Yanis (24)


Ohhhhhje, so allmählich zeichnet sich ein Ende ab. Ihr merkt davon noch nicht SO viel, weil die Veröffentlichung dem Schreiben etwas hinterherhängt, aber ich kann euch sagen, Jungejunge.

Das Ende naht.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel haben wir die Shiu’Hzim Yanis kennengelernt und mit ihr ein ärgerliches Missgeschick erlebt, das sie in die Hände einer Heilerin fallen ließ.
Im zweiten Kapitel wird Laia bei einem Diebstahl ertappt und flieht vor den Wachen zu ihrem*r Freund*in Aki.
Im dritten Kapitel setzt Yanis ihre Mission fort, kehrt in ihre Heimatburg zurück und wird nicht sehr freundlich empfangen.
Im 4. Kapitel durften wir Akis Sphärenverleihungszeremonie beiwohnen, und sier erlebte eine kleine Enttäuschung.
Im 5. Kapitel hat Icara Yanis einen sehr bösen Streich gespielt. Und Yanis hat daraufhin … naja, vielleicht nicht mal unbedingt überreagiert, aber auch nicht besonders geschickt jedenfalls.
Im 6. Kapitel will Laia unbedingt Akis Verleihungszeremonie miterleben und versucht deshalb, in den Großen Saal zu klettern.
Im 7. Kapitel flieht Yanis aus der Burg und begegnet zum Schluss noch mal einer alten Bekannten.
Im 8. Kapitel plaudern Aki, Laia und Akis Väter, während sich bei Aki zu Hause Unheil anbahnt.
Im 9. Kapitel finden zwei Kinder beim Spielen an einem Bach eine am Ufer schlafende Yanis.
Im 10. Kapitel lernen wir Narubolan von Orenin kennen (Er hat sich den Namen nicht ausgesucht), Laia fährt mit seiner Familie Kutsche, und Yanis erreicht eine Farm und bittet um Unterkunft.
Im 11. Kapitel erklärt Aki Laia die Lage, Narubolan isst zu Abend, und Yanis erwacht in einer Scheune.
Im 12. Kapitel kehrt Yanis zu Ikrezia zurück und kann sich mit deren Hilfe vor ihren Häscherinnen verstecken, zahlkt aber dafür einen hohen Preis. Laia versucht vergeblich, ein Geschenk von Aki zu verkaufen und trifft dabei … eine Person wieder, die ihr schon mal begegnet ist. Yanis. Die Person ist Yanis.
Im 13. Kapitel sehen wir im Rückblick, wie Janis über Nacht ausgeraubt wird und dann einen Weg in die Stadt findet.
Im 14. Kapitel erklärt Aki sieren Plan sieren Vätern (Er kommt nicht so gut an.), und Yanis findet, gleichsam als Rückblende, Laia wieder.
Im 15. Kapitel fahren Janis und Leier gemeinsam mit der Kutsche zu dem Schloss der Barone und führen ein ziemlich missglücktes Gespräch.
Im 16. Kapitel kündigt Laia Aki Yanis an (Grammatik, sie ist manchmal nicht so besonders förderlich für die Verständlichkeit, aber ich lass das so stehen, weil ichs gerade lustig finde.), aber Yanis flieht, weil sie Laia nicht traut.
Im 17. Kapitel kommt Yanis in Lichternach an, kämpft gegen eine Wache am Stadttor und wird deshalb öffentlich ausgepeitscht. Yanis und Aki befreien sie.
Im 18. Kapitel heilt Aki Yanis und heuert sie für sieren Plan an.
Im 19. Kapitel erreichen die drei den Sitz der Freifrau von Berleningen, Aki überzeugt sie, ihnen zu helfen, und Yanis und Laia führen ein für beide Seiten etwas peinliches Gespräch
Im 20. Kapitel schleicht Yanis sich aus dem Bett, um besagtes Gespräch nicht aufgreifen zu müssen, begegnet im Garten Aki, und plant mit ihm gemeinsam schwierige Details sieres Plans.
Im 21. Kapitel erwacht Laia, ertappt die Gruppe von Shiu’Hzim um Goma, die Yanis festnehmen wollen, und warnt Aki und Yanis vor ihnen.
Im 22. Kapitel zieht Yanis Akis ambitionierten Fluchtplan durch, scheinbar zunächst mit Erfolg, aber Icara traut dem Frieden nicht und weigert sich, die Suche abzubrechen.
