Yanis (25)


Mich gibts jetzt auch bei #NaNoWriMo, wo ich nicht nur Yanis als Projekt benannt habe, sondern auch einen englischen Fantasyroman angekündigt habe, als Fortsetzung eines früheren Projekts.

Was sagt ihr dazu?

Nix, wie ich euch kenne, ihr Schlingel.

Ich wünsche euch trotzdem viel Spaß beim neuen Kapitel Yanis!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Im 24. Kapitel meldet Yanis sich für das Turnier an, muss danach ihre Angst vor dem Feuer überwinden, um sich in die Schmiede zu wagen, nimmt dafür ihre Pastillen zu Hilfe und hat deshalb eine etwas peinliche Begegnung mit Laia, die daraufhin Aki überr… äh, überzeugt, schon mal ohne Yanis die Lage im Schloss zu erkunden.
Was heute geschieht

„… aber ist doch eigentlich ein extremer Unterschied in der Fürsorge, wenn man mal überlegt, wie Menscheneltern immer einfach meinen: ‚Dreck reinigt den Magen, ist doch egal, lang zu!‘, während Austern ihren Kindern beibringen: ‚Ohgott ein Sandkorn, da musst du jetzt erstmal zwei Jahre lang gründlich Schicht um Schicht Perlmutt drum bauen, damit du dich nicht dran verletzt am Ende!‘“
„Ja“, antwortete Aki. „Ja … Gut beobachtet. Aber können wir auch noch mal darüber reden, was du über unsere Shiu’Hzim und Rauschgift gesagt hast? Was steckt da jetzt dahinter? Was nimmt sie? Und woher weißt du das?“
Aki und Laia schlichen in der Dämmerung durch die Gassen Kelthofens. Naja. Es fühlte sich an wie Schleichen, aber eigentlich gingen sie einfach nur über die Hauptstraße zum Schloss, das ausgesprochen malerisch auf einem Hügel über der Stadt thronte. Und auch wenn sie nicht im eigentlichen Sinne schlichen, so sprachen sie doch zumindest leise miteinander, nur knapp über einem flüstern, und fühlten sich überhaupt sehr verwegen. Sogar Laia, denn in ein Schloss war sie auch noch nicht oft eingebrochen, und noch nie, um eine*n Gefangene*n zu befreien.
„Ich würde eigentlich lieber weiter über Austern reden“, antwortete sie. „Weißt du, wie lange die wirklich brauchen, um eine Perle zu erzeugen? Ich hätte gedacht, lange, aber sind es Jahre, oder Monate, oder sogar Jahrzehnte? Nee, Jahrzehnte kann nicht sein, oder?“
„Laia!“
„Ich komm mir sowieso schon wie eine Petze vor, zwing mich nicht noch -“
„Doch, mach ich! Du kannst sowas nicht einfach andeuten und dann nicht mehr drüber reden. Nicht, wenn so viel dran hängt. Außerdem wäre es ja nur Petzen, wenn es zu ihrem Nachteil wäre. Aber ich könnte sie nicht mal bestrafen, wenn ich wollte, und -“
„Naja, du könntest ihr halt kein Geld geben. Ich glaub schon, dass das als Strafe für sie durchgehen könnte.“
„Ja, gut, mach ich aber jedenfalls auch nicht. Ich würd sie weiter beschäftigen, und vor allem würde ich ihr helfen, damit besser umzugehen? Weil ich deine Bemerkung so deute, dass sie das aktuell nicht tut, weil es ja sonst kein Problem wäre?“
„Hmmja. Ja.“
Eigentlich bestand Laia nicht unbedingt darauf, weiter mit der Ordenskriegerin zu arbeiten. Sie wollte nicht, dass es ihr schlecht ging, aber … es wäre für Laia völlig in Ordnung, wenn es ihr irgendwo anders nicht schlecht ginge.
