifen war, oder eher eine zum Weglaufen.

Ja, Icara hatte einen Kater. Aber er war nicht so schlimm, wie man hätte befürchten können. Sie hatte ja gewusst, dass der Wein gut war.
Und diesen armseligen Söldner*innen ihren Platz zu zeigen, hatte gut getan. Das war es komplett wert gewesen. Sie hätte das natürlich auch ohne den Wein machen können. Aber sie hatte den Verdacht, dass es weniger Spaß gemacht hätte.
„Ich will die Gräfin sprechen.“
Die Wachperson lachte sie aus.
„Und ich will gerne eine Shiu’Hzim sein, aber ich steh hier und bewache den Eingang zum Schloss.“
Icara grinste.
„Ulkiger Zufall, dass du ausgerechnet das Beispiel wählst. Und jetzt geh mir aus dem Weg.“
Die Wachperson lachte noch einmal.
Icara sah die Person an.
Die Wachperson schaute zurück.
„Sag mal“, sagte Icara, „Würdest du dich, zumindest verglichen mit der großen Mehrheit der Bevölkerung, für sowas wie einen zähen Hund halten? Hart, stark, furchtlos? Hast du vor nichts Angst und magst es gefährlich?“
Die Wachperson zog verwirrt und ein bisschen verärgert die Augenbrauen zusammen.