Im 23. Kapitel prügelt Icara sich mit einer Gruppe von Abenteurer*innen in einem Gasthaus.
Was heute geschieht

„Name?“
„Yani- ich meine, nein, das war … Ich wollte eigentlich sagen: Styri von Niederangen, für das Lehen derer von Berleningen. Ich … Entschuldigung, ich … kenne eine Person namens Yanisugo, der Ihr ähnlich seht, und ich dachte für einen Moment … Hier ist jedenfalls die Urkunde der Freifrau von Berleningen, die mich als ihre Deputierte ausweist, und hier ist der Obolus für die Teilnahme.“
Die Person hinter dem Tisch schaute zu ihr auf, als würde sie befürchten, dass Yanis gleich darauf springen, ihr ins Gesicht spucken und dann mit si*erer Filzkappe abhauen würde.
Wunderbar. Es fing schon sehr gut an. Yanis hatte den ganzen Weg hierher ihre falschen Namen geübt, den ganzen Weg über immer wieder ihren Spruch aufgesagt, sich immer wieder daran erinnert, nicht zu zögern, und dass sie auch daran denken musste, sofort zu reagieren, wenn jemand den falschen Namen sagte, zum Beispiel um ihr hinterherzurufen, falls sie etwas vergessen hatte, oder so.
Und dann hatte sie es doch auf Anhieb komplett versaut.
Und sie hatte so ein Gefühl, dass sie es mit ihrer spontan nachgeschobenen Erklärung für den Lapsus nicht besser gemacht hatte.
Und die Kleider, die sie trug, mit der tief ins Gesicht gezogenen Gugel, die sicher nach vielem, aber nicht nach einer adligen Turnierteilnehmerin aussahen, halfen sicher auch nicht.
Als die Person entschieden hatte, dass Yanis eventuell doch keine unmittelbare Gefahr für si*ere Kappe darstellte, nickte sie*er schließlich zögerlich und griff nach dem Geldbeutel und dem Brief. Als si*er beides geprüft und für zufriedenstellend befunden hatte, entspannte si*er sich merklich und schaute zum ersten Mal direkt zu Yanis auf, und lächelte sogar dabei.
„Knapp noch geschafft, was? Schwierige Anreise?“, fragte die Person mit einem mitführenden Blick an Yanis entlang, der wahrscheinlich auch ihrer Kleidung galt.
War das jetzt eine bessere Gelegenheit für eine spontan erfundene Erklärung? Yanis war sich nicht sicher, aber weil es beim letzten Mal so schief gegangen war und sie generell einfach nicht gut lügen konnte, entschied sie sich für Vorsicht und Zurückhaltung.
„Ja“, sagte sie kurz, aber so wenig schroff, wie sie konnte, „Gab ein paar Komplikationen.“
Di*er Sekretär*in nickte, trug etwas in einen dicken Folianten ein, stempelte etwas darauf und reichte Yanis dann eine etwas angerostete eiserne Münze.
„Hier ist Euer Zeichen. Morgen pünktlich zur Mittagszeit beginnt da Turnier. Seid zwei Stunden zuvor hier für die Einteilung.“
„Sicher, werde ich. Habt Ihr … vielleicht eine Idee, wo ich noch passende Turnierwaffen erwerben könnte?“
Die Person hinter dem Tisch lachte auf.
„Wirklich schlimme Anreise?“
Yanis lachte mit, so gut sie konnte.
„Ihr habt keine Ahnung.“
Di*er Sekretär*in lachte noch einmal.
„Dann bis morgen“, sagte Yanis, und hätte fast salutiert, bevor sie sich abwandte.
Soweit war es jetzt schon, dass sie so eine Figur als Autorität akzeptierte. Es war alles so konfus. Alles fühlte sich immer noch völlig irreal an, sie stand neben sich, und dann kam solcher Unfug heraus. Immerhin hatte si*er nicht darauf bestanden, ihr Gesicht zu sehen. Das hätte die Situation sehr unangenehm gemacht, und Yanis wollte gar nicht darüber nachdenken, was ihr dann für bizarre und völlig untaugliche Lügen eingefallen wären, um aus der Situation herauszukommen.
Sie hätte das Angebot der Agentin annehmen sollen, die Anmeldung für sie zu übernehmen, aber sie hatte vor ihr und dier Magierin nicht schwach dastehen sollen. Vor allem vor der Agentin natürlich.