„Aber verflixt noch mal, jetzt sag mir endlich, was los ist, bevor wir angekommen sind und du eine neue Ausrede hast, mir nichts mehr zu erzählen!“
„Ich habs halt selbst gesehen. Gehört. Erlebt. Gerade jetzt vorhin ist sie nach Hause gekommen von der Schmiede in einem … eindeutig nicht ganz zurechnungsfähigen Zustand.“
Aki nickte nachdenklich.
Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, an dem der Pfad zum Schloss spürbar bergauf ging, und sier schnaufte ein bisschen, als sier nachfragte:
„Du bist dir sicher?“
Laia war besser an körperliche Anstrengung gewöhnt als Aki, deshalb konnte sie recht entspannt antworten: „Nein, Quatsch, ich erzähl dir manchmal einfach nur Sachen, weil ich die Vorstellung lustig finde.“
„Ja meine Güte, es könnte doch sein, dass sie sich nur ein bisschen merkwürdig verhalten hat und du aber nicht genau weißt, woran es lag!“
„Ist es aber nicht.“
„Gut. Ich glaub dir ja. Aber … Was machen wir mit ihr? Sie kann doch vielleicht trotzdem noch tun, wofür wir sie angeheuert haben?“
„Klar, wenn wir Glück haben“, antwortete Laia. „Aber wollen wir uns auf unser Glück verlassen, wenn es um das Leben eines Menschen geht? Und ihres ja sogar irgendwie auch, vielleicht.“
Aki wurde langsamer, während sier nachdachte.
„Du willst mir doch jetzt nicht sagen, dass alles umsonst war, nur wegen dieses kleinen Problems? Sie ist immer noch eine Shiu’Hzim!“
„Aber eine unzuverlässige. Können wir das Risiko eingehen?“
„Dann meinst du, wir sollten sie einfach fallenlassen?“, fragte Aki.
„Jetzt gerade wäre sie vielleicht nützlich, aber … Vielleicht können wir ihr ja auch irgendwie helfen, ohne dass sie für uns nützlich ist. Insbesondere du könntest. Hast du daran gedacht?“
Aki machte teils nachdenkliche, teils vage entrüstete Geräusche über sein schweres Atmen hinweg.
„Naja, was heißt schon … Vielleicht will sie gar keine Hilfe? Sie ist sehr stolz, und …“
„Sie hat nichts, Aki! Und niemanden mehr. Aber insbesondere hat sie nichts, also kein Geld, und alles, was sie am Körper trägt, gehört eigentlich dir. Ich glaub schon, dass es angemessen wäre, ihr zu helfen!“
Laia verfluchte sich währenddessen innerlich selbst. Warum machte sie denn das jetzt, sie wäre doch froh, wenn sie und Aki wieder einfach zu zweit sein könnten!
„Ich habe doch schon gesagt, dass ich sie nicht einfach fallenlassen will, darum geht es doch gar nicht! Sie hat sich ja auch ganz gut bei uns eingefügt, oder? Ein bisschen speziell ist sie natürlich, aber nicht unangenehm.“
„Mmmmhh… Ich find sie manchmal schon ein bisschen …“
„Es fühlt sich fast an, als wäre sie die perfekte Ergänzung für uns als Duo, oder? Als wären wir jetzt komplett, mit Fähigkeiten für alles, was wir uns vornehmen? Man möchte fast an Vorsehung glauben.“
Laia lachte. Es war nicht nur ein fröhlicher Laut.
Sie bereute ein bisschen, den Vorschlag gemacht zu haben. Die Vorstellung, noch mehr stunden- oder gar tagelange Kutschfahrten mit der übellaunigen und bedrohlichen Ordenskriegerin zu verbringen, wenn dieses Abenteuer hier vorbei war, behagte ihr nicht.
„Ja. Fast. Aber … Vielleicht klären wir jetzt doch zuerst mal, wie wir in dieses Schloss kommen?
Die beiden blieben in den Schatten einer Gruppe von Bäumen und Büschen stehen, weit genug vom Tor zum Schlosshof entfernt, um von dort aus nicht sichtbar zu sein, und betrachteten nachdenklich die Mauern und die dahinter aufragenden Gebäude.