Narubolan fühlte sich heute beim Essen noch unwohler als sonst. Die Atmosphäre war immer angespannt, unangenehm und vage bedrohlich, sobald die Gräfin sich in einem Raum aufhielt, aber heute war sie es noch mehr, weil ein Gast mit am Tisch saß, di*er ansonsten nicht an den Mahlzeiten teilnahm: Der Gräfin Komentur, Erste Klinge der Grafschaft, di*er Dämon*in von Kelthofen, Maschall*in der gräflichen Truppen, Erusim Jachme.
Jachme sah aus wie ein Mensch von vielleicht 55 Jahren, mit knapp schulterlangen, stets streng zurückgekämmten schwarzen Haaren, die von einigen unregelmäßigen weißgrauen Strähnen durchzogen waren, gekleidet in einen schwarzen Schwalbenschwanz über schwarzer Hose, sogar mit Kummerbund, und einem sehr rüschigen weißen Hemd, und natürlich auffällig blasser Haut, denn Erusim Jachme war schon seit sehr, sehr langer Zeit tot.
Und si*er schien sehr darauf zu achten, möglichst alle Klischees zu erfüllen, zumindest in si*erem Äußeren.
Erusim Jachme grinste die Gräfin an und kicherte leise über irgendetwas, was sie gesagt hatte. Narubolan hatte nicht zugehört.
„Ja“, sagte di*er Vampir*in. „In meinem Alter ist alles mit Erinnerungen verbunden, da kann ich kaum noch eine Erbse anschauen, ohne dass mir die Tränen kämen – wenn ich noch welche hätte.“
Si*er lachte.
Narubolan bildete sich ein, sogar im Gesicht der Gräfin eine Mischung aus Ekel, Mitgefühl, Verstörung und vielfältiger Sorge beim Betrachten der toten Kreatur zu sehen, aber er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass man ihr vieles nachsagen konne, aber jedenfalls nicht, dass sie sich ohne Not mit Leuten entzweite, die ihr noch nützlich sein konnten.
„Ich kann es nur ahnen, Komentur“, antwortete sie deshalb mit einem angestrengten Lächeln, „Aber ich muss gestehen, dass sich sogar in meinem Alter gewisse Tendenzen dieser Art zeigen …“
Sie schaute nachdenklich auf die Tischdecke vor sich, hob wieder den Kopf und fragte Erusim Jachme:
„Habe ich richtig gehört, dass Ihr gestern zwei Eindringlinge gefangen habt?“
Jachme grinste und nickte.
„Zwei sehr interessante.“
„Erusim!“, tadelte die Gräfin über einen Löffel Gänseleberpastete hinweg. „Und warum muss ich dann erst danach fragen?“
„Ich will doch nicht zu durchschaubar werden, oder übereifrig wirken!“
Es machte Narubolan ganz kribbelig, wie die tote Person die Bewegungen und Worte eines Menschen nachahmte, der ein bisschen scherzen wollte und augenzwinkernd etwas sagte, aber … ohne es wirklich zu tun. So richtig.
Es war fast echt. Da war fast ein Augenzwinkern in Jachmes Stimme. Das Lächeln war fast wie ein richtiges Lächeln. Und sier verhielt sich fast wie eine Person, die stolz auf einen kleinen Erfolg war.
Es war alles so nah dran, dass Narubolan keine Ahnung hatte, was fehlte, was all diese Dinge so offensichtlich nicht echt machte.
Aber gerade diese kleine Differenz, gerade diese Unklarheit darüber, worin sie bestand, gerade das machte ihn so unangenehm gereizt, sobald dier Komentur mit ihm im selben Raum war.
„Was ist denn interessant an ihnen?“, fragte die Gräfin mit der Geduld einer Person, die wusste, dass sie gerade an einem kleinen Machtspiel teilnahm und es aber einerseits nicht nötig hatte, daran teilzunehmen, andererseits aber so klar schon von Anfang an gewonnen hatte, dass sie es nicht mal für nötig hielt, das Spiel zurückzuweisen, und stattdessen einfach nur gleichgültig mitspielte, um nicht unnötig Zeit zu verlieren.
„Das Interessante ist, dass eine*r von ihnen Akkado von Orenin ist.“
Aki!
Narubolan sog Luft durch die Nase ein und tat sein Bestes, sich die Erschütterung nicht anmerken zu lassen, sicherlich mit lachhaft wenig Erfolg.
Die Gräfin legte ihren Löffel zur Seite, richtete sich in ihrem Stuhl auf und hob eine perfekt gezupfte Augenbraue, die Stirn darüber so dick gepudert und geschminkt, dass kein einziges Fältchen sichtbar wurde. Narubolan konnte mit Fantasie ein paar kleine Risse in der Fassade aus Fett und Puder erkennen, war aber nicht sicher, ob er sich die sogar nur einbildete.
„Seid Ihr sicher?“, fragte sie. „Was würde Akkado von Ore- was ist denn?“
Dier Komentur war zusammengezuckt, während die Gräfin sprach, und schaute nun mit zuckenden Lefzen in Richtung Tür.
„Es ist … noch jemand in das Schloss eingedrungen, Erlaucht.“
„Was meinst du? Wann? Wer?“
„Jetzt gerade. Si*er ist auf dem Weg hierher, denke ich.“
„Hierher? In den Speisesaal? Unverschämtheit. Mich beim Frühstück stören?“ Sie stieß ein bitteres Lachen aus. „Geht und bringt si*en her!“
„Es tut mir Leid, Erlaucht“, sagte die Leiche. „Hier seid Ihr auf Euch und Euresgleichen gestellt. Von Geistlichen lasse ich die Finger, auf dass sie mir nicht zur Staub zerfallen.“
„Geistliche? Das wird ja immer toller! Ein*e Priester*in ist gerade im Begriff, in mein Schloss einzudringen?“
Die Leiche nickte.
„In der Tat, Erlaucht.“
„Welche Gottheit?“, fragte die Fürstin, immer noch eher belustigt als besorgt.
„Ich bin nicht sicher, aber wenn ich raten soll …“ Dier Tote schloss die Augen und streckte eine aschgraue Hand in Richtung der Tür aus. „… würde ich sagen … vielleicht die Kriegsgöttin?“
„Shiu?“, fragte Hamelio.
Dier Komentur zog sich ein wenig in sich zusammen, als würde sier frösteln.
„Ja“, antwortete die Gräfin ihrer Tochter. „Genau die Kriegsgöttin, aber nimm bitte Rücksicht und sprichs nicht noch einmal aus.“
„Natürlich, Mutter.“
„Na dann!“ Die Gräfin setzte ein gespanntes Lächeln auf und klatschte in die Hände. „Wachen! Eure Führung ist heute einmal ganz auf euch angewiesen! Sammelt Euch, und …“
Jemand klopfte dröhnend laut gegen das Portal, das vom Flur in den Speiseraum führt.
„Meiner Treu“, lachte die Gräfin. „Jemand liebt große Auftritte.“
Ein kleiner Trupp von Wachleuten sich, sichtbar verunsichert mit Händen an den Schwertern, zwischen Tisch und Portal versammelte, und di*er Weibel*in schaute fragend zu si*erer Komentur, die Waffe halb aus der Scheide gezogen. Die Leiche nickte, und sofort flogen die Klingen hervor.
„Na los, dann kommt schon herein! Ich speise nicht mit abgeschlossener Tür!“, rief die Gräfin.
Das Portal wurde aufgestoßen und gab den Blick frei auf eine auf Anhieb nicht einmal besonders imposante Person in einem gepflegten Lederwams mit einem großen Kavalleriesäbel im Gehänge und einer wallenden goldblonden Mähne, die im Licht der Morgensonne, das sie sehr vorteilhaft von hinten anstrahlte, im Eingang des Speisesaals stand, die linke Hand am Ohr einer uniformierten Wachperson, die sie offenbar bis hierher auf diese Weise hinter sich her gezogen hatte, und die rechte wie zu Salut an der Schläfe.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte die Gräfin in die allseits ratlose Stille hinein.
„Verzeiht meinen Auftritt, Erlaucht“, sagte die Person in der Tür, „Aber ich habe ein gemeinsames Interesse mit Euch, und zurzeit einfach sehr, sehr wenig Geduld.“

Lesegruppenfragen

  1. Konntet ihr mit Yanis‘ Verzweiflung am Anfang einigermaßen mitfühlen? Warum oder warum nicht?
  2. Wie fandet ihr die Darstellung der untoten Person?
  3. Ihr habt zum Schluss verstanden, wer die Person in der Tür ist, oder?
  4. Was denkt ihr zur Reaktion der Gräfin und der anderen auf sie?

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