Es war ja am Ende gut gegangen, darauf kam es a-
Die Tür stieß gegen ein Hindernis, als Yanis versuchte, sie zu öffnen, und eine empörte und auffällig nasale Stimme fluchte.
Wunderbar. Das hatte ja noch gefehlt.
Die Tür wurde ganz aufgerissen, und vor Yanis stand eine breitschultrige Figur mit enorm überentwickelten Oberarmen, Bürstenhaarschnitt und blutender Nase.
„Pass doch auf, du Bäuer*in, und geh mir aus dem Weg!“, nuschelte die große Person.
Yanis schaffte es sogar, kurz darüber nachzudenken, sich einfach zu entschuldigen und sich an ihm vorbei zu wieseln, aber so ganz hatte sie es noch nicht geschafft, ihren Stolz in einem Fach ihrer Persönlichkeit zu verstauen, in dem er nicht mehr störte.
Sie blieb vor der Person stehen und stellte die Füße etwas breiter auseinander, um unmissverständlich zu verdeutlichen, dass sie nicht aus dem Weg gehen würde. Sie widerstand der Versuchung, zu si*er aufzuschauen und si*en anzugrinsen, weil ihr noch rechtzeitig einfiel, dass sie inkognito hier war und es besser war, wenn die Person nicht zu viel von Yanis‘ Gesicht unter der Gugel sah.
„Ich hab gesagt“, knurrte die Person, „Geh mir aus dem Weg.“
„Und ich habs nicht gemacht“, antwortete Yanis. „Du kannst aus meinem Weg gehen. Dann haben wir das Problem genau so gut gelöst.“
„Weißt du, wer ich bin?“
Yanis schnaubte ein Lachen.
„Di*er Lakai*in von irgendeiner Person, die an diesem Turnier teilnimmt? Oder die Person selbst?“
„Ich bin der Junker von Sessgereit!“
Yanis blieb vor ihm stehen und verschränkte die Arme.
Der Junker stöhnte und schüttelte den Kopf.
Er zog ein Kurzschwert, und Yanis trat einen Schritt zurück und lachte vor Überraschung laut auf.
„Was? Ist das dein Ernst?“
„Du hast es nicht anders gewollt“, sagte er, und folgte ihr in den Raum.
Yanis trat noch mal einen Schritt zurück, ohne groß darüber nachzudenken. Wenn ein Mensch eine Waffe hielt, dann hielt Yanis den Abstand ein, wie sie von Goma gelernt hatte. Das passierte ganz von selbst.
Aber es schien dem wütenden Junker das Gefühl zu geben, sie hätte Angst von ihm.
„Entschuldigung?!“, rief di*er Sekretär*in hinter Yanis, si*erem Tonfall nach unentschlossen, ob si*er empört und streng oder besorgt und vorsichtig sein wollte. „Steckt sofort das Schwert wieder ein!“
„Mach den Mund zu, Faktotum!“, bellte der Junker.
„Si*er hat Recht“, sagte Yanis. „Steck das Ding wieder weg, dann gehen wir aneinander vorbei wie erwachsene Menschen und können die ganze peinliche Situation hier vergessen, in Ordnung?“
„Erst entschuldigst du dich!“
Yanis verdrehte die Augen, in dem entspannenden Bewusstsein, dass er es ohnehin nicht sehen konnte.
„Du …“ begann sie eine Frage wie: ‚… würdest mich jetzt wirklich hier vor einem*r Zeug*in erstechen, weil ich dir nicht aus dem Weg gegangen bin?‘ oder ‚… willst wirklich, dass ich dir dein Spielzeug wegnehme und deinen Fuß in deinen Arsch platziere, oder?‘
Aber im letzten Moment entschied sie, dass das jetzt einer dieser Momente war, die sich auf merkwürdige Weise so anfühlten, als müsste sie ihren Stolz herunterschlucken, um ohne Gewalt durchzukommen, aber tatsächlich nicht so waren. Sie fand diese Situation so peinlich und diese Witzfigur von einem Junker so albern, dass sie eigentlich nichts weiter dabei fühlte, seine Füße zu küssen. Darüber nachzudenken, erinnerte sie wieder an ihre letzte Begegnung mit Ikrezia, und das tat so weh, dass ihr Verstand jaulend davor zurückschreckte und sie für einen Moment nur reglos blinzelnd dastand, was ihrer Absicht, sich einfach zu entschuldigen und die Sache hier hinter sich zu bringen, kurz im Weg stand.