Wirklich hübsch, fand Laia. Sie war nicht besonders interessiert an der äußeren Schönheit von Bauwerken und interessierte sich mehr für die inneren Werte, aber sogar sie musste zugeben, dass hier jemand ein sehr beeindruckendes Schloss gebaut hatte.
„Zauberhaft, oder?“, fragte Aki.
„Ja“, antwortete sie. „Wenn man versucht, nicht dran zu denken, wie viele Leute da drin wohnen können, und wie viele es tatsächlich tun. Und wofür sie es benutzen. Und dass ein paar von denen nicht mal da drinnen wohnen wollen. Es ergibt alles keinen Sinn, oder?“
Aki lachte.
„Es ist jedenfalls kompliziert … Aber du hattest da vorhin eine gute Idee, ich glaube, du wolltest über was reden, was wir gerade vorhatten?“
Laia nickte.
Eine Gruppe von drei plaudernden Personen kam den Weg vom Schloss in Richtung Stadt auf sie zu, und sie zogen sich etwas weiter in das Gebüsch zurück und flüsterten noch ein bisschen leiser weiter.
„Ja. Wie komme ich da rein? Ich stelle mir das gar nicht so schwer vor, vor allem mit deiner Hilfe. Wie lange ungefähr kannst du mich unsichtbar machen?“
„Komme ich mit rein, oder nicht?“
„Nicht, denke ich? Scheint mir sicherer. Das Gute an Schlössern ist, dass sie groß sind. Einbrechen ist da viel leichter als in kleine Häuser oder Mietwohnungen, und man findet drinnen eigentlich auch immer irgendwo ein Versteck, wenn Wachen vorbeikommen. Aber das wird schwerer, wenn man zu zweit ist, sogar wenn die zweite Person nicht ein*e völlig unerfahrenene*r adlige*r Akademiker*in ist.“
„Was heißt hier unerfahren? Ich …“
„Wie oft bist du schon in die Häuser anderer Leute eingebrochen? Hm? Ja. Dachte ich mir.“
„Wir sind damals in diese Mühle -“
„Ich meine erfolgreich!“
„Schon gut.“
„Also wie lange?“
Aki verzog den Mund, verdrehte die Augen, wiegte den Kopf von links nach rechts, gestikulierte mit den Händen und antwortete schließlich zögerlich:
„Es kommt auf so vieles an. Wie weit du dich entfernst, was sich zwischen uns befindet, wer sich zwischen uns befindet, ob ich hier konzentriert stehen bleiben kann oder irgendwas passiert, wie das Wetter ist, … Aber ich schätze, eine Viertelstunde schaffe ich sicher, wenn es gut läuft, vielleicht eine halbe. Wenn alles perfekt zusammen kommt, sogar eine ganze.“
„Besser als nichts. Merke ich, wenn ich wieder sichtbar werde?“
„Das ist tatsächlich schwierig. Ich kann einen Zauber wirken, der mich mit dir sprechen lässt. Aber den muss ich parallel aufrecht erhalten, deshalb reduziert das die Resilienz der Invisibilität.“
„Kann ich nicht einfach auf meine Hände oder Füße gucken und sehen, ob ich mich noch sehe?“
Aki schüttelte mit bedauerndem Lächeln den Kopf.
„Tut mir leid, so funktioniert der Cantus nicht. Du wirst durch meine Illusion nicht physikalisch unsichtbar, das wäre viel zu umständlich. Sie beeinflusst die Wahrnehmung von Personen um dich herum und macht sich dadurch gleichzeitig deren Fähigkeit zunutze, die Lücke aufzufüllen, die durch die Invisibilität entsteht. Wir gewinnen dadurch den zusätzlichen Vorteil, dass der Cantus auch – nicht zu laute – Geräusche und sogar kleine Beeinflussungen anderer Gegenstände überdecken kann, wenn die Umstände günstig sind.“
„Und warum beeinflusst du dann nicht meine Wahrnehmung gleich mit? Wäre das so viel aufwändiger?“
Aki lachte leise.