„Drei“, fing der Junker an, und machte es damit wieder ein bisschen schwerer. „Zwei …“
„In Jenachs Namen“, sagte Yanis kopfschüttelnd. „Es tut mir leid. Es tut mir sogar wirklich leid, dass ich deine Nase gebrochen habe, und irgendwie tut mir alles andere auch leid, und jetzt gehe ich, und du steckst das Ding da besser wieder ein, bevor du dir damit wehtust.“
Ja, doch. So fühlte es sich wirklich ganz erträglich an. Nicht so wie diese Sache dama- ach verdammt. Irgendwann musste Yanis ihre Beziehung zu Ikrezia verarbeiten, damit sie sich nicht immer wieder in ungünstigen Momenten an solchen Erinnerungsblitzen weh tat. Andererseits hatte sie da eine ganze Menge vor sich, und das war nur ein einziges Element von vielen.
Und schon hatte Yanis den albernen Junker von der breiten Gestalt vergessen, der sich immerhin nicht entschieden hatte, ihr nachzulaufen und sie in den Rücken zu stechen.
Dafür wurde ihr klar, dass sie gar keine Antwort mehr auf ihre Frage nach Turnierwaffen bekommen hatte, als sie die Tür hinter sich schloss und sich entscheiden musste, in welche Richtung sie nun weiterlaufen würde.
Yanis zog kurz in Erwägung, umzukehren und noch einmal zu fragen, verwarf diese, um nicht wieder dem Junker zu begegnen, stellte diese Entscheidung gleich wieder infrage, weil sie natürlich keine Angst vor dem Junker hatte und auch nicht wollte, dass es für irgendjemanden aussah, obwohl es ja überhaupt niemand mitbekommen würde, und entschied dann aber doch, nicht umzukehren, weil sie ohnehin keinen Grund für die Annahme hatte, dass di*er Sekretär*in überhaupt Waffenhändler*innen kannte, die si*er Yanis empfehlen könnte.
Sie konnte genausogut einfach irgendeine*n Passant*in fragen, und das tat sie dann auch.
Yanis suchte sich Personen heraus, die zumindest irgendwie so aussahen, als könnten sie wissen, wo Waffenschmied*innen zu finden waren, und hatte damit auch beim dritten Versuch schon Erfolg.
Sie folgte der Beschreibung ohne Probleme – Kelthofen war nicht besonders groß – fand tatsächlich eine Schmiede – und schalt sich innerlich sogleich die erbärmlichste Närrin, die jemals eine Ausbildung in Yeshaga absolviert hatte.
Jetzt stand sie da, auf der Straße, vor der offenen zweiflügeligen Tür, und sah drinnen di*en Schmied*in einer jungen Person mit Haaren in einer bemerkenswerten Dissonanz aus langweiligem Topfschnitt und auffällig blauer Farbe gegenüberstehen, die mit eindringlichem, beinahe verzweifeltem Gesichtsausdruck ein Kettenhemd hielt und auf si*en einredete, während di*er Schmied*in bedauernd und kopfschüttelnd versuchte, ein Wort dazwischen zu bekommen.
Aber vor allem sah sie natürlich das Feuer, direkt hinter di*er Schmied*in, die lodernde Glut, weiß, rot, blau, die graue Asche an den Ränden, aber vor allem die Flammen, und …
Yanis wandte den Blick ab, schluckte, rollte die Schultern sah sich ratlos um.
Was nun?
Sie würde ganz sicher nicht zu dier Magier*in und sierer Agentin zurückkriechen und sie bitten, die Arbeit zu erledigen, für die Yanis selbst die Verantwortung übernommen hatte.
Und was blieb ihr damit schon noch? Sie würde es tun. Sie würde mit dem Geldbeutel dier Magier*in in die Schmiede gehen und Turnierwaffen und ein Kettenhemd oder eine ähnliche Rüstung kaufen, und vor allem einen Helm oder eine Kettenhaube oder irgendetwas, das ihr Gesicht verbarg, und dabei nicht zu sehr auf die verflixte Esse achten, und dann würde sie die Schmiede wieder verlassen und sehr stolz auf sich sein, weil sie ihre sonderbare … Fast war es ein inneres geistiges Räuspern, vor dem Konzept … Angst überwunden hatte.
So würde sie es machen.
Wie schwer konnte es sein?
Es war nur Feuer, und es war kein gefährliches. Es war eine Esse in einer Schmiede, und di*er Schmied*in verstand ihr Handwerk und hatte die Lohe gut abgesichert, es bestand keinerlei tatsächliche Gefahr.
Es war alles nur in Yanis‘ Kopf. Nur in ihren Gedanken und Gefühlen.
Das Feuer war keine Bedrohung. Die Bedrohung war nur Yanis‘ eigene Schwäche. Und Yanis hatte ihr ganzes Leben lang gelernt, eigene Schwäche zu überwinden.
Wie schwer konnte es also sein?
Yanis atmete tief durch, hob den Kopf (aber nicht zu weit, damit ihr Gesicht noch möglichst gut unter der Gugel verborgen blieb, nahm die Schultern zurück und marschierte in Richtung der Schmiede, den Blick so gut es ging von der Lohe abgewandt.
Es ging nicht besonders gut.
Yanis versuchte, di*en Schmied*in anzusehen, die Person, die immer noch auf si*er einredete, die Waffen, die auf Böcken lagen oder an Wänden hingen, einfach den Boden aus gestampftem Lehm.
Aber die Glut, das Feuer, die Lohe waren so dermaßen … da. Sie waren so präsent. Sogar wenn Yanis sie nicht ansah, konnte sie die Hitze spüren, obwohl sie eigentlich … zu weit weg war, um sie zu spüren, oder? Sie war doch noch zu weit weg, oder? Das Feuer konnte unmöglich Hitze so weit abstrahlen.
Nicht das Feuer ansehen, nicht ansehen, nicht hinsehen.
Aber doch.
Sie fühlte es.
Sie fühlte die Hitze des Feuers in ihrem Gesicht. In ihrem Gesicht. Wie …
Yanis hörte sich selbst schnaufen, und ihr wurde bewusst, dass Schweißtropfen auf ihrer Stirn standen.
Sie blinzelte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ein*e andere Kund*in der Schmiede, di*er noch darauf wartete, dass die Person mit dem zu flickenden Kettenhemd endlich aufgab.
„Ja… Ja, alles in Ordnung“, murmelte Yanis. „Ich … hab nur …“ Sie schluckte. Ihr Mund war so trocken. Ihr Hals war so trocken. Das Schlucken tat weh. „Etwas vergessen“, stieß sie hervor, und schaffte es gerade noch, nicht aus der Schmiede zu rennen, sondern einigermaßen gemessenen Schrittes auf die Straße hinaus zu gehen.
Keuchend lehnte sie sich an eine Mauer auf der anderen Straßenseite.
In Ordnung, dachte sie, und tat ihr Bestes, die ruhigste und vernünftigste denkbare Stimme in ihrem Kopf heraufzubeschwören. Gomas Stimme vielleicht. In Ordnung. So vielleicht doch nicht.
Oder …
Vielleicht doch so ähnlich?
Nur weil es beim ersten Versuch nicht gut gegangen war, durfte sie nicht aufgeben.
Yanis hatte ihr ganzes Leben lang gelernt, nicht aufzugeben. Eine Shiu’Hzim gab nicht auf. Niemals. Es war undenkbar.
Wenn sie sich ein wenig beruhigt hatte. Einfach nur ein wenig Zeit, um sich wieder zu sammeln, an etwas anderes zu denken als an der verfluchte Feuer, die Angst im eisernen Griff ihrer Disziplin zu zerquetschen …
Der Gedanke fühlte sich gut an.
Das war vielleicht etwas, woran sie sich festhalten konnte.
Wenn sie sich vorstellte, wie die Angst, diese erbärmliche, hündische, widerliche, verachtenswerte Angst, sich in Yanis‘ Griff wandt, wie sie zwischen ihren Fingern langsam zerdrückt wurde …
Yanis war sich nicht sicher, ob sie lächelte, weil sie sich so über den Gedanken freute, oder darüber, eine Technik gefunden zu haben, mit der Angst umzugehen, oder weil sie so lächerlich fand, dass diese alberne Vorstellung ihr tatsächlich so viel Genugtuung bescherte.
Aber sie lächelte jedenfalls.
Gut.
Gut.
So würde sie es schaffe. Sie hatte das im Griff. Sie würde sich nicht von Angst beherrschen lassen.
Shiu’Hzim konnten mit Angst umgehen. Sie hatte gelernt, mit Angst umzugehen. Sie war die, vor der die Angst Angst haben mu… Das war albern.