„Für mich nicht. Aber für dich wäre es enorm desorientierend, wenn ich deinen Verstand dazu brächte, dich selbst nicht mehr wahrzunehmen. Denk dran, wir reden hier nicht nur über Optik, wir reden mehr über … eine Aura von ‚Ich bin hier nicht, hier ist niemand, ignoriere mich!‘. Das ist tatsächlich sogar eine Variante, die wir manchmal zu combattiven Zwecken applizieren.“
„Ich glaube, ich kanns mir vorstellen.“
„Ich glaube, nicht.“
„Aki!“
„Schon gut! Also, rechnen wir mit einer Viertel- bis einer halben Stunde.“
„Gut. Ich schaue, was ich tun kann.“
Aki schloss die Augen, hob die Hände und sprach: „Ossi Fessahwn Ha’shj dr-Nof!“
„Siehst du mich jetzt noch?“, fragte Laia.
„Natürlich, was denkst du denn?“
„War nur neugierig. Danke! Dann mal los!“
Laia trat aus den Schatten und ging auf die Fackeln zu, die das Tor zum Hof des Schlosses einrahmten.
Das große Tor in der hohen, teilweise bewucherten Mauer aus großen, unregelmäßigen Steinen war schon geschlossen, aber es war noch nicht spät, und noch nicht einmal ganz dunkel, deshalb traten durch eine kleinere Tür daneben noch Leute aus dem Schloss heraus, wahrscheinlich solche, die dort arbeiteten, aber in der Stadt wohnten, und ein paar einzelne auch noch hinein, und just in diesem Moment klapperte sogar noch ein kleiner Wagen heran, gezogen von einem Esel.
Laia nahm das als glücklichen Zufall gerne an und wartete kurz, während sich das Fallgatter vor dem Wagen öffnete, um mit ihm hineinzuschlüpfen. Natürlich hätte sie auch durch den Nebeneingang gehen können, aber da hätte die Gefahr bestanden, mit einer der anderen Personen zu kollidieren.
Für einen Moment fragte sie sich, wie peinlich und albern das jetzt wäre, wenn sie in Wahrheit gar nicht unsichtbar war, aber die zwei Wachpersonen am Tor schienen sie tatsächlich überhaupt nicht wahrzunehmen, obwohl Laia ihren eigenen Schatten riesig und überdeutlich über den Wagen, die Wachen und die Pflastersteine huschen sah, als sie die Fackeln passierte.
Kurz erlaubte sie sich, etwas abseits des Eingangs stehen zu bleiben und den Anblick des Schlosses von hier zu bewundern. Es war nicht riesig, aber doch groß genug, dass sie den Kopf zurücklegen musste, um den höchsten Turm im Mondlicht vor dem dämmerungsdüsteren Himmel zu sehen. Anders als die Mauer außen war der Großteil der Gebäude hier nicht aus Naturstein, sondern glatt hellbeige verputzt. Das hätte Laia wahrscheinlich anders gemacht, zumal der Putz natürlich an einigen Stellen abzuplatzen begann, weil niemand so einen riesigen Kasten permanent in Stand halten konnte. Aber die beleuchteten Fenster und einzelne Laternen und Fackeln verliehen den Gebäuden gerade jetzt am Abend ein sehr gemütliches, fast märchenhaftes Aussehen, und da passten die kleinen Schönheitsfehler dann sogar wieder ins Bild.
Schade, dass sie nur für ein paar adlige reiche Armleuchter*innen ein Zuhause waren, dachte sie noch einmal mit einem leisen Seufzen – Aki hatte ja gesagt, dass sein Zauber auch kleine Geräusche überdeckte – und ging weiter auf der Suche nach dem Eingang zum Hauptgebäude. Das war immerhin leicht zu erkennen, es war das große mit den Türmen, und der Eingang stand noch offen, eine große zweiflügelige Tür, mit je einer Wachperson an jeder Seite.
Gut.