Aber es tat trotzdem gut.
Yanis atmete noch einmal tief durch und ging mit gehobenem Kopf und stolz aufgerichteten Schultern in die …
Und eine halbe Minute später taumelte sie wieder hinaus, auf die Straße, irgendetwas murmelnd von „Schon wieder vergessen, tut mir leid, wie peinlich …“ in dem Wissen, wie völlig unglaubhaft das war und dass di*er Schmied*in und si*ere Kund*innen sich jetzt wahrscheinlich ernsthafte Sorgen um sie machten.
Yanis lehnte wieder an der Wand, mit geschlossenen Augen und geballten Fäusten und brauchte ihre ganze Willenskraft, um nicht zu heulen. Sie schnaufte und kämpfe und rang mit sich, damit das Schnaufen nicht zu einem Schluchzen wurde.
Es ging einfach nicht.
Es ging nicht.
Sie konnte es nicht.
Was für eine erbärmliche feige Person war sie?
Wie konnte das sein?
Und dann wurde ihr bewusst, dass ihre linke Hand in dem Beutel mit den Pastillen war, und eine davon zwischen Daumen und Zeigefinger rollte.
War das vielleicht …?
Vielleicht so?
Sie hatte die Pastillen bisher nur zum Schlafen genommen. Und ihr war klar, dass die Wirkung ihr erleichtern würde, mit dem Feuer zurechtzukommen, aber alles andere deutlich erschweren würde, und dass die Gefahr, als Witzfigur dazustehen, damit insgesamt vielleicht nicht geringer wurde, aber …
Sie würde ganz sicher nicht zu dier Magier*in und sierer Agentin zurückkriechen und sie bitten, die Arbeit zu erledigen, für die Yanis selbst die Verantwortung übernommen hatte.
Und was blieb ihr damit schon noch?

****************************

„Oh, tut mir leid, falsche Tür.“
„Yanis? Gehts dir gut?“
Die Kriegerin stand da, als wäre sie nicht ganz sicher, wie man richtig steht, ihr Blick war sonderbar glasig, und ihre Haltung insgesamt sehr viel weniger aufgerichtet und gerade als sonst.
„Ja. Alles in Ordnung. Ich hab … die Sachen gekauft.“
„Schön! Aber … sonst? Du siehst ziemlich mitgenommen aus? War irgendwas?“
Die Kriegerin blinzelte nachdenklich und ein bisschen verwirrt in ihre Richtung.
„Ja. Ich mein, nein. Alles in Ordnung.“
Aber sie wankte noch zwei Schritte in den Raum und schloss unbeholfen die Tür hinter sich. Was zum …?
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte Laia.
Sie hatte sich eigentlich auf einen ruhigen Abend gefreut, um sich in ihrem Zimmer auszuruhen, bevor sie mit Aki reden musste, das würde schon schwierig genug werden, sie konnte das jetzt wirklich nicht gebrauchen, was auch immer ‚das‘ werden sollte.
Die Kriegerin stand mit geschlossenen Augen da, atmete etwas schwer, straffte schließlich ihre Schultern, sah auf und fragte, zu Laias völliger, sprachloser Verblüffung:
„Kannst du mich in den Arm nehmen?“
Jetzt war es an Laia, verwirrt zu blinzeln.
Sie fragte sich für ein paar Herzschläge ganz aufrichtig, ob sie irgendwie falsch gehört hatte, aber auch wenn Yanis‘ Aussprache ein bisschen träge war, hatte es da eigentlich nichts misszuverstehen gegeben.
„Ist in Ordnung, wenn du nicht willst. Ich wollte nur fragen. War kein so guter Tag.“
Laia dachte kurz nach. Ja gut. Na gut. Wenn das alles war. Die Vorstellung war schon ein bisschen gruselig, aber auch wenn die Kriegerin nicht unbedingt Laias Vorstellung von einer komplett vertrauenswürdigen, sicheren Freundin war, empfand sie doch genug … Sympathie, um es nicht als inakzeptable Zumutung zu empfinden, und …
Sie stand auf und legte sehr, sehr vorsichtig die Arme um die Kriegerin, die zuerst nur reglos und spürbar ebenso überfordert von der Situation wie Laia selbst da stand, dann aber die Umarmung erstaunlich enthusiastisch und fest erwiderte.
„In Ordnung, in Ordnung“, sagte Laia. „Gut so. Ist gut so, oder?“
Sie fühlte die Kriegerin ein Stück über ihrem eigenen Kopf nicken.
„Danke.“
„Kein Problem. Aber … Gehts dir wirklich gut? Was war denn? Sind die …“ Wie konnte sie es am sichersten formulieren? Laia versuchte, den Begriff Shiu’Hzim gegenüber Yanis zu vermeiden. „… Leute, die dich suchen, wieder aufgetaucht?“
Sie fühlte die Kriegerin den Kopf schütteln.
„Nein, nein, nichts in der Richtung. Nichts … Ernstes. Nichts. Es war … Entschuldigung, ich … weiß jetzt nicht mehr, was deine Frage war?“
Laia lachte. „Schon gut. Wir haben alle mal einen schlechten Tag.“
„Ja. Anscheinend. Ich … danke. Und … Tut mir leid.“
„Nein, ist schon gut. Ist wirklich in Ordnung, grundsätzlich, aber … Nicht dass ich jetzt Streit anfangen will, und ich bin sicher, dass das eine völlig unnötige Bemerkung ist, aber wenn die Hand noch drei Fingerbreit weiter nach unten rutscht, wird das hier unangenehm für mich, nur dass du‘s weißt.“
Die Kriegerin schreckte zurück, als hätte Laia sie geohrfeigt. Sie taumelte rückwärts mit einem schweren Schlag gegen die Tür – Autsch, das musste der Kopf gewesen sein, aber sie schien es nicht mal zu bemerken – und starrte Laia aus weit aufgerissenen Augen an.
„Es tut mir … ich wollte … Entschuldigung, ich wollte nicht, das tut mir so leid“, stammelte sie. „Ich wollte nicht … Das war nicht … Tut mir leid. War wirklich keine Absicht. Ich bin … so müde. Ich denke, ich gehe schlafen.“
Laia glaubte ihr sogar. Also, den ersten Teil. Dass sie einfach nur müde war, war natürlich Unfug. Laia wusste nicht, was die Kriegerin genommen hatte. Sie roch nicht nach Alkohol, aber sonst konnte es alles Mögliche gewesen sein, Laia kannte sich da nicht aus.
„Ja“, sagte sie, und nickte dabei mit einem freundlichen Lächeln, das sie zu ihrer beinahe-Überraschung auch wirklich fühlte. „Das ist wahrscheinlich das Beste. Gute Nacht. Schlaf gut, und erhol dich gut.“
„Danke. Und … Ich hab das wirklich nicht so gemeint, ehrlich, wirklich, kein bisschen.“
„Ich weiß.“
„Danke. Vielen Dank. Danke“.
Weiter vor sich hin murmelnd öffnete die Kriegerin schon beim zweiten Versuch erfolgreich die Tür und fand dann hoffentlich ihre eigene.

****************************

„Ich habe so einen Verdacht, dass Yanis‘ Orden die Verfolgung trotz deines grandiosen Täuschungsmanövers noch nicht ganz aufgegeben hat.“
„Tatsächlich? Woher rührt er?“
„In einer Schänke namens Zum Brückenstein hat eine Person unbekannten Namens, die sich aber durch lange blonde Haare und sehr athletischen Körperbau ausgezeichnet haben soll, alleine mit bloßen Händen fünf bewaffnete Abenteurer*innen verprügelt, weil sie sie schief angeschaut haben, und die Wache … hat wohl angenommen, dass das schon irgendwie in Ordnung sein wird. Klingt nach Orden, oder?“
„Einerseits. Aber andererseits auch nicht? Wirkte diese Shiu’Hzim-Waffenmeisterin, die mich befragt hat, auf dich wie die Art Kriegerin, die sich abends im Gasthaus mit Mietlingen prügelt?“
Laia dachte kurz nach.
„Erstens warum nicht? Und zweitens muss es ja nicht genau die gewesen sein. Ich bin sicher, die haben mehr als nur eine Kriegerin übrig, auch nachdem Yanis abgehauen ist.“
Aki verdrehte die Augen.
„Und du meinst, die suchen jetzt alle gleichzeitig nach einer einzigen Flüchtigen?“
„Naja, natürlich nicht alle, aber ein paar schon, und warum sollte da nicht eine*r dabei sein, di*er sich abends im Gasthaus mit … ‚Mietlingen‘ prügelt, ernsthaft, Aki, manchmal klingst du wie dein Vater.“
„Welcher?“
„Suchs dir aus! Aber was denkst du denn jedenfalls, wie das sonst zu erklären sein könnte?“
Aki schaute mit zur Seite verzogenem Mund zu Boden.