Laia ging an ihnen vorbei mit einem sehr deutlichen lauen Gefühl im Magen, aber wieder bemerkte sie niemand. Der Zauber hielt. Gut.
Sie bereute trotzdem, Aki nicht um den anderen Zauber gebeten zu haben, damit sier mit ihr sprechen konnte. Es war erstens emotional sehr belastend, nicht zu wissen, wann der Spruch aufhören würde zu wirken, und zweitens wäre es ja auch wirklich sehr gefährlich, wenn sie sich auf die Unsichtbarkeit verließ, ohne zu wissen, wie lange sie noch konnte.
Also besser, sich nicht darauf zu verlassen.
Aber zuerst kam jetzt der schwierige Teil: Sie musste Narubolan finden in diesem riesigen Kasten von einem Gebäude.
Sie nahm an, dass er nicht im Erdgeschoss zu finden war. Erstens waren Schlafgemächer in Schlössern meistens eher weiter oben, und zweitens wollte man doch Gefangene sicher in einem Teil des Gebäudes aufbewahren, in dem sie nicht einfach aus dem Fenster steigen konnten?
Also die große Treppe hinauf, und … rechts herum, irgendwo musste sie ja anfangen, hoplla, dem*r Dienstbot*in ausweichen, und dann weiter.
Laia fragte sich, ob es nicht doch geschickter gewesen wäre, sich selbst als eine Dienstbotin auszugeben, dann hätte sie einfach mehr oder weniger unauffällig nach Narubolan fragen können.
Tatsächlich konnte sie das ja immer noch, sobald die Unsichtbarkeit aufhörte. Es fühlte sich albern an, so etwas Kostbares wie Magie so zu verschwenden, aber andererseits hatte der Spruch ihr immerhin geholfen, an den Wachleuten draußen vorbeizukommen, und so …
„Erwischt!“
Laia schrie auf, als eine Hand sich fest um ihren Oberarm legte und die Stimme in ihr Ohr raunte. Sie schalt sich gleichzeitig die schlechteste Einbrecherin aller Zeiten, aber sie konnte nicht anders.
Etwas an dieser Hand war falsch, der Griff war zu fest und zu unnachgiebig, als sie zuckte und sich zu entwinden versuchte. und auch an dieser Stimme war etwas falsch. Sie klang zugleich erfreut und ein bisschen hämisch, dabei aber auch … ein bisschen müde? Wie eine Person, die weiß, was das angemessene Gefühl für eine gemeine Person in so einem Moment wäre, es aber gerade nicht aufbringt und deshalb vorspielen muss, aber nicht mehr so richtig weiß, wie das Gefühl sich anfühlt, und deshalb …?
Laia fielen die Gerüchte ein, die Aki darüber zitiert hatte, warum das Schloss der Gräfin so schwer zu infiltrieren war.
Sie zerrte und zappelte, aber es war, als hinge ihr Arm in einer stählernen Fassung, die ihrerseits wiederum in die Wand eingemauert war.
Sie schrie nicht noch einmal, weil sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass dadurch etwas besser würde.
Sie wandte sich herum und schaute in ein aschfahles Gesicht und war sich nicht ganz sicher, ob das rötliche Leuchten ganz hinten in den dunklen Augen eine Reflexion einer Laterne war, oder …
„Komm mit“, raunte die verstörend leere Stimme, „Lass uns deine*n Freund*in holen, di*er da draußen wartet.“

Lesegruppenfragen

  1. Wie fandet ihr so den Dialog und den Spaziergang dabei? Kam das einigermaßen rüber?
  2. Hättet ihr euch mehr Schlossbeschreibung gewünscht?
  3. Würdet ihr als Yanis und Aki auch ungefähr so mit den Erkenntnissen über Yanis umgehen? Wie seht ihr das?
  4. Findet ihr so cliffhangerige Enden eigentlich gut? Bitte elaborieren, ich bin nur zu faul, mich an die Keine-Ja-Oder-Nein-Fragen-Regel zu halten.

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