„Es kann auch Zufall sein.“
„Klar kann das Zufall sein, und bestimmt ist es auch kein Problem, dass die flüchtige kriminelle Kriegerin, die von einem ganzen Trupp Shiu’Hzim gesucht wird, an der dein ganzer raffinierter und völlig sicherer und bestimmt extrem risikoarmer Plan hängt, anscheinend regelmäßig irgendein Rauschgift nimmt, ist sicher auch überhaupt kein Problem – oder hab ich das mit dem kein Problem am Anfang schon gesagt? Mist, ich weiß nicht mehr, wie der Satz ging! Aber jedenfalls: Ich kann mir absolut gar nicht vorstellen, wie das ihre Leistung bei dem Turnier beeinflussen könnte, oder ihre Verschwiegenheit, auf die wir angewiesen sind, oder ihre generelle Zuverlässigkeit, oder wie es sonst noch deinen Plan und uns irgendwie in Gefahr bringen könnte, deshalb mache ich mir auch kein bisschen Sorgen und bin ganz sicher nicht mal ein kleines Stück der Meinung, dass dein Plan, der von Anfang an nicht so besonders solide war, jetzt wirklich überarbeitet gehört!“
Aki schaute sie an.
„Welche Teile davon genau waren jetzt wie sarkastisch?“
„ORRRRFSSCHTXXXX!“
„Schon gut! Hast du denn eine bessere Idee?“
„Dass wir alle wieder nach Hause gehen und uns damit abfinden, dass eure Geisel nun mal gestorben ist, wäre eine bessere Idee! Wir machen hier alles nur noch schlimmer.“
„Das wäre eine furchtbare Idee! Die Gräfin würde Narubolan hinrichten, ganz sicher. Und dann müssten meine Väter wieder …“
„Ich weiß! Du hast mir das alles schon erklärt, ich habs nicht vergessen! Aber wir machen es doch nicht besser, indem wir jetzt unser Leben riskieren, und das von dieser … besorgniserregend instabilen Ordenskriegerin, und das von vielen anderen Leuten wahrscheinlich auch!“
„Hast du denn eine bessere Idee?“
„Aki!“
„Ja was?“
„Ich könnte da zum Beispiel einsteigen und Narubolan suchen“, hörte Laia sich sagen. Moment. Aber es war zu spät. „Vielleicht geht es ja ganz einfach. Und zumindest wissen wir dann mehr über ihn und seine Situation.“
Aki nickte nachdenklich.
„Und das klingt nicht riskant für dich?“, fragte sier.
„Doch, natürlich! Aber ich kann das Risiko einschätzen und entscheide mich selbst dafür! Yanis versteht nicht mal richtig, was du mit ihr vorhast, und … Du weißt genau, was ich meine, du bist doch schließlich dier von uns mit der Akademieausbildung und dem tiefen Verständnis von allem!“
Aki schmunzelte.
„Wenn du es wirklich machen willst, klar. Schadet nicht. Aber sei bloß vorsichtig!“
Trotzdem wünschte sie sich, sie könnte Yanis mitnehmen, einfach sicherheitshalber. Es gab da diese Gerüchte über Dämonen im Schloss. Aber das war angesichts des Zustands der Kriegerin … wohl eher keine gute Idee.
„Ja. Natürlich. Bin ich immer. Ich hab mein ganzes Leben lang nichts anderes gelernt.“

Lesegruppenfragen

  1. Ich bin ja gar nicht so sicher, wie ich zu Chekhov’s Gun stehe. Was meint ihr? Sollte sich so eine Begegnung wie mit dem unfreundlichen Junker später irgendwie auszahlen, oder fändet ihr es völlig okay, wenn die als Ereignis einfach so stehen bleibt?
  2. Wie kommen Yanis‘ Probleme mit der Schmiede und der Esse bei euch so an? Überzeugend? Was hättet ihr an ihrer Stelle gemacht?
  3. Wie ist es mit dem Gespräch zwischen Laia und Aki zum Schluss? Findet ihr es halbwegs schlüssig, wie das läuft?
  4. Wie ist das eigentlich? Erwartet ihr, dass am Ende tatsächlich ein Turnier in der Geschichte vorkommt?